Lutherbibel 2017: "zum Abfall verführt" oder nur "verführt"

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Lutherbibel 2017: "zum Abfall verführt" oder nur "verführt"
Ist Verführung ­gottlos?
Revidiert

chrismon

Reviediert

"Wenn dich aber dein rechtes Auge verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre."

Bis 1912 hieß es in der Lutherbibel: „Ärgert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus.“ Dann fand man das griechische „skanda­lizei“ mit „ärgern“ zu harmlos übersetzt und legte nach: „Verführt dich dein Auge zum Abfall . . .“ Wir fanden bei der erneuten Revision das pure Verb noch stärker: „Verführt dich dein Auge . . .“

Die Übertreibung, man solle das Auge ausreißen und die Hand abhauen, macht klar, wie gefährlich die Macht der Verführung ist. Ein ­anderes Sprachbild: Man reicht nur einen ­Finger, und schon wird man ganz in eine Sache hineingezogen. So glaubten einige DDR-Pfarrer, als Informelle Mitarbeiter der Stasi politisch etwas bewirken zu können – und merkten dann nicht, wie gefährlich scheinbar harmlose Aussagen in der Giftküche der Stasi wurden. 

Ein Kirchvorsteher sagte mir: „Das erste Nein ist das leichteste.“ Ich glaubte, das gelte nur für die DDR. Aber natürlich kann man das überall auf der Welt erleben. Manche Leute verlieren den Sinn für Anstandsgrenzen auch deshalb, weil ­Regenbogenpresse und Werbung die zerstörerische Kraft erotischer Fantasie kleinreden. Gut, wenn Frauen sich mit der „Me too“-Kampagne ­öffentlich gegen übergriffige Männer wehren.

Christoph Kähler

Christoph Kähler, Jahrgang 1944, leitet die Revision der Lutherbibel. Der Theologie­professor für Neues Testament war bis 2009 ­Bischof in Mitteldeutschland (zuvor Thüringen) sowie Stell­vertretender EKD-Ratsvorsitzender  
Jan-Peter Kasper/FSUDie Lutherbibel im Lebensalltag - Feier zum 70. Geburtstag von Landesbischof i.R. Prof. Dr. Christoph Kähler am 20.05.2014 an der Universität Jena. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

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