Ursula Ott erledigt das "Ich" in der Werbung

Sich jeden Tag neu ­erfinden. Anstrengend!
Schuhe, Kaffee und sonstiger Quatsch des Tages

 Katrin Binner

Noch liegen die 365 Tage des Jahres 2018 gemütlich vor uns, aber wo kämen wir hin, wenn es einfach 365 Tage wären. Wie gut, dass es ein Rezept des Tages gibt, eine Vokabel des Tages, einen Link des Tages, ja sogar ein Playmate und einen Witz des Tages. So flach wie der Witz von gestern und der von übermorgen – aber „des Tages“. Doll.

Besonders seltsame Drogen müssen die Werbetexter genommen haben, als sie sich die Kampagne #meoftheday für den Schuhladen Görtz ausgedacht haben. Die Plakate hängen an Gleis 18, wo morgens mein ICE ankommt und viele „Me“ ausspuckt. Der eine, altersmäßig ein meofyesterday, rammt mir die Laptop-Tasche ins Kreuz, der Nächste brüllt börsenrelevante Anweisungen ins Handy, es ist viel „Ich“ unterwegs um 9.10 Uhr. Ich lasse sie rennen und versuche derweil, die Werbung zu verstehen. „Was haben Charakter und Schuhschrank gemeinsam? Sie verkörpern jeden Tag aufs Neue das heutige Ich.“ Hä? Mein Schuhschrank verkörpert den Schneeregen von heute und den Matsch von morgen. Und, Hilfe, was ist ein „Charakter des Tages“? Heute der einfühlsame Kollege, morgen der Drecksack?

Der Kaffeeröster schwätzt genauso dummes Zeug

Ist der Charakter des Tages so was wie der Caramel Frappuccino des Tages? Steht da auch mein Vorname drauf? Kann ich ihn recyceln? Ach so, nee, das ist ja beim Kaffee­röster ­nebenan, der schwätzt genauso dummes Zeug. „Kaffee macht mich zu dem, was ich bin.“ Dabei macht Kaffee mich eher zu dem, was ich gerne wäre. Allzeit wach und fit.

Dass im globalisierten Narzissmus der Werbung viel „Ich“ und „Me“ unterwegs ist, logisch. Aber dass man nicht nur seine Kochrezepte, Bibelsprüche und Kaffeesorten jeden Tag neu erfinden soll, sondern gleich sich selber, klingt so anstrengend, dass man am besten schnell noch mal die Decke über den Kopf zieht, bevor 2018 kommt. Feiertage. Schlafen. chrismon lesen. Zum Beispiel die Geschichte über Leon Weintraub auf Seite 34. Der ist schon 92, hat Auschwitz überlebt, ist Frauenarzt geworden, geht in Schulen. Und hat seinen Charakter nicht jeden Tag neu erfunden. Warum auch? Ein gutes Jahr wünscht Ihnen die chrismon-Redaktion.

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