Mama und Papa arbeiten: Das sagen die Kinder berufstätiger Eltern

Jetzt reden die Kids!
Julian Krogmann, Antonia Mathée und Christina Jung

Paula Winkler

Erst haben wir die Mütter interviewt, dann die Väter. Jetzt sind die Kinder dran: Die Eltern von Julian Krogmann, Antonia Mathée und Christina Jung arbeiten viel. Das war nicht immer schlecht! Ein Gespräch über Job, Familie und Freiheiten

Könnt ihr euch an eine Situation erinnern, wo es richtig blöd war, dass Mama oder Papa arbeiten mussten?

Christina Jung: Mir wurde erzählt, dass ich das ganz schrecklich fand, wenn meine Eltern zu spät kamen, um mich vom Kindergarten abzuholen – und ich dann häufiger auch mal die Letzte war, die dann noch dasaß.

Antonia Mathée: Meine Mutter war früher sehr viel unterwegs, und mein Vater war ein oder zwei Jahre lang unter der Woche komplett weg. Ich kann mich noch genau an meinen siebten ­Geburtstag erinnern, an dem Mama morgens abgereist ist. Wir haben so eine Geburtstagstradition mit gemeinsamem Frühstück, Geschenken, Kerzenauspusten. Wenn Schule war, war das ohnehin kurz, aber meine Mutter musste dann tatsächlich noch fünf Minuten vor mir los. Und da habe ich schwer durchgeatmet und bei mir gedacht, dass man so eine Dienstreise doch bestimmt auch verschieben kann.

Julian Krogmann: Als meine Mutter anfing, wirklich viel zu arbeiten, da war ich schon in der neunten oder zehnten Klasse, da war das für mich vollkommen okay. Für mich war es immer ein super Ausgleich, dass ich wenigstens meinen Bruder hatte. Ich kann mir das schwer vorstellen, wenn man ganz alleine zu Hause ist.

Christina: Als ich älter war, fand ich das praktisch, wenn die ­Eltern weg waren, vor allem über Nacht, dann habe ich Freunde zu mir eingeladen.

Julian: Yo, prima Alternative. Dann kann man auch Sachen ­machen, die man nicht unbedingt machen würde, wenn die ­Eltern da sind...

Wann habt ihr die Eltern besonders vermisst – wenn ihr krank wart?

Das Mütter-Interview

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Julian: Ja, es gab durch Mamas Job Arzttermine, bei denen sie nicht dabei sein konnte. Das hätte ich mir aber gewünscht. ­Außerdem hätte ich oft gerne auch mal tagsüber mit ihr irgend­etwas besprochen. Abends, wenn sie dann zu Hause war und reden wollte, hatte ich dann oft auch anderes zu tun.

Antonia: Ich muss sagen, was Krankheiten betrifft: Da war Mama immer da! Wie auch immer sie das möglich gemacht hat. Aber ich habe mir als kleines Kind sehr gewünscht, dass meine ­Eltern mich zum Sport bringen und dann noch kurz dableiben. Oder mich abholen. Wir hatten oft Tagesbetreuerinnen, die das gemacht haben, oder sind mit den Eltern von anderen Kindern mitgefahren. Aber mir hat einfach gefehlt, dass meine Mutter zum Beispiel mal mit dem Trainer ein Problem geregelt hat, das es gab. Bei anderen Kindern war das so.

Julian: Dasselbe hatte ich auch beim Tennis...!

Christina: Meine Eltern haben das ganz tricky gemacht: Sie haben mich immer in ihre Hobbys oder ihren Beruf integriert. Mein Vater war ja Pfarrer – und so habe ich eben im Kirchenchor ge­sungen. Wer weiß, ob er sonst da gewesen wäre bei der ­Aufführung – aber so hat er sich da geschickt rausgemogelt. Und meine Mutter hat sogar mit mir zusammen Sport gemacht, Kampfsport.

"Sie könnte ruhig mal um sieben nach Hause gehen, wenn sie Feierabend hat!"

Sind eure Eltern oft gestresst?

Antonia: Ja, klar. Wenn meine Mutter ein stressiges Telefonat kriegt, sonntagabends um 20.45 Uhr, wenn wir gerade „Tatort“ schauen – da ist die Stimmung dann schon gereizt. Mein Vater ist tendenziell eher ein entspannter Mensch, bei dem merkt man das dann aber gesundheitlich. Der ist dann ganz bleich. Bei ­meiner Mutter merkt man immer diese Zerrissenheit, definitiv! Die kämpft sehr darum, allem auch gerecht zu werden.

Julian: Das kenne ich auch, dass meine Mutter extrem schlapp ist, wenn sie abends nach Hause kommt. Ich schaue sie dann an und denke: Du solltest dich besser mal entspannen. Ich habe dann schon Mitleid mit ihr. Aber manchmal denke ich auch, sie könnte ruhig mal um sieben nach Hause gehen, wenn sie da doch eigentlich Feierabend hat.

Christina: Haben sich eure Eltern dann auch mal bei euch über ihre Arbeit beschwert?

Julian: Ja, öfter.

Christina: Ich habe manchmal das Gefühl, mein Vater arbeitet 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Der träumt wahrscheinlich sogar davon, was er am nächsten Tag irgendwo sagen muss. Aber ich hab’ nie das Gefühl, dass er total fertig ist. Zumindest körperlich. Ich weiß, dass ihn seine Arbeit durchaus mitnimmt, aber mir hat er immer das Gefühl gegeben: Er will arbeiten, er hat da Lust drauf. Deswegen fand ich das auch vollkommen okay, wenn er um 22 Uhr an einer Predigt gesessen hat, statt mit uns fernzusehen. Schön war allerdings, dass mein Papa immer zu Hause gearbeitet hat. Da hätte ich immer hingehen können, und er hätte mich mal in den Arm genommen.

Antonia: Fandest du das immer schön, dass dein Vater zu Hause gearbeitet hat? Meine Mutter hat teilweise auch von zu Hause aus gearbeitet, und für uns drei Mädels war das manchmal eher blöd. Wenn wir von der Schule nach Hause kamen und waren gut gelaunt und haben laut gelacht, dann kam manchmal meine Mutter raus und hat gesagt: „Freunde, ich telefoniere – Ruhe bitte!“

Christina: Der Arbeitsbereich von meinem Papa ist durch eine doppelte Tür vom Rest des Hauses abgetrennt. Und wenn er da drin ist, dann wird gearbeitet – und wenn er im Wohnzimmer ist, dann ist er ansprechbar.

Antonia: Ja, da hat bei uns einfach die zweite Tür gefehlt!

Antonia, du warst eine Zeit lang im Internat...

Antonia: Ja, meine Oberstufenzeit habe ich in einem Internat im Rheingau verbracht...

Julian: Das fänd’ ich ja nicht so schön, von meinen Eltern getrennt zu werden und von zu Hause wegzumüssen...

Christina: ...und von den Freunden! Das wäre für mich nie infrage gekommen.

Antonia: Also, ich muss sagen, es war fantastisch im Internat. Aber im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich meine kleine Schwester nicht alleingelassen habe. Meine ältere ­Schwes­ter ist zu der Zeit ja nach Hamburg gezogen, und meine kleine ­Schwester ist zu Hause übrig geblieben. Und die Dynamik in der Beziehung zu den Eltern ändert sich dann ja sehr.

"Mit 13 habe ich mir die Haare neongrün gefärbt"

Julian, du wohnst mit deinem jüngeren Bruder bei deiner ­Mutter. Macht ihr beide dann die Jungssachen im Haushalt?

Julian: Ja, das ist tatsächlich so. WLAN einrichten, Auto ­waschen – dafür sind wir Jungs zuständig. Mit Mama machen wir keine „Männerdinge“ wie Fußball und so. Wir gehen stattdessen oft essen und reden. Aber das ist trotzdem immer schön. Wir haben halt einfach andere Sachen gemacht. Außerdem konnte ich ja mit meinem Bruder über „unsere“ Themen sprechen.

Und wenn deine Mutter mal für länger weg muss, ein paar Tage ­– seid ihr dann ganz alleine?

Julian: Ja, und das finde ich sehr positiv! Ich kann mir dann schon auch mal was kochen. Natürlich sah das zwischenzeitlich auch mal schlimm aus zu Hause. Aber als meine Mutter nach Hause kam, war alles wieder in Ordnung, tipptopp.

Antonia: Die Eltern dürfen dann nur nicht früher als angekündigt zurückkommen. Das ist mir mal so ergangen...

Christina, als Pfarrerstochter auf dem Dorf – steht man da ­immer unter Beobachtung?

Das Väter-Interview

Immerhin acht Kinder haben Horst Niens, Hauke Huckstädt und Robert Habeck. In chrismon 02/16 sprachen der Polizist, der Literaturhauschef und der Minister über Staubsauger, dreckige Wäsche und Jungskram.

Christina: Ja, aber das war mir egal. Ich habe mir mit 13 meine Haare neongrün gefärbt. Viel schlimmer war, dass man mit Papa überhaupt nicht spazieren gehen konnte, ohne dass er von zwanzig Menschen angequatscht wurde. Das waren tatsächlich so Momente, in denen wir alle in der Familie an unsere Grenzen gekommen sind: Wenn man eigentlich nur mal kurz um die Ecke zum Einkaufen gehen wollte, das mit Papa aber immer dreimal so lange gedauert hat.

Wurdest du auch vorgezeigt, als Tochter des Pfarrers?

Christina: Das war erst so beim letzten Schritt, als mein Papa dann zum Kirchenpräsidenten gewählt wurde. Da war ein Fernsehteam da und hat uns beim Essen gefilmt. Das war uns allen ein bisschen suspekt. Aber ich habe von meinen Eltern nie so etwas gehört wie: „Wir gehen jetzt da und da hin, zieh dich mal schick an!“

Antonia: Unsere Eltern haben sich schon gewünscht, dass wir ein bisschen „repräsentieren“. Da hatte aber eher meine ältere Schwes­ter ein Problem, mit ihren damals teilweise wilden Klamotten und Frisuren. Ich habe mich da halt zusammengerissen. Natürlich sagen meine Eltern auch mal, wenn wir essen gehen: „Eine Bluse wäre doch auch ganz schön.“ Aber wenn ich was anderes anhabe, lassen sie mich deswegen nicht zu Hause stehen.

Christina, hast du dich gefreut, als dein Vater zum Kirchen­präsidenten gewählt wurde?

Christina: Oh, das ist eine schwierige Geschichte. Mein Vater hat mich vorher gefragt. Da lag dieser Brief in der Küche, und mein Vater hat gesagt: „Hier, ich wurde vorgeschlagen, was haltet ihr denn davon?“ Ich war fünfzehn, die Wahl bedeutete einen Umzug, Schulwechsel, alles das. Ich habe aber gesagt: „Mach das auf jeden Fall, wenn du das möchtest!“ Aber als er dann tatsächlich gewählt wurde, da ist so eine kleine Welt für mich zusammengebrochen. Da wurde mir schlagartig klar, was das bedeutet: vor allem dass ich von meinen ganzen Freunden wegmusste... Aber ich wusste auch: Ich habe da vorher zugestimmt und ihn unterstützt – und das würde ich auch wieder machen. Ich und meine Mutter und meine Schwester haben es aber, wie eigentlich immer, bei der Amtseinführung vermieden, in der ersten Reihe zu sitzen.

"Also, mir macht es Spaß, wenn ich viel arbeite. Das hab ich von Papa."

Bist du stolz auf deinen Vater?

Christina: Ja, klar, auf jeden Fall! Gerade weil ich das Gefühl habe, dass er etwas macht, was er liebt – und dass er da auch gut drin ist. Da ist es auch egal, ob das für einige „uncool“ ist, dass er ausgerechnet in einer Institution wie der Kirche arbeitet. Meine Eltern haben mir, glaube ich, genau dieses Bild von Arbeit vermittelt, das ich jetzt auch mit mir rumtrage. Ich habe immer gerne gejobbt, und mir macht das Spaß, wenn ich viel arbeite.

Julian: Also, ich möchte niemals so viel arbeiten. Das ist mir sehr klargeworden während des letzten großen Projekts, das meine Mutter hatte. Da habe ich mir gedacht: So gestresst möchte ich nicht nach Hause kommen. Da möchte ich es lieber halten wie mein Vater: Der hat eine eigene Haustechnikfirma. Und der kommt früher nach Hause und kann sich das auch ein bisschen einteilen. Das kann ich mir für mich auch vorstellen.

Antonia Mathée

 Antonia Mathée, Jahrgang 1996, ist gerade nach Köln gezogen, um dort BWL zu studieren. Vorher hat die mittlere von drei Schwestern ein halbes Jahr in einer Hotel-Patisserie in Wien gearbeitet. Ihre Mutter leitet ein eigenes Kommunikationsberatungsunternehmen, ihr Vater ist Direktor im Investmentbereich einer großen Bank.
Was wäre dir bei deinem Beruf besonders wichtig?

Julian: Auf jeden Fall, dass ich Spaß habe. Wenn ich keinen Spaß hätte, würde mir das Geld auch nicht helfen.

Christina: Ich kann mir jetzt auch nicht vorstellen, ständig zu arbeiten. Ich möchte aber etwas machen, worin ich aufgehe.

Antonia: Ich kann mir schon vorstellen, so viel zu arbeiten wie meine Eltern. Weil ich immer gerne gebacken habe, habe ich eine Ausbildung zur Konditorin in Wien angefangen. Das war aber leider mehr Logistik als Patisserie, so dass ich das verkürzt habe und jetzt Betriebswirtschaftslehre in Köln studiere. Das führt ja in die Richtung der Berufe meiner Eltern. Daher kann ich mir dieses Leben, wie meine Eltern es führen, auch ganz gut vorstellen. Allerdings würde ich mich, wenn man mich jetzt fragen würde, gegen Kinder entscheiden!

Antonia war mit ihrem Vater paddeln, als sie Schwimmen gelernt hatte

Und ihr zwei – was muss stimmen, damit ihr mal Kinder kriegt?

Julian: Wäre schon gut, wenn es eine finanzielle Grundlage gäbe. Außerdem möchte ich dann schon viel von der Welt gesehen und bestimmte Ziele erreicht haben.

Christina: Ja, ich hab’ da auch meine innere Liste, was ich noch erleben will – ich will meinen Kindern dann ja auch was bieten an „Input“.

Was ist euch denn das Wichtigste bei der Wahl eures Jobs? ­Sicherheit?

Antonia: Ja, definitiv.

Christina: Mein Traum wäre Sängerin gewesen. Aber das war mir tatsächlich zu unsicher, alles mit Künsten. Also dachte ich: Psychologie – das ist solide.

Julian: Willst du dann in die Wirtschaft?

Christina: Angefangen habe ich mit der Idee, nach dem Studium in die Wirtschaft zu gehen. Aber inzwischen interessiere ich mich mehr für klinische Psychologie.

"Meine Mutter hätte echt auch mal das Handy klingeln lassen können!"

Stellt euch vor, ihr dürftet mit einer der anderen Personen hier mal vier Wochen die Familien tauschen – mit wem am liebsten?

Christina: Mit Julian. Da würde mich die Geschwisterdynamik mit dem Bruder interessieren.

Julian Krogmann

 Julian Krogmann, 1997 geboren, war auf der Gemeinschaftsschule und geht seit kurzem auf ein technisches Gymnasium. Seine Eltern leben getrennt, Julian wohnt mit seinem jüngeren Bruder bei der Mutter in Hamburg. Seine Mutter arbeitet in Vollzeit als Journalistin in ­leitender Position.
Julian: Ich würde wohl mit dir tauschen, Antonia. Mir kommt es so vor, als ob meine Mutter schon viel arbeitet, aber offenbar gibt es auch noch „richtig viel“! Das würde ich gerne mal mitkriegen.

Antonia: Mit Christina! Du bist Pfarrerstochter und Rebellin, aber alle mochten dich. Unser Familienmodell ist im Dorf eher skeptisch betrachtet worden. Und wir sind zwar mit christlichen Werten erzogen worden, von meiner Gemeinde habe ich jedoch keinen Zugang zur Kirche bekommen. Aber ich stelle mir die ­Frage: Bin ich gläubig?, und da fände ich den Beruf des evangelischen Pfarrers einfach interessant.

Christina: Habt ihr eigentlich auch so Familienrituale? Also, bei uns war das der Skiurlaub, obwohl der auch mit Arbeit zu tun hatte, weil mein Vater das über die Kirche als Freizeit organisiert hat. Und es gab zwei Wochen Sommerurlaub, wo nicht gear­beitet wurde. Und wir haben immer zusammen zu Mittag gegessen ­unter der Woche. Und ihr?

Antonia: Bei uns wird auf das gemeinsame Abendessen großen Wert gelegt, aber wenn dann das Handy klingelt, dann muss da auch jemand rangehen. Also, das Handy könnte meine Mutter echt mal klingeln lassen! Wir haben auch Famlienurlaube gemacht, immer am selben Ort, aber leider gab es nicht die Regel, dass man nicht arbeitet. Die Bank meines Vaters wurde in den letzten Jahren drei Mal übernommen. Es gibt Fotos, wo wir alle am Strand in Portugal sind, nur mein Vater sitzt mit runterge­lassenen Rollläden drinnen, bleich, nur am Arbeiten.

Julian: Wir fahren immer zusammen in Urlaub: Mama, mein Bruder und ich, oft mit befreundeten Familien zusammen. Gemeinsames Abendessen haben wir nicht, weil meine Mutter spät kommt. Wichtig ist bei uns das Sonntagsfrühstück! Obwohl ich jetzt oft länger schlafe...

Für Julian war ein Urlaub in Djerba gleichzeitig super und doch nicht

Antonia: Das ist mein Einsatz! Sonntagsfrühstück!! Meine Mutter versucht, eine halbe Stunde länger zu schlafen, und ich quäl’ mich um zehn aus dem Bett, selbst wenn ich um sechs erst nach Hause gekommen bin. Ich liebe dieses Frühstück. Danach leg’ ich mich wieder ins Bett. Aber unser Hauptritual ist bei uns Heiligabend.

Christina: Da ist bei uns Arbeit!

Antonia: Mein Vater kocht eine Gans, während wir mit meiner Mutter in die Nachmittagsmesse gehen. Es gibt immer dieselben drei Gänge: Krabbencocktail, Gans mit Rotkohl und Knödeln und Eis, wenn es jemanden gibt, der dann noch kann. Das mussten wir zum ersten Mal ändern, weil ich jetzt in Wien war. Ist zwar gut gelaufen, alle kamen nach Wien, aber – ein Ritual ändern: gaaanz schlimm!

Julian: Durch die Trennung meiner Eltern haben wir Heiligabend im Wechsel gefeiert. Bei Papa war es eher im kleinen Kreis mit seiner neuen Familie, bei Mama haben wir jedes zweite Jahr mit der ganzen Familie gefeiert.

Christina: Wir hatten immer viel Stress an Heiligabend, ich habe als Chorkind ja mehrmals gesungen, manchmal auch um 23 Uhr. Meine Mutter war auch im Chor, und mein Vater hat immer ­Gottesdienst gehalten. Manchmal war ich dann zwei- oder dreimal an Heiligabend in der Kirche. Zwischendurch gab’s dann die Weinbratwurst mit Kartoffelsalat, unser Weihnachtsessen. Meine Schwester und ich sind allerdings Vegetarier...

Antonia: Echt? Ihr seid Vegetarier?

Christina: Ja, und das, obwohl mein Opa Metzger war. Aber ich habe schon als Kind aus Protest Cornflakes-Packungen als Sichtschutz um meinen Teller aufgebaut, damit ich nicht sehen musste, wie mein Vater schon zum Frühstück Wurst vertilgt. Heute isst er zum Glück kaum noch Fleisch.

Christina Jung

 Christina Jung, 1993 geboren, ging nach dem Abitur nach Südamerika und studiert inzwischen Psychologie in Berlin. Dort jobbt sie auch in ­einer Bar. Ihre Mutter arbeitet in Teilzeit als Sachbearbeiterin bei einer Bank, ihr Vater ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Sie hat eine ältere Schwester.

"Ein Rat von meiner Mutter ist gar nicht mal unbedingt schlecht"

Hat euch jemand bei den Hausaufgaben geholfen?

Julian: Meine Mutter war immer für mich da, wenn ich Hilfe gebraucht habe. Besonders bei Projekten hat sie mich unterstützt.  Ein guter Freund meiner Mutter kam oft vorbei und hat mit uns gelernt. Er hat auch manchmal für uns gekocht und ist jetzt ­immer noch mein Mathe-Nachhilfelehrer.

Antonia: Bei uns hat das Kindermädchen geguckt, ob wir die Hausaufgaben gemacht haben. Aber meine Eltern waren immer der Auffassung: Das sind eure Hausaufgaben, macht mal. Und im Nachhinein muss ich sagen: Das hat mich selbstständig gemacht! Überhaupt habe ich mir nie gewünscht, dass meine Mutter Hausfrau gewesen wäre. Ich konnte so mehr meine eigenen Entscheidungen treffen!

Machen sich eure Eltern Sorgen um euch, merkt ihr das?

Christina: Ich glaube, nicht besonders. Die wissen, dass ich klarkomme.

Julian: Meine Mutter sagt immer: Du machst schon deinen Weg.

Christina: Genau! Wenn ich die brauche, sind sie für mich da.

Christina fand es klasse, dass sie einmal ihre beste Freundin mitnehmen durfte

Antonia: Hast du sie denn bei der Entscheidung gebraucht, was du im Studium machst? Bei mir war’s so, dass die sich echt nicht eingemischt haben, als ich ausgerechnet Konditorin werden wollte. Aber ich hab’ sie gefragt, weil ich mit 15 deprimiert feststellen musste, dass sie leider doch oft recht hatten. Harte Erkenntnis!

Christina: Ich weiß ja immer noch nicht genau, wo’s hingeht. Und manchmal hab’ ich Angst, dass ich mich zu sehr darauf verlasse, was meine Eltern sagen. Für mich sind sie zwar nicht die ersten Ansprechpartner, aber die letzte Instanz. Ich bin ja die Jüngste, und ich studiere dasselbe wie meine Schwester, damit hab’ ich lange gehadert. Ich hab’ manchmal Druck, dass ich jetzt mal was Eigenes machen müsste.

Antonia: Meine Eltern haben auch tierisch Angst, dass ich etwas nur wegen ihnen mache und danach unglücklich bin.

Julian: Ich wollte vor einem Jahr die Schule abbrechen, hatte echt null Motivation. Dann hab’ ich lange mit meiner Mutter gesprochen. Das Gespräch hat mir sehr geholfen – ich war nämlich schon fast auf dem Sekretariat, um mich abzumelden. Und dann hab’ ich doch weitergemacht. Also, so ein Rat von meiner Mutter ist gar nicht mal unbedingt schlecht.

Christina: Das hatte ich auch vor einem Jahr. Diesen Gedanken: Hey, Uni, das ist ganz schön gar nicht mein Ding. Ich hab’ von meinen Eltern vermittelt bekommen: „Okay, du kannst mit uns drüber reden, aber die Entscheidung musst du selbst treffen.“

Wie wollt ihr später selber leben?

Antonia: Wenn ich jetzt einen Plan für mein Leben aufstellen sollte, dann würde ich sagen: ohne Kind. Abhängigkeit finde ich scheiße, und Kinder machen einen total abhängig. Ich bin ja eine Frau. Also kann ich nicht mit 40 sagen, jetzt hätte ich gerne drei Kinder. Vielleicht will ich ja mal fünf Monate ins Ausland, und da will ich gar nicht erst in dieses moralische Dilemma kommen: Oh Gott, das kannst du deinen Kindern nicht antun... Ich liebe Kinder, ich arbeite seit Jahren mit behinderten Kindern, ich bin Babysitter – aber es ist auch ganz schön, wenn ich sie abends zurückbringen kann. Aber klar kann es sein, dass ich in ein paar Jahren anders denke.

Julian: Ich lass’ das auf mich zukommen. Ich will nach dem Abi jetzt erst mal ein ökologisches Jahr auf Amrum machen oder in Australien. Danach am liebsten Maschinenbau oder Luftfahrttechnik oder Schiffsbau studieren.

Christina: Ich mache mir da wenig Gedanken, ich bin im Hier und Jetzt. Wenn’s dann so ist, komm’ ich schon klar.

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Lesermeinungen

Fr. Hamann hat meine Meinung schon auf den Punkt gebracht. Man hat den Eindruck, die Redakteure kennen keine "normalen" Jugendlichen. Die meisten Eltern, die Arbeit haben, arbeiten viel, ohne jedoch, wie die Beispieleltern, ein super Einkommen zu haben, das für Tennis, Kindermädchen und Internat reicht. Wie wär's mit Krankenschwestern und sonstigen Schichtarbeitern, Gaststättenmitarbeitern, Hotelangestellten, selbstständigen kleinen Handwerkern usw.? Und es gibt Eltern, die arbeiten ganz normal, haben aber noch pflegebedürftige Eltern oder müssen weit zur Arbeit pendeln. Ihre Darstellung ist mir zu einseitig und nicht ansatzweise der Realität entsprechend, die 90% der Menschen in Deutschland leben.

Sehr geehrte Redaktion,

Ihr Artikel zum Thema liess meinen Kamm anschwellen.

3 Kinder aus wohlhabenden Familien mit reichem Papi und profilneurotischer Mami dürfen berichten, was sie neben Tennis, Skiurlaub, Internat, puscheligen Familienritualen, Kindermädchen und angepeiltem Studium für Defizite erlebt haben. Das sind Begriffe, die ich beim Querlesen aufgenommen habe. Nach der ersten Seite habe ich aufgehört.

Wo sind die Berichte von Kindern aus z.B. Kiel- Gaarden oder Kiel- Mettenhof, Berlin- Marzahn und ähnlichen gruseligen deutschen Stadtteilen, die geschiedene Eltern haben, die arbeiten müssen und die keine Yuppie- Hobbys haben, deren Eltern hoffentlich einen Job haben und bei denen die schulische Leistung glücklicherweise doch stimmt?

Wie diese Kinder mit der Abwesenheit von Mutter oder Vater umgehen interessiert mich eigentlich mehr und ich bin fast ein bisschen traurig, dass das Thema so angefasst wurde.

Der Leserbrief muss nicht unbedingt veröffentlicht werden (kann aber), er sollte eher als Kritik an der Auswahl der Themen dienen.

Ilka Hamann

Sehr geehrte Redaktion,

wie konnten Sie nur auf den blöden Titel kommen?

Ja! Eltern arbeiten, bei vier Kindern ist es übrigens "richtig viel". Das kann ich bestätigen..

Aber Sie meinen ja Erwerbsarbeit. Dann sagen Sie es bitte auch so!

Nicht jede Arbeit wird im klassischen Sinne bezahlt, Arbeit ist Familienarbeit dennoch. Vielfältig, anspruchsvoll, anstrengend.

Es gibt für Eltern unterschiedliche Modelle, Familien-und Erwerbsarbeit zu kombinieren-je nach Situation und Wunsch.

Aber Vater/Mutter in Familienarbeit arbeitet eben nicht nicht!

Mit freundlichem Gruß

Hiltrud Moers

Düsseldorf

Selten habe ich bisher derart erschütterndes, tieftrauriges gelesen:

Drei Jugendliche fortgeschritteneren Alters mit ihren materiell äußerst kommod abgesicherten Elternhäusern und ihrem kläglichen Dasein. Sollte chrismon einmal auf die Idee kommen, von der und über die entgegengesetze Basis berichten zu wollen, dann bieten sich u. a.

Familien an, deren Mutter gestorben ist und die mit ihrem nun massiv eingeschränkten Leben zurechtkommen müssen - u. a. nötigst zuberreitetes Frühstück, leeres Zuhause nach der Schule, Mittagessen - falls überhaupt

- aus der Dose, Schulaufgaben ohne Hilfe und Beistand, Wäsche waschen, Kindergeburtstage als Außenseiter. Nicht zu vergessen die verwitweten und überforderten erwerbstätigen Familienväter, die das Familienschiff auf Kurs halten müssen.

Albrecht Schreiber

Lübeck

Ich lese gerade das Buch "Vive la famille – was wir von Franzosen über Familienglück lernen können" von Annika Joeres (Herder Verlag) und finde, Ihr Interview ergänze wunderbar meine Lektüre. Betonen möchte ich unbedingt, dass die Autorin das französische Modell nicht verherrlicht. Sie hebt dessen Vorteile hervor, ohne die Kehrseite der Medaille zu vernachlässigen. Nicht selten vermerkt sie auch, dass eine Vereinigung der Stärken des deutschen bzw. französischen Modells zweifelsohne zur bestmöglichen Lösung für Eltern und Kinder führen würde. Dieser Meinung schliesse ich mich, als seit 27. Jahren in Deutschland lebende französische Mutter, uneingeschränkt an.
Hinzufügen möchte ich, dass ich als in einem von der christlichen Kultur geprägten Land geborene Atheistin das Christmon-Beilagenheft der SZ hervorragend finde und mit steigendem Interesse lese.
Weiter so!!!!