Das Wort

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Steffensky über Stolz und Demut im 2. Timotheus 1, 7‒10

Weicht, ihr Trauergeister!
16. Sonntag nach Trinitatis
...Gott hat uns nicht ­gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der ­Besonnenheit... Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf... nach der Gnade, die uns ­gegeben ist in Christus ­Jesus...der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein un­vergängliches Wesen ans Licht ­gebracht hat durch das Evangelium.
2. Timotheus 1, 7‒10
Der Theologe Fulbert Steffensky in seiner Wohnung in Luzern

Foto: Sophie Stieger

Der Verfasser des 2. Timotheusbriefes redet zu einer gefährdeten jungen Kirche. Die Euphorie des Anfangs ist vorbei, es gibt Spaltungen. Viele Gemeinden werden verfolgt. Das ist die äußere Bedrohung jener Kirche. Es gibt eine vielleicht gefährlichere innere: Furcht, Feigheit und Verzagtheit überfallen sie. Die Texte der Bibel sind nicht nur historische Dokumente, sie sind Briefe, an uns als Kirche geschrieben. 

Wir sind in unserem Land nicht wie jene frühen Christen und Christinnen an Leib und Leben bedroht, aber wir erleben die innere Bedrohung: die Dämonen der Furcht, der Verzagtheit und der Depression. Wir erleben, dass Menschen in Massen die Kirchen verlassen; dass unsere eigenen Kinder die alten Texte, Lieder und Traditionen nicht mehr kennen, die uns selber lange getröstet und geborgen haben; dass die Kirchen nicht mehr geachtet und geschätzt werden, wie sie es einmal wurden. 

Die eine Möglichkeit: Man trauert der „guten alten Zeit“ nach, in der die Kirche die Erste und Angesehenste war. Man schönt die Vergangenheit und erschöpft sich in ihrer Beweinung. Man verfällt dem Geist der Furcht. Aber war unser christliches Abendland je so christlich, wie wir es ihm heute nachsagen? Zur Besonnenheit und Kraft gehört die mutige Erkenntnis, dass wir als Kirche noch nie die waren, die wir hätten sein sollen. Religiös war die Gegend, die wir als christliches Abendland bezeichnen – aber auch christlich? Was hat die stählerne Schönheit des Peters­domes und die prächtige Kaufmanns­kirche in Hamburg mit dem armen Mann Gottes aus Nazareth zu tun? Zur Kraft des Geistes gehört es, die eigene Weinerlichkeit zu verspotten und anzuerkennen, dass auch unsere Zeit eine Zeit Gottes ist. 

Von der eigenen Dominanz verabschieden

Der Geist der Kraft will unseren Stolz und unsere Demut. Stolz: Wo gibt es Gruppen, die seit 2000 Jahren die Bergpredigt in ihrem Gepäck haben? Wo spricht man davon, dass die Armen die ersten Adressaten der Aufmerksamkeit Gottes sind? Wo erzählt man sich die Geschichten von der Vergebung und der Gnade? Wo erzählt man sich von einem Gott, der das menschliche Schicksal bis in den Tod geteilt hat? Wir haben etwas zu sagen, an etwas zu erinnern und etwas einzuklagen, was in der Gesellschaft so oft vergessen wird. 

Demut ist das zweite, was zum Geist der Kraft und der Liebe gehört. Wir sind nicht die einzigen in unserer Gesellschaft, die von Gott erzählen und ihn verehren. Unsere Häuser sind nicht die einzigen, in denen man etwas vom Charme des Betens weiß. Wir sind nicht die einzigen, die für den Frieden eintreten und auf dem Recht der Armen bestehen. Mit anderen Menschen und Gruppen leben heißt, sich von der eigenen Dominanz zu verabschieden. 

Grenzen überwinden

Wir haben uns lange für die Wichtigsten gehalten. Wir sind es nicht. Wir sind Mitspieler im großen Spiel der ­Humanität, nicht Schiedsrichter, nicht ­Linienrichter. Wir sind wichtig, und wir sind nicht alles. Gott ist alles, das genügt. Der Neid und das scheele Auge auf die anderen und ihre Begabungen kosten uns so viel Kraft, die wir für Besseres brauchen. 

In Konkurrenzen denken die, die von sich selbst nicht überzeugt sind. Unsere Frage kann nicht sein: Von wem grenzen wir uns ab? Die Frage ist vielmehr, mit wem zusammen spielen wir das große Spiel der Humanität und der Verehrung Gottes? Christus ist der Meister der Grenzüberschreitungen. Er hat die Grenzen von Sünder und Gerechten hinter sich gelassen, die Abgrenzungen zwischen Frauen und Männern, Angesehenen und Verachteten. Sein größtes Abenteuer: die Überwindung der Grenze zwischen Gott und Mensch. Das ist die Freiheit, die er uns vermacht hat und zu der er auffordert.