Leben im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

"Ich will nicht wie ein Parasit leben"
Über 6000 Menschen sitzen im Flüchtlingslager auf Lesbos fest. Safa aus Afghanistan erzählt, wie er das aushält

Michael Güthlein

Safa Nabizada steht am Ufer der Stadt Mytilini auf Lesbos. Vor zwei Jahren ist er aus Afghanistan geflohen

Über 6000 Menschen sitzen im Flüchtlingslager auf Lesbos fest. Safa aus Afghanistan erzählt, wie er das aushält

Safa ist aus Afghanistan geflohen, weil er dort um sein Leben fürchtet und weil er etwas aus sich machen will. Jetzt sitzt er in einem Flüchtlingslager auf Lesbos fest und ist zur Untätigkeit verdammt

Immer wenn es Safa zu viel wird, geht er in seinen Container, setzt die Kopfhörer auf und macht die Musik an. Dann hört er "My heart will go on" von Celine Dion und dieses gute Gefühl kommt wieder. "Ich kann noch etwas erreichen in meinem Leben", sagt er entschlossen in einem kleinen Café in Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos. "Das ist eine wichtige Botschaft für mich." Safa Nabizada ist 23 Jahre alt, schmal gebaut und erzählt mit seiner sanften Stimme von brutalen Erfahrungen.

Seit einigen Monaten lebt Safa im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos. Nachts verlässt er den Wohncontainer nicht, aus Furcht vor Diebstahl und Überfällen. Wenn eine Schlägerei droht, läuft er zur Campaufsicht und bittet die ständig vor dem Lager stationierten Polizisten, einzugreifen. "Ungefähr zwei Mal in der Woche ist es nachts wie Krieg im Camp", sagt er. Dann fallen Syrer über Afghanen her und zünden ihre Zelte an. Oder Afghanen verprügeln Kurden mit Eisenstangen. Oder Iraker legen sich mit Westafrikanern an. "Ich ertrage die Gewalt nicht", flüstert Safa und sieht zu Boden. "Überall kämpfen die Menschen, in Afghanistan und hier auch."

Taliban ermordeten seinen Vater

Am 20. September 2016 hat Safa sein Heimatland verlassen. Er gehört zur schiitischen Minderheit der Hazara, die vor allem in Zentralafghanistan leben und von den Taliban und anderen Islamisten verfolgt werden. Als er 18 Jahre alt war, töteten die Taliban seinen Vater – vor seinen Augen, erzählt er. Safas Vater hatte mit privatem Geld eine Schule wieder aufgebaut, die im Krieg zerstört worden war. Als die Taliban seine Schüler für den bewaffneten Kampf rekrutieren wollten, stellte er sich ihnen in den Weg und bezahlte dafür mit dem Leben. Seine Familie floh daraufhin nach Bamiyan, eine Stadt, die weltberühmt war für ihre über 1500 Jahre alten, in den Fels gehauenen Buddha-Statuen – die größten der Welt. 2001 sprengten die Taliban das Weltkulturerbe. In den Augen der radikalen Islamisten war für derartige Götzenbilder kein Platz in Afghanistan. Und alles, was nicht in ihr Weltbild passte, musste vernichtet werden. So wie die Hazara. Safa, der selbst in Baglan geblieben war, um zu studieren, konnte seine Familie fast nie besuchen. Er traute sich nicht zu ihnen zu fahren, aus Angst, dass Extremisten den Bus im Niemandsland anhalten und alle Hazara erschießen würden, wie es im Oktober 2011 in Pakistan geschehen ist.

Sein Vater war Safa ein Vorbild. Ein Mann, der sich für Schwächere einsetzt, der nicht wegsieht, wenn es zu Konflikten kommt. Ein Mann, der zu einer intakten, friedlichen Gesellschaft beitragen will. Das ist auch Safas größter Wunsch – und der Grund, warum er geflohen ist. Dass es eine intakte und friedliche Gesellschaft in Afghanistan je geben könnte, daran hatte Safa den Glauben irgendwann verloren. Er ging nach Kabul und fand monatelang keine Arbeit. Also machte er sich auf den Weg dorthin, wo Friede herrscht, wo es Arbeit gibt, wo man sich weiterbilden kann, wo alles funktioniert: nach Europa.

Über den Iran ging Safa in die Türkei. Mehrere hundert US-Dollar musste er bis dahin an Schlepper zahlen – ein Vermögen in Afghanistan. In der Türkei lebte er mehrere Monate mit fünf Cousins in Kırşehir und schuftete für eine Baufirma. Von dort aus ging er nach Izmir an der türkischen Küste. Mit 60 anderen Menschen setzte Safa in einem Boot nach Lesbos über. Ein Patrouillenboot sammelte sie auf. Am 27. Oktober 2017 kam er nach Moria.

Mit 40 Menschen teilt er sich eine Dusche und eine Toilette

Was er sich von Europa erhofft hatte? Frieden, Freiheit und eine sinnvolle Beschäftigung. Vorgefunden hat er stattdessen Kinder, die im Müll wühlen, um sich daraus Spielsachen zu bauen. Junge Mütter, deren keuchendes Husten in der kalten Jahreszeit aus den einfachen Zelten dringt. Braunes Wasser, das in Rinnsalen die Wege entlangsickert und bei Regen in die Zelte läuft. Toiletten, die keine Spülung haben. Jugendliche, die sich selbst oder andere verletzen, um Frust abzulassen. "Ich sehe, dass andere Hilfe brauchen und kann nichts tun", erklärt Safa.

Das ist ihm schon einmal passiert. Als er in einem Schlauchboot saß, um über die Ägäis zu kommen. "Wir hatten keine Rettungswesten, aber einige von uns bekamen Autoreifen, an denen wir uns festhalten konnten", erzählt er. Irgendwann fingen die Kinder an zu weinen. Immer mehr, immer lauter schrien sie. Und Safa konnte nichts dagegen tun. Auf dem Meer war er ausgeliefert. Diese Hilflosigkeit frustriert ihn zunehmend.

In Moria lebt er in einem Container mit 26 anderen jungen Männern. "Ich will mich nicht beschweren", sagt Safa und sieht wieder zu Boden. Zu einigen habe er ein normales Verhältnis, andere wiederum könnten schnell aggressiv werden. Mit über 40 Menschen teilen sie sich eine Dusche und eine Toilette. Zwei Mal am Tag gibt es Wasser: vormittags ein bis zwei Stunden und abends eine Stunde. Die medizinische Versorgung ist schlecht. "Das einzige, was man bekommt, sind Schmerzmittel." Essen ist genügend da, aber schwierig zu bekommen. "Man muss sehr lange anstehen, auch bei Regen", erzählt Safa. Er lässt sich sein Essen von Freunden mitbringen, denn in der Warteschlange kommt es häufig zu Rangeleien. "Ich mag Menschenmengen nicht so gern", sagt er.

Viele Flüchtlinge fangen in Moria an Drogen zu nehmen

Immer häufiger zweifelt er daran, ob er in Europa überhaupt eine Zukunft hat. "Manchmal kann ich es mir einfach nicht vorstellen, wie es weitergehen soll." Safa hat viel darin investiert, ein, wie er sagt, "nützlicher Mensch zu sein". Jahrelang hat er Mathematik auf Lehramt studiert. Er spricht sechs Sprachen: Paschtu, Farsi, Englisch, Türkisch und ein wenig Kurdisch sowie Urdu. Viele davon hat er sich selbst beigebracht. Im Lager Moria übersetzt er ehrenamtlich für einige Hilfsorganisationen. So kann er wenigsten ein bisschen helfen. Er bewundert die NGO-Mitarbeiter. "Menschen, die aus weit entfernten Ländern hierherkommen, nur um zu helfen", schwärmt er. "Sowas will ich auch machen."

Viele Flüchtlinge fangen in Moria an zu trinken und zu rauchen oder nehmen Drogen. "Sie tun das, um die Vergangenheit zu vergessen", erklärt Safa. Das kostet sie Geld, was sie wiederum von anderen im Camp zu stehlen versuchen. "Diese Menschen sind schädlich: für sich und für die Gesellschaft", sagt Safa. "Ich möchte nicht wie ein Parasit leben, ich möchte lernen, ich möchte wichtig sein, ich möchte anderen helfen." Das quält ihn an seiner Situation am meisten: die Untätigkeit und die Abhängigkeit, zu der er gezwungen ist. "Das einzige, was ich hier tun kann, ist essen, trinken und schlafen", erzählt er. Ohne Asylbescheid darf er die Insel nicht verlassen oder Arbeit suchen. Am 16. Januar hatte er eine Anhörung. Es ist weiter unklar, ob er Asyl erhält. "Aber irgendwie muss ich ja weitermachen", sagt er. So wie es ihm Celine Dion immer wieder vorsingt.

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