Gottesdienstkritik: Auenkirche Berlin-Wilmersdorf

Viel Stoff, sehr deprimierend
Auenkirche Berlin-Wilmersdorf

Auenkirche Berlin-Wilmersdorf

Die Auenkirche in Berlin-Wilmersdorf

Florian Oellers

Filmgottesdienste sind ein schwieriges Genre. Man versucht, als Gemeinde zusammenzu­finden. Dann geht das Licht aus, und alle tauchen in ihre eigene Welt ab. Die Auenkirche liegt im Grünen. Ein großzügiger wilhelminischer Backsteinbau. Nach hinten ein großer Pfarr­garten. Und ein modernes Gemeindehaus mit rotem Linoleumboden und Hightech-Beleuchtungsanlage.

„Viacrucis Migrante“ heißt der ökumenische Filmgottesdienst, zu dem der Evangelische Kirchentag in dieses Gemeindehaus lädt. Filmemacher Hauke Lorenz zeigt seine Dokumentation über illegale Migranten an der Südgrenze Mexikos. Maras (mafiöse Gruppen) missbrauchen sie, die Grenzpolizei sperrt sie ein und schiebt sie ab. Franziskanerpater begleiten sie und tragen dabei ein schweres Kreuz. Manchmal hält das die Grenzpolizei zurück. Der Pfarrer Stephan Philipp, Pädagoge und Coach, und Franziskaner­pater Maximilian Wag­ner sprechen liturgische Texte.

Leider ist die Gemeinde kaltem Neonlicht ausgesetzt. Besser wäre warmes Licht von der opulenten Lichtanlage, und Licht für die Bühne! Dort steht ein mexikanisches Musikerpaar – im Dunkeln. Der junge Mann zupft so schön seine Gitarre, seine Frau singt so leicht und klagend, man hätte gerne in ihre Gesichter gesehen.

Von den Fürbitten kommt wenig an

Auch die Pfarrer und der Filme­macher stellen sich ins Dunkel, lesen ihre Eröffnungsliturgie vor, sprechen Psalm 123 im Wechsel mit der Gemeinde: „Zu dir habe ich meine Augen erhoben, die du in den Himmeln wohnst.“ Lieblos. „A ti levanto mis ojos“, singt das reizende Paar auf Spanisch. Schön!

„Ich sag mal was zum Film“, sagt Hauke Lorenz. Er erzählt von Studium und Freiwilligendienst in Mexiko, wie er von den Migranten hörte und wie er sich zum Dokumentarfilm entschloss. Der Raum wird verdunkelt, der Bea­mer wirft das Bewegtbild auf die Leinwand, eine Stunde lang. Man sieht viele junge Männer, eine Herberge für Migranten, einen Mann mit seiner transsexuellen Schwes­ter, wie Leute losziehen, um auf einen Zug aufzu­springen, Franziskaner, die ihr Kreuz tragen. Viel, viel Stoff, sehr deprimierend. Dann geht das Licht wieder an.

Der Kirchgänger ist müde, von den Fürbitten kommt wenig an – außer die ärgerliche Botschaft: Macht die Grenzen auf, dann wird alles gut. Verdient der Rechtsstaat keinen Schutz, etwa vor mafiösen Banden? Ein Gottesdienst zu diesem Thema hätte mehr Vorbereitung verdient.

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