Der Krieg im Jemen fordert die EU heraus

Diesmal nicht untätig zusehen!
Die Blockade des Jemen bringt der Bevölkerung Krankheit und Tod. 
Die EU muss schnellstens politisch intervenieren

 Thomas Meyer/Ostkreuz
Die Menschen im Jemen hungern. Ihnen fehlt sauberes Trinkwasser. Die medi­zinische Versorgung ist miserabel, weil kaum mehr ­humanitäre Helfer und Medikamente ins Land kommen. 
­Eine von Saudi-Arabien geführte Koalition hat eine ­Blockade um den Jemen gelegt. So wollen sie die ­Rebellen schwächen und Waffenlieferungen an sie verhindern. Aber die Blockade trifft vor allem die Bevölkerung. ­Zehntausende Zivilisten sind vom Hungertod und von Krankheiten bedroht, fast eine Million Menschen ist mit der Cholera infiziert, ein Drittel davon Kinder.

Die Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens hat Anfang November alle Verbindungen in den Jemen über Land, Wasser und Luft geschlossen. Da der Jemen nach Angaben der Vereinten Nationen rund 90 Prozent seiner benötigten Grundnahrungsmittel und nahezu alle Medikamente und Brennstoffe importiert, sind die Folgen der Blockade für die Jemeniten lebensbedrohlich. Dass ­zwischenzeitlich die Blockade teilweise ausgesetzt wurde, reicht für die Bevölkerung nicht aus.

Vordergründig kämpfen im Jemen Huthi-Rebellen ­gegen Truppen des Präsidenten Hadi um die Macht. Doch Politik mischt sich hier mit Religion. Saudi-Arabien führt den sogenannten "Sturm der Entschlossenheit" sunnitischer Staaten wie Kuwait, Bahrain, Marokko, Sudan, Jordanien und Ägypten gegen die Rebellen an. USA, Großbritannien und Frankreich unterstützen diesen "Sturm".

Die Rolle des schiitischen Iran ist weniger sichtbar. Als sicher gilt, dass er an der Seite der Rebellen steht. Und so ist der Konflikt im Jemen auch ein Stellvertreterkrieg: Das sunnitische Königshaus von Saudi-Arabien ringt mit dem schiitischen Iran um die Vormacht im Nahen Osten. Die Kriegsparteien nehmen nicht nur den Tod vieler Menschen in Kauf, was schon zynisch genug ist. Sie provozieren ihn geradezu dadurch, dass sie humanitäre Hilfe blockieren.

Deutschland darf nicht schweigen - anders als bei den Völkermorden 1904 und 1915

Ich denke an den Völkermord zwischen 1904 und ­1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika an den Herero und Nama. Sie wurden von der deutschen ­Armee ­in die Wüste getrieben und starben – eine bis heute unge­sühn­te Schuld. Ich denke auch an den Völkermord an den Armeniern 1915/16. Sie wurden auf Todesmärsche geschickt – in der Verantwortung des Osmanischen ­Reiches, aber mit Wissen der deutschen Reichsregierung und ­deutscher Diplomaten vor Ort. Im Jemen darf Deutschland nicht wegsehen, nicht schweigen, nicht untätig bleiben.

Deutschland und die EU haben Kontakte zu beiden Seiten. Auch wenn man die Möglichkeiten einer Einflussnahme für begrenzt hält, schmälert das nicht die diplomatische und politische Verantwortung, die Menschen im Jemen vor Gewalt und Hunger zu schützen und ihre medizinische Versorgung zu garantieren. Konkret bedeutet das: Deutsche Diplomaten müssen alles dafür tun, dass die Koalition um Saudi-Arabien die Menschen im Jemen nicht weiter den Seuchen und dem Hunger ausliefert. Mitarbeiter von Hilfsorganisa­tionen müssen wieder im Jemen arbeiten können. Mit den ­Spenden, die zusammenkamen, können sie viel erreichen.

Der Krieg im Jemen wird auch mit deutschen Waffen geführt. Zwischen Januar 2014 und April 2017 hatten die Exporte nach Saudi-Arabien einen Umfang in Höhe von rund einer Milliarde Euro. So ist es im Rüstungsexportbericht 2017 der "Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung" zu lesen. Deutsche Firmen lieferten unter anderem Patrouillenboote und Komponenten für Tor­nado- und Eurofighter-Kampfflugzeuge. Das muss ein Ende haben, auch wenn ein Exportverzicht Arbeitsplätze bei deutschen Unternehmen gefährdet.

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Lesermeinungen

Frau Dr. Schwaetzers Auffassung kann ich absolut teilen. Die Rüstungsexporte deutscher Waffenhersteller in die Kriegsgebiete Syriens, Afghanistans, in den Jemen und und ... müssen ein Ende haben! Ja, es würde eventuell Arbeitslose geben, aber kann ein Mensch es mit seinem Gewissen vereinbaren, etwas, mit dem andere unschuldige Menschen getötet werden, herzustellen. Welch' Heuchelei! Wir beklagen die vielen Kriegsopfer, verdienen aber auf der anderen Seite an diesen Kriegen! Da wird auch seitens unserer Regierung und fast all unserer Politiker (außer der Linken) geschwiegen! Wer regiert denn bei uns, ist es nicht eher die Wirtschaft als die Politik!?

Die armen Menschen im Jemen verdienen in jedem Fall unser Mitgefühl, und man kann nur hoffen, dass dieser Krieg möglichst bald zu Ende geht. Wo ich mit Frau Schwaetzer allerdings überhaupt nicht übereinstimme, ist ihre Forderung, keine deutschen Waffen in dieses Krisengebiet zu liefern. Was würde ein solcher Lieferstopp bewirken? Auf keinen Fall etwas Positives, denn es fände sich schnell ein anderes Lieferland, das nur zu gerne Waffen dort hin verkauft. Man muss bestimmt nicht stolz auf deutsche Waffenexporte sein, aber Frau Schwaetzer müsste aus ihrer politischen Vergangenheit wissen, dass Deutschland im Falle eines Lieferstopps nur sich selbst d. h. den Unternehmen und Beschäftigten schaden würde, ohne irgendjemandem in der Welt zu helfen. Helfen können nur diplomatische Bemühungen, die sich - anders als Frau Schwaetzer es darstellt - allerdings nicht nur auf Saudi Arabien sondern im gleichen Maße auf den Iran konzentrieren müssen, der eigentümlicherweise in ihrem Beitrag nur am Rande erwähnt wird. Ohne dessen Unterstützung hätten die Huhti-Rebellen diesen Aufstand nie beginnen können.

Für den Artikel zur Situation im Jemen bin ich sehr dankbar. Im Nordjemen sterben täglich viele Menschen durch militärische Gewalt und eine noch viel größere Zahl, vor allem auch Kinder, durch Hunger und Krankheit. Krankenhäuser und Schulen wurden bombadiert, die Infrastruktur ist zertört, Hilfslieferungen werden be- und verhindert. Es droht der Tod von Millionen von Menschen. Deutsche Medien berichten sehr wenig über den Krieg im Jemen. Man muss suchen, um an Informationen zu gelangen. Die Bundesregierung reagiert nur halbherzig. Es handelt sich um einen verschwiegenen Krieg. Der Grund für diese Zurückhaltung dürfte sein, dass die Verantwortlichen für das Elend der Menschen befreundete arabische Staaten sind, die unterstützt werden durch Amerika, England, Frankreich und auch Deutschland. Um das Sterben zu beenden, muss die Dramatik der Situation öffentlich gemacht werden, und hier sind vor allem die Medien in der Pflicht. Wir dürfen nicht wegschauen.

Gerade habe ich Ihren Beitrag "Auf ein Wort"- Diesmal nicht untätig zusehen! gelesen - und ich war entsetzt.
Gibt es nicht Probleme vor unserer Haustür genug, die so einen Artikel und Raum in Ihrer Zeitschrift verdient haben und vor allen Dingen auf die wir alle Einfluß haben??
Jeder, Sie - die Redaktion, Frau Dr Schwaetzer sowie jeder Leser weiß doch beim Lesen - darauf haben wir alle keinen Einfluß und noch weitergehend, wer hat denn überhaupt Ahnung von den Verhältnissen dort oder auch in Syrien??? Und weiter??
jetzt können sich alle gemütlich zurücklehnen - selbstzufrieden, wir haben ja den Mund aufgetan, uns gegen Hunger und für Frieden eingesetzt - wahrhaft heroisch!!!!

Machen Sie doch mal die Augen auf und werden dort aktiv, wo Sie was bewirken können!

Herzlichen Dank für Ihren Artikel: "Diesmal nicht untätig zusehen!" im Chrismonheft 03.2018 ! Immer wieder und gegen alle einsehbaren und verpflichtenden humanen/christlichen Grundsätze wird der Erhalt der Arbeitsplätze bei politischen, wie gesellschaftlichen Argumentationen und Entscheidungen als Plazet herangezogen, - im Jemenkonflikt, aktuell im Krieg der Türkei gegen die Kurden, wenn es um Verschärfung der Waffengesetze geht ect, ect.
Die Menschen im Jemen scheinen von der Welt vergessen worden zu sein - es ist ein armes Land ohne interessanten Bodenschätze. Niemand wagt ernstlich in den so offensichtlichen Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten um Vormachtstellung und bezüglich der grundsätzlichen religiösen Auseinandersetzungen einzugreifen. Das ist besonders traurig, da so viele Kinder darunter leiden.
Meiner Meinung nach müsste unsere Kirche mit den Möglichkeiten ihrer Institutionen, wie der Synode, der EKG, aber auch durch Beiträge in Akademien, bei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen in den Medien, in Kirchen, Schulen.... ihre eindeutige Meinung laut kund tun, sich mit Konsequenzen einmischen und mit "dem Finger auf die Wunde zeigen", trotz Trennung von Staat und Kirche und dies am besten in ökumenischer Zusammenarbeit, als eine christliche Stimme.
Was hält uns denn davon ab? Unsere Kernaufgabe ist immer wieder und immerzu das, was Reich Gottes meint, hier und jetzt zu tun.

Dank und Anerkennung an Frau Dr. Schwaetzer für den Artikel und ihre persönliche Haltung zum Krieg im Jemen. Obwohl dort viel mehr Menschen als in Syrien - Ost-Ghouta - bedroht sind, schweigen unsere Regierung und die UNO zum drohenden Völkermord an den Jemeniten durch Saudi-Arabien. Und den Massenmedien ist das auch nur eine Randnotiz wert.
Es wäre für Deutschland eine dringende Pflicht, bei dem UNO-Sicherheitsrat zu intervenieren. Wir haben mit Waffenlieferungen an Saudi-Arabien einen bösen Anteil an der jetzigen Situation. In unseren Augen ist das skandalös und für ein Land, das Freiheit und Menschenrechte im Grundgesetz verankert hat, ein Zeichen von Heuchelei. Saudi-Arabien muß von der UNO gezwungen werden, seine Blockade der Grenzen aufzuheben und Hilfslieferungen in das Land zu lassen. Und unsere Kanzlerin sollte dazu eindeutig Stellung beziehen.

Doch!!!
Leider erleben wir zurzeit viele kriegerische Auseinandersetzungen vor allem in muslimischen Ländern wie Jemen, Syrien, Afghanistan oder in muslimischen Teilen anderer Staaten wie z.B. Philippinen und afrikanischen Staaten. Alle Er-fahrungen haben bisher gezeigt, dass es „uns“ in Europa nicht gelingt, erfolg-reich einzugreifen. Es muss geradezu eine Doktrin werden, dass nicht-muslimische Länder sich vollständig aus militärischen Interventionen in muslimi-schen Regionen heraushalten. Am Ende hassen die Bewohner die „westlichen Ret-ter“ mehr als ihre muslimischen Peiniger. Also auch im Jemen: bitte heraushal-ten, humanitäre Hilfe leisten und diplomatische Wege suchen – mehr nicht.
Auch ich bin für Zurückhaltung bei Waffenexporten, wehre mich aber gegen jeden Versuch, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil irgendwo mit einem deutsche Gewehr oder Panzer gekämpft wird – vielleicht ist es ein Panzer, den wir Saudi Arabien gegen Sadam Hussain oder den Kurden gegen den IS bereitge-stellt haben. Noch nie ist ein Krieg, ein Aufstand oder auch eine Freiheitsbewe-gung nicht begonnen worden, weil es an Waffen gefehlt hat, denn Waffen sind auf dem „Markt“ überreichlich zu haben.
Und noch etwas zu der Erwähnung des „ungesühnten“ Völkermords im ehem. Deutsch-Südwest, heute Namibia: ich (75) und meine Kinder und Enkel haben da keine Schuld, auch meine Eltern nicht. Ich möchte mir von niemandem eine Sip-penhaftung aufreden lassen. Wir haben auch von Schweden keine Sühne für die Verwüstungen im 17. Jahrhundert erhalten. Kolonialismus und koloniale Gewalt waren nicht mehr und nicht weniger Verbrechen als alle früheren Kriege, die um niedriger Gründe wegen von Herrschern geführt wurden.
Vielmehr sollten wir wohlhabenden Europäer allen Menschen, die im Elend le-ben, zu helfen versuchen – auch mit Geld. Wir sollten aber auch selbstbewusst wahrnehmen, dass alle Völker des Südens heute billige Autos, billige Telefone oder billige Photovoltaik nutzen können, deren Entwicklung und Markteinfüh-rungskosten (die „Lernkurve“) durch Konsumverzicht der Industriegesellschaf-ten bezahlt worden ist. Der Norden hat dadurch enorm dazu beigetragen, dass sich die Welt so positiv entwickelt hat – man lese bei Steven Pinker oder Joseph E. Stiglitz nach oder auf meiner Homepage www.politikessays.de/Politik.

Warum " diesmal"?
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Dr. Irmgard Schwaetzer,
Sie haben ausdrücklich um meine Meinung gefragt!
Natürlich erwarte ich keine Antwort , habe ich ja noch nie bekommen, nicht mal eine Eingangsbestätigung!
Sie schreiben: " Die Kriegsparteien nehmen nicht nur Den Tod........"
Richtig ,DIE, also Beide! Als Gen. Paulus entgegen dem Befehl kapitulierte und damit unzähligen Menschen das Weiterleben ermöglichte erhielt er auch Beifall! Hilft es wirklich, den " Rebellen" humanitäre Hilfe zukommen zu lassen? Verlängert dies nicht unter Umständen das Leiden, ich weiß es nicht. Ich weiß noch nicht einmal wofür
sie kämpfen.
Sie haben Recht, die EU sollte intervenieren, nicht nur die EU - die Weltgemeinschaft!
Den " Entwicklungsländern" sollte geholfen werden preiswerte Energie zu erhalten und zwar auf der Grundlage
der eigenen Rohstoffe, eben auch mit Kohle!!!
Übrigens, das freigesetzte CO2 käme der Nahrungsmittelproduktion als Dünger zu gute.
Ich spreche hier ausdrücklich nicht allein über den Jemen sondern im Großen Ganzen
Aber auch hier muss ich sagen, wie enttäuscht ich von "meiner" Kirche bin, die sich wieder einmal einem Zeitgeist anschließt. Aber darüber habe ich ja schon neulich geschrieben.

Als Schluss noch:" Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit". (Zit. Geschwister Scholl)

Mit freundlichen Grüßen,
Winfried Zeugner