Gesindel auf dem Fest

2. Sonntag nach Trinitatis
Der Religionspädagoge Fulbert Steffensky

Religionspädagoge Fulbert Steffensky

Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein . . . Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach: Ich habe einen Acker gekauft . . . Der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft . . . Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein . . .
Lukas 14,15-24

Merkwürdig, wie oft das Reich Gottes mit einem Gastmahl verglichen wird. Man kann es zwar verstehen, dass in kargen Zeiten die Menschen von einem Reich träumen, in dem keiner mehr Hunger ­leidet. Aber das ist nicht der ganze Grund. Die Aussicht, satt zu werden, macht allein den Reiz des versprochenen Mahles noch nicht aus. Nicht der volle Bauch ist versprochen (obwohl das schon viel ist für Hungerleider), sondern Schönheit: Musik, versöhntes Zusammensein von Menschen, feiern, besondere Kleider und schließlich Essen und Trinken. Das Mahl rechtfertigt sich nicht mehr durch seine Zwecke. Die Schönheit braucht keine Rechtfertigung. Das Beste im Leben hat keine Zwecke: Die Blumen, die mir jemand schenkt, haben keine Zwecke, Küsse und Umarmungen nicht, die Musik und die Gedichte nicht. Sie sind Fest.

Wen lädt der reiche Gastgeber ein? Zunächst seinesgleichen: Sie haben Äcker und Ochsengespanne. Eingeladen sind, die des Einladenden würdig sind – durch gleiches gesellschaftliches Ansehen, Freundschaft oder verwandtschaftliche Beziehungen. Die Auswahl ist verständlich. Dann aber kommt die zweite Einladung an die von den Hecken und Zäunen. Die Geladenen tragen den Grund für die Einladung nicht in sich selber. Es ist der bunte Haufen von der Straße. Warum werden sie geladen? Weil sie das Fest im unfestlichen Leben am nötigsten haben. Sie können es sich nicht erlauben, eine Einladung auszu­schlagen. Sie haben weder Äcker noch Ochsengespanne, die sie prüfen müssen. Der Herr des Gastmahls lädt die Unwürdigen nicht nur ein, weil die Würdigen nicht kommen. Er ist ein Anarchist, der das Lumpenpack von Anfang an im Auge hat. Die ehrbaren Leute versäumen das Fest. Das Gesindel lässt die Puppen tanzen.

Die Bedürftigkeit schändet nicht

Einmal bin ich mit einem Freund – wir waren noch Studenten – durch das Donau­tal gewandert. Wir hatten kaum Geld und waren abgerissen und hungrig. Wir kamen durch ein Dorf, in dem eine große Bauernhochzeit gefeiert wurde. Wir schlichen uns ein und mischten uns unter die Esser und Trinker. Braut und Bräutigam sahen uns erstaunt an, als wir artig gratulierten. Sie wussten, dass wir Schnorrer waren. Jedenfalls ließen sie uns essen und trinken und tanzen. Wir konnten die Voraussetzungen für das Fest nicht erfüllen: Wir waren nicht verwandt, brachten keine Geschenke, und feine Anzüge hatten wir auch nicht. Aber mit einem Augenzwinkern ließ man uns gewähren. Wären wir anständigere Menschen gewesen, hätten wir das Fest ge­mieden, zu dem wir nicht geladen waren. Aber wir waren zu jung, um schon so anständig zu sein.

Es ist nicht leicht, abgerissen auf Hochzeiten und Festessen zu sein und von der Güte geduldet zu werden. Es ist nicht leicht, das anzunehmen, worauf man keinen Anspruch hat. „Ich schulde niemanden etwas!“, sagen manchmal Menschen, und sie sind stolz darauf, die Souveräne des eigenen Lebens zu sein und sich sagen zu können, dass sie mit Schweiß verdient haben, was sie bekommen. Aber die köstlichsten Dinge des Lebens, kann man nicht erwerben, man erhält sie umsonst.
Man kann sich Freundschaft und Liebe nicht verdienen, auch nicht Vergebung und Zuneigung, sie sind Geschenke. Je geistiger ein Wesen ist, umso mehr ist es fähig, zur eigenen Bedürftigkeit zu stehen. Wer liebt, weiß am besten, dass er nicht mit sich ­selber auskommt. Sogar Gott will nicht mit sich allein auskommen. Er braucht uns. ­

Er will gelobt und geliebt werden. Auch er will von den Zäunen und Hecken geholt und geborgen werden in unserer Liebe. Die Bedürftigkeit schändet nicht, weder Gott noch uns Menschen.

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