Vogelexperte Peter Berthold sagt, was man gegen das Vogelsterben tun kann

Viele Vögel sind nicht mehr da
Starschwarm mit einem Falken

Nick Dunlop

Vor dem Schlafen fliegen Stare gern gemeinsam ein paar Runden. Mit dabei: ein Falke

Starschwarm mit einem Falken

Es gibt immer weniger Vögel in Deutschland. Sie finden kein Futter für ihre Jungen. Was kann man tun? Der renommierte Vogelexperte Peter Berthold hat ein paar Ideen, wie man den Schwund wenigstens bremsen könnte.

chrismon: Was würde mir fehlen, wenn es keine Vögel mehr gäbe?

Peter Berthold: Wahrscheinlich würden Sie schwermütig werden, wenn Sie nur noch durch tote Natur fahren, nur noch andere Menschen und Straßenlärm hören, aber nicht mehr dieses Vogelstimmenkonzert.  Es rufen jetzt schon viele Leute bei mir an: Herr Berthold, wir machen uns allmählich große Sorgen, es kommen immer weniger Vögel an unser Futterhaus, das geht uns richtig aufs ­Gemüt! Andere Leute sagen: Wir fliegen nicht mehr nach Mallorca, sondern gehen hier bei uns spazieren, aber wir hören gar keine Lerche mehr singen! Oder einen Schwarm Stare wie früher, jetzt kommen mal zwei, drei Stück – das ist ja furchtbar!

Was ist passiert?

Wir verlieren Vögel und zwar immer schneller. Der Schwund ging bereits um 1800 los, war aber bis etwa 1950 relativ harmlos: 15 Prozent weniger Vögel. Seit 1980 ist es eine galoppierende Schwindsucht. Wir haben mittlerweile 80 Prozent weniger Vögel in Deutschland! Wo früher fünf Vögel zwitscherten, ist es heute nur noch einer. Derzeit verlieren wir jedes Jahr etwa ein Prozent unserer Vogelindividuen. Auf jeden Einwohner Deutschlands kommen gerade noch anderthalb Vögel.

Wieso sterben uns die Vögel weg?

Ihre Lebensräume werden vernichtet, sie finden keine Nahrung mehr. Bei den Insekten geht der Schwund noch schneller, die werden zusätzlich noch vergiftet durch die Pestizide im Ackerbau. Die Roten Listen der gefährdeten Arten werden immer länger. Eine Schande für eine Kulturnation!

Peter Berthold

Peter Berthold, ­Professor für ­Vogelkunde, war lange Jahre ­Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in ­Radolfzell am Bodensee. Er hat auch die Macher des oscar­nominierten Films "Nomaden der Lüfte – das Geheimnis der Zugvögel" beraten. Und jetzt, im ­Ruhestand, kämpft 
er weiter für 
Naturschutz, etwa 
als Mitglied im 
Stiftungsrat der Heinz ­Sielmann Stiftung.  
Privat

Warum haben dann manche Vogelarten zugenommen – trotz der feindlichen Umwelt? So charismatische Arten wie Uhu, Storch, Seeadler . . .

Das ist einfach zu beantworten: Den Uhu, der fast ausgerottet war, züchtete man nach; der kann jetzt ganz gut leben, weil es am Rand der Städte mittlerweile so viele Ratten gibt. Dass wir wieder ein paar mehr Störche haben, liegt daran, dass wir nachgezüchtet haben, ausgewildert und zugefüttert. Aber in Mecklen­burg-Vorpommern, unserem eigentlich besten Storchenland, nehmen die Störche weiter ab. Warum? Weil all die herrlichen Wiesen, wo der Storch sein Essen findet, umgewandelt 
werden in Maisfelder, Getreidefelder, Kar­toffelfelder. Beim Seeadler gibt es gut 500 Paare – da wird jeder einzelne Horst bis zum Ausfliegen der Jungen bewacht.

Wo ist denn dann der Schwund?

Bei über der Hälfte der Vogelarten. Es gibt ­keine "Allerweltsarten" mehr. Ja, Kohlmeise oder Amsel kommen noch recht häufig vor, aber der Star, die Schwalbe, die Feldlerche ­waren auch mal sehr häufige Vögel.

Die Feldlerche ist die, die sich über einem Acker spiralig hochschraubt und dabei ununterbrochen trillert?

Genau. Es gibt nur noch einen Restbestand an Lerchen. Weil unsere Felder als Lebensraum überhaupt nicht mehr taugen. Das "Unkraut" ist rausvergiftet. Früher verfütterten die ­Lerchen die Insekten auf diesen Wild­kräutern an ihre Jungen, sie selbst fraßen die Wildkrautsamen. Die Lerche findet auch ­keinen Platz mehr zum Brüten, sie brütet ja am ­Boden. Die Felder sind inzwischen so dicht gesät. Und dann noch meist mit Winter­getreide, das wird im Herbst gesät und ist im Frühjahr schon so hoch, dass die Lerche ­keinen Fuß auf den Boden bekommt. Früher hat man gesagt: "Der Himmel hängt voller Lerchen." Da ­können Sie heute weit suchen. Da müssen Sie nach Ost­polen, nach Rumänien, nach Bulgarien.

"Die meisten Schutzgebiete sind zu klein, sie liegen zu weit auseinander"

Reicht das nicht, wenn es in Rumänien noch genügend Vögel gibt?

Nein, wir brauchen auch hier viele Vögel. Überhaupt viele Arten, also viel Biodiversität. Das ist unsere Überlebensversicherung. Wenn es zu wenig Arten gibt, wird das Ökosystem instabil, dann genügt ein einziger ­neuer Schädling, und unsere Ernte ist vernichtet. Nehmen Sie den Obstbau hier am Bodensee. Die Plantagen werden heute 25-mal im Jahr gespritzt. Da geht kein Vogel mehr rein. Deswegen freuen sich jetzt Schädlinge wie die Kirschessigfliege, die neu zu uns gekommen ist. Gegen die helfen keine Insektizide. Die Spätkirschen letztes Jahr konnte man nur wegwerfen.

Und was hat das mit den Vögeln zu tun?

In meinem gemischten Obstgarten, ein ­Hektar groß, hab ich etwa hundert Nistkästen hängen. Meine Obstbäume werden jeden Tag bestimmt zehnmal von Meisen durchsucht. Bis die Kirschessigfliege zum Zuge kommt, ist die Ernte längst eingebracht.

Sie kritisieren die "industrielle Agrarlandschaft" – was genau stört Sie?

Die ausgeräumte Landschaft. Man hat alle ­Hecken, Bäume, Sträucher gerodet, damit man mit den Landmaschinen ohne Umwege die Äcker bearbeiten kann. Man hat Tümpel und feuchte Mulden zugeschüttet. Und man bringt jede Menge Gift aus. Früher waren auf den Feldern geschätzt 70 Prozent Nutz­pflanzen und 30 Prozent Wildkräuter – und die waren die Abstandhalter gegen über­springende Krankheiten. Heute sind es meist 99,9 Prozent Nutzpflanzen.

Aber wir haben doch so viele Naturschutzgebiete! Auf vier Prozent der Fläche Deutschlands. Warum werden die Vögel trotzdem weniger?

Die meisten Schutzgebiete sind zu klein, sie liegen zu weit auseinander, und sie bieten zu wenig Schutz: Wiesen dürfen weiter gemäht werden, egal wie viele Vogelnester drin sind, Spaziergänger lassen ihre Hunde frei laufen.

 Selten geworden: StarenschwärmeMartin Grimm/dpa/Picture-Alliance

Was ist schlimm an einem freilaufenden Hund?

Der Kiebitz zum Beispiel, eine Vogelart, die bald ausgestorben sein wird, sagt sich:  Um Gottes willen, Wolfsland! Hier ist mein Nest nicht sicher. Abgesehen von ein paar wenigen – wie dem Federsee in Oberschwaben mit seiner großen unbetretbaren Kernzone –, funktionieren die meisten Naturschutzgebiete nicht gut.

Auch Gärten machen fast vier Prozent Deutschlands aus. Könnten die vielleicht der Tierwelt nützen?

Ja! Wenn man die so gestalten würde, wie mein Garten aussieht. Ich hab 500 Quadratmeter, vollständig bewachsen mit Bäumen und Sträuchern und Stauden, dazu Nistkästen und Vogelfutterstellen. Es brüten jedes Jahr 15 bis 20 verschiedene Vogelarten bei mir.

Was halten Sie von Deutschlands Gärten?

"Die meisten Gärten sind Psychopathen-Gärten"

Zu über 90 Prozent sind das Psychopathen­gärten mit runtergehobeltem Psychopathenrasen. Es ist eine Frechheit, ein Stück des von Gott gegebenen Landes so zu missbrauchen! Wenn ich Kaiser von Deutschland wäre, ­würde ich ein Dekret erlassen: Ab 1. Januar 2019 hätte jeder Garten so und so bepflanzt zu sein, und wer das nicht macht, dem wird der ­Garten weggenommen. Dann be­kämen an­dere ­Leute den Garten, zum Beispiel Flüchtlinge, die ­würden da Gemüse anbauen, Zwetschgen, Äpfel – wunderbar. Wenn alle Gärten naturnah wären, dann hätten wir deutschlandweit einen Biotopverbund.

Klingt nach einer Riesenaktion...

Nein, es reicht oft wenig, um sofort eine gewisse Biodiversität zu erhalten. Wenn ich in großen Städten bin, zähle ich morgens vom Hotelbett aus die Vögel, die ich durchs offene Fenster höre. In einer Nebengasse beim Kölner Dom, reine Betonwüste, hörte ich zum Beispiel eine Mönchsgrasmücke. Später guckte ich mir die Umgebung an und stellte fest: Mensch, da ist ein ganz kleiner, toller Garten, an der Hauswand wächst Efeu hoch, oben ist ein begrünter Balkon, drüber ein Dachgarten. Schon hat man eine kleine Oase, wo lauter Viecher drin sind.

Nun sind Sie nicht unser Kaiser, sondern wir haben eine gewählte Bundesregierung. Die hat sich in internationalen Abkommen verpflichtet, das Artensterben zu stoppen, also auch den Vogelschwund, und zwar bis 2020. Wieso geht es trotzdem mit den ­Vögeln ­weiter bergab?

Weil das reine Absichtserklärungen waren, nur Geschwätz und Papier, ohne dass irgend etwas gemacht worden wäre, dass die Roten Listen nicht länger werden.

Setzen Sie noch Hoffnung auf die Politik?

Auf die Politik nicht. Aber auf die Bevölkerung. Jetzt gilt es anzupacken.

"Vögel lassen sich nicht durch-
füttern"

Was könnte jeder sofort tun?

Vögel ganzjährig füttern!

Nicht nur im Winter bei Schnee?

Nein, denn die härteste Zeit für einen Vogel ist nicht der Winter, sondern die Brutzeit im Mai, Juni. Da arbeiten die Vögel von morgens vier Uhr bis abends zehn Uhr bis zum Umfallen, um ihre Jungen mit Raupen und Insekten zu versorgen. 

Aber ich verfüttere doch keine Insekten, sondern Sonnenblumenkerne, Erdnüsse, Fettknödel . . .

Genau, das ist das Futter für die Eltern, damit sie die paar Insekten, die sie noch finden, an die Jungen verfüttern können, die Jungen kriegen ja tierische Nahrung. Und wenn in der Not der Altvogel seine Jungen mit Ihrem Vogelfutter füttert, ist das immer noch besser als nichts.

Und wenn die Jungen doch mal was Falsches in den Hals gesteckt kriegen?

Dann spucken die das wieder aus. Wir haben im Max-Planck-Institut ja Tausende Vögel von Hand aufgezogen. Ungeeignetes haben Sie dann – batsch – sofort an der Brille hängen.

Werden die Vögel dann nicht faul?

Nein. Wenn die Vögel richtig schlechte Tage haben – nehmen wir mal einen Junitag, sechs Grad, regnerisch, keine Insekten unterwegs, die Jungen knapp vorm Eingehen –, gehen die Eltern nach jeder Fütterung der Jungen an die Meisenknödel. Dann gibt es schöne Tage mit 28 Grad – und keiner ist an Ihrer Futterstelle. Die sind alle draußen und suchen ihr Natur­futter zusammen. Vögel lassen sich nicht "durch-
füttern", das ist immer nur ein Zufüttern.

Aber wenn immer nur Allerweltsarten ­kommen, wie Kohlmeise, Blaumeise, Spatz – wem nützt die Fütterung dann überhaupt?

Häufigere Arten sehen Sie natürlich auch häufiger. Aber auch die Kohlmeise hat abgenommen, und vor allem nimmt ihr Bruterfolg laufend ab. Was glauben Sie, wie viele Leute mich jedes Jahr anrufen und sagen: Herr Berthold, jetzt hab ich in meinem Garten zwei Nistkästen aufgehängt, endlich brütet, Gott sei Dank, ein Kohlmeisenpärchen, und da haben wir mal reingeschaut, ja, weiß ich, soll man nicht, aber die hatten neun Eier, und jetzt sind gerade mal zwei Junge drin – woran liegt das? Na ja, sag ich, die haben nichts zu fressen, die finden nur Futter für zwei Junge, nicht für neun.

Aber ich möchte doch auch anderen Vogelarten helfen!

Sie müssen warten. Auch wenn dann eine Haubenmeise nur einmal die Woche kommt, erhöht die Fütterung ihre Überlebenschance.

"Freilaufende ­Katzen bringen jedes Jahr Millionen Vögel um"

Was nützt das Zufüttern am Ende?

Mehr Eier, größere Eier, fittere Junge, so dass mehr Junge tatsächlich flügge werden.

Aber den Lerchen hilft meine Fütterei nicht, oder?

Nein, den Lerchen nicht. Auch nicht den Schwalben und Mauerseglern. Sie können ja nicht Insekten in die Luft blasen. Wir ­retten mit dem Zufüttern und mit naturnahen ­Gärten nicht die Welt, aber wir können sehr, sehr viele Individuen vieler Arten retten.

 Vor dem Schlafen fliegen Stare gern gemeinsam ein paar Runden. Mit dabei: ein FalkeNick Dunlop

Was haben Sie eigentlich gegen Katzen?

Nichts. Ich mag Katzen. Aber freilaufende ­Katzen bringen jedes Jahr Millionen Vögel um in Deutschland.

Auf Bauernhöfen gab es doch auch immer Katzen.

Aber die blieben auf dem Hof, weil es da wegen des Getreides so viele Mäuse gab. Wenn eine Katze sich ihre Nahrung selbst besorgen muss, jagt sie Mäuse, die sind leichter zu fangen als Vögel. Heute kriegt die Katze ihr Fressen hingestellt, draußen geht sie auf Sportjagd. Man kann Katzen drinnen halten, wenn sie das von klein auf kennen. Mit genügend Beschäftigung natürlich und am besten noch einer anderen Katze. Selbst wenn eine Katze nicht jagt, führt schon ihre Anwesenheit dazu, dass Vögel ihre Brut vernachlässigen. Eine Amsel macht, wenn eine Katze im Garten war, noch eine halbe Stunde lang ihren Warnruf: dik, dik, dik. Das ist richtig schlimm für ihre Jungen, wenn die solange nichts zu futtern kriegen.

Vogelfüttern und Garten umgestalten, schön und gut. Was könnten gutwillige Menschen noch tun gegen den Vogelschwund?

Ich hoffe, dass die Menschen deutschlandweit mitmachen bei der von mir angestoßenen ­Aktion "Jeder Gemeinde ihr Biotop". Ich ­wünsche mir eine Volksbewegung! Wir haben 11 000 politische Gemeinden in Deutschland. Wenn die alle mindestens ein Biotop einrichten ­würden wie wir hier im Biotopverbund Bodensee, hätten wir ein dichtes Netz mit ­immer nur wenigen Kilometern dazwischen. Am besten ist, einen Weiher zu schaffen, denn Feuchtgebiete haben die größte Artenvielfalt.

Wie packe ich das an?

Alleine schaffen Sie das nicht. Also erste ­Frage: Welche Gleichgesinnten habe ich in meiner Gemeinde im Kreis von Bekannten, Freunden, Verwandten? Dann setzt man sich mal zu­sammen und überlegt. Da sagt vielleicht einer: Hör mal zu, da unten die nasse Wiese neben dem Sportplatz, die gehört einem Onkel von mir, der hat die an einen Landwirt verpachtet. Also redet man mit dem Onkel. Der sagt: Wenn der Landwirt einverstanden ist...? Dann sagt einer: Müssen wir da nicht mit dem Stadtrat mal reden? Das ist der nächste Schritt. Der Stadtrat sagt: Da müsst ihr mal beim Landratsamt fragen, ob das Wasserschutzgebiet ist. Und dann ist man bereits in einer Machbarkeitsstudie drin.

Wenn man diesen Winter, wo es so viel geregnet hat, mit dem Zug fuhr, sah man viele Felder, die unter Wasser standen.

Ganz genau. Das wären alles ideale Äcker für so eine Renaturierung. Die Landwirte nennen das "Unland". Die sind froh, wenn sie das loswerden. Ein bis zwei Hektar bräuchten Sie mindestens; ein Hektar ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld.

"Wenn wir so weitermachen, werden viele aussterben"

Warum ist so ein Biotop besser als das ­klassische Naturschutzgebiet?

Weil dieses Biotop nicht von irgendeiner ­fernen Landesbehörde eingerichtet wurde, sondern von den Leuten selbst. Die fühlen sich zuständig für "ihre" Naturoasen und passen darauf auf.

Ist das nicht Käseglocken-Naturschutz?

Nein, das soll auch für die Menschen schön sein. Wir machen eine Aussichtsplattform, ­einen Spazierweg drumherum und Schilf-­Erlebniszonen  – eine Tabuzone ist nur innendrin und der größte Teil des Ufersaums. Für den Schutz sorgen Hecken, fünfreihig, die sind zehn Meter breit und so dicht, dass kein Hund durchkommt. Und gegen die "Naturfreunde" mit ihren Fotoapparaten legen wir allerlei Wassergräben an.

Was kostet das? Da muss ja irgendwann auch ein Planungsbüro beauftragt werden, ein Bagger muss kommen...

Deutschlandweit bei 11 000 Biotopen? Das kostet viel weniger als Stuttgart 21 oder als der neue Flughafen Berlin-Brandenburg. Vom Geld her ist das eigentlich kein Problem. In Deutschland ist enorm viel privates Ver­mögen vorhanden. Fast immer entstand es letztendlich auf Kosten der Natur. Man könnte mit einem kleinen Teil dieses Geldes etwas wieder­gutmachen.

Ist das dann eine heile Welt, so ein Biotop?

Nein, aber es ist viel mehr Leben drin als ­vorher. Da, wo wir am nördlichen Bodensee unser erstes Biotop angelegt haben, den Heinz-­
Siel­mann-Weiher, war vorher Landwirtschaft, das hat ausgesehen wie Steppe. Da brüten jetzt viele neue Vogelarten: Weißstorch, Zwerg­taucher, Milan, Graureiher... Aber das Braunkehlchen zum Beispiel können wir nicht mehr herlocken, das ist zu ausgedünnt. Auch einen Kiebitz hatten wir noch nicht, geschweige denn ein Rebhuhn. Die werden vermutlich aussterben. Wenn wir so weitermachen, wie wir jetzt am Werke sind...

Christine Holch

Christine Holch hat am Balkon ­eine stets gefüllte Erdnusssäule ­hängen, die 
auch gern von Spatzenrudeln 
besucht wird. ­
Das Getschilpe nervt sie auch mal; 
aber kommen die Spatzen nicht, sorgt sie sich.
Lena UphoffChristine Holch, Chefreporterin chrismon

Wie viel Zeit haben wir noch?

Das weiß nur der Herrgott. Aber wenn wir es in den nächsten zehn Jahren nicht schaffen, den Rückgang zu stoppen und die Vogelpopulation allmählich wieder aufzubauen – dann wird für uns wohl das Abschiedsläuten folgen.

Wichtigster Grundsatz, wenn ich so was ­anpacke?

Keine Zeit verplempern mit Anklagen und Protesten, sich nicht verkämpfen. Das schafft nur Gegner. Stattdessen müssen alle erleben: Wo wir auftreten, geschieht immer etwas ­Positives und Beglückendes, für die Natur und für ihre Freunde.

Freut sich echt jeder?

Ja, denn jeder Mensch hat eine angeborene Naturbegeisterung. Wenn Sie eine Schul­klasse mit Zehnjährigen fragen: Sollen wir Fußball spielen oder turnen oder malen – oder sollen wir gucken, was im Wald und im Bach so alles unterwegs ist? Da sind alle Feuer und Flamme. Mädchen, die zu Hause bei jeder Spinne hören, dass man mit Salto rückwärts die Wohnung verlassen muss, die stehen plötzlich mit den Pfoten im Schlamm und bringen eine Wasserwanze raus. Wo ich sag: Nicht fest anfassen, die sticht wie der Deifel! Was? Mich hat sie noch nicht ge­stochen. Und schon nimmt sie der Nächste in die Hand. Unfasslich!

Infobox

Jeder Gemeinde ihr Biotop: Zu dieser Aktion gibt es Infos bei der Heinz Sielmann Stiftung: Tel. 07771 - 87 98 395. E-Mail: Julia.Rutkewitz@sielmann-stiftung.de

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Lesermeinungen

Ich schreibe nie Leserbriefe, aber Ihr Interview mit Herrn Berthold und der heutige Newsletter lassen mich in die Tasten greifen:

Natürlich sind rundum und fast überall Psychopathengärten zu sehen. Total aufgeräumt und clean. Bei mir kaum anders: Klar entferne ich immer das Laub von den Beeten und räume im Garten auf. Statt es im Rasen – wenigstens an ein paar Stellen – mal fröhlich wuchern zu lassen, versuche ich fortwährend verzweifelt, dem Unkraut zu zeigen, wer der Stärkere ist (ich nicht). Nun hat mich dieses wunderbare Interview nicht nur dazu gebracht, sofort beide vorgestellten Bücher zu kaufen, ich habe auch beschlossen, unseren Garten vogelfreundlicher zu gestalten. Und Vögel füttern wollen wir künftig auch, aber die Verantwortung ist ja nicht gering, denn wer damit anfängt, der muss auch ein verlässlicher Partner für die Vögel werden. Ich hoffe, das gelingt.

Hallo, seit einigen Jahren nisten immer mehr Graugänse auf den Feldern bei uns. Von den ca 26 fliegen den ganzen Tag über immer 2 über das Haus , mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung ( ihrer Nistplätze). Dabei „unterhalten“ sie sich immer lautstark. Was bedeuten die Flüge und das laute Geschnatter beim Fliegen?
Mit freundlichen Grüßen
U.Behm

Sehr geehrter Herr Behm,

Vermutlich geht es um Flüge zu Fressplätzen (Weideplätze) mit Stimmfühlungsrufen aus einer gewissen Erregung
Mit freundlichem Gruß
Peter Berthold

Da haben Sie eine tolle Chance vertan.
Warum wird als Aufmachung für die o.g. Ausgabe eine Titelzeile gewählt, die in jeder Öko-Zeitung abgedruckt hätte werden können?
Warum nicht auf das aufmerksam machen, was unseren Glauben ausmacht, was Ostern ausmacht?

Das tut weh. Und da lasse ich keine Entschuldigung gelten, die uns glauben machen will, wir sind mit den Suchenden auf der Suche!!!
Kein Wunder, dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten.

Ich bin auf Ihre Erklärung gespannt.

Sehr geehrter Herr Böttcher,
Sie kritisieren unsere Aprilausgabe, in der Sie für Ihren Geschmack zu wenig Christliches finden. Ich bin da ganz anderer Meinung: Auf 54 Seiten wird in sieben Artikeln  auf den christlichen Glauben verwiesen. Explizit auf Ostern in Religion für Einsteiger  und dem Quiz. Es gibt christliche Osterbräuche , auf die unsere Kolumnistin Susanne Breit-Kessler verweist. Was der Apostel Paulus mit dem Osterglauben zu tun hat, beleuchtet unser Kolumnist Arnd Brummer. Aber auch die Versöhnungsgemeinde in Medellin, die ich selber porträtiere, hat eine sehr österliche Friedensbotschaft.
Mir liegt als Christin auch die Bewahrung der Schöpfung am Herzen, drum finde ich die Vogel-Geschichte goldrichtig. 
Aber wir freuen uns dennoch über kritische Post und  veröffentlichen sie auch. Danke dafür! 
Ihre 

Ursula Ott

Chefredakteurin

Zitat von Herrn Berthold: "Aber in Mecklen­burg - Vorpommern, unserem eigentlich besten Storchenland, nehmen die Störche weiter ab. Warum? "Weil all die herrlichen Wiesen, wo der Storch sein Essen findet, umgewandelt 
werden in Maisfelder, Getreidefelder, Kar­toffelfelder."
Ich lebe in Mecklenburg-Vorpommern und bin an der Peene in Vorpommern aufgewachsen. Das Flußtal der Peene mit den weitläufigen Niedermoorwiesen wurde über Jahrhunderte durch Landwirte bewirtschaftet und wir hatten Störche ohne Ende. Nach der Wende wurde, staatlich gefördert, die landwirtschaftliche Nutzung weitgehend aufgegeben und die Wiesen durch die verantwortlichen Naturschutzbehörden "renaturiert". Mit der Folge, dass die Störche in der Zeit der Aufzucht der Jungtiere im Juni/Juli keinerlei Nahrung in den Wiesen finden, da Störche nicht gemähte Wiesen meiden. Erst mit dem Beginn der Getreideernte, Anfang Juli, sind wieder gemähte "Futterflächen" für die Störche und sonstigen Greifvögel verfügbar. Viele Storchenpaare haben aber bis dahin die Jungtiere aus dem Nest befördert, um der Nahrungsnot zubegegnen. Das Flußtal entlang der Peene hat sich aus einer jahrhundertelangen Kulturlandschaft zu einer Wildnis entwickelt, die den Störchen keine Nahrungsgrundlage mehr bietet. Die Aussage, dass aus all den herrlichen Wiesen und Weiden Ackerflächen gemacht werden, ist absolut falsch, da Niedermoorflächen ackerbaulich einfach nicht zu bewirtschaften sind. Neben den Peenewiesen teilen auch die Trebel- und Tollensewiesen im Übrigen das gleiche Schicksal. Sehr oft richtet der Naturschutz viel Schaden an, da Wissen und Erfahrungen von den Gestaltern der Kulturlandschaften, also den Landwirten, ignoriert werden. Und leider bleiben Behauptungen, wie die von Herrn Berthold, einfach unkommentiert. Schade! In einem Fall gebe ich Herrn Berthold allerdings recht, die deutschen Gärten und kommunale Grünanlagen sind in der Tat häufig Orte des "Grauens" für die Vogelwelt. Einfach mehr Mut zur Nachlässigkeit, es muss nicht jedes Gänseblümchen getilgt werden und auch ein abgestorbener Baum hilft nicht nur Vögeln, sondern auch den Insekten. Das Thema ist sehr komplex und ich finde es höchst bedenklich und zu einfach, dies ausschließlich den Landwirten anzulasten, denn Landwirtschaft ist keine Erfindung der Neuzeit.

Alles, was Herr Berthold sagt, spricht mir aus der Seele!! Nur sollten es genau die lesen mit dem PSYCHORASEN, diese habe ich um mich herum und ich werde belächelt, wenn bei mir auch Löwenzahn wächst und der Beinwell manchmal überhand nimmt (ich mach daraus Salbe und setzte die Wurzeln an)- bei mir flogen heut schon die Zitronenfalter, welche Freude. Mal sehen, was passiert, wenn ich meinen Lieben Ihre Zeilen weiterleite. Ich hoffe auf ein Umdenken!!
DANKE Herr Berthold!

für das tolle Interview mit dem Vogelexperten Peter Berthold.

Es hat uns auf eine Situation aufmerksam gemacht, die wir nicht vor Augen hatten.

Wir haben heute gleich eine kleine Futterstelle in unserem Garten eingerichtet.

Wir "spritzmitteln unseren Gottesacker" mit Glyphosat & Co. tot(al) k.o.; wundern uns aber dann, wenn die Insekten, die Bienen, die Vögel und anderes Getier gnadenlos ihre Konsequenzen ziehen, und über den "Jordan" hüpfen! Wir, als die modernen "Menschen", wir suchen den ständigen Kick, koste es auch, was es wolle; im (Aber)Glauben an den Fortschritt!

Ja es fällt dramatisch auf: die Zahl der Vögel im Garten sinkt. Neben all den von Herrn Berthold genannten Problemen, kommt m.E. die im Nebensatz erwähnte Umwandlung von Wiesen in Maisfelder zu kurz. Und es werden ja nicht nur Wiesen in Maisfelder umgewandelt. Wofür brauchen wie so viel Mais? Für den Biodiesel! Da diese Maisfelder die Biodiversität und damit den Lebensraum der Vögel zerstören, ist in diesem Zusammenhang schon die Bezeichnung „Bio“ eine schlechter Scherz. Wir opfern unsere Vögel dem grünen Zeitgeist. Bei Lurchen oder Selleriekräutern ist man da wesentlich sensibler. Aber die werden, im Gegensatz zu Vögeln, ja auch gebraucht. Durchschaut keiner diese Heuchelei?
Aber damit nicht Schluß: kaum ist Ihr Artikel beendet, folgt auf der nächsten Seite eine „Alternative fürs Geld“. Und weiter geht die grüne Ideologie! Denn diese Windräder sind für mehr als 300.000 geschredderte Vögel jährlich verantwortlich. „Nachhaltig“, wie Sie schreiben ist richtig: nämlich nachhaltig mörderisch. Dass einige Arten wie der Rotmilan von Aussterben bedroht sind, ficht keinen Grünen an. Da haben es irgendwelche Lurche deutlich besser.
Also bitte entscheiden Sie sich: Biodiesel und Windräder oder wieder viele Vögel. Beides zusammen bekommen Sie nicht!

Mit Interesse habe ich in der Ausgabe 04/2018 den Artikel zum Titelthema Alle (Viele) Vögel sind (nicht mehr) da von Herrn Prof. Berthold gelesen. Seine Ausführungen über die abnehmende Artenvielfalt und den Nutzen des Fütterns waren für mich neu und interessant. Allerdings habe ich mich über seine Bezeichnung "Psychopathengärten" außerordentlich geärgert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit zählt auch mein kleiner Garten zu denen mit dem "Psychopathenrasen". Jedoch bin ich nicht gewillt, mich als Psychopathen bezeichnen zu lassen, nur weil mein Rasen regelmäßig gemäht wird und die Pflanzung nicht nach ornithologisch wichtigen Aspekten erfolgt. Mein Garten erlaubt mir, zu entspannen, kreativ zu sein, mich am Wachsen, Blühen und Vergehen meiner Pflanzen zu erfreuen, er ist mein Gegenpol zu anstrengender Berufstätigkeit in geschlossenen Räumen. Wieviel Freude macht es mir in jedem Jahr, neue Pflanzen auszuwählen, neue Farbkombinationen und geeignete Standorte auszuprobieren. Ich weigere mich, das als "Missbrauch eines Stücks des von Gott gegebenen Landes" anzusehen. Daher bin ich sehr froh, dass die Chancen für Herrn Prof. Berthold, Kaiser von Deutschland zu werden und mir als solcher meinen Garten wegzunehmen, damit andere dort Gemüse anpflanzen können, sehr gering sind.

Wer gegen die herrschende grüne Moral verstößt, ist wahlweise Psychopath, kriminell oder hoch unanständig. Das ist bei jeder Moral so. Der Vorgänger der grünen Verzichtsmoral war die bürgerliche Sexualmoral. Dort ging es nicht um die Vögel, sondern um das Vögeln. Wer ohne Trauschein, mit dem falschen Geschlecht oder an sich selbst zur Sache kam, war ebenfalls Psychopath, kriminell oder ein verachtenswertes Borstentier.

Vielleicht verschafft folgender Hinweis etwas Luft: Die Psychopathengärtner sollen laut Herrn Prof. Dr. Peter Berthold die Frechheit besessen haben, ein Stück von Gott gegebenen Landes zu missbrauchen. Meiner Kenntnis nach haben die meisten Rasenbesitzer ihren Garten geerbt oder teuer auf dem Immobilienmarkt erworben. Gottesschenkungen sind bei den Grundbucheintragungen eher selten vermerkt. Mit notariellem Kaufvertrag sollte also zumindest dieser Anwurf vom Tisch sein.

Fritz Kurz

Ich kann Herrn Berthold im Bezug auf die Aussage, dass Vögel auch im Sommer gefüttert werden sollen, nicht zustimmen.
Das Leben unserer Natur folgt immer noch dem Prinzip das der Stärkere und Fittere überlebt und dies ist gut so. Durch zusätzliche Fütterung haben die Vögel leichten Zugang zu Nahrung, dies lässt eventuell schwache, kränkliche überleben und macht gleichzeitig die Starken fett und träge, so das sie bessere Beute für Raubvögel und andere natürliche Feinde werden. Desweiteren können Pilze und Bakterien durch verunreinigtes Futter die Vögel schädigen. Durch die geänderten Lebensweisen sind wahrscheinlich auch Mutationen nicht auszuschließen.
Ich bin kein Fachmann, aber ich bin der festen Überzeugung, dass mit zusätzlicher Futtergabe mehr Schaden angerichtet wird. Jeder der ein Stück Garten hat sollte darin eine kleine Ecke So genanntes Unkraut gedeihen lassen, Felder könnten wenigstens auf einer Seite eine schmale Heckenpflanzung haben dies würde auch den jeweiligen Kulturen nicht schaden. Dann ist allen am besten geholfen

Ich glaube an Gott, weil nur er mir helfen kann, zu überleben, was der Mensch verbockt hat, ob Christ, oder Nichtchrist. Das wird auch die Natur überleben.
Einen schönen Sonntagsgruß an die Altherren Deutschlands.