Auf der Suche nach der ukrainischen Zwangsarbeiterin des Großvaters

Finde Haika!
Wo ist Opas ukrainische Zwangsarbeiterin - und warum hatte Opa überhaupt eine? Eine Enkelin macht sich auf die fast aussichtslose Suche nach der Verschollenen und erfährt dabei Neues über den Großvater während der Nazizeit

Foto: Joseph Sywenkyj

„Was wohl aus der Haika geworden ist? Das arme Mädchen!“ So seufzte meine Mutter oft. Irgendwann ging mir auf: Haika war nicht irgendeine Haushaltshilfe bei meinen Großeltern, sondern eine ukrainische Zwangsarbeiterin. Kurz nach Kriegsende kletterte sie auf einen Lkw, der sie und andere befreite Zwangsarbeiter durch all das Chaos Richtung Heimat bringen sollte. Nie wieder hörte man von ihr. Nur ein Foto blieb von ihr, aufgenommen im Garten der Großeltern. Finde Haika – so lautete der versteckte Auftrag. Ich versuchte es, hatte ja aber nur einen Vornamen. Wann immer ich den „Unerledigt“-Stapel auf meinem Tisch ab­arbeitete, das Foto Haikas blieb.

Was machte Opa bei den Nazis?

Tipps zur Recherche über Familienmitglieder während der Nazizeit gibt es hier

Dann, vor einem Jahr: Unerwartet erbte ich Geld von der ­Patentante, und in der Zeitung stand, dass der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen, der die Schicksale von NS-Opfern klärt, endlich auch Anfragen von Nichtopfern zulasse. Neue ­Möglichkeiten! Vielleicht lebt Haika noch. Ich möchte ihr und anderen Zwangsarbeitern von meiner Erbschaft abgeben.
Da ahne ich noch nicht, dass aus der Suche nach Haika eine detektivische Recherche zu meinem Opa wird; dass meine Funde die Verwandten erschüttern werden; dass ich am Ende Freundinnen in der Ukraine habe.

1942, als die ersten „Ostarbeiter“ nach Deutschland verschleppt wurden, war meine Mutter siebzehn; sie lebte mit ihren Eltern in Weimar; Haika sei etwa ein Jahr älter als sie gewesen. Bestimmt hat das Thüringische Hauptstaatsarchiv noch Listen der Zwangsarbeiter. Na klar, sagt Archivamtfrau Katrin Weiß, aber die wurden erst nach dem Krieg auf Geheiß der Siegermächte erstellt. Keine Haika. Wieso eigentlich der Großvater eine Zwangsarbeiterin hatte, fragt Frau Weiß plötzlich, war er vielleicht „jemand Höheres“?

War mein Großvater ein Nazi?

Mein Großvater ein Nazi? Der alte Mann auf den Fotos, der versonnen den Enkeln im Planschbecken zuguckt? 1963 ist er gestorben, da war ich drei. Frau Weiß hat eine Personalakte gefunden. Sie wird sie mir kopieren.

Die meisten der Millionen „Ostarbeiter“ –  die Hälfte von ihnen Mädchen und junge Frauen – schufteten in Industrie und Landwirtschaft. Etwa 50 000 wurden abgezweigt, um kinderreiche Familien zu entlasten. Tatsächlich landeten viele in Haushalten von Männern aus Partei und Verwaltung. Ausgesucht nach Aussehen: möglichst „arisch“, keinesfalls „primitiv ostisch“.

„Primitiv ostisch“? Die Haika auf dem Foto guckt einfach nur verlegen. Ich drehe das Foto um. Wie konnte ich die kyrillische Beschriftung vergessen! Die litauische Redaktionspraktikantin entziffert: „Auf gute und lange Erinnerung von Halka Sershan, fotografiert in Weimar/Gelmeroda 1944. Ich schenke das Bild in Zeiten der Abfahrt von Euch aus Neudorf/Rottenacker am 15.5.1945.“

Ein Nachname, ein Ort! Stimmt, die Großeltern waren im ­Januar 1945 samt Haika von Weimar auf die Schwäbische Alb nach Rottenacker gezogen. Die kleine Gemeinde hat sogar einen ehrenamtlichen Archivar, aber Gunther Dohl ist pessimistisch: Auf dem Dachboden des Rathauses waren deutsche Kriegsge­fangene untergebracht, die haben die kostbaren Unterlagen als Schlafunterlage benutzt. Doch dann findet er eine „Anna Serschan“, Haushaltshilfe bei meinem Opa, geboren am 4. Juli 1923 im Gebiet Tschernigow in der Ukraine. Ein Geburtsdatum! Jetzt kann der Internationale Suchdienst seine Dokumente durch­flöhen nach Haika-Halka-Anna.

Personalakte: Opa wollte beim Hitlerputsch mitmachen!

Im Briefkasten die Personalakte aus Weimar. Dünn, aber gehaltvoll. Ein Lebenslauf, den der Opa 1936 für eine Bewerbung geschrieben hat: 1898 geboren bei Odessa als Sohn deutscher Siedler, 1917 gegen die russische Revolution gekämpft, dann für die Reichswehr als Kriegsfreiwilliger „in Geheimmission nach Moskau abgesandt“, bei Kriegsende nach Stuttgart gezogen und dort gegen die deutsche Revolution gekämpft – genauer: „gegen Spartakus“.

Klingt abenteuerlich. Da hustet mir aber mein Mann was: „Das waren keine Abenteurer, das waren Mörder. Die haben Aufständische umgebracht. Die Revolution 1918/19 ging überraschend unblutig vonstatten, auch weil das alte Regime ziemlich geschwächt war. Und dann kamen die Freikorps von überall her, diese Rechtsradikalen. Das hörte erst auf, als um 1923 endlich alle entwaffnet waren.“ Bis dahin ist der Opa laut Lebenslauf dabei, trotz Frau, ­ers­tem Kind und Architekturstudium: „1922 im Herbst Meldung zur NSDAP. Schwarze Reichswehr, Brigade Ehrhardt. November 1923 alarmbereit für München.“ Der war bei der Brigade Ehrhardt, dem brutalsten Haufen! Der wollte beim Hitlerputsch mitmachen!

Mein Bruder mailt zurück: „Das sind ja Hammernachrichten! Das geht weit über das Bild der naiven Schwärmerei hinaus, das wir immer gezeichnet bekommen haben.“ Der Lieblingsvetter ruft gleich an: „Ich dachte immer, der Opa war Vollblutarchitekt, er wurde halt in eine Scheißzeit geboren und hat das Nötigste mitgemacht. Und jetzt war der schon ganz früh bei den Nazis! Waren die schon immer so?“ ­Pa­rallel stöbern wir im Internet und lesen einander das Parteiprogramm von 1920 vor: Den jüdischen Deutschen ist die Staats­bürgerschaft zu entziehen.

Dass „die Nazis“ nicht nur die anderen waren, sondern auch eigene Verwandte, das weiß man abstrakt. In den meisten deutschen Familien sind Familienerzählung und Geschichtswissen getrennte Welten. So konnten sich in einer Emnid-Umfrage nur sechs Prozent der Befragten vorstellen, dass ihre Angehörigen positiv zum NS-System eingestellt waren. Wer hat dann bloß am Ende der Weimarer Republik die NSDAP an die Spitze gewählt?

Alle suchen Haika: Der Internationale Suchdienst wird fündig

Post vom Internationalen Suchdienst. Sie haben sie in einer Liste entdeckt. Vermutlich hat ein sowjetischer Repatriierungs­offizier diese Liste im Frühsommer 1945 geschrieben, in einem Camp für Displaced Persons bei Heidelberg. Neu: Haika-Halka-Anna heißt eigentlich Halina Serschan Illarionowna. So soll sie jetzt auch hier heißen: Halina. Nun wird das Ukrainische Rote Kreuz die Suche übernehmen.

Was macht der Opa, als 1923 die NSDAP verboten wird? Er schließt sein Dipl.-Ing.-Studium ab, sattelt den Abschluss als ­„Regierungsbaumeister“ obendrauf – und ist arbeitslos. Vier lange Jahre. Weltwirtschaftkrise. Zum 1. Mai 1933 tritt er wieder in die NSDAP ein. 

Er macht Karriere: Unter Albert Speer wird er Chefarchitekt bei der Deutschen Arbeitsfront in Berlin, plant eine riesige „Mus­tersiedlung“ in Braunschweig, die Vorbild sein soll für alle künftigen Siedlungen in Deutschland, inklusive Versammlungshalle im ­Kirchenstil mit pseudoreligiösen Symbolen; 1937 wechselt er zur Stadt Weimar, die hatte einen Baustadtrat gesucht, der „rückhaltlos“ für den Nationalsozialismus eintritt und „rassepolitische Reinheit“ mitbringt; dort entwirft er im Stil der antimodernen Moderne ein paar ordentliche Wohnhäuser, aber plant auch mit am „Gauforum“, diesem Protzklotz mitten in der Stadt; schließlich wird er Professor für Städtebau – und Schnitt.

Opa greift die Sowjetunion an

Die Personalakte endet mit einer Zeitungsnotiz: Der Opa sei „zur Dienstleistung an der Front freigegeben“. Als Dolmetscher-Offizier. Opa ist beim Angriff auf die Sowjetunion dabei, am 22. Juni 1941, einem strahlenden Sonntagmorgen.

Was hat er da gemacht, im grausamsten aller deutschen Kriege? Fürs Militärische brauche ich Unterstützung. Benjamin Haas, ein Historiker in Freiburg, übernimmt. Ja, er bekomme viele solcher Anfragen, oft von Menschen am Ende ihres Lebens, die endlich wissen wollen: Warum war mein Vater so? Warum hat er nur in seinem Zimmer gesessen und nichts gesagt?

Das Ukrainische Rote Kreuz hat eine Tochter von Halina gefunden. Halina lebt nicht mehr. Wie traurig! Und wie schön, dass sie doch nach Hause gekommen ist und eine Familie gründen konnte. Was mach ich jetzt? „Übersetzer suchen, Brief schreiben, Russisch lernen und dann hinfahren“, sagt mein Mann.

Aber gerade trudeln die bestellten Bücher ein, ermutigende Titel wie: Verbrechen der Wehrmacht, Völkische Radikale in Stuttgart, Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder ­werden, Endlösung – ein Atlas, Schlachten der Heeresgruppe Süd.
Und eine Ukrainekarte, kyrillisch. Ich knie auf der Karte, zur Linken die Tabelle mit kyrillischem Alphabet, zur Rechten eine Liste der Massaker, für die die 6. Armee verantwortlich ist, zu der auch Opas 9. Division gehörte. Wo ist die entlanggezogen? War der Opa Ende September 1941 in Kiew, als SS-Männer, unterstützt von der Wehrmacht, in anderthalb Tagen 33 771 Juden erschossen haben, vorwiegend Kinder, Frauen, alte Männer? War er in Lviv, in Shitomir, in Winnyzja, in Krementschug...?

„Du hast dich verrannt“, sagt mein Mann nach drei Monaten, „hör endlich auf!“ Ich hab mich nicht verrannt, und ich weiß genau, wann ich aufhören kann – jetzt noch nicht. Er: „Du spinnst. Ich hab die Bücher auf deinem Schreibtisch gezählt: 35.“ Okay, ich seh’s ein: Ich brauche eine Opapause. Zu oft Kopfschmerzen. Also langlaufen. Im Koffer mitgeschmuggelt: „Der Weg zurück“ – 573 Seiten über die entbehrungsreiche Rückreise der Zwangsarbeiter und den misstrauischen Empfang in der Sowjetunion.

Die Ukraine antwortet - in rosarot

E-Mail aus der Ukraine: „Sehr geehrte Frau Kristina, ich heiße Tetyana (25 Jahre alt). Vielen Dank für Ihre Bemühungen und die Erinnerung an meine Großmutter. Sie war sehr nett, intelligent und fleißig Person. Sie dachte oft über seine Zeit in Deutschland. Schreiben Sie über sich selbst. Ich schicke mein Foto (ich mit meinem Mann).“

Ein Hochzeitsbild! Er in pinkem Hemd, sie in pinkem Kleid, mit wachem Blick. Gleich weitermailen. „Der Wahnsinn, Frau Kris­tina“, antwortet mein Mann aus dem Büro; und der Bruder: „Sehr tröstlich, dass die Lebenslinie in der Ukraine weitergeht (und dann auch noch in Rosa!).“

Ich schreibe in die Ukraine, erzähle, woran sich meine Mutter erinnert: dass sie nach dem Schulabschluss ihre Mathehefte ­zerrissen und in den Heizkeller geworfen hat, dass Halina die Schnipsel wieder zusammengesetzt und die Matheaufgaben nachgerechnet hat; dass Halina, wenn sie einen Stoff geschenkt bekam, sich ungemein geschickt Kleider genäht hat wie die meiner Mutter; dass Halina mal einen Brief bekam und dann sehr weinte – hatte es was mit ihrem Bruder, den Eltern, dem Dorf zu tun?

Im Militärarchiv: Verhörprotokolle, die Opa geschrieben hat

Anruf meines Historikers. Er hat was gefunden: Protokolle von Verhören in der Ukraine. Der Opa hat gefangene Soldaten verhört und Zivilisten, die als Partisanen verdächtigt wurden. Opa konnte ja Russisch.

Merkwürdige Dokumente. Obendrüber „O. u.“ – Ort unbekannt. Falls die Papiere dem Feind in die Hände fallen. Opa fragt die Gefangenen über die Stimmung in der Truppe aus und über das Waffenarsenal. Er notiert, dass die Männer Turnhemden anhaben, die seit sechs Wochen nicht mehr gewaschen worden sind. Ein 20-jähriger Leutnant fragt zurück: Was das Kriegsziel der Deutschen sei? Opa protokolliert seine eigene Antwort: „Die ­Beseitigung der derzeitigen verjudeten Regierung und die Aus­rottung des internationalen Kommunismus.“
Zwischen die Verhörprotokolle sind Anweisungen vom Armee­oberkommando geheftet. 14. August 1941: Die Truppe müsse ­„ohne Rücksicht und falsche Humanität“ Partisanen (oder wen man dafür hielt) und ihre jugendlichen Erkunder „vernichten“, auch Kinder. Sofort zu „erledigen“ seien gefangene Offiziere mit politischer Funktion.

Und was heißt das jetzt, was ist mein Opa für einer? „Ein ­Widerständler jedenfalls nicht“, sagt mein Historiker trocken. Der Großvater habe im Krieg auch nicht nur gedolmetscht, wie in der Familie erzählt wird. Sonst hätte er nicht das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse mit Schwertern bekommen, sondern eins ohne Schwerter. Aber seine Verhöre läsen sich im Vergleich mit anderen eher wohlwollend, der Opa notiere auch Entlastendes. Wahrscheinlich waren ihm die Ukrainer nahe, schließlich war er da selbst aufgewachsen.

Mein Historiker hat noch was gefunden: Opa stehe auf der Teilnehmerliste einer Geheimkonferenz mit Himmler. Oje. Ich bestelle beim Archiv eine Kopie. Mein Mann beschwert sich: Wann endlich Schluss sei? Wann endlich wieder Kino, Radtour, Trallala? Bald, raunze ich.

Fassungslos meine Tante

Besuch beim Vetter und der Tante, die in den 50ern in die ­Familie kam und ihren Schwiegervater mochte. Ich erzähle vom Lebenslauf und den Verhören. Die Tante, weit über 80, hört zunehmend fassungslos zu. „Mich macht das alles fertig“, sagt sie. „Dass er in Russland was anderes gemacht hat, als Sprachen übersetzt. Und mich erschüttert, dass er so früh in die Partei einge­treten ist. Das hat doch hinterher alles in ihm dringesteckt!“

Ich brauche etwas Aufbauendes. Genau, die Spende aus dem unverhofften Erbe. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ findet für mich eine Initiative aus Halinas Heimat­region: In Tschernigow kümmern sich ältere Damen ehrenamtlich um sehr alte NS-Opfer. Sie brauchen dringend Medikamente wie Insulin (offiziell zahlen die Krankenkassen, tatsächlich nicht), Grundnahrungsmittel, Heizkohle, Bad- und Fensterreparaturen... Schon ist das Geld unterwegs. Kurz darauf lässt Ludmyla, die ­Leiterin der Initiative, anfragen, wann ich denn „vorbeikomme“...

Wütend meine Mutter: Lass deinen Opa in Ruhe!

Streit mit meiner Mutter. Dass ich „Haika“ suche: wunderbar. Aber das „Stochern“ wegen Opa: furchtbar. „Das hat doch mit Haika nichts zu tun. Ich weiß nicht, warum wir die hatten, mir hat man vieles nicht erzählt, aber bestimmt nicht wegen dem Opa.“ Doch, sag ich, der Opa war ein NSDAP-Funktionär. Jetzt wird sie richtig wütend. O. k., den „Funktionär“ nehme ich zurück. Aber er war kein ganz kleines Rädchen. „Er war ein Idealist“, sagt meine Mutter. Ja, aber es gibt auch falsche Ideale: Deutschland judenfrei zu machen. „Dein Opa hat nie jemand was zuleide getan, der hat bestimmt niemand erschossen, niemals!“ Und das Kriegsverdienstkreuz? „Jetzt lass doch deinen Opa in Ruhe! Es war Krieg, und er musste halt irgendwo mitmachen. Sei froh, dass du nicht gelebt hast in der Zeit! Ihr wisst ja gar nichts.“

Darf man nur urteilen, wenn man dabei war? Nein, denn dann dürfte es weder Gerichte noch Geschichtsschreibung geben. So bündig hat diese Frage der politische Publizist Jan Philipp Reemtsma beantwortet.

Was hätte ich getan, damals?

Stundenlanges Telefonat mit dem Vetter. „Was hätte ich getan?“, fragt der sich und zweifelt, ob er heldenhaft gewesen wäre in der Nazizeit. Aber, sage ich, es geht doch gar nicht darum, ob du im aktiven Widerstand dein Leben riskiert hättest, das kann man von niemandem verlangen. Es geht um ein ­zivilisatorisches Minimum. Ich lese ihm Reemtsma vor: „Wir müssen voneinander – ohne jede Nachsicht – verlangen, dass wir keine Mörder werden, dass wir uns nicht freiwillig an Verbrechen beteiligen, dass wir andere Menschen nicht denunzieren, ihr Leben nicht zerstören.“

Antwort aus der Ukraine. Diesmal schreibt Halinas Tochter Valentyna: Ja, die Mutter sei 2000 gestorben, mit 77 Jahren. Sie hinterließ zwei Töchter – Vira in Kiew und Valentyna auf dem Dorf. „Meine Mutter arbeitete als Buchhalterin, sie genoss Respekt. Daneben hatte sie einen kleinen Bauernhof (Kühe, Schweine, Hühner, Gänse, Kaninchen, Garten). Auch mein Mann und ich haben einen Bauernhof (Kühe, Schweine, Hühner, Garten). Meine Mutter sagte, dass sie in Deutschland sehr gute, kultivierte Menschen getroffen habe. Sie lernte viel von ihnen. Auch Gerichte, die wir alle mochten.“

Kommentar meines Mannes: „Tja, das hört sich jetzt nach einem rundum er­freulichen Au-pair-Abenteuer an. Immerhin: Deine Großeltern scheinen sie gut behandelt zu haben.“
Ich brüte über einer Antwort. Schreibe schließlich: dass mein Opa privat bestimmt ein netter Mensch war, aber auch ein überzeugter Nationalsozialist, dass die Deutschen mit ihrem Angriffskrieg großes Leid über andere Länder gebracht haben. Jetzt wissen sie’s. Ob das noch was wird mit einem Besuch in der Ukraine?

Der Opa hatte eine jüdische Mutter

Jetzt noch schnell den Hinweisen zu Opas Gunsten nachgehen, den Familienerzählungen. Solche Geschichten, das weiß man, sind nie ganz richtig, aber auch selten komplett falsch. Wegen seiner Mutter, einer geborenen Levi, habe es „Nachfragen vom Rasseamt“ gegeben; und der Opa sei „in Ungnade gefallen“, weil er keine Zwangsarbeiter habe rekrutieren wollen. Was unlogisch ist, hatte er doch selbst eine.

Nun wird es richtig verrückt. Aber am Ende – nach detektivischem Kombinieren eines Rasseamt-Gutachtens, eines Oma-Briefs, einer Tanten-Erinnerung, eines Gestapo-Vortrags, der Opa-Angaben im Entnazifizierungsbogen und mit Hilfe der Einfälle des Historikers Harry Stein von der KZ-Gedenkstätte Buchenwald – ergibt sich eine Abfolge, die sich tatsächlich so zugetragen haben könnte:

Dass der Opa eine Mutter mit jüdischem Namen hat, hat ihn nie weiter interessiert, weil die Familie seit Generationen evangelisch ist. Aber 1935, als die Rassegesetze erlassen werden, teilt man dem Opa mit, dass er jüdisch sei. Die Oma weint. Der Opa vertraut sich einem Ortsgruppenleiter an. Der erwirkt bei der „Reichsstelle für Sippenforschung“ ein günstiges Gutachten. Nämlich habe der Opa „trotz jüdischen Bluteinschlags als frei von jüdischem Bluteinschlag zu gelten“. Begründung: Der letzte Ahne jüdischen Glaubens ließ sich 1719 taufen. 

Jetzt hat der Opa erst einmal Ruhe. Er entwirft und baut und guckt nicht links und nicht rechts. Doch dann wechselt er nach Weimar, und in der kleinen, seit langem nationalsozialistisch regierten Stadt herrscht eine ganz andere soziale Kontrolle als in Berlin. Es wird publik, dass seine Mutter Levi hieß. „Ein gemähtes Wiesle“ sei das für das „Gesocks“ gewesen, schreibt die Oma.

Die SS fragt Leute über ihn aus, auch im Dorf Gelmeroda am Stadtrand von Weimar, wo die Großeltern wohnen. Die Oma schreibt dazu in einem privaten Brief: „Die Frau des Bürgermeis­ters Jacobi kam heimlich zu mir in die Garage und sagte es mir, auch, dass sie nur Gutes über uns hatten sagen können, dass wir die höchsten Spenden für das Rote Kreuz geben, dass wir immer im Auto die Leute vom Dorf mitnehmen und dass Pa oft ein paar Mal in die Stadt fährt, um die Bauernfrauen mit ihren Rückenkörben vom Markt in Weimar zurück nach Gelmeroda zu fahren.“

Nicht untypisch für Leute in Bedrängnis, meldet sich der Opa im Frühjahr 1941 zum Wehrdienst und kommt Anfang 1942 von der Ostfront mit einem Orden zurück. Aber da hat sich schon ­einiges gegen ihn gedreht. Sein Ariernachweis wird beanstandet. Gauleiter Sauckel legt ihm einen „Rücktritt ohne Aufsehen“ nahe. Für Opas geliebte Städtebau-Professur hat man bereits jemand anderen im Auge.

Jobangebot im KZ Buchenwald

Opa verliert also seine Stelle. Man bietet ihm – weil er Russisch kann – vermutlich diese Aufgabe an: beim „Unternehmen Zep­pelin“ im KZ Buchenwald mitzumachen. Im KZ waren auch ­sowjetische Kriegsgefangene. Viele wurden ermordet. (Man setzte sie vor eine medizinische Messlatte und schoss ihnen durch den Schlitz darin ins Genick. Während der Erschießungen – einmal 400 in einer Nacht – spielte laute Marschmusik.) Aber nun, im Frühjahr 1942, will man ausgewählte Gefangene als Spione anwerben, um sie hinter der russischen Front abzusetzen.

Dazu muss man die Gefangenen erst einmal durch langwierige Verhöre sortieren in Nützliche und zu Ermordende, denn die Männer sind so ausgehungert, dass sie für einen Kanten Brot fast alles tun würden. Fürs Sortieren braucht man Russisch sprechende NSDAP-Mitglieder – zum Beispiel den Opa. Der Opa schaut sich das KZ an, ist empört über die Behandlung der Russen, radelt zu seinem Kumpel, Gauleiter Sauckel. Und Sauckel sagt: „Du musst sofort weit weg, sonst kann ich dir nicht mehr helfen!“ Als der Opa nach Hause kommt, hat man bereits seine Frau ange­rufen: „Gnäd’ Frau, halten Sie Ihren Mann nicht auf, der muss sofort seine Koffer ­packen.“ Der Opa fährt im Frühjahr 1942 also „weit weg“ und bekommt im Mai 1942 eine Zwangsarbeiterin ins Haus – vielleicht als nachträgliche „Abfindung“. 

Trotzdem: Opa ist kein Opfer des Naziregimes

Mir dreht sich alles. Jetzt hab ich eine verschleppte Zwangsarbeiterin, die ihren Aufenthalt in Deutschland rückblickend offenbar als interessante Auslandsreise dargestellt hat – jedenfalls verstanden die Töchter das so –, und einen Naziopa, der wegen seiner Levi-Mutter in Sorge war. Mein Mann schafft Ordnung: „Deswegen ist dein Opa kein Opfer des Naziregimes. Er fällt eben in die Grube, die er anderen gegraben hat. Tragisch ist das nicht, denn er hat ja weiterleben können, höchstens eine Ironie der Geschichte.“

Wenn nur wieder Post aus der Ukraine käme! Bestimmt nehmen sie mir den Naziopa übel. Nach zwei Monaten Schweigen ein Brief von Valentyna, der Tochter Halinas, mit Hilfe eines Über­setzungsprogramms geschrieben: „Frau Kristina, dass Ihr Großvater eine Position in dem Krieg hatte, wir nicht verurteilen. Das war Krieg, Ideologie. Wir sind froh, dass unsere Mutter in dieser Zeit mit Euch war. Wir freuen uns, dass Sie sind interessiert. Sie sagen, dass im Leben gibt keine zufälligen Begegnungen.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Und weil Ludmyla von der Initiative, an die ich gespendet habe, schon wieder anfragt, wann ich denn nun vorbeikomme, soll es denn sein: Ich werde in die Ukraine fahren. Besuchen möchte ich auch ein, zwei ehemalige Zwangsarbeiterinnen, denen es nicht so vergleichsweise gut ­ergangen ist wie Halina. Und die Töchter sollen endlich ihr Geld bekommen.

Bleibt als letztes Rätsel, wo der Opa ab 1942 war, nachdem der Sauckel ihn „weit weg“ geschickt hatte. Endlich sendet das Münchner Institut für Zeitgeschichte die Kopie der Geheimkonferenz mit Himmler im Mai 1944. Die Teilnehmerliste kommentiert mein Historiker so: „Ihr Großvater war nicht in bester Gesellschaft. Er hatte mit lauter Kriegsverbrechern zu tun.“

Der Opa war von 1942 bis 1944 in der Ukraine und arbeitete direkt für einen hohen SS-Mann: Hans-Adolf Prützmann. Der hatte drei Aufgaben: Juden ermorden; Partisanen bekämpfen ­(also Bevölkerung terrorisieren, Dörfer niederbrennen); und ­Umsiedlung (also Einheimische raus oder gleich „verschrotten“, „Arier“ rein und züchten, damit man dereinst die USA besiegen kann). Der Opa sollte wohl schon mal Siedlungen entwerfen.

Merkte er, dass er für eine durch und durch schlechte Sache arbeitete? Dachte er, ich komm da nicht mehr raus? Oder fand er das eine tolle Aufgabe? Mein Historiker sagt: „Selbst wenn wir alle Akten hätten, wir könnten nicht in seinen Kopf reinschauen. Geschichte kann nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein.“ Damit muss ich mich wohl bescheiden. Hab jetzt eh anderes vor.

Besuch bei sechs alten Zwangsarbeiterinnen - schon die erste weint

Tschernigow, eine Provinzstadt 70 Kilometer östlich von Tschernobyl, Gluthitze, aber Ludmyla hat meinen Besuch gleich sechs ehemaligen Zwangsarbeiterinnen angekündigt. Schon die erste weint. Ich gleich mit.

Maria Pawliwna, 91 Jahre alt, sitzt auf ihrem durchhängenden Bett, ich zu ihren Füßen. Sie wurde in ein Außenlager des KZ Ravensbrück verschleppt, musste in der Munitionsfabrik mit dem Tarnnamen „Roederhof“ schuften, in Belzig bei Berlin. Die Umstände, das ist bekannt, waren fürchterlich. „Schnell, schnell, schnell“, das ist das Deutsch, an das sich Maria erinnert. „Und wer nicht mehr konnte, kam nach Ravensbrück zurück und wurde verbrannt“, erneut rollen ihr Tränen über die Wangen. Wie wenn sie das alles erst vor zwei Wochen erlebt hätte und nicht vor 70 Jahren. „Danke, dass ihr uns nicht vergessen habt“, sagt Maria. Ich gebe noch eine Runde Taschentücher aus. 

Keine Vorwürfe, kein Hass. Aber Tränen

Halina Stepaniwna, 85, hat selbst ein Taschentuch, sie faltet es längs, dann quer und wieder auf, als sie erzählt, wie sie neben ihren Geschwistern im Bett lag und die Polizei kam, auf sie deutete. Draußen stand schon der Lkw. Die Mutter durfte ihr nicht mal was zum Anziehen mitgeben. „Ich war noch nicht ganz 15!“ Sie kam in eine Militärfabrik, vielleicht in Jena, vielleicht von Siemens. Sie schaffte die Norm nicht. Wie oft wurde sie geschlagen! Und immer bohrender Hunger. Halina weint. Und dann fällt ihr „Giätta“ ein, eine 18-jährige Deutsche, die hat ihr öfters heimlich ein Wurstbrot in die Schublade an ­ihrem Arbeitsplatz gesteckt; manchmal ist sie morgens sogar früher gekommen und hat ein paar Werkstücke für Halina gemacht. „Giätta! Wenn die noch leben würde!“

„Rabota, rabota, rabota“, wie oft höre ich diesen Ausruf. „Immer Arbeit“, übersetzt meine Dolmetscherin. Trotzdem keine Vorwürfe, kein Hass.

„Los, los!“ So hat man mit Lidija Grigoriwna, 86, geredet. Sie war 16, als sie in einen Zug gesteckt wurde mit derart vielen anderen Verschleppten, dass sie die ganze Zeit stehen mussten. Und keine Toilette. Als sie an der deutschen Grenze erstmals rausdurften, rochen sie, die SS-Männer wandten sich angeekelt ab. Lidija schämt sich bis heute. Auch ihr Mann war als Junge verschleppt worden. Er versuchte zu fliehen, zur Strafe kam er ins KZ. Dort schlug man ihn auf den Kopf. „Er hatte sein Leben lang Kopfschmerzen“, sagt Lidija mit ihrer singenden, sanften Stimme.

Spätnachts sind wir wieder in Kiew. Und nun die Töchter von Halina!

Sie wollte Mathematikerin werden, nicht Haushaltshilfe im Nazireich

Die Jüngere Tochter, Vira, kommt direkt von der Arbeit, sie hat einen ­Kiosk für Milchprodukte und einen für Backwaren. Sie presst die Hand auf ihr Herz: „Ich bin so aufgeregt.“ Nicht nur sie. Wir breiten unsere Fotoschätze auf dem Kaffeehaustisch aus: meine Großeltern, Halina im Garten in Weimar, Halina kurz vor dem Krieg als Mathematikstudentin in Tschernigow, Halina nach dem Krieg als Hauptbuchhalterin in der Ziegelfabrik im Dorf. Keine klassische Bäuerin wie die anderen Kolchosefrauen, sagt Vira stolz, sondern immer ein bisschen „Intelligentsia“. Das Foto des Bruders, der eigentlich zur Zwangsarbeit ausgesucht worden war und an dessen Stelle Halina ging, weil er schon Familie hatte. Kaum war sie fort, musste er in die Rote Armee, kurz darauf starb er an der Front. Das also war der Brief, über den sie in Weimar so geweint hat.

Erst als alte Frau erzählte Ha­lina mehr über die drei Jahre in Deutschland. Wie der Garten aussah; wo sie Milch holte; dass meine Großeltern immer gesagt hätten, sie solle auch mal Pause machen; wie traurig sie die Treffen mit anderen ukrainischen Zwangsarbeitern machten, denen es so elend erging in den Fabriken. Im Mai 1945 begann sie ihre Rückreise. Aber zu Hause, sagt Vira, war sie erst, „als die Kartoffeln ausgegraben wurden“.

Zum Abschied schenkt Vira mir ein Literglas selbst gemachtes Varenje, eine Art Sauerkirschkompott, das man in den Tee gießt. Ich gebe ihr den Umschlag. Eine symbolische Anerkennung der Arbeit ihrer Mutter, sage ich, sozu­sagen ein kleines Erbe. Vira wird rot, dann blass, dann wieder rot. Sie guckt gar nicht in den Umschlag, sondern schließt mich in ihre mächtigen braun gebrannten Arme.

Offensichtlich hat sie hinterher gleich ihre Schwester ange­rufen, denn als wir nach langer Fahrt im Dorf ankommen, sagen Valentyna und ihre beiden Kinder als Erstes: „Bitte die Fotos!“ Und die Deutschlandkarte, auf der ich Weimar und Rottenacker markiert habe. Enkelin Tetyana schaut mich unentwegt an.

Die Heimreise wird furchtbar gewesen sein

Weiß Valentyna etwas über die Rückreise ihrer Mutter? Sie hat sie gefragt: Warum bist du erst nach drei Monaten zu Hause gewesen? Halina hat nicht geantwortet. Es wird furchtbar gewesen sein. Viele Züge standen tagelang unversorgt in der Hitze des Sommers 1945 an der Grenze zur sow­jetischen Zone. Es folgten Wochen und Monate in Lagern, mit Verhören durch den sowjetischen Geheimdienst, mit Epidemien, Vergewaltigungen. Für viele war das Leben auch anschließend nicht leicht – es galt als Schande, für den Feind, für Deutschland, gearbeitet zu haben.

War Halina immer so ernst wie auf dem Foto im Garten meiner Großeltern? Ja, die „Mamitschka“ guckte so. Sie war verantwortungsbewusst, nie leichtsinnig, ging nicht zu Festen, die Arbeit war ihr das Wichtigste. Aber sie war sehr glücklich mit ihrem Mann. Und mit ihren Enkeln. Tetyana und Oleg hätten ihr mathematisches Talent geerbt, sagt Valentyna. Die Enkelin ist Finanz­beraterin in einer Werbeagentur, der Enkel „Ökonomist“ in einer großen Brauerei, beide in Kiew.

Oleg fährt uns im Geländewagen noch zu seinem Lieblingsplatz auf einem Hügel mit Weitsicht über See und Heide. Er würde am liebsten sofort wieder aufs Land ziehen. Dass es keine Kanalisation gibt, sondern nur Plumpsklo mit Blick über den Kartoffelacker, stört ihn nicht.

"Danke", sagt die Tochter der Zwangsarbeiterin

Ein Mittagessen, komplett aus eigener Produktion: rote Borschtschsuppe, süße Buchweizenpfannkuchen mit saurer ­Sahne... Valentyna isst nichts, behauptet, sie habe schon ge­gessen, steht neben dem Tisch, irgendwas wälzt sie im Kopf. Dann sagt sie, mit Tränen in den Augen, über den Tisch und die mampfende Runde hinweg: „Danke, dass Sie meine Mutter nicht be­leidigt haben.“

Zurück im kühlen Deutschland: schnell noch dem Vetter berichten, dann ist, wie versprochen, endlich wieder Kino-Radfahr-Trallala dran. Zwei Wochen später kommt mein Mann von einem Familientreffen mit sehr alten Tanten zurück und sagt: „Ich hab jetzt auch einen Nazigroßvater.“

Was machte Grossvater in de Nazizeit: eine Anleitung zur Recherche

Information

Spenden für Zwangsarbeiter

Wer die Not der letzten noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen lindern möchte, findet Details zu einer Spende unter hier oder wendet sich an Evelyn Scheer von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“: 030/25 92 97-65

Lesermeinungen

Es ist schon lange her, dass mich eine so ehrliche Spurensuche durch die Familiengeschichte in "dunklen und verschwiegenen Zeiten" derart berührt hat, dass ich den Artikel immer wieder lesen  musste, um Details herauszufinden..... Diese detektivische Familienrecherche ist lebendiger als jede historische Abhandlung  und ein Anreiz für einige Leser, die Erzählungen in der Familie mindestens über die Zeit von 1933-45 etwas genauer zu prüfen. Wenn dann auch noch neue Freundschaften und soziales Engagement wie z.B. in der Ukraine entstehen, um so schöner. Gratulation und Dank für diesen wichtigen Artikel!

So interessant und lesenswert ich Frau Holchs Bericht über die Zwangsarbeiterin Halina finde, so bedauerlich ist auch die unbarmherzige Verurteilung ihres Großvaters als Nazi.
Zudem dieser das von Frau Holch angemahnte zivilisatorische Minimum ganz offensichtlich erbracht hat und auch Halina nur Gutes über ihn berichtet.
Warum also dieses harte Urteil, 70 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus und nachdem die meisten Zeitzeugen gestorben sind.
Meines Erachtens ist heute ein Urteil fast nicht mehr möglich, das den Menschen dieser Zeit gerecht wird.

Der Bericht ist erschütternd, zeigt aber eben auch "nur" Lebensläufe von Menschen in "verrückten Zeiten". Doch sieht es heute wirklich anders aus?
Sind die unzähligen Kriege und einfach "Aktionen" nach dem zweiten Weltkrieg "besser"? Gibt es da keine Verstrickungen von Menschen, von Verwandten, ja vielleicht oder sogar von uns selbst? Wie werden unsere Kinder oder Enkel über die aktiv oder nur passiv "Beteiligten" von zu mißbilligenden Handlungen bis hin zu Tötungen in einigen Jahren oder Jahrzehnten reden und schreiben? Sind Deutsche nicht längst "dabei", ohne oder mit Billigung der Vereinten Nationen "Unglück" und Unrecht in die Welt zu tragen, unter anderem durch Waffenexporte, durch die Entwicklung und demnächst den Einsatz von Drohnen, unter dem Deckmantel der "Befreiung"? Wo bleiben kritische Stimmen, wo gar Proteste? Sind die Einsätze und ihre "Kollateralschäden" dafür zu weit weg?
Können Sie, können wir ein gutes Gewissen haben?
 

Den Artikel "Wo ist Haika" fand ich sehr lesenswert und er hat mich wirklich bewegt. Allerdings scheint bei der Transkription des Namens eine Ungenauigkeit entstanden zu sein. Halina oder Haika sind nach Aussage meiner Russischen Frau als Vornamen unbekannt. Wahrscheinlich ist "Galina" und deren Koseform "Gaika" gemeint. Im Russischen wird H-A als G gesprochen: Gamburg oder Luft gansa.
Aber das tut der Qualität des Artikels keinen Abbruch!

Dear Ms. Holch --Thank you so much for sharing your research with your readers, it was truly inspiring! Will you accept procedural questions here, or should i write somewhere else? My questions concern cemetery regulations in Germany. Please excuse the English -- I am 73, came here as a ten year old und schreibe kaum noch auf Deutsch. Any information gladly received in either language. John Hasselkuss

Dear Mr. Hasselkuss, I'm not sure if I can answer questions about german cemetry regulations... But you can write to

...bin ich gerade an meiner S-Bahnstation auf dem Weg zur Arbeit vorbeigefahren, weil ich so gebannt von Ihrem Artikel war. Danke. Dafür nehme ich jetzt gerne 10 Minuten Wartezeit in Kauf.

Was für eine Geschichte! Danke fürs Schreiben und Veröffentlichen. Auch mir geht sie sehr nahe. Seit Jahren trage ich die Fragen über meine Großeltern mit mir herum, über die nur sehr vage und andeutungsweise geantwortet wurde. Mich prägten sehr die frühe kollektive Scham und Schuld ob der deutschen Geschichte, Ahnungen eines Kindes, die sich verfestigten und der Aufklärung bedürfen. .... Je älter ich werde, desto mehr merke ich die Eigenheiten der Kriegsenkelgeneration.
Seien Sie mit guten Wünschen herzlich gegrüßt, Frau Holch, Gratulation zu dem relativen happy ending, was Ihre Haika anbelangt.
Barbara Demmler

Hallo Frau Holch,
Ihr Artikel hat mich sehr, sehr berührt, ja ich habe geweint. Die Trennen kamen weil ich so gut nachvollziehen kann was sie bei Ihre Suche gefühlt haben. Schön, dass Sie Ihre Antworten auf die vielen Fragen gefunden haben. Ich habe das Glück bis jetzt nicht gehabt. Ich komme aus Polen. Seit Jahren suche ich meinen Onkel, Bruder meines Vaters. Als er 3 Jahre alt war ist er in Breslau im deutschen Krankenhaus operiert worden. Ende 1944 als das Krankenhaus evakuiert worden ist, wurde Franek (so heißt er) versehentlich mit genommen und nach Deutschland geschickt worden. Unvollstellbar was meine Großeltern damals erlebt haben. Sie waren so machtlos, sie konnten nichts tun. Mein Vater war 7 Jahre alt als meine Oma 1953 gestorben ist. Grüße aus Bayern. Izabela

Liebe Izabela, liebe LeserInnen, wer einen zu Kriegszeiten verschwundenen Angehörige sucht - wie Sie, Izabela, Ihren als Kind verschollenen Onkel - oder wer nach ehemaligen ZwangsarbeiteInnen sucht, ist genau richtig beim Internationalen Suchdienst. Dort gibt es auch ein umfangreiches Kindersucharchiv und immerhin Unterlagen zu etwa 50 Prozent der im Dritten Reich eingesetzten ZwangsarbeiterInnen. Sowieso viele Unterlagen zu Menschen, die Opfer der NS-Herrschaft geworden sind, also zum Beispiel im KZ waren. Man kann den Suchdienst anmailen oder anrufen oder ihm einen Brief schreiben. Dann bekommen Sie ein Suchformular zugeschickt, das Sie in Ruhe zuhause ausfüllen können. Internationaler Suchdienst (ITS) Große Allee 5 - 9 34454 Bad Arolsen Telefon: +49 (0)5691 629-0 email@]its-arolsen.org www.its-arolsen.org Herzliche Grüße, Christine Holch

Der Artikel hat mich sehr berührt und betroffen gemacht; er ist einfühlsam und ehrlich geschrieben. Herzlichen Dank.
Manches in der eigenen Familiengeschichte kommt so auch wieder an die Oberfläche, fordert zum Weiterdenken auf.
Danke Frau Holch!
Herzliche Grüße aus Leipzig
Frank-B. Müller

Liebe Christine Holch!
Ihren Bericht "Finde Haika" fand ich sehr berührend. Es ist unglaublich was den Fremdarbeitern angetan wurde. Die Schilderung kommt mir sehr stimmig vor. Die Rückkehr der Fremdarbeiter kam allerdings zu kurz. Die Menschen wurden unter Stalin nach den Verhören als Colaborateure mit dem Feind in Lager nach Sibirien verschickt. Viele haben das nicht überlebt. Aus Angst hatten sie ihre Dokumente weggeworfen. Die Überlebenden hatten deshalb oft keine Unterlagen als es darum ging, Ansprüche geltend zu machen.

Eindrucksvoll fand ich auch Ihre Suche nach der Rolle Ihres Großvaters.

Ich habe mich vor Jahren auch auf die Suche begeben. Mein Vater hatte etwa 80 Ukrainerinnen in seiner Herdfabrik zur Herstellung von Bombengehäusen beschäftigt. Dabei bin ich auf Marina Schubarth gestoßen. Sie ist selbst Ukrainerin, lebt in Berlin und gründete dort das Dokumentartheater. Sie reist immer wieder mit Spendengeldern in die Ukraine, die sie an die alten Zwangsarbeiterinnen verteilt. Sie betreut die Alten, die aus ihrem eigenen Land nie Anerkennung gefunden haben. Frau Schubarth führt mit ihrem Ensemble die Lebensgeschichten im Dokumentartheater in den Berliner Unterwelten, den alten Luftschutzbunkern, auf. Ein Besuch ist sehr empfehlenswert und Spenden werden gerne angenommen.
Grüß´Sie ! Friedrich Wiest

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