Markschies über Gottesschau im 2. Mose 33,18–23

Wie sieht Gott aus?
2. Sonntag nach Epiphanias
Mose sprach: Lass mich ­deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor ­deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den ­Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig... Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht... Du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
2. Mose 33,18–23
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Foto: Thomas Meyer / OSTKREUZ

Manchen biblischen Texten merkt man auf den ersten Blick an, dass sie aus einer ganz anderen Zeit und aus einer ganz anderen Erfahrungswelt stammen. Das gilt ganz sicher auch für die Geschichte der Begegnung zwischen Gott und Mose am Berg Sinai. Mose redet mit Gott, wie ich als Kind mit meinen Eltern geredet habe: „Darf ich das Geschenk schon vor Heilig­abend ansehen?“ Mose verkehrt mit Gott, als ob Gott ein Mensch aus seiner eigenen Erfahrungswelt wäre. Ganz nah, ganz direkt, ganz ungeschützt. Natürlich könnte man solche Geschichten schnell beiseitelegen, weil sie auf den ersten Blick so wenig mit unserem Leben zu tun haben. Aber beim zweiten Blick fällt hier (wie auch häufig sonst) auf, dass die Abstände nicht so groß sind, wie wir zunächst glauben. 

Denn wenn sie beten, reden viele Christenmenschen Gott so, wie es Jesus von Nazareth empfohlen hat, mit „Vater“ an. Auch ich formuliere gelegentlich ganz nah, ganz direkt, ganz ungeschützt Bitten um Hilfe, Klagen über schwierige Situationen meines Alltags – so, wie mich meine Eltern als Kind zu beten gelehrt haben, oft am Ende eines langen Tages. Ich verkehre dann mit Gott so, als ob er ein Mensch aus meiner eigenen Erfahrungswelt wäre. 

Von Angesicht zu Angesicht

Schon die Anrede zeigt, dass ich ihn wie einen der mir wichtigsten Menschen meines Lebens behandle. Und weil ich oft ungeschützt, direkt und nah im Gebet mit Gott rede, kenne ich natürlich auch die Erfahrung des Mose aus der biblischen Geschichte: Obwohl ich selbstverständlich genau weiß, dass mein Wunsch unerfüllt und meine Bitte unerhört bleiben, würde ich Gott dann und wann unendlich gern sehen, von Angesicht zu Angesicht. Eine direkte Antwort von ihm hören, wie ich Antworten von anderen Menschen höre.

In solchen Situationen hilft mir die Antwort aus der uralten biblischen Geschichte, die der scheinbar so abständige biblische Text festhält. Dort findet sich ja nicht nur die ebenso elementare wie schlichte Wahrheit, dass man Gott in dieser Welt nicht von Angesicht zu Angesicht sehen kann, sondern eine höchst eindrückliche Begründung: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Christenmenschen aller Zeiten hofften und hoffen, dass sie Gott nach ihrem Tode von Angesicht zu Angesicht sehen werden und in einer neuen Form der Gemeinschaft mit ihm leben können. Das bedeutet aber umgekehrt: Solange man lebt, kann man Gott nicht direkt sehen. Noch deutlicher formuliert: Man muss erst sterben, um so direkt mit Gott zu verkehren, wie es sich Mose wünscht und wie ich es mir auch immer wieder einmal wünschen würde.

Moses Trost

Natürlich hätten wir gern beides, was hier so alternativ erscheint: Die meisten würden gern in diesem irdischen Leben für alle Ewigkeit bleiben und zugleich mit Gott so direkt verkehren, als ob sie schon in jenem neuen Leben wären. Vielleicht ist deswegen in der biblischen Geschichte eine Art Trost formuliert: Mose darf Gott nicht von Angesicht sehen, aber ihm hinter­herschauen. 

Auch diesen tröstlichen Zug der Geschichte empfinde ich als keineswegs abständig. Immer wieder einmal im Leben ist es mir so gegangen, dass ich im Nachhinein dachte: „Da hat Gott seine Hand im Spiel gehabt.“ Was mir erst sinnlos, widersinnig und schwer zu ertragen erschien, begriff ich im Nachhinein als ­eine weise Fügung. Ich bekam eine Stelle nicht, die ich gern gehabt hätte, und war traurig. Heute bin ich angesichts der vielen Schwierigkeiten der Institution, in der ich im Erfolgsfall gearbeitet hätte, unendlich dankbar, dass ich damals leer ausging. An solche Erfahrungen denke ich, wenn ich davon rede, dass auch ich gelegentlich den Eindruck habe, Gott von hinten gesehen zu haben, aber eben nicht von vorn.

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