Christusbilder in der Bibellese zum Sonntag Judika

Judika
Demut vor den Liedern der anderen
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Fulbert Steffensky, Theologe, in seiner Wohnung in Luzern fotografiert.

Foto: Sophie Stieger

Er hat in seinem Erdenleben Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Sohn war, durch sein Leiden Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber ihres ewigen Heils geworden.
Hebräerbrief 5,7–9

Es ist erstaunlich, wie viele Christus­bilder uns überliefert sind. Schon in der Bibel gibt es nicht das eine, in eine allgemeine Stimmigkeit kanalisierte Bild.

Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, ist einer der bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Er lehrte Religionspädagogik und lebt in der Schweiz.
Im Johannesevangelium ist Christus der Hoheitliche, der den Lauf der Dinge kennt und deuten kann. Sein Tod ist seine Verherrlichung, sein „Übergang aus der Welt zum Vater“ (13,1). So stirbt er beinahe mit einer königlichen Geste: „Er neigte sein Haupt und starb“ (19,30). Das Ende der Erhabenheit im Matthäusevangelium, nur noch ein Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (27,46). Im Hebräerbrief ein neues Bild: Da ist ein Verlorener, der mit „Bitten und Flehen mit  lautem Schreien und mit Tränen“ um Rettung bettelt; einer, der an seinem Leiden den Gehorsam gegen Gott lernen musste. Auch er ist kein Erhabener, der den Plan Gottes kennt und dem der Tod leicht wird, weil er seinen Sinn schon vorab kennt.

Verschieden sind die Christusbilder der Tradition, verschieden auch die Deutungen in unserer Gegenwart. Die einen sagen, er sei der Psychotherapeut, der Menschen über Grundängste hinweghilft. Die anderen sagen, er sei der „neue Mann“, der endlich die alten patriarchalen Muster durchbricht. Die einen nennen ihn den Heiland, der sein Blut zur Sühne für unsere Sünden vergossen hat. Die anderen sehen in ihm den Befreier aus gesellschaftlicher Knechtung. Ich will keine dieser Deutungen ­verwerfen. Sie haben wohl alle ihr Recht, alle halten einen Zipfel seiner Wahrheit.

Die Aussagen über Christus sind keine Erklärungen von Sachverhalten, sie sind die Umkreisungen eines Geheimnisses, das sich den Erklärungen widersetzt. Jede Zeit umkreist dieses Geheimnis von an­deren Standpunkten, von anderen Bedürfnissen, Leiden und Wünschen her, und darum können unsere Erklärungen nie den Anspruch von Letztendlichkeiten haben. Dass sie verschieden oder gar widersprüchlich sind, ist das Zeichen ihrer Lebendigkeit. Wo die Theologie, die Rede über Gott und über Christus, widerspruchsfrei, stimmig und in eine Sprache und einige endgültige Formeln und Richtigkeiten zu fassen ist, spricht sie eine ausgebleichte Sprache, die das Geheimnis missachtet. Gott „wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann“ (1 Timotheus 6,16). Das ist das Ende aller theologischen Besserwisserei.

Keine theologische Sprache kann einen Alleinvertretungsanspruch erheben

Gott die Ehre seines Geheimnisses zu lassen heißt, das Schweigen über ihn zu lernen und zu wissen, dass alle unsere religiöse Rede unter dem Gericht des Bilderverbots steht. Aber unser Glaube findet nicht hinter dem Rücken der Sprache statt, und so heißt es auch, unsere Sprache nicht aufzugeben, die sich mit Furcht und Schrecken an sein Geheimnis herantastet. Man kann nicht aufhören, von ihm zu reden, aber man kann aufhören, über ihn zu reden.

Das Geheimnis Gottes ehren heißt die Wahrheit derer zu ehren, die anders von Gott reden als wir. Keine theologische Sprache kann einen Alleinvertretungsanspruch erheben. Der Talmud sagt: „Die Sprache des einen und die Sprache des anderen ist die Sprache des lebendigen Gottes.“ Und der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas: „Die Sprache Gottes ist eine mehrzahlige Sprache.“ Das heißt Demut lernen vor Sprachen und Liedern derer, die einen anderen Zipfel von Gottes Mantel halten als wir.

In einem Text von Dorothee Sölle lese ich: „Ich bin das Geheimnis des Lebens, / du wirst mich nicht entziffern / und verkäuflich machen. / Du wirst mich nicht einteilen / In überflüssig und verwertbar. / Du wirst meinen Namen nicht an dich reißen, / um deine Macht zu vergrößern. / Du wirst meine Kraft spüren / Jenseits der Bilder und hinter den Namen. / Du wirst mich nicht verraten.“ 

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Lesermeinungen

"Ich glaube nicht, dass Gott einen Sohn hat." Wer solche Sätze schreibt, der hat, mit Verlaub, "nicht alle Tassen im Schrank. " Da helfen auch nicht die Verweise auf theologische Bücher. Sie verstehen von dem Gelesenen eh kein Wort. .

Ich glaube nicht, dass Gott einen Sohn hat. Dann müßte ich zumindest die Frage stellen, wer denn seine Mutter ist. Prof. Kurt Flasch hat eigentlich nachgewiesen, dass das Christentum eher eine Illusion ist ("Warum ich kein Christ bin"). Nach seiner Meinung hat der christliche Glaube Menschen in lebenswichtigen Dingen in die Irre geführt, indem er z. B. versicherte, es gebe Hexen. Die ganze Opfertheologie ist m. E. ein machtpolitisches Konstrukt. Selbst Theologen wie z.B. Jörns glauben schon lange nicht mehr an derartige Märchen. Im Übrigen sehr lesenswert das Buch "Mein alter Gott mein neuer Gott" des ehemaligen Jesuiten Herbert Rieser.