Gottesdienstkritik: St. Bartholomäus, Halle

Weg durchs Labyrinth
Zentralbau aus dem 18. Jahrhundert, St. Bartholomäus, Halle Giebichenstein

Milenavaleska/Wikipedia

Kein Läuten, obwohl es schon kurz vor zehn ist? Hier hat man es nicht eilig. Wie eine kleine Trutzburg steht die Kirche aus Bruchsteinmauerwerk auf dem Bartholomäushügel oberhalb der Saale. Alle drei Eingänge des Zentralbaus sind geöffnet. Kühle und frische Morgenluft zieht herein, während sich Streicher auf der Empore einstimmen. Die Besucher strömen, es wird voll.

Heute will Pfarrer Ralf Döbbeling mit seiner Gemeinde Tauferinnerung feiern. Vermutlich sind deshalb so viele Kinder da. Das erste Gemeindelied wird nur von den Streichern begleitet. Und nach der Lesung geht es auch schon los. Plastiktüten rascheln und die alten Taufkerzen werden ausgepackt. Segnung für Nichtgetaufte rechts, Tauferinnerung für alle anderen links. Denn links vorm Altar warten Pfarrer Döbbeling und ein Gemeindehelfer. Döbbeling legt die Hand auf die Schulter, spricht einen Segen, taucht seine Fingerspitzen in eine Wasserschale, die der Gemeindehelfer ihm hinhält, und zeichnet mit dem feuchten Zeigefinger ein Kreuz auf die Stirn. Auf einmal tönt ganz vorne in der Schlange Geschrei. Warum darf der Bruder zuerst? Ein Mädchen weint empört und wartet dann doch mit Geduld. Für das zwanzigminütige Ritual braucht es einen langen Atem. Die neu angezündeten Taufkerzen werden behutsam zum Platz zurückgetragen. Wenn man schon so lange auf die Tauferinnerung wartet, soll die Taufkerze nicht gleich wieder ausgehen.

Der Segen auf der anderen Seite sieht vergleichsweise unspektakulär aus. Aber immerhin, auch den Nichtgetauften wird hier was geboten. Es sind vier Säuglinge und ein paar Erwachsene, nicht viele. Wer sich schon wieder auf seinen Stuhl gesetzt hat, kann bei der poppigen Keyboardmusik mitsingen. Die Texte werden auf großen Bildschirmen angezeigt. Das folgende Gemeindelied begleiten nur die Streicher. Zart und erfrischend klingt das.

In seiner Predigt erinnert Pfarrer Döbbeling an den gerade abgeschlossenen Glaubenskurs in der Gemeinde, wo man die Glaubensuche mit der Suche nach dem Weg durch ein ein Labyrinth verglichen habe. Apostelgeschichte 8,25-40, der Predigttext, erzähle von einem äthiopischen Eunuchen, der keine Familie gründen kann und deswegen einsam sei. Er ist unterwegs - "auf der Suche", sagt Döbbeling, und liest beim Propheten Jesaja von einem "Schaf, das zur Schlachtung geführt wird." Genau da trifft er den Apostel Philippus, der per Anhalter in seinem Wagen mitfährt. Philippus erklärt die Schriftstelle (sie verweise auf Christus, den Gekreuzigten) und führe den Äthiopier in seiner Glaubenssuche so ans Ziel. Durch seine Gesellschaft hebe er auch die Einsamkeit des Eunuchen auf. Nun kommt Döbbeling noch mal auf das Labyrinth zurück. Anders als bei einem Irrgarten führten im Labyrinth nicht viele Wege in Sackgassen. Sondern beim Labyrinth führe ein Weg ins Zentrum. Zum Glauben gehöre beides: die Beziehung zu einem Menschen und die Bestärkung, einen bestimmten Weg zu gehen. Döbbeling predigt sehr gedankenvoll. Er spitzt nicht künstlich zu. Die Gemeinde hört aufmerksam zu. Nicken, schließlich Amen.

Gebet, Stille, ein Schlusslied mit Streichern und professioneller Sängerin, dann ist der Gottesdienst schon vorbei. Applaus, der Gemeinde hat's gefallen. Vor dem Kirchencafé sei im Turm Raum für Gebet und persönliche Fürbitte, kündigt Döbbeling an. Einige zieht es dorthin, aber die meisten zum Kaffee ins Gemeindehaus. Neben den Kaffeetassen stehen dort noch viele brennenden Taufkerzen.

Neue Lesermeinung schreiben