Das Wort

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Steffensky über Zungenrede in Apostelgeschichte 19,1–7

Verzückt vom Tanz der Liebe
Tag der Geburt Johannes des Täufers
...Paulus kam nach Ephesus und fand dort einige Jünger. Zu denen sprach er: Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie sprachen zu ihm: Wir haben noch nie gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt... Und als Paulus die Hände auf sie legte, kam der Heilige Geist auf sie, und sie redeten in Zungen und weissagten...
Apostelgeschichte 19,1–7
Theologe Fulbert Steffensky

Foto: Sophie Stieger

Immer wenn es in der Bibel um den Geist geht, verliert die Sprache ihre natürliche Behäbigkeit und fängt an zu tanzen. So in der Mosegeschichte, als der Geist über die 70 Ältesten kam und sie „in Verzückung“ gerieten (4. Mose 11,25). So in der Pfingstgeschichte, als die Männer und Frauen der Jesusbewegung, erfüllt vom Heiligen Geist, anfingen „zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“. Und so auch in unserer Geschichte: „Als Paulus die Hände auf sie legte, kam der Heilige Geist auf sie, und sie redeten in Zungen und weissagten“. Sie wurden verzückt und die Sprache mit ihnen. Verzückt hängt mit dem Wort „zucken“ zusammen. Zucken ist kein Bild der Gemächlichkeit, sondern der Unruhe. Die Sprache wird unruhig wie diese Menschen, die der Geist verzückt hat.

Die Sprache von geist-verzückten Menschen, besser von geist-entzückten Menschen, überspringt die einfache Verständlichkeit, sie hat ein glossolalisches Moment. Am besten sieht man es an der Sprache der Liebe. Die Liebenden sagen sich nicht in einfachen und klaren Worten, was sie aneinander haben. Die Sprache selbst wird zum Tanz der Liebe. Sie sagen sich: Du bist mein Baum, du bist meine helle Wolke, du bist mein Abgrund. Leidenschaft führt zu großen Sprachsprüngen. Die Liebenden sagen sich nicht nur etwas. Sie sind selbst in ihrer Sprache enthalten. Vielleicht sind so die Zungenreden der Geistbefallenen zu verstehen. Leidenschaftslose Sprache hat Argumente, aber sie kennt keine Tänze.

Für Paulus musste prophetische Rede vor allem verständlich sein

Paulus lobt die Kraft dieser leidenschaftlichen Sprache, und er hat seine Skepsis gegen sie. Er setzt sich im ersten Korintherbrief damit auseinander (14,1–26). Er hat einen höchst rationalen Maßstab für Zungenreden und für jede Art von Entrissenheit. Er fragt nicht: Redet hier wirklich einer im Geist oder nicht? Er fragt: Ist diese Rede verstehbar? Wenn sie nicht verstehbar ist und wenn sie von keinem Interpreten ins Verständnis gebracht werden kann, dann soll dieser Mensch privat und zu Hause lallen – Geist hin, Geist her! Entrissenheit und Verzückung allein haben keinen Beweiswert. Das ist ein wundervoller Rationalismus gegen alle Verschwommenheit, die sich als Geist gibt; und gegen alles Rauschhafte und Mirakelhafte in der Religion.

Autor/in

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, ist einer der bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Er lehrte Religionspädagogik und lebt in der Schweiz.
Die Geistesergriffenheit bestreitet Paulus nicht. Aber sie ist nicht maßgebend, sie wird gemessen. Der Maßstab ist die Verstehbarkeit der Rede. Was nicht Mitteilung ist und was nicht auf Mitteilung aus ist, ist nicht erheblich, von welchem Geist es auch immer stammen mag. „Gott ist das Allermitteilsamste“, sagt Meister Eckhard. Er ist keine Geheimklausel, die nur wenige kennen. Paulus schätzt die prophetische Rede, weil sie aufgeschlossene Rede ist; eine Rede, die zu den anderen eilt und sie erbaut, tröstet, ermahnt und warnt. Die unverständliche Rede kommt ohne Öl und Wein und Brot, mit in den Wind gesprochenen Worten und ohne Güte. Keiner weiß, was gespielt wird, sagt Paulus, wenn diese Rede daherkommt und auch noch auf die eigene Nichtverstehbarkeit stolz ist. Lieber fünf Worte mit Verstand als zehntausend Worte mit Zungen!

Was tut ihr den Unkundigen und den Ungläubigen an mit eurer unverständlichen Rede?, fragt Paulus. Die unverständliche Rede enthält den Unkundigen die Kunde von Gott vor. Wenn die Gemeinde verstehbar redet, wird der Unkundige niederfallen auf sein Angesicht und Gott anbeten. Paulus macht die Gemeinde für die Einsicht und die Glaubensfähigkeit der Fremden verantwortlich. Die beiden Fragen stellt Paulus der Sprache der Kirche: Lässt sie das Entzücken über die alte Nachricht erkennen? Ist sie verstehbar?

VRK