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Ausgewählt? Von wem? Alle Menschen, alle Religionen haben den Anspruch etwas Besonderes zu sein. Wer diesen Anspruch nicht hat, der wird geknechtet, der ist unfrei, der ist ein Opfer oder bar aller menschlichen Empfindungen. Die soll es ja auch geben. Auch die Juden gehen von der Schöpfung und einem Schöpfer aus, der sie angeblich auserwählt haben soll. Aber was wäre das für ein Akt der Erniedrigung für alle Anderen. Denn die Erwählten könnten sich ja dann zu Recht als die Besseren, als die Führenden, als die Mächtigeren über alle anderen fühlen. Damit wäre der Schöpfer einerseits der Wohltäter für Wenige und der Verantwortliche für die Mehrheit aller Minderwertigen. Was für eine Arroganz! Einen Gott mit menschlichen Zügen kann es nicht geben. Was wäre das für ein Gott, eine Übermenschlichkeit, die erst selbst alles Gute und das Böse erschafft und dann das Böse bestraft, obwohl er es selbst geschaffen hat. Allein aus diesen Gründen kann niemand sich mit der Berufung auf den Schöpfer selbstherrlich als auserwählt bezeichnen.

Und dennoch haben die Juden das Recht, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Sie sind, gemessen an ihrer Zahl, vermutlich das leistungsfähigste Volk der Erde. Ähnlich wie die Inder ökonomisch in Afrika! Die Zahl ihrer Nobelpreisträger, ihrer Literaten, ihrer Forscher und ihrer erfolgreichen Firmen ist, immer im Verhältnis zu ihrer Zahl, immens. Gegenüber den Arabern sind sie in dieser Beziehung ohne Konkurrenz. Sie haben aus einer Wüste den Garten Eden gemacht. In den USA und Europa sind sie ein wesentlicher Teil der intellektuellen Führung. Das sie immer versucht haben, daraus auch Vorteile zu ziehen, ist nur allzu menschlich. Wer besser ist, profitiert auch davon.

Sie sind von Geburt und der Schöpfung an nicht besser als allen Anderen. Ihre Verfolgung, ihr Leben in der Diaspora hat sie seit über 16oo Jahren so widerstandsfähig und erfolgreich werden lassen. Ähnlich wie auch teilweise die Armenier und Libanesen. Allein aus der Historie her den Anspruch abzuleiten, die ältesten Rechte zu haben und über die religiöse Allwissenheit zu verfügen, birgt aber bereits die Gefahr der Anfeindung bis hin zum Antisemitismus. Auch der Neid der Anderen, dessen Quelle die fehlenden Einsicht und Toleranz ist, ist unausrottbar.

Durch die Vertreibung und Zerstreuung hatten die Juden häufig keine festen Gemeinden (Ausnahme teilweise ins Osteuropa) keine örtlichen Religionslehrer und Vorbeter, die mit ihrem Wissen die Glaubensüberlieferung aus der Thora gewährleisten konnten. Es war die Aufgabe der Väter in der Diaspora, ihren Kindern das Lesen der Thora (Schreiben war die logische Fortsetzung) und das Verständnis der Überlieferung des Glaubens, der sie als einzige Klammer zusammen hielt, zu vermitteln. Aber mit dem Können von Lesen und Schreiben waren sie bereits im Zeitalter der Analphabeten (Könige, Kaiser, Adel und Privilegierte wie das Volk!) häufig die Auserwählten. Als Konkurrenten hatten sie lediglich die Berater und Einflüsterer an den Höfen und die Mönche bzw. den Klerus. Bezüglich Sprachen, Weltläufigkeit und Ausbildung (Handel über die Grenzen) waren sie weitgehend konkurrenzlos. Berufsverbote zwangen sie zu Tätigkeiten, die andere nicht können wollten. Waren Juden aber auf Dauer sesshaft, wie da vielfach im Osten der Fall war, blieben sie arm und einflusslos. Suchte man im Westen ein neutrales Urteil, das mit dem eigenen Horizont nicht machbar war, oder wollten sich Kirche und Staat gegeneinander übervorteilen, dann brauchte man den Rat und später dann auch die Finanzen der Juden. Sie waren stets gefragt, wenn man nicht mehr weiter wusste, aber auch sofort der Bösewicht, wenn man die größten Gefahren überwunden hatte und für deren Folgen einen Schuldigen suchen musste. Hatten sich gar die vormaligen Kontrahenten geeinigt, war es einfach, die gegenseitigen Schuldzuweisungen mit Pogrome auf die abzuladen, die kurzfristig nicht mehr nützlich waren. Sie waren dann die teuflischen Einflüsterer für die Einen und die Christusmörder für die Anderen. Das war die einfachste Rechnung, um ihr Können zu nutzen und sie nach Belieben zu verfolgen.

Die Juden sind kein von göttlicher Macht auserwähltes Volk. Der aus der Not der Diaspora und dem Glauben erwachsende Zwang hat sie zum familiären und gesellschaftlichen Zusammenhalt und zu dem Erfolg geführt, der wiederum zum Erfolg verpflichtet. Für diese „Mechanik“ gibt es auch für andere Völker und Einzelpersonen (Vietnamesische Bootpeople in den USA, Überlebenskämpfe mit dem größten Erfolg) genügend Beispiele. Geschichte und Verfolgung haben sie (bis zur Vererbung?) gelehrt, das Wissen und Können die Schlüssel für das Überleben sind.