Die Großeltern ziehen in die Stadt

Hallo, wir kommen zu euch!
Die Eltern ziehen nach Berlin, wo Kinder und Enkel wohnen. Das Haus in der Provinz haben sie verkauft. Werden die das schaffen?, hat sich unser Autor gefragt. Und: Wo gehöre ich jetzt hin?

Die Eltern fangen mit 70 neu an - in der Großstadt, bei den Kindern. Was wird aus dem alten Zuhause? - alle Fotos: Urban Zintel

Christoph Grabitz

Christoph Grabitz, geboren 1982 in Hamm. Hat an der Humboldt Universität zu Berlin Jura studiert und sich am King's College in London auf internationales Strafrecht und Kriminologie spezialisiert. Journalistische Ausbildung als Stipendiat am ifp in München. Ausbildungsstationen u.a. bei Associated Press, Kulturradio vom RBB, Financial Times Deutschland und Spiegel Gesellschaft. Derzeit Referendar am Kammergericht in Berlin mit dem Schwerpunkt Strafverteidigung. Daneben freier Autor im Bereich...

Das Haus steht in einer Welt aus Rechtecken. Flachdach, eingeschossig, Reihenhausbauweise, beplanter Innenbereich, 70er-Jahre-Style. Jedes hat eine eigene Garagenauffahrt, seitlich stehen die Mülltonnen. Zu der Zeit, als ich hier aufwuchs, schamponierten die Familienväter samstags ihre Audis, Volkswagen und Opels stolz noch von Hand. Wenn man von oben draufschaut, sieht „die Siedlung“ wie eine Tupperdose aus, die Giebelhäuser drumherum bilden den Rand, das Meer der Flachdächer dazwischen den Boden. Nur vergingen lange Jahre, bis ich das erste Mal von oben draufschaute.

Dass am Ende der Straße ein Friedhof liegt, ist mir erst bewusst geworden, als ich längst nach Berlin gezogen war, um zu studieren. Als meine Besuche zu Hause zu Ausschnitten auf einem Zeitraffer wurden, von denen ein jeder mir klarer machte, dass nicht nur ich selbst immer älter wurde, sondern auch meine Eltern. Der Friedhof war jetzt nicht mehr nur ein Hügel, der danach schrie, mit dem Rutschauto abgefahren zu werden ­– sondern Ort für die Toten. Vor ein paar Jahren war jemand auf die Idee gekommen, die 70er-Jahre-Aussegnungshalle mit Licht anzustrahlen. Die Umrisse ergaben jetzt ein windschiefes M. M wie Menetekel. M wie Maus.

Herbst 2012. Ich bin wieder zu Hause. Ich habe mit meinen Eltern Wein getrunken und vor dem Kamin gegessen. Wir haben geredet und dabei in die Flammen geschaut. Wie immer ist gleich nach der Ankunft eine Last von mir abgefallen, von der ich nicht genau weiß, worin sie besteht. Wie immer ist eine neue hinzugekommen, die mir ebenfalls Rätsel aufgibt. Wie immer bin ich genervt und beglückt zugleich, dass der Handyempfang in der Siedlung so schlecht ist. Und wie immer liege ich nun unter diesem Bettzeug und lausche auf das vertraute Knacken des Hauses, als ob das Aluminium der großen Fenster im Wohnzimmer nachts Knie­gelenke bekommt. Ich bin bald 30 und liege im Kinderzimmer. Nebenan schläft mein Kind.

Glücklich und dankbar, verwirrt und bewegt

Draußen ist es dunkel, wie es in Berlin niemals dunkel ist. Es schimmern die Umrisse des roten Ahorns, den ich kenne, seit er ein dürres Bäumchen war. Erinnerungen rasen durch mein Hirn, wie Collagen. Ich fühle mich glücklich und dankbar, vor allem aber verwirrt und bewegt. Die Entscheidung steht, das Haus ist verkauft. Es ist die letzte Nacht in meinem alten Zuhause.
Niemals zuvor waren Menschen über 65 so beweglich wie heute. Das geht aus einer Altersstudie des Instituts für Demoskopie Allensbach hervor, für die mehr als 4000 65- bis 85-Jährige ausführlich befragt worden sind, die Studie repräsentiert 15 Millionen Menschen. „Sehr eindrucksvoll ist das starke Unabhängigkeitsstreben dieser Generation“, sagt Renate Köcher, die Chefin des Instituts.

In Hamm hatten sie viele Freunde, man stellte sich frische Blumen vor die Reihenhaustür. Aber Hildegard und Michael Grabitz, 71 und 72, kommen heute im raunzigen Berlin gut zurecht

Ein Streben, das meine Eltern mit 70 dazu brachte, den efeuberankten Bungalow in Hamm in Westfalen, in dem meine Geschwister und ich laufen lernten, nach 40 Jahren zum Verkauf ins Internet zu stellen, um nach Berlin zu ziehen. Wahrscheinlich sind sie verrückt geworden. Das war mein erster Gedanke, als ich von dem Plan meiner Eltern erfuhr. Sie haben in Hamm viele Freunde, die meisten kennen sie seit Jahrzehnten. Sie feiern hier Partys, sie lieben die Spaziergänge durch die angrenzenden Felder, den Dauerlauf im Wald. Die Nachbarn stellen einander mit hübscher Regelmäßigkeit frische Blumen aus dem Garten oder selbst gemachte Marmelade vor die Tür. Wo in Berlin würden sie so etwas je wieder finden? Und was ist mit dem Sprichwort vom alten Baum, den man nicht ungestraft verpflanzt? Zunächst machte mich das Projekt meiner Eltern ratlos. Vielleicht so ratlos, wie sie es gewesen sein müssen, als ich gerade den Führerschein hatte und mir nichts Schöneres vorstellen konnte, als nachts mit ihrem Auto durchs Ruhrgebiet zu fahren.

Ich hoffte, ebenso inbrünstig wie machtlos, auf ein wenig Vernunft in ihrer großen Entscheidung. Dies auch deshalb, weil meine Eltern nicht etwa in die feudaleren Berliner Stadtteile wie Zehlendorf oder den Grunewald wollten, nein, sie hatten sich eine Wohnung in Berlin-Kreuzberg gekauft. Wo es heute zwar braver zugeht als zu Mauerzeiten, wo es aber mehr Clubs als Parkbänke gibt, mitunter Autos brennen und die Bevölkerung sich auf der Demo zum revolutionären Ersten Mai auch gern  mal mit Pflastersteinchen beschmeißt. Was wollt ihr hier?, fragte ich. „Nun, die Antwort ist zweigeteilt“, sagte mein zu dialektischen Antworten neigender Vater, der ewige Pädagoge, „zum einen wollen wir in eurer Nähe sein, zum anderen wollen wir jetzt mitten hinein ins Leben.“

Lesermeinungen

Lieber Herr Grabitz,
durch Zufall bin ich zu diesem Artikel gelangt. Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht aufhören, ihn bis zum Ende zu lesen. Vielleicht liegt es an den sehr anschaulichen Worten, die Sie gewählt haben, vielleicht aber auch daran, dass ich HAMM mehr liebe als ich zugeben mag! Ich bin viel gereist, kenne viele verschiedene Länder dieser Welt, aber genau diese Kindheitserinnerungen, die Gerüche, das "ländliche" ....all das ist meine Heimat. Auch wenn es manchmal "verstaubt" wirkt. Muffig. Langweilig. Aber ich LIEBE es !! Es gibt bestimmt Orte, die schöner sind, aber hier habe und finde ich ALLES, was ich benötige. Meine Familie, die Nachbarn, die mir selbstgemachte Marmelade vor die Tür stellen, meine Freunde, die mal eben auf ein Bier rüberkommen, meine kleine Tochter (mit der ich jetzt die Radtouren mache, die mein Opa immer mit mir zusammen unternommen hat)....all das ist meine kleine Welt. und ich bin dankbar, dass ich sie habe! Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie, Ihren Eltern und Geschwistern alles erdenklich Gute in Berlin - Respekt vor dem Mut, in diesem Alter noch einmal von "vorne" anzufangen - aber tauschen möchte ich für kein Geld der Welt.

Dienstag, endlich Zeit, zu lesen:
zuerst einen Artikel über eine Buchneuerscheinung "Die Narzissmusfalle",
dann in der Reform Rundschau den Artikel "das Geld und die Seele" und schließlich
im chrismon die Titelgeschichte.
Na, das passt ja:
soviel Selbstverliebtheit und Gutmenschgeplaenkel lässt mich nicht kalt.
ich werd so sauer beim lesen, dass ich einfach unbedingt auch einen Kommentar schreiben möchte, natürlich gern in der Hoffnung, dass er gedruckt wird oder lieber noch, dass ich auch mal einen Artikel über "Heimat" veröffentlichen darf im chrismon. Und natürlich in der Hoffnung, dass auch der Autor Zeit findet, meinen Kommentar zu lesen und zu sehen, dass es vielleicht auch andere Perspektiven gibt zu dem Zuzug der "bestager" nach Berlin.
Da ich eher Mittsechzigjaehrige kenne, die nur unter 1000€ monatlich zur Verfuegung haben, gehe ich davon aus, dass seine Eltern auch eher zu den Leuten gehören, die mehr als die von ihm recherchierten 2200 netto monatlich ausgeben können. Es fällt nicht leicht, nicht zynisch zu werden, wenn ich lese, dass seine Mutter ganz traurig wurde, als die neuen Hausbesitzer kamen.
Gerne würde ich recherchieren und einen Artikel für die chrismon schreiben über die Traurigkeit der Leute, die vor seinen Eltern in dem Haus wohnten. Was ist daran mutig, sich nach 40 Jahren bürgerlichen Lebens auf dem Land Eigentum im gemachten Nest Berlin-Kreuzberg zu erwerben?? Es wäre total interessant, das Leben der Familie Grabitz mit dem eines in den 1980` ern und 1990`ern lebenden Kreuzbergers zu vergleichen. Am besten eines Kreuzbergers aus Grabitz` Haus.
Wir haben neuerdings auch so Nachbarn wie die Grabitzs: dort, wo vorher eine Brache von den Kindern im Kiez genutzt wurde, steht nun die 20000€-Bulthauptkochinsel des Rentnerehepaars, die einer Baugemeinschaft angehören. Sie rekeln sich nun selbstgefällig in ihren neuen Möbeln und problematisieren ihre neue Welt, weil es ja (noch!) keinen Biosupermarkt in unmittelbarer Nähe gibt. Was vorher hier war, ist ihnen egal, dass ihre Möbel mehr Geld kosten, als der Kiez für die Jugendarbeit jährlich zur Verfügung hatte, sowieso. Sie interessiert hier jetzt nur IHRE Wohnung, ihre neue Heimat. Narzissmus und Seele des Geldes...
Warum findet die chrismonredaktion soviel Gefallen an solcher Problematik? Was ist mit der Problematik der der Grabitzeltern gleichaltrigen Migrantengeneration, die nun diesen weichen muss, nachdem sie an selber Stelle 40 Jahre lebte, während die in ihrem Hammer Eigenheim Autos shampoonierten, wie der Sohn so treffend schreibt. Was ist mit der gleichaltrigen Sohngeneration, die sich in Kreuzberg für den Erhalt der Vielfalt stark gemacht hat und nun Platz machen muss für die gutverdienenden Söhne aus gutem Hammer Elternhaus? Was geben die Grabitz? Ist der gesamte Artikel nicht einfach eine aufgeblasene Gutverdienergeschichte?
50% der Rentner in Deutschland haben weniger als 900€ im Monat, titelte gestern eine Tageszeitung. Wenn Grabitz recherchierte, dass der Durchschnittsbestager  2200€ zur Verfügung hat, hat die andere Hälfte der deutschen Rentner ja schon ca. 4400€ monatlich. Am 1.Mai, "wenn sich die Kreuzberger Bevölkerung gern mal mit Pflastersteinen beschmeißt" (O-Ton Grabitz !!!) könnte die Familie ja  in den Jemen flüchten, wohin die bestager lt.Grabitz ja so gern reisen. Aber da stören womöglich dann die Gepflogenheiten der Jemeniten.
Oder aber, wenn der Grabitzvater, durch und durch Pädagoge, "mittenhinein ins Leben" möchte, kann er sich in Kreuzberg ja auch mal mit dem 1.Mai befassen. Oder ist es der Sohn, der lieber in Hamm leben würde?
Wenn die Beschreibung dahin gehen würde, dass Grabitz sich in Kreuzberg einquartiert hat, dort wohl fühlt und nun seine gutbetuchten Eltern nachgeholt hat -o.k. so ist das nun mal gerade hundertfach. Weil das Reihenhaus-auf-dem-Land-Modell nicht mehr funktioniert. Aber diese Pseudoproblematik, dies Lamentiere und Gejammere, als gäbe es irgendwo in dieser Familie ein Problem, hat mich so dermaßen aufgeregt beim Lesen, dass ich unbedingt etwas dazu schreiben muss. Was ist mit der Problematik der Menschen, die gerade wegen einer solchen Entwicklung ihre Heimat, insbesondere gerade Kreuzberg verlassen MÜSSEN? Die kein Haus verkaufen, die Umzugsfirma beauftragen und einfach umziehen? Rührend auch, dass der Sohn sich um die Freizeit der Eltern solche Gedanken macht - vielleicht finden sie neben ihren Einsatz als Eigentümervorstand auch einen Anreiz darin, sich in einem der wenigen verbliebenen Projekten zu engagieren, die sich mit den Schwächeren in ihrem neuen Viertel befassen.
Der Sohn verdreht vor lauter Elternliebe die Tatsachen - nicht seine Eltern sind die Schwachen im neuen Kiez, sondern die Alteingesessenen. Zwar lässt das die meisten kalt, aber warum gibt ausgerechnet Chrismon jenen eine Plattform? Mit Titelfoto in der U-Bahn, wo doch der Vater Grabitz einen schönen Mercedes hat.
Mutig fände ich es, wenn man schon eher kapiert hätte, dass dieses Reihenhausgehabe "out" ist und sich eher hier in der Stadt engagiert hätte. So aber bleibt es einfach nur ein durchkalkulierter Umzug, eine verspätete Landflucht. Vielleicht darf ich ja auch mal zum Familienbrunch der Familie und meine Sichtweise schildern. Dann finden sie ihre Probleme vielleicht nicht mehr so gravierend und der Schmerz wird gelindert. Auf beiden Seiten.
 

Ihre Reportage "Wir kommen zu Euch!" habe ich mit großer Freude gelesen. Auch wir, mein Mann und ich, gehören zu den Avantgardisten oder Nicht-mehr-Avantgardisten, die ihren Kindern hinterhergezogen sind. Relativ schnell entschlossen, als die junge Familie von Wiesbaden nach Travemünde ging, haben auch wir nach 40 Jahren unser Haus in Bonn und das Drumherum aufgegeben und eine schöne Wohnung an der Ostsee gekauft. Meine Mutter, aus Schleswig-Holstein stammend, brachten wir zu ihrer großen Freude aus dem Seniorenheim am Rhein in eines an der Trave. Auch die Kinder und Enkel freuten sich, die Geburt des Dritten erlebten wir hier mit. Jetzt aber muss die junge Familie aus beruflichen Gründen wieder umziehen, diesmal nach Kempten, weiter weg geht es nicht in Deutschland. Wir bleiben hier, mit meiner alten Mutter, die inzwischen 2 Schlaganfälle gehabt hat. Zum einen gefällt es uns hier sehr gut, zum anderen wollen wir nicht wieder unseren Alterssitz wechseln - auch diese Erfahrungen gibt es im Bekanntenkreis! Unsere nächsten Urlaubsreisen werden die kleinen Weltreisen nach Kempten sein.

Lieber Christoph,

das ist ein ganz liebenswerter Artikel, den Du Deinen Eltern und Deiner " Alten Heimat" gewidmet hast.

Wenn ich an Dich denke, habe ich das Bild des kleinen blonden Jungen vor mir, der sich mit Lehmklumpen vergnügte, die bei Straßenarbeiten abfielen...
Deine Mutter wird sich sicher auch darüber gefreut haben.

Im letzten Jahr haben wir unseren Pfarrer Mustroph in den Ruhestand entlassen.
Auch er ist in die Nähe seiner Kinder gezogen.
An die Ostsee.
Auch da eine mutige Entscheidung!

Aus diesem Anlass ist damals dieses Gedicht entstanden, was ich Dir und Deinen Eltern nicht vorenthalten möchte.

Ich wünsche Euch allen eine glückliche, gemeinsame Zeit!

Herzlichst,
Conny Löscher

Zuhause

Ein Wort nur, doch was will es sagen
Was heisst es ein Zuhause haben
Mein eignes Heim, ein Fleck auf Erden
Ist das der Traum vom Glücklichwerden

Ein leiser Gruß ein stummes Nicken
Sich freundlich in die Augen blicken
Wo Freunde noch zur Seite stehen
Und Wege mit uns gemeinsam geh’n

Geborgen fühlen in den Armen
Die auch durch schwere Zeiten tragen
Wo Freude steht an erster Stelle
Und schnell versiegt des Neider’s Quelle

Wo Ruh und Frieden uns umgeben
Und Freiheit unser höchstes Streben
Wo noch Gemeinsamkeit verbindet
Und Hoffnung unsre Herzen findet

Wo Menschen zueinander halten
Und anstandslos lässt Liebe walten
Wo Freundschaft man sich hat geschworen
Dort ist man sicher nie verloren

Wo Herz und Seele sich verbinden
Dort wird man ein Zuhause finden
Und wo der Glaube kein leeres Wort
Da schickt man auch niemals Freunde fort

Zu guter Letzt sei zu erwähnen
Dort wo wir miteinander leben
Und wo man eng zusammenrückt
Da Gott uns ein Zuhause gibt

© CoLö 2012

Wir (70 und 65 Jahre alt) sind in der Aufbruchphase. Auch wir wollen "den Kindern hinterher". Der Autor hat treffend die emotionale Situation dargestellt aber auch die Chancen. Uns hat der Artikel Mut gemacht das Angestoßene auch zu realisieren. Danke für den Mutmacher!

Ich lese die Chrismon eher zufällig als Beilage zur ZEIT, bin an diesem Artikel aber hängengeblieben und bin sehr angetan.
Ich bin ein paar Jährchen älter, aber das Gefühl, in der Provinz in seine eigene Kindheit zurückzublicken, ist perfekt beschrieben.

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