Christoph Markschies über den Herrn und Heiland

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
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Christoph Markschies über den Herrn und Heiland
Der mit der Vollmacht
Der sanfte Rabbi vom Lande: Trat Jesus wirklich so auf? Oder war er eher der überirdische Herrscher aus der Johannes­offenbarung?

 Monika Keiler
Jesus von Nazareth stellen sich viele vor, wie ihn das neunzehnte Jahrhundert gemalt hat: langes, volles Haar, Sandalen, einfaches Gewand. Doch gelegentlich wird er in der Bibel verstörend anders porträtiert. Vor allem gilt das für das letzte Buch der Bibel, die ­Johannesoffenbarung. Sie stellt uns einen Jesus vor Augen, „einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel“. Kein Zimmermannssohn aus einem Dorf am Rande des Römischen Reiches wie in den Evangelien, sondern ein Herrscher mit kostbarer Kleidung.

Und mehr als ein irdischer Herrscher: „Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen.“ Überirdisch kostbar, überirdisch schön, überirdisch gewaltig: Hier wird kein Mensch porträtiert. „Sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.“

Wenn Jesus von Nazareth so anders porträtiert wird, reagieren viele Menschen verstört – zumal wenn er nicht als der sanfte, verständnisvoll den Menschen zugewandte Lehrer der Weisheit erscheint, sondern als Herr und König aller Welt. Einige erklären solche Differenzen damit, dass wir es da eben mit späten Texten des Neuen Testamentes zu tun haben, in denen der lebendige Eindruck der Person, die in Galiläa über die Felder streifte, schon ziemlich verblasst ist. Doch Vorsicht! Die Dinge sind so einfach nicht.

Das letzte Buch der Bibel spielt mit seinem Bild von Jesus als Menschensohn auf eine Vision aus dem Buch des Propheten Daniel im Alten Testament an. Auch in ihr ist von einem Menschensohn die Rede, dem alle Macht, Ehre und Herrschaft auf ewige Zeiten gegeben wird. Und zweifellos ist diese Verbindung zwischen dem Menschensohn der hebräischen Bibel und der Person Jesu kein kluger Einfall gelehrter Theologen späterer Zeiten. Vielmehr hat Jesus von Nazareth selbst seine Person und sein Schicksal vor dem Hintergrund dieser biblischen Tradition vom Menschensohn gedeutet. Er war also nicht nur der sensible Lehrer der Weisheit, sondern trat mit einem für seine Zeit unerhörten Anspruch auf: dem Anspruch, an der Stelle Gottes zu handeln und dazu auch von Gott bevollmächtigt zu sein. Entsprechend redet er auch in den Evangelien vom Menschensohn und damit von sich selbst.

„Ich bin der Erste und der Letzte“

Schon die biblischen Texte des Alten wie Neuen Testamentes über den Menschensohn berichten, wie sich die Menschen verwundern und fürchten. Unsere verwunderten Reaktionen darüber, dass uns in Jesus von Nazareth mehr als nur ein sensibler Weisheitslehrer gegen­übertritt, sind kein Spezifikum aufgeklärter Neuzeit. Wenn von Gott die Rede ist, geht es eben nicht einfach um einen netten Onkel von nebenan, sondern um den Herrn und Heiland unseres Lebens.

Glücklicherweise sitzt er nach dem Zeugnis der genannten biblischen Stellen auch nicht wie ein vorneuzeitlicher König auf einem weit entfernten Thron und lässt uns furchtsam in der Ferne stehen. Er sagt: „Fürchte dich nicht.“ Und er sagt auch, warum. „Ich bin der Erste und der Letzte.“ Meint: Gott hat uns nicht nur ins Dasein gerufen und steht vor allem Anfang unseres Lebens, sondern er empfängt uns mit ausgebreiteten offenen Armen, wenn unsere letzte Stunde geschlagen hat. Gott am Anfang und Gott am Ende. Schlichter bekommen wir es vom Autor des letzten Buches der Bibel nicht gesagt, schlichter hat aber auch Jesus von Nazareth nicht geredet: So kraftvoll, aber darum auch so tröstlich. Schlichter sollten wir uns daher unseren Herrn und Heiland auch nicht vorstellen. 

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