Annette Kurschus: Das Reformationsjubiläum kann nur international gefeiert werden

Ein bunter, vielsprachiger Reformationssommer
Reformation geht nur global. Ihre Botschaft gehört niemandem allein: keinem Land, keiner Konfession, keiner Glaubenstradition

 Martina Chardin
Ob sich das „Mönchlein“ Martin Luther in der Abgeschiedenheit seiner Klosterzelle je hätte träumen lassen, welche buchstäblich weltumspannenden Folgen seine Entdeckung haben würde? Ob er ahnte, wie das, was ihm im Studium der Bibel, im Lesen und Denken und Ringen „durch Gottes Gnade“ aufgegangen war und was er als die „offenen Pforten des Paradieses“ erfuhr, die ganze Welt verändern sollte? ­Vermutlich nicht.

Es war tatsächlich kaum vorauszusehen, welche be­freiende Kraft darin steckt, dass Gott uns Menschen zu­allererst aufrichtet und gerecht macht, bevor er Gerechtigkeit bei uns sucht. Und dass die bahnbrechende Dynamik dieser befreienden Kraft ausgerechnet in Wittenberg ­ihren Anfang nahm, machte die Sache nicht gerade wahrscheinlicher. Heute ist Wittenberg nur einen mittleren Katzensprung von Berlin und Leipzig entfernt, und in ­diesem Sommer soll das Städtchen für zahlreiche Gäste aus aller Herren und Damen Länder so etwas wie die ­Megacity des Protestantismus werden.

Evangelischer Glaube ist keine Einbahnstraße von oben nach unten

Zu Luthers Zeiten dagegen lag Wittenberg – wie der Reformator selber einmal formulierte – „am Rande der Zivilisation“. Allerdings strömten wegen der neuen ­Lehre schon bald Studenten aus ganz Europa in das offenbar ganz und gar nicht gottverlassene Nest. Als evangelische Prediger kehrten sie von dort zurück in ihre Heimatländer. Beinahe von Anfang an war die Reformation eine euro­päische, eine internationale und dann sehr bald auch eine weltweite Bewegung.

Dabei ist der Begriff „Bewegung“ durchaus wörtlich zu nehmen: Der neue Glaube kam unter die Leute und auf den Weg. Durch Lieder, Bilder und Texte – und in all dem durch Menschen. Gelehrte, Handwerker und Händler ­zogen mit ihren Glaubensgedanken und Glaubens­fragen begeistert los. Wenige Jahrzehnte später bewegten sich erst kleine, dann größere und schließlich große Mengen von Glaubensflüchtlingen und evangelischen Migrantinnen durch Europa; rund hundert Jahre danach verließen erste fromme Siedler und Auswanderer den Kontinent, schließlich auch evangelische Missionare und Missionarinnen.

Lange hat man sich eingeredet und gern hat man bei Jubiläen in der Vergangenheit gefeiert, die Reformation sei eine primär trutzig-statische und darin besonders „deutsche“ Angelegenheit gewesen. Doch nichts wäre falscher, als wollte man die Botschaft der Reformation – oder noch gar die Gnade Gottes in Jesus Christus – als Eigentum eines Landes, einer Glaubenstradition oder einer einzelnen Konfession verstehen. Wem „das Paradies offen“ ist, der und die sieht auch die Welt mit anderen Augen, sieht sie als Gottes Gabe und Aufgabe, als Raum der Freiheit und der Begegnung.

Darum ist es den Kirchen der Reformation schon lange bewusst, dass evangelischer Glaube keine Einbahnstraße ist von oben nach unten, von der Kirche zur Welt, von Nord nach Süd, von Reich zu Arm. Er zeigt sich als gemeinsame und globale Lerngeschichte, als bewegtes und bewegendes Hin und Her zwischen Menschen, die in der einen Welt Gottes durch Christus miteinander verbunden sind. Dieser weite Horizont wird sich auch in den Festen des Jubiläumsjahres zeigen.

Er wird bunt werden, vielsprachig und vielfältig, der Reformationssommer in Deutschland 2017. Zu erleben etwa auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag im Mai, bei der Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen in Leipzig im Juni und Juli sowie bei der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg.

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