Dirk Ahrens über Lob aus dem Munde der Unmündigen

Die Welt steht Kopf
Landespastor Dirk Ahrens

Dirk Ahrens: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 17.03.2016: Landespastor Dirk Ahrens. FOTO: Hanna Lenz

Hanna Lenz

Jesus ist auf Krawall gebürstet. Er meidet den offenen Konflikt nicht mehr. Schon der Einzug nach Jerusalem soll größtmögliche Aufmerksamkeit wecken. Für die Inszenierung wird extra eine Eselin mit Füllen organisiert. Menschen am Wegesrand breiten ihre Kleider wie einen Teppich, wedeln mit Palmzweigen und rufen Hosianna. So empfängt man einen großen König. Zumindest sieht das so aus, wenn es ein Kinderspiel ist: Kein edles Ross, kein roter Teppich, keine Wedel aus Pfauenfedern. Dafür großes Geschrei und einer in ollen Klamotten auf einem Esel. Was für ein riesen Spaß! Und welch eine Provokation für alle Bedenken- und Würdenträger!

Angekommen am Tempel ist keine Zeit für Stille und Gebet. Wer noch nicht gemerkt hat, dass Jesus in der Stadt ist, wird es nun hören und sehen: Jesus geht hinein und stößt die Tische der Händler um, Tauben flattern panisch in ihren Käfigen, Händler leisten Widerstand, Jesus treibt sie vor sich her. Die Münzen der Geldwechsler fallen scheppernd auf den Steinboden. Geschrei, Gerenne und Getümmel. Dazwischen Kinder, die versuchen, einige Münzen zu erhaschen. Gut gehüteter Besitz verteilt sich um. Arme werden reich und Reiche arm. Was für ein Lärm! Mittendrin Jesus: „Ihr habt aus dem Bethaus eine Räuberhöhle gemacht!“ Die Honoritäten schäumen vor Wut. Ist ihm gar nichts mehr heilig? Wie weit wird er das Volk aufwiegeln? Bevor er kam, war mehr Ruhe für Gebet. Und das Volk feiert, die Kinder schreien, alles rennt durcheinander. Alles, was eben noch ehrerbietend und furchteinflößend war, ist nun Gegenstand von Spott und Spaß.

Es sind Blinde und Lahme im Tempel. Jesus heilt sie fast nebenbei in all dem Chaos. Kein Hinweis, wer sie sind, kein Bericht, wie es geschieht. Die Kinder schreien es heraus! Das Chaos im Tempel ist mehr als nur Spaß und Lärm, es ist schöpferisch. Eine neue Welt wird in all der Unordnung sichtbar, aber nur für jene, die es sehen können: Münzen scheppern in den Taschen der Armen, die Kinder führen das große Wort, und die Erstarrten und Erlahmten werden plötzlich beweglich und lebendig. Und die Blinden sehen. Steht die Welt Kopf, oder wird sie einfach nur wieder auf die Füße gestellt? Nun schreien die Kinder auch noch Hosianna. Halb erlernt vom großen Einzugstheater mit Esel und in kindlich begeisterter Ernsthaftigkeit: Dies ist ein König der Kinder. Aber der Sohn Davids?

Die Bewahrer der alten Ordnung entrüsten sich: Er muss doch merken was die Kinder da schreien, und dass er zu weit geht. Sie halten ihn nicht für irre. Dafür spielt er zu gekonnt mit der Heiligen Schrift. Sie sehen, was das Volk nicht erkennt: alle seine Taten sind voller Anspielungen an die Schriften der Propheten. Er muss - wie sie - ein Schriftgelehrter sein. Ein intelligenter Scharlatan, der sich über die Verheißung des Messias lustig macht.

Die Bewahrer der Ordnung sind klug und studiert. Sie sind ernsthaft bemüht. Zu meinen, sie wären nur am eigenen Vorteil interessiert wird ihnen bei weitem nicht gerecht. Aber sie fürchten das Chaos. Jesus zeigt kein Verständnis für ihre Vorwürfe: Sie sind gefangen in ihrer Sorge um die Ordnung. Sie denken, dass er die Welt auf den Kopf stellt. Dabei stellt er sie zurück auf die Füße. Sie können nicht verstehen, was die Kinder erkennen: Dieser ist der Sohn Davids! Derjenige, der alles wieder zu Recht bringt.

Und Jesus, der König der Unmündigen und Säuglinge, der König der Kleinen lässt die Schriftgelehrten stehen und geht zur Stadt hinaus. Es wird still, und es wird Nacht.

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