Markschies über die Juden in Römer 9, 1–­16

10. Sonntag nach Trinitatis
. . . Meine Stammverwandten sind ja Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit, der Bund, das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen; ihnen gehören auch die Väter, und aus ihnen kommt Christus nach seiner irdischen ­Herkunft (. . .) damit Gottes Ratschluss und freie Wahl bestehen blieb, bei der nicht das Verdienst der Werke, sondern die Gnade des ­Berufenen gilt.
Römer 9, 1–­16
Titel: 
Markschies über die Juden in Römer 9, 1–­16
Wo die Liebe hinfällt
Prof. Christoph Markschies

Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz

Manchmal fallen mir bei Bibeltexten Szenen aus meinem Leben ein. Eine solche Szene spielt in Marburg in einem neu­gotischen Seminarraum. Der längst emeritierte Professor, geprägt von der Tradi­tion der Bekennenden Kirche, stand an der Tafel und sprach über den Apostel Paulus und das Volk Israel. Energisch malte er ­einen langen Strich von unten nach oben – und plötzlich spaltet sich der Strich: Eine Weggabelung war an der Tafel zu sehen. „Es gibt zwei Wege zum Heil: den für das Volk Israel und den für uns Heiden“, sagte der Professor, nachdem er die Skizze gezeichnet hatte. 

Unumstritten war diese Position vor rund fünfunddreißig Jahren nicht. Das sollte auch der junge Theologiestudent bald merken, in Jerusalem übrigens. Dort erfuhr ich erstmals vom „Rheinischen Synodalbeschluss“, einer Grundsatzer­klärung der Synode der rheinischen Kirche von 1980.

Der Showdown der Professoren in Jerusalem blieb aus

Die Landessynode hatte sich zur bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes durch Gott bekannt. Dagegen protestierten noch im selben Jahr einige Theologieprofessoren. Christus sei, so sagten sie, das „Ende der Tora als Heilsweg“. Mithin habe also der Jude Jesus das Ende des Judentums als Heilsweg gebracht und Christenmenschen müssten unter Jüdinnen und Juden dafür missionieren.

In Jerusalem, meinem Studienort, hielten einer dieser protestierenden Professoren und eine jüdische Kollegin in ­der Stadt Vorlesungen – gleichzeitig. Die beiden trafen nicht aufeinander, sie vermieden es, einander zu begegnen. Dabei hatte die Professorin die Synode bei der Erklärung beraten und der Professor scharf dagegen protestiert. Schade eigentlich, dass sie nicht miteinander sprachen. Dann hätte der Professor hoffentlich bemerkt, dass man nicht nur aus Höflichkeit, sondern aus guten theologischen Gründen ­einer Jüdin nicht ins Gesicht sagen darf: Mit dem Wirken des Juden Jesus sei deutlich geworden, dass Juden um des Heiles willen ihren Glauben ablegen müssten.

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Lesermeinungen

Nun , wie eingebildet muß ein Volk wohl sein , zu behaupten nur " Wir " sind das auserwählte Volk Gottes ! Es ist ja nicht das Volk , sondern die schwachsinnigen Gedanken hochaggresiver jüdischer Theologen , die es geschafft haben , ihre jüdischen Mitgeschwister damit zu beflunkern ! Aber auch Papst Benedikt erklärte mal solch einen theologischen Schwachsinn ::: Nur wir Katholen sind Kirche im Sinne Jesu , der aber , wie wir alle wissen , keine Kirche wollte , ja er konnte diesen Namen überhaupt nicht mit seiner westaramäischen Zunge aussprechen ..... , Alle anderen Glaubensverbindungen sind doch nur kirchenähnliche Gesellschaften ! Ja , Diese Aussage ist wohl an gruppenegoistischer Gemeinheit wohl noch kaum zu überbieten ! Wie könnte es nun weitergehen ::: Natürlich hat die Reformation zum Nachdenken angeregt und sicherlich auch zu der Erkenntnis , daß unser Schöpfergott weder evangelisch noch katholisch war. , er war frei von jeder Art von Religion !. Und Jesus , ja der war Jude ! Und vom Judentum hat er sich nie losgesagt ! Wer sich also auf Jesus beruft ist auch ein Anhänger des Judentums ! Wir aber wollen das Judentum erweitern in ein Allchristentum , das bedeutet ::: Jeder Mensch ist ein Christ ,also ein Gesalbter , ob er nun will oder nicht , denn schon beim Verlassen des mütterlichen Leibes wird jeder junge Mensch durch den Geburtsbalsam gesalbt um der Regel nach schmerzloser in diese unsere Welt zu gleiten ! Deshalb bedarf es auch keiner Taufe oder irgendeiner zusätzlichen klerikalen Handlung , um unserer Göttlichkeit näher zu kommen ! ....Was gibt es Größeres und Wertvolleres als diese gottgewollte Salbung die uns alle zu Gesalbten , zu Christen werden läßt ! Deshalb meine Empfehlung an die uneinsichtigen Führungsspitzen der Kirchen ::: laßt das kindische Gezänk um die vielen fiktiven Nichtigkeiten wie Dogmen , Berufungen , Taufen und andere gottesferne Geheimniskrämereien ! Dieses natürliche und gottgewollte Christentum durch die mütterliche Salbung , ist durch noch so wohlgeformte theologische Spitzfindigkeiten nicht mehr zu überbieten ! Machen wir Christen , ob wir nun Prostestanten , Katholiken , Buddhisten , Hinduisten , Moslems , Juden aber auch Atheisten und Pantheisten ..usw ..sind .... das Beste daraus !

Ihr Einstieg gefällt mir gar nicht, Herr Popp, weil daraus die gleiche Überheblichkeit spricht, die Sie Juden vorwerfen. Ihre weiteren theologischen Ausführungen gefallen mir auch nicht, denn nein, nicht jeder Mensch ist ein Christ. Haben Sie für diese steile These eine biblische Grundlage?

Ich schätze Christoph Markschies sehr, finde aber diesen Artikel nicht sehr gelungen. Denn wir können nicht einfach so tun, als stünden wir vor der Entscheidung, wie wir mit Juden über unseren Glauben reden. Wer ein wenig Erfahrung im jüdisch-christlichen Dialog hat, der weiß, mit welchen Rhetoriken christologische Bekenntnisse abgebügelt wurden - und noch werden. Da hat(te) die Überzeugung "Mit dem Wirken des Juden Jesus sei deutlich geworden, dass Juden um des Heiles willen ihren Glauben ablegen müssten." allenfalls theoretische Relevanz - und im Grunde genommen nicht einmal das, weil Christoph Markschies (wieder einmal) den auferstandenen Christus vergisst. Deshalb: Ohne Aufarbeitung dessen, wie es zu den Beschlüssen wie in der Rheinischen Kirche kommen konnte, wird ein Schwenk schwerlich kommunikabel sein - und ich habe da erst einmal nur den protestantischen Binnenraum im Blick, bevor der Blick nach außen zu Juden, Muslimen ... gerichtet wird. Der Römerbrief besteht nicht nur aus Röm 9, 1–­16, sondern ist ein einladender Liebesbrief in den neuen Bund. Und der biblische Kanon besteht nicht nur aus dem Römerbrief. Die Rheinische Kirche, aber auch die Katholiken bei ihrem Nostra Aetate, scheinen den Hebräerbrief ganz vergessen zu haben und da z.B. Heb 8, 7-13, ja, sie scheinen die ganze biblische Systematik vergessen zu haben: Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh 14,6) Wie sollte es auch anders sein, wenn ER Gottes Sohn ist.

Guter Vorschlag. Schade nur, dass die Zuständigen den nicht diskutieren werden. Täten sie das, bestünde ja die Gefahr, dass vom Wert ihrer theologischen Ausbildung nicht mehr viel übrig bleibt. Zitat: “Die Landessynode hatte sich zur bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes durch Gott bekannt“. Diese Erkenntnis wurde sicher 1980 als eine grandiose Leistung bezeichnet. Wird sie das immer noch? Der Sturz von einem solch hohen Ross tut weh. In der Politik wollen Wähler immer häufiger einfache Wahrheiten. Das Gleiche gilt erst recht für die Religion der Christen. Von diesem Ziel sind die Theologen weiter denn je entfernt.