Dirk Ahrens über den Neuen Bund

. . . das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: "Erkenne den HERRN", denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben . . .
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Online-Dachzeile: 
Dirk Ahrens über den Neuen Bund
Maßlose Verheißung
Gott schreibt sein Gesetz in unser Herz. Und dann gibt es kein Halten mehr. Wir müssen einfach helfen

Manchmal ist es nicht leicht zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Das Elend der im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge und die Not derer, die auf dem Landwege nach Europa scheitern, rühren das Herz vieler Christinnen und Christen. Mit Blick auf Europas Reichtum scheint viel mehr Hilfe möglich. Nicht wenige Menschen plädieren dafür, viel mehr Flüchtlinge aufzunehmen als bisher. Die Bibel fordert uns auf, unsere Hartherzigkeit und unseren Egoismus zu überwinden und für Notleidende aktiv zu werden.

Dirk Ahrens

Dirk Ahrens, 1963 in Goslar geboren, ist Landespastor und Leiter des Diakonischen Werks Hamburg. Nach dem Abitur in Celle studierte er Theologie in Hermannsburg und Wien. Von 1992 bis 1994 war er Dozent für Theologie und Pädagogik am Institut für Kirchenmusik der Universität Greifswald. Zwischen 1999 und 2001 leitete er das Theologisch-Pädagogische Institut Greifswald. Ab 2001 war er acht Jahre lang Gemeindepastor in der Kreuzkirche in Hamburg-Wandsbek. Seit 2014 schließlich hat er seine beiden aktuellen Ämter inne.
Hanna LenzDirk Ahrens: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 17.03.2016: Landespastor Dirk Ahrens. FOTO: Hanna Lenz

Daneben gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, denen die Zuwanderung Sorgen bereitet. Ihre Skepsis muss man nicht unbedingt teilen, um ihre Argumente, Fragen und Einwände zu verstehen. Schwierig wird das Gespräch mit jenen, bei denen Sorge und Skepsis zu Angst und Aggression geworden sind. Für sie ist eine weitere Aufnahme von Menschen in Not unvorstellbar. Viele ihrer Ängste scheinen unbegründet und nicht nachvollziehbar. Manche Befürchtungen sind nachweislich durch keine Fakten gedeckt. Eine freundliche Beziehung zu solchen Menschen fällt oft schwerer als das Engagement für ­eine Flüchtlingsfamilie. Insbesondere dann, wenn sich die Angst hinter Beschimpfungen und Hass verbirgt.

Auch ohne Fakten ist die Angst real

Die Nächstenliebe gebietet es, auch diese Not ernst zu nehmen. Denn wer sich auf Gespräche einlässt, wer fragt und hört und auf Belehrungen verzichtet, muss fest­stellen: Die Angst selbst ist real. Daran ändern auch abwegige Begründungen nichts. Die Angst selbst lässt sich nicht wegargumentieren. Angst, die nicht wahrge­nommen und ­integriert werden darf, kann sich in Panik und Aggression verwandeln. Welche Auswüchse das haben kann, erlebt man auf Pegida-Demonstrationen. Es ist nicht falsch, sich angesichts mancher Wutbürger immer wieder klarzumachen, dass das Liebesgebot auch für sie gilt: "Liebe ­deinen Nächsten wie dich selbst!" Noch schmerzhafter klingt dies in der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig: "Denn er ist wie du!"

Wir haben das Liebesgebot schriftlich. Leider hilft uns das nicht im politischen Dilemma: Der Not des Flüchtlings steht die Not des Wutbürgers gegenüber. Möglicherweise ist die eine Not erträglicher als die andere. Möglicherweise scheint uns die Not des einen nachvollziehbarer als die des anderen. Wir kommen nicht umhin, uns in der erhitzten Situation politisch zu positionieren. Moralische Überheblichkeit verbietet sich. Egal wie die Entscheidung ausfällt: Wir werden schuldig am einen oder anderen. Möglicherweise entscheiden wir falsch, und unsere Entscheidung wird der komplexen Lage nicht gerecht.

Weisheit, Liebe und Vergebung

Uns bleibt die Bitte um den Heiligen Geist, um Weisheit und Liebe. Als Christen bleibt uns auch das Vertrauen auf Vergebung. So unvollkommen wir sind, so unvoll­kommen sind auch unsere Entscheidungen. Gott weiß das. Aber ­offensichtlich genügt Gott das nicht. Der Prophet Jeremia verheißt, dass Gott künftig einen neuen Bund mit uns schließen wird. Dann werden wir nicht mehr in der ­Bibel lesen müssen, dann wird uns Gottes Gesetz in Herz und Sinn geschrieben sein. Wir werden wissen, was gut und richtig ist, und danach handeln. Dilemmata wie das oben beschriebene werden wir nicht mehr kennen. Denn es wird keinen Unterschied zwischen Gottes und unserem Willen geben. Das wird der Tag des vollendeten Friedens zwischen uns und unseren Mitgeschöpfen sein.

Dies ist eine große Verheißung vor allem für alle jene, die in Not sind. Für alle anderen ist sie jetzt vielleicht noch zu groß. Aber Gott liebt eben maßloser als wir.

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