Christoph Markschies über den Gott der Liebe

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, ­erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch ­geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat . . .
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Christoph Markschies über den Gott der Liebe
"Letzter Sinn"
Oder sollte man doch lieber sagen: „Gott“? Warum es besser ist, von Gott nicht als philosophischem Prinzip, sondern als einem richtigen Gegenüber zu sprechen

 Christoph MarkschiesThomas Meyer
Manchmal scheint mir, dass Gott uns Professorinnen und Professoren verloren zu gehen droht. Verloren in tausend Richtigkeiten, in tausend Rücksichtnahmen. Ich arbeite an einer Theologischen Fakultät. Wir sagen nicht mehr „Gott“, sondern sprechen gern mit Friedrich Schleiermacher, einem Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, vom „Woraufhin meiner schlechthinnigen Abhängigkeit“. Wir halten diese Formel nach den Infragestellungen der letzten zwei Jahrhunderte für angemessener als das alte Wort. Oft liegt Gott dann irgendwo im Nebel unseres ­Redens über den „letzten Sinn hinter allen Dingen“.

Dabei war Schleiermacher, der Urheber der Formel, nicht nur Professor, sondern ein ziemlich erfolgreicher Gemeindepfarrer. Er ersetzte irgendwann die Worte seiner in jungen Jahren geprägten Formel wieder durch das schlichte Wort „Gott“. Manche unserer Studierenden lernen unsere gewundenen Formeln brav auswendig, klettern dann auf eine Kanzel und wundern sich, warum ein abstraktes, zu blassen Formeln verdünntes letztes Prinzip niemanden tröstet, aufbaut und ermutigt. Was ein netter Einfall für ein Gespräch mit einem Philosophen sein mag, hilft nicht, wenn man in die Gesichter einer Trauergemeinde schaut.

Ganz anders biblische Texte. Sie porträtieren Gott als leidenschaftlichen Liebenden, der das Volk Israel nur ­deswegen auswählt, weil er es eben liebt. Alle Versuche, diese Auswahl zu rationalisieren und deshalb den Ge­bildeten irgendwie verständlich zu machen, werden ab­gewiesen. Er wählt das Volk nicht aus, weil es größer wäre als alle ­Völker – was wäre das auch für eine Liebe, die nur nach Größe, Geltung und Macht ginge? So wollen wir nicht lieben und auch nicht geliebt werden, wenn wir bei Trost sind.

Wir lieben, weil wir lieben und nicht nach Größe und Geltung schielen

Gott liebt auch, so heißt es, weil er treu ist. Er läuft nicht zum nächsten besten Geliebten davon, weil der größer und mächtiger oder sonstwie attraktiver daherkommt. ­Er bleibt bei seinem kleinen Volk, in das er sich vor Zeit verschossen hat und dem er sich einst versprochen hat.

Gilt dieser dem jüdischen Volk einst zugesagte Text überhaupt uns Christen? Nur in zweiter Linie, nur dann, wenn wir nicht behaupten, er habe seine Gültigkeit für die erste Liebe verloren. Aber natürlich ist dieser Text auch nicht ein altes orientalisches Märlein, uralte Religiosität, die uns nichts mehr anginge. Wir sind nach dem Ebenbilde dieses Gottes geschaffen, und darum liegt auch auf unserem Lieben Segen, wenn wir nur deswegen lieben, weil wir lieben, und nicht nach Größe, Geltung und Macht schielen; dann ist es bald aus mit der Liebe. Und wenn wir bei den ersten Schwierigkeiten zum oder zur vermeintlich Besseren davonlaufen, rennen wir auch alle miteinander lieblos durch die Gegend auf der Suche nach einer ewigen Liebe, die wir so jedenfalls nie finden werden.

Von unserem Gott so zu reden, dass er als ein solcher leidenschaftlicher Liebender sichtbar wird und nicht als abgeblasste, nebulöse philosophische Formel, ist der theologische Ernstfall. Ich habe gern Philosophie studiert und unterhalte mich gern mit Philosophen. Aber ich verwechsle das geistreiche philosophische Gespräch hoffentlich so wenig mit der Rede vom jüdisch-christlichen Gott in kirchlichen Zusammenhängen, wie ich Faszination durch einen Menschen mit der Liebe zu einem geliebten Menschen verwechsle. Deswegen sollte im Zentrum evangelischen Theologiestudiums auch die Heilige Schrift beider Testamente stehen, die Dozierende wie Studierende inmitten ­aller ihrer gedanklichen Konstruktionen an den lebendigen Gott erinnert und ihn zur Sprache kommen lässt.

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