Das Wort
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Vorbild zu sein ist nicht leicht. Gut, dass Christenmenschen meist beides zugleich sind: Schafe und Hirten
Jedes Jahr verewigen sich die deutschsprachigen Theologiestudierenden, die am ökumenischen Studienjahr der Dormitio-Abtei in Jerusalem teilnehmen, an den Wänden eines ziemlich engen und finsteren Tunnels, der das Studienhaus mit der Abtei verbindet.
Eine besonders gelungene Darstellung stammt vom 36. Studienjahr 2009/2010 und ist übertitelt: „Wir sind doch eine Herde.“ Auf dem Bild sind alle Studierenden als Schafe porträtiert. Einer wurde dargestellt als schlafendes Schaf auf einem Teppich – offenbar war er morgens nicht der Erste in den Vorlesungen.
Eine andere ist als musizierendes Schaf abgebildet und bläst Flöte – man ahnt, welches Hobby diese Studentin hat. Die Professorin, die das Programm als Studiendekanin leitet, ist ebenfalls als Schaf porträtiert. Sie hält aber einen zierlichen Hirtenstab in den Händen. Und ein Student namens „Max“ hat eine Gitarre umgehängt.
Auch Bischöfe sind Schafe
Mir gefällt dieses Bild der Studierenden schon deswegen, weil ich viel zu oft bittere Klagen über das Bild vom Hirten mit seiner Herde gehört habe. Ich freue mich, dass Theologiestudierende es ebenso unbefangen wie auch leicht ironisch nehmen können.
Nicht, dass ich missverstanden werde: Natürlich verstehe ich, wenn einer sich als Christenmensch entmündigt fühlt, weil ihm nur zugebilligt wird, wie ein Schaf willig und ergeben einem Hirten zu folgen, der weiß, was gut für ihn ist.
Selbstverständlich kann ich nachempfinden, wie sehr Kolleginnen und Kollegen im Pfarramt darunter leiden, wenn sie für eine ganze Gemeinde gutes Vorbild sein sollen – dann scheitert ihre Ehe, oder sie zerbrechen unter den Anforderungen des Dienstes und glauben, in ihrer Vorbildrolle zu versagen.
Aber glücklicherweise sind wir in der evangelischen Kirche als Christenmenschen ja meist beides zugleich – Schafe und Hirten. Gerade so, wie es das Wandbild der Studierenden im Tunnel dargestellt hat: Schafe mit Hirtenstäben in der Hand. Pfarrerinnen und Pfarrer, ja selbst Bischöfe und Bischöfinnen sind zugleich schlichte Gemeindeglieder, die sich da wie dort verirren und einer freundlichen Anleitung bei der Suche nach dem rechten Weg bedürfen.
Machtrausch und Profitsucht
Dem Autor des ersten Petrusbriefs geht es freilich in seiner Passage nicht um ein idyllisches oder gar leicht ironisiertes Bild der christlichen Gemeinde als einer Herde von Schafen auf einer Weide.
Er warnt vielmehr die Hirten – und das gilt natürlich inzwischen auch für Hirtinnen – vor drei Gefahren: Er warnt zum einen vor dem Machtrausch, der einen in jedem Leitungsamt ereilen kann. Insbesondere dann, wenn man nie zuvor über die Gefahren im Umgang mit Macht nachgedacht hat.
Zweitens warnt er vor Profitsucht. Nun kennen wir Geldgier eher aus Skandalgeschichten über freikirchliche Gemeinden in Amerika. Die Gehälter, die hierzulande Vikarinnen und Vikaren gezahlt werden, sprechen niemanden an, der seine Berufswahl aus Profitsucht trifft. Aber die Frage, wann ein legitimes Interesse nach Anerkennung für die eigene Arbeit in Sucht nach solcher Anerkennung umschlägt, muss erlaubt sein.
Es gibt noch den obersten Hirten...
Aktuell ist die dritte Warnung, die Aufgabe nicht gezwungen zu tun, sondern freiwillig. Man könnte von einer Warnung vor Amtsmüdigkeit sprechen, und die ist natürlich angesichts der vielen Pfarrerinnen und Pfarrern, die inzwischen oft mehrere Gemeinden „versorgen“ sollen, nur zu berechtigt.
Da sind dann andere Hirten (und Hirtinnen) gefragt, die nicht nur warnen, sondern konkret Menschen helfen, Gefahren und Abgründe zu vermeiden. Einander zum Hirten – oder zur Hirtin – kann man dann werden, wenn man noch weiß, dass es einen obersten Hirten gibt, wie der Text sagt. Einen, hinter dem wir alle zurückbleiben, der uns trotzdem immer aufnimmt und zu frischen Wassern und grünen Wiesen leitet.

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