AB:STIMMUNG

Sollte es eine gesetzliche Impfpflicht geben?

Gesetzliche Impfpflicht - ja oder nein?

Ab zum Impfen
Impfung

Impfung

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Nur wenn Kinder rechtzeitig immunisiert werden, sind auch alle geschützt.

Pro

Italien hat sie beschlossen, in Frankreich soll sie ab 2018 gelten: eine Impfpflicht für Kinder. Masern, Mumps, ­Röteln und anderes, insgesamt elf (Frankreich) oder zehn (Italien) Impfungen. Viele Franzosen und Italiener sind da­rüber erbittert. In Deutschland gibt es keine Impfpflicht, ich wünschte, es gäbe sie, wenigstens für ansteckende Krankheiten wie Diphtherie oder Masern. Letztere sind statistisch für einen von 1000 tödlich. Wenn 95 Prozent der Bevölkerung dagegen geimpft wären, wären auch die geschützt, die nicht geimpft werden können, weil sie zu klein oder zu krank sind. Und man könnte die Masern – so wie einst die Pocken – ausrotten. Das ist das Ziel der WHO für 2020, doch es ist un­erreichbar, auch weil hierzulande viele Eltern nicht impfen lassen, weil sie es nicht wollen oder weil sie es verschludern. Deren Argumente reichen von „Ist doch nur eine ­Kinderkrankheit“ über „Es ist besser, eine Krankheit zu durchleiden, als dagegen zu impfen“ zu „Impfungen lösen Autismus aus“. Das lässt sich nicht belegen. Und Impf­schäden sind äußerst selten. Für mich handeln diese Eltern verantwortungslos, denn sie missachten die Gesundheit der Gemeinschaft. Vor allem derer, die (noch) nicht geimpft werden können.

Mareike Fallet

Mareike Fallet, Jahrgang 1976, studierte Sozialwissenschaften in München und Göttingen. Redakteurs-Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Seit 2005 Redakteurin bei chrismon. Ihr Schwerpunkt sind gesellschaftspolitische Themen – etwa Reportagen über Geduldete in Deutschland, Menschen, die sich um gefallene Jugendliche kümmern, oder Sterbebegleitung –, aber sie schreibt auch Texte für „Portal“ und „Persönlich“, Kulturtipps sowie Kommentare in chrismon plus. Und sie ist zuständig für die Rubrik „Begegnungen“.
Lena Uphoff

Contra

Rein aus medizinischen Gründen und auch weil es die Rücksicht auf andere gebietet, sollte jeder sich und seine Kinder gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken impfen lassen. Das ist ein moralisches Gebot. Auch der Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Hepatitis B und Haemophilus influenzae Typ b bis zum 14. Lebensmonat ist aus ärztlicher Sicht ein Muss. Aber darf der Staat irgendetwas davon gesetzlich auch gegen den Willen Einzelner durchsetzen? Nein. Eine Impfpflicht verletzt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Niemand darf einen Menschen zum Piekser zwingen, niemand darf jemanden zwingen, Medikamente einzunehmen, wenn er oder sie es nicht will. Dieses Grundrecht aufzuheben sollte immer nur das letzte Mittel sein. Und das Mittel der Aufklärung ist noch lange nicht ausgeschöpft. Wer jetzt nach einer gesetzlichen Impfpflicht ruft, hat sich mit der jahrelang herrschenden neoliberalen Politik abgefunden. Unter dem Vorwand, jeder habe eigenverantwortlich für sein Leben zu sorgen, wurde der öffentliche Gesundheitsdienst in den Neunziger- und in den Nullerjahren kleingespart. Das Problem sind nicht die Impfverweigerer. Wenn sie es wären, gäbe es bei Schulanfängern keine Impfquote von fast 97 Prozent für die erste Masernimpfung. Viel schlimmer ist, dass Kinder zu spät geimpft werden und dass Aufklärungskampagnen bei manchen – ja, bei sehr wenigen und sehr unaufgeklärten – Leuten einfach nicht ankommen. Die Gesundheitsämter vor Ort müssen finanziell so ausgestattet sein, dass sie ein flächendeckendes Impfangebot bei Standarduntersuchungen im Blick behalten können. Bei jedem Arztkontakt muss es möglich sein, sich impfen zu lassen, auch kostenlos – ohne jede Abrechnung. Gerne auch die Eltern, wenn sie mit ihren Kindern gerade beim Kinderarzt sind. Aber dazu zwingen sollte einen niemand.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

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Lesermeinungen

Wenn ich denke, was die allgemeine Medizin mir schon im Laufe meines Lebens als erwiesen erzählt hat. Für mich am problematischten: Schone deine Gelenke wg der jugendlichen Arthrose. Das war in den 1970igern. Wieviel ich ab da nicht mehr konnte ... das war der Stand der Wissenschaft und mein Arzt ein anerkannter Orthopäde. Heute weiß man längst, dass das nur schlimme Folgen hat. Keiner schont mehr, jeder will Bewegung. Anderes Beispiel: Ich hatte früher immer einen recht niedrigen Blutdruck. Beim Blutspenden wurde ich immer sehr besorgt gefragt, ob es mir gut ginge. Meine Erfahrung war: Ging es mir gut, war mein Blutdruck niedrig, ging es mir schlechter hat mich niemand gefragt, weil alles im Normbereich war. Ich möchte, dass nicht andere entscheiden, was für mich das Beste ist, sondern ich die Verantwortung über meinen Körper zugeschrieben bekomme. Ich lasse mich gern informieren, aber entscheiden möchte ich selber. Das individuelle Befinden sollte die Grundlage sein, nicht Normwerte oder Volksgesundheit. Für die Aufklärung kann es gerne mehr Geld geben, wenn sie objektiv erfolgt, also nicht von der Pharmaindustrie gemacht wird (siehe die unglaublich irreführende "Werbung" für die Brustkrebsvorsorge, deren Wichtungen nicht mal Ärzte verstehen). Ich bin froh, dass ich nicht zu medizinischen Eingriffen gezwungen werden kann. Ein Hoch auf unser Grundgesetz!