Ursula Ott erledigt "loslassen"

Bitte nicht alle
 gleichzeitig loslassen!
Warum nur behaupten gerade alle Zeitschriften gleichzeitig, wir sollen mal loslassen?

 Katrin Binner

Boing, krach, bumm. So stelle ich mir den Bahnhofskiosk vor, wenn alle Kundinnen gleichzeitig den Ausrufe­zeichen der Frauenmagazine ge­horchen. „Lass los!“, titelt die „Emotion“. Liegt ­neben der „Donna“ mit „Loslassen – wie frei sich das anfühlt“. Liegt neben der „Neon“: „Sag alles ab!“ Echt jetzt? Koffer, Stress, Termine, Ehrgeiz, Ehemann, Liebeskummer? ­Alles loslassen? Das gäbe dann wohl so ’ne Art Flashmob am Hauptbahnhof. Macht ja eh niemand.

Los­lassen. Steht da nur alle Jahre wieder zum Jahres­beginn auf den Lifestylemagazinen und ist doch so verlogen. Denn dieselben Magazine tackern einen fest mit anstrengenden Rezepten fürs perfekte Leben. Ich soll zwar mein „Stresslevel senken“ und laut Seite 73 „das Auto mal schief einparken“. Lerne aber auf Seite 102, dass im Kühlschrank immer diese „Burrata aus einer kleinen Luxemburger Manufaktur“ stehen sollte, und auf Seite 83, dass man Kindern eine Nachtcreme für 360 Euro schenken kann. Mich stresst schon der Gedanke an eine Nachtcreme für 360 Euro, vermutlich würde ich sie mit der Burrata im Kühlschrank verwechseln und dann das Auto schief einparken.

Reden wir lieber übers Festhalten

Einfach loslassen, das ist ein saublöder Tipp. Drum steht im Dossier „Loslassen“ auf Brigitte.de zwar, man solle den Kinderwunsch loslassen und seinen Frieden wiederfinden. Daneben gibt’s aber die Anzeige einer Fruchtbarkeitsklinik. Sicher ist sicher.

Reden wir lieber übers Festhalten. Das alte gotische Wort dafür heißt „fasten“. Die Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ hat 2018 das Motto „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“. Wir besuchten für diese chrismon-Ausgabe Menschen, die bleiben, auch wenn es eklig wird und stinkt – wie den Armenarzt Dr. Trabert. Flogen mit der Crew der „Moonbird“, die nicht kneift bei der Bergung von Flüchtlingen, ja, auch bei der von toten nicht. Und befragten den mutigen Menschenrechtler Peter Steudtner. Es tut gut, Menschen zu treffen, die nicht kneifen. Und es tut gut, es wenigstens sieben Wochen lang selber zu ­probieren.

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