Wie vertragen sich Krieg und Segen?
"Die Kirche muss aufpassen, dass sie sich nicht instrumentalisieren lässt für Kriegspropaganda", kommentierte im April 2010 ein anonymer User auf evangelisch.de. Damals hatte evangelisch.de von der Trauerfeier für drei in Afghanistan getötete Soldaten in der Lambertikirche im niedersächsischen Selsingen berichtet. Auf dieser kirchlichen Trauerfeier sprach der damalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg unter anderem die Segensformel "Ruhet in Frieden, Soldaten" nachdem er die Toten zu Helden erklärt hatte. Ein Politiker, der nach der Predigt "Helden" segnet – lässt sich das mit der Botschaft Jesu in Einklang bringen?
"Die Trauernden zu trösten, um Gottes Beistand für die Hinterbliebenen zu bitten, den Gefallenen eine pietätvolle Beisetzung zu gestalten – das ist ihr Amt", schrieb damals der anonyme Kommentator auf zivil.de über evangelische Prediger: "Diesen Bundeswehreinsatz zu rechtfertigen oder gar zu verklären – das ist nicht ihr Amt. Aber die Politiker werden, da längst ein besonders blutiger Sommer vorausgesagt ist, jetzt nichts unversucht lassen, ihr Legitimationsdefizit mit Gottesdienstauftritten aufzubessern – das hat alles Vorgeschichte! Da fragt es sich dann, was die Kirche, wo sie Hausherrin ist, zulässt und was nicht."
Segen vor einem Bild mit Bundeswehr-Flugzeugen?
Was darf dürfen Pfarrer und Kirchengemeinden in ihren Räumen zulassen, was nicht? Nicht erst seit dieser für Deutschland ungewöhnlichen Trauerfeier im April 2010 sind öffentliche Inszenierungen der Bundeswehr in Kirchen und Gottesdiensten ins Gerede gekommen – so jüngst auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Villigst vorige Woche in den Räumen der Akademie des Bistums Mainz.
Die Fragen, denen man sich stellte: Welche Vorkehrungen müssen Kirchengemeinden treffen, damit ein Verteidigungsminister nicht in ihren Gottesdiensträumen Helden segnet? Wie kann der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland schon im Vorfeld verhindern, dass er während eines Fernsehgottesdienstes im Flugzeughangar von Köln-Wahn seine Hände zum Segen ausbreitet, während hinter ihm ein Transall-Transportflugzeug der Bundeswehr im Bild zu sehen ist? Und wo liegt die Grenze zwischen dem, was noch tolerabel ist, und dem was nicht mehr geht – sollen Protestanten etwa Kirchenkonzerte mit uniformierten Soldaten der Bundeswehr zulassen?
Zumindest bei Trauerfeiern, so ergab die Tagung, können Geistliche wenigstens auf eines achten: Kirchliche und staatliche Feier gehören zeitlich und räumlich getrennt. In der Kirche werden die Toten ausgesegnet und die Angehörigen und Bekannten getröstet. Die Feierlichkeiten der Bundeswehr gehören vor oder hinter die kirchliche Trauerfeier und sollten außerhalb der kirchlichen Räume stattfinden.
Kritik an sakralen Selbstinszenierungen der Bundeswehr
Wer genauer hinsieht, entdeckt inzwischen erstaunlich viele Grenzüberschreitungen, die weder zum Selbstverständnis der evangelischen Kirche im Nachkriegsdeutschland passen. Noch passen sie zum Konzept der Inneren Führung, wie es etwa General Wolf von Baudissin in den 50er Jahren für die Bundeswehr entwickelte.
Darauf machte bei der Tagung in Mainz Prof. Dr. Angelika Dörfler-Dierken aufmerksam, wissenschaftliche Direktorin am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in Strausberg. Der Krieg ordne die Affekte, sagte sie. Bei öffentlichen Trauerfeiern stünden die deutschen Soldaten im Blickpunkt des Empfindens, die gegnerische Gruppe sei von der Trauer ausgeschlossen. Von einer "hinterhältigen Bande" habe im April 2010 zu Guttenberg in der Lambertikirche zu Selsingen gesprochen und den militärischen Gegner verbal aus dem Menschengeschlecht ausgeschlossen.
Auch Albert Fuchs, ein friedensbewegter emeritierter Professor für Kognitions- und Sozialpsychologie, der sich bei Pax-Christi engagiert, kritisierte sakrale Selbstinszenierungen der Bundeswehr. Das Ehrenmal für die Gefallenen der Bundeswehr auf dem Gelände des Bendlerblocks, Berlin, spiele mit religiösen Assoziationen (wie einer hervorstehenden Bodenplatte, die an einen Altar erinnere) sowie mit religiösen Überhöhungen. Ein goldenes Spruchband mit den Worten "Frieden, Recht und Freiheit" unter einem Oberlicht stelle eine Art Transzendenzbezug her.
Gerade Soldaten reagieren sensibel
Zu der Veranstaltung in den Räumen der Mainzer Akademie kamen viele Militärpfarrer, aber nur ein Soldat: Matthias Rogg, Direktor des Militärischen Museums in Dresden. Dabei reagieren gerade Soldaten besonders sensibel, wenn die religiöse Überhöhung militärischer Feiern kritisiert wird. Schon der Kommentar auf evangelisch.de hatte damals für heftigen Widerspruch gesorgt.
So fragte ein anderer User gereizt, möglicherweise selbst ein Soldat: "Was wollen Sie denn? Eine Kirche, die es zulässt, dass Terroristen und gemeine Mörder an ihrem Grabe verständnisvoll gewürdigt werden (...), sich aber gleichzeitig weigert, bei gefallenen Soldaten deren Leben, die für die Gemeinschaft geleisteten Dienste und deren gewaltsamen Tod würdigend und positiv zur Sprache zu bringen, und dieses gar noch als Kriegspropaganda, RechtfertigungDie Lehre von der Rechtfertigung ist die zentrale theologische Lehre der evangelisch-lutherischen Kirche. Sie wurde schon in der Generation Martin Luthers als die Lehre bezeichnet, mit der die Kirche „steht und fällt“. Im Kern besagt die Rechtfertigungslehre, dass sich jeder Mensch die Gnade Gottes nicht verdienen und erkaufen kann, sondern sie geschenkt bekommt. Die Rechtfertigungslehre war den Reformatoren so wichtig, da sie die damalige katholische Ablasslehre ablehnten, derzufolge sich Menschen durch soziale Taten, fromme Übungen oder geistige Anstrengungen den Weg zu Gott bahnen können. Dagegen betont die Rechtfertigungslehre, dass Gott sich nur freiwillig oder gar nicht zeigt, in jedem Fall aber unabhängig vom Zutun des Menschen. In der Neuzeit ist immer wieder versucht worden, die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders mit sozialwissenschaftlichen Begriffen zu umschreiben. So spricht man heute eher von der Angst und der Einsamkeit des Menschen als von seiner Sündhaftigkeit oder Gottverlassenheit. Der theologische Fachbegriff „Rechtfertigung aus Gnade“ beschreibt die Grundauffassung, dass jedes Leben einen Sinn und eine Würde aus sich selbst hat. Die Rechtfertigungslehre enthält somit eine realistische, zutiefst humane Sicht des Menschen, die viele psychologische Modelle unserer Zeit übertrifft. oder Verklärung bezeichnet?" Und weiter: "Als Soldat würde ich es rechtzeitig zu verhindern wissen, dass ein Geistlicher, der so denkt, an meinem Grabe stünde."

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