Steffensky über die Verheißung in Jesaja 9,1–6

Heilig Abend Christvesper
In einer unerlösten Welt
Der Theologe Fulbert Steffensky am Vierwaldstättersee in Luzern

Der Theologe Fulbert Steffensky am Vierwaldstättersee in Luzern

Foto: Sophie Stieger

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du hast die Jochstange auf ihrer Schulter zerbrochen. Denn jeder ­Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids.
Jesaja 9,1–6

In der Frömmigkeitsgeschichte ist Weihnachten zu einem Familienfest geworden, zum privatesten Fest innerhalb des liturgischen Festkreises. Das will ich nicht beklagen. Liturgische Landschaften ändern sich, jede neue hat ihr Recht, aber sie schmälert auch das Recht der alten. Über der Privatisierung von Weihnachten könnte vergessen werden, dass die Ver­heißung des großen Friedensfürsten nicht einem kleinen familiären Kreis gemacht ist, sondern einem Volk. Weihnachten ist ein Volksfest. Einem Volk werden der laute Jubel und die große Freude versprochen. 

Es wird nicht privates Glück versprochen, sondern das ganze Land soll befreit sein von den drückenden Jochen. Dem Volk wird die messianische Zeit versprochen: Die Stecken der Sklaventreiber werden zerbrochen, die Gewalt hat ein Ende, und jeder Soldatenstiefel, der mit Gedröhn daherkommt, jeder blutige Kriegsmantel wird verbrannt. Recht und Gerechtigkeit werden im neuen Land herrschen und ein Frieden, der kein Ende nimmt. Der Frieden jenes Reiches ist nicht nur ein Seelen­frieden. Es ist der Frieden, in dem es keine Gewalt und keine Sklaventreiber mehr gibt. Das ist das große Licht, das denen scheinen soll, die im finstern Land leben.

Die Jesaja-Verheißung des glücklichen Landes lesen wir in der Christvesper. Aber ist denn mit Christi Geburt das Land schon da, das allen einleuchtet und in dem man in Jubel leben kann? Hier höre ich den Einspruch des Judentums gegen eine zu laute Erlösungsseligkeit. Der jüdische Autor ­André Schwarz-Bart („Der letzte der Gerechten“) berichtet von einer mittelalterlichen Disputation, zu der die Juden vor allem in der Karwoche gezwungen waren. Die Talmudgelehrten standen vor einem kirchlichen Tribunal. Sie wussten: Eine falsche Antwort, und sie müssen sterben. 

Der Einspruch des alten Juden

Der Bischof fragt, ob nicht die Erlösung schon gekommen sei. Man sieht einen alten Juden hervortreten. „Schmächtig wirkt er in seinem schwarzen Gewand, und zögernd begibt er sich vor das Tri­bunal. ‚Wenn es stimmt‘, flüstert er mit gedrückter Stimme, ‚dass der Messias, von dem unsere alten Propheten reden, schon gekommen ist, wie erklärt Ihr dann den gegenwärtigen Zustand der Welt?‘ Darauf, hüstelnd vor Angst, und mit einer Stimme, die nur noch ein dünner Faden ist: ‚Edle Herren, die Propheten haben doch gesagt, dass bei der Ankunft des Messias Weinen und Stöhnen aus der Welt verschwinden würde ... Dass Löwen und Schafe nebeneinander weiden würden, dass der Blinde geheilt sein und der Lahme wie ein Hirsch springen würde! Und auch, dass alle ­Völker ihre Schwerter zerbrechen würden, o ja, um aus ihnen Pflugscharen zu gießen...‘ Er lächelte König Ludwig traurig an: ‚Ach, was würde man sagen, Sire, wenn Ihr vergäßet, wie man Krieg führt?‘“

Ich ehre und vergesse nicht den Einspruch des alten Juden. Und ich mache mich widersprüchlich, indem ich das Kind von Bethlehem hineinlese in das Gesicht jenes Kindes, von dem der Prophet spricht: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, und die Herrschaft liegt auf ­seiner Schulter.“ Nein, der Prophet Jesaja hat dieses Kind nicht vorausgesagt. 

Ich vergesse die Adventslieder auch nicht, die großen Schreie der Sehnsucht in einer unerlösten Welt. Aber ich lese mit meinen christlichen Augen dieses ­eine Kind in jenem anderen aus dem Stall von Bethlehem. So will ich mit Tersteegen ­singen: „Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.“ Ich will mit Bachs Kantate singen: „Es ist das Heil uns kommen her“, ohne den jüdischen Einspruch zu über­hören: Wir sehen noch kein Land, in dem die Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet sind. Ich will den Widerspruch in der Theologie und in unserer Frömmigkeit retten. Der Widerspruch ist die Bergung der anderen Wahrheit. 

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Lesermeinungen

Jesus hat uns versprochen, bis zum Ende unserer Tage bei uns zu bleiben, immer!
Er hat uns seinen Frieden, der anders ist als der unserer Welt, dagelassen.

Er hat uns seinen heiligen Geist gesandt und gesagt, das Reich Gottes hat bereits begonnen.
Jesus hat gesagt, er ist die Erfüllung des Gesetzes und das einzige Doppelgebot für uns: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!

Jesus hat uns das Heilige Abendmahl/die Heilige Eucharistie geschenkt!

Er hat uns sein lebendiges Wort in der Frohen Botschaft geschenkt!

Soviel! Und wieso alle so unerlöst?

Diese Frage fiel mir 2009 so richtig verstörend auf und danach habe ich 1 Jahr lang
in Stille und Offenheit stundenlang geschaut und gelauscht, was ich spirituell dazu erfahre vom Heiligen Geist, denn mein
Verstand erschloss es mir analytisch nicht.

Klar, mit Jesus Heiligem Geist spricht man anders. Und ich habe viele Antworten bekommen. Zusammengefasst: Gott macht, wenn ich ihn einlasse in mein Leben aus meiner ScheiXe Dünger!

Es ist ein Riesenunterschied seitdem! Ich kann mich nicht erlösen und gut machen, er aber

Wir wandeln immer noch im Finstern der Ungewissheit von Dasein, Zukunft und Paradies. Die glorifizierte Zeit wurde ja auch nur dem Volk Davids geweissagt. Zitat : “: ..und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids“. Die anderen Völker haben einfach nur Pech gehabt oder lebten zur falschen Zeit. Dann kam der große Wendepunkt.
Zitat: „. Weihnachten ist ein Volksfest. Einem Volk (nur einem?) werden der laute Jubel und die große Freude versprochen. Es wird nicht privates Glück versprochen, sondern das ganze Land soll befreit sein von den drückenden Jochen. Dem Volk wird die messianische Zeit versprochen“.

Nur "dem" Volk wird was versprochen und dem Einzelnen nicht, obwohl doch ein Volk nur die Summe alle Einzelschicksale ist? Was habe ich davon, wenn es allen anderen, oder doch zumindet Einigen, gut geht, mir aber nicht?

Der versprochene ewige Friede ist im jüdischen Land nicht eingekehrt. Seit über 3000 Jahren nicht. Woandes auch nicht. Die Prophezeiung wurde nicht erfüllt. Weihnachten ist tatsächlich für einen Teil der Welt ein Volksfest geworden. Aber immer weniger aus religiösem Anlass, dafür umso mehr als ein alle Völker der Welt umfassender Konsumterror. Den lauten Friedensjubel und die deshalb übergroße Freunde wird dagegen noch gesucht. Trotz des besten Willens alle Gläubigen, ist gerade auch in ihren eigenen Völkern die messianische Zeit nicht angebrochen. Zitat Shakespeare: "Wie es Euch gefällt“. Mehr kann ich mit dem Text nicht verbinden.

Noch etwas ließe sich "bergen". Nämlich, dass es um das Volk Israel geht. Nicht irgendein Volk, sondern ein Volk, mit dem Gott eine besondere Geschichte schreibt. Die Christenheit hat sich leider schon sehr früh an die Stelle dieses Volkes gesetzt und alle Verheißungen der Schrift auf sich bezogen. Aber auch im Neuen Testament ist es immer gegenwärtig. So auch in der Weihnachtsgeschichte. "Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll." Gemeint ist das Volk Israel. Nicht die Kirche.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich finde keine Bibelstelle, in der zu lesen wäre, dass mit der Ankunft des Messias Weinen und Stöhnen aus der ganzen Welt verschwinden würde. Ist der Einspruch des alten Juden richtig?
MfG
Uwe Schneckener

Die Engel singen ja auch 'Friede auf Erden' zu Christi Geburt. Ich verstehe das aber so: Es ist der Friede mit Gott, der zu uns Menschen kommt. Das Gesetz hat uns getrennt, Jesus hat uns versöhnt. Wir KÖNNEN Frieden mit Gott haben und wir KÖNNEN Frieden auf der Welt haben. Aber wie immer ist der Handlungsbedarf beim Menschen.