Der mühevolle Abschied der evangelischen Kirche vom Nationalismus

Hundert Jahre Lernen
Lange haben die Protestanten ihrem Kaiser nachgetrauert. Gut, dass sie Untertanengeist und Nationalismus heute weit hinter sich gelassen haben

 Bettina Flitner

Es war ein Schicksalsjahr für Deutschland. Zu Beginn des Jahres 1918 war Russland besiegt, der Frieden von Brest-Litowsk schien das zu besiegeln. Aber die deutsche Bevölkerung war demoralisiert und hungerte. Wie auch die Soldaten. Die Militärs, die alles beherrschten, hatten weder mit der Macht der britischen Panzer noch mit dem Kriegseintritt Amerikas gerechnet. Niederlage reihte sich an Niederlage. Admiräle 
wollten die Marine in eine letzte sinnlose Seeschlacht ­führen, die Soldaten meuterten, der Aufstand setzte sich bis Berlin fort. Am 9. November rief zuerst der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vor dem Reichstagsgebäude die Republik aus, wenige Stunden später Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss eine „freie sozialistische Republik“. Noch im selben Monat dankte der deutsche Kaiser ab. Es folgte der Versailler Vertrag, der von vielen Deutschen als demütigend, als „Schmach“ empfunden wurde.

1918 war ein Schicksalsjahr auch für die Kirchen. Die Katholiken waren mit der Zentrumspartei im politischen System der Weimarer Republik gut vertreten. Die Evangelischen fühlten sich heimatlos. 1914 hatten evangelische Pfarrer und Bischöfe dazu aufgerufen, sich für Volk und Vaterland zu opfern. So predigte etwa am 2. August 1914 der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Doehring von den Stufen des Reichstags: „Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten, wenn wir nicht . . . die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen ent­rollt und unserm Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum ­heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: Wir ­Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“

Kirchen waren Teil des Nationalismus

Bei solcher Predigt graust es mir. Hier haben Menschen Ideologie und Zeitgeist mehr gehorcht als dem Gott, der die Ohnmacht am Kreuz kennt. Es ist erschreckend, wie der Kollege diese Kriegstreiberei mit der Botschaft Jesu hat in Verbindung bringen können. Aber nicht nur in Deutschland, auf allen Seiten waren die Kirchen Europas Teil eines national verblendeten Getöses. Der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom steht für die wenigen Ausnahmen.

1918 trauerten die deutschen Protestanten „ihrem Kaiser Wilhelm“ hinterher. Martin Luther hatte ja keine Bischöfe als Kirchenoberhäupter eingesetzt, sondern die Landes­­­fürs­ten, weil er meinte, sie könnten seine Reformation besser schützen – so wie Friedrich der Weise ihn selbst schützte. Mit der Republik mochten sie sich nicht anfreunden. 1933 sollten sie deshalb mehrheitlich einen neuen 
Führer begrüßen in der Hoffnung, er werde auch die Kirche führen. Der Untertanengeist, der mit Bezug auf Paulus und auch Luther gepredigt wurde, prägte viele Protestanten.

Manchmal muss man Gott mehr gehorchen als den ­Menschen

Es tut gut zu sehen, was unsere Kirche gelernt hat in 100 Jahren. Beispielsweise, dass die Trennung von Staat und Kirche richtig ist. Dass wir gerne in einem Land von Meinungs-, Rede- und Religionsfreiheit leben. Dass es in unserer Kirche eine gewisse Grundskepsis gegenüber dem Militärischen gibt und die Militärseelsorge immer wieder kritisch diskutiert wird. Dass wir wissen: Manchmal müssen Christen Gott mehr gehorchen als den Menschen; wir dürfen nicht wieder in die Irre gehen wie 1933–1945, als unsere Kirche sich nicht schützend vor Juden, Homosexuelle, 
Sinti und Roma sowie Kommunisten gestellt hat, die ermordet wurden; wir sollten die Türen weit öffnen für Kritik 
wie in der DDR der 80er Jahre. Und es tut gut zu sehen, dass Kirchen nicht für Nationalismus einstehen, sondern für eine Gemeinschaft über nationale Grenzen hinweg.

Die letzten 100 Jahre haben uns deutlich geprägt. Ich bin dankbar für diese Lernprozesse.

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Lesermeinungen

Der katholische Kardinal Marx und der evang. Ratsvorsitzende Bedford-Strohm überbieten sich in Zustimmungsadressen an die Politik der geschäftsführenden Kanzlerin, für die "der Glaube nicht nur Privatsache ist". Dass es Frau Merkel mit der Trennung von Verantwortung und Moral , also von politischer Aufgabe und offenbar sich selbst erteiltem göttlichen Auftrag nicht so genau nimmt, ist spätestens in ihrem planlosen Umgang mit der Flüchtlingskrise 2015 deutlich geworden.

Sehr geehrte Frau Käßmann,
sehr geehrte chrismon-Redaktion,

herzlichen Dank für "Hundert Jahre Lernen"! Sie, sehr geehrte Frau Käßmann,
haben einmal mehr gezeigt, dass sich große und historisch prägende
Vorgänge auch kurz und verständlich fassen lassen, dennoch präzise und
treffend. Es muss nicht immer, wie heute üblich, ein Buch sein.

Die "Hundert Jahre Lernen" gehen ja, nicht nur zeitlich, sondern auch der
Dynamik der Entwicklung folgend, weiter als bis 1933. Nur ein Jahr später,
1934, folgt die Barmer Theologische Erklärung der Bekennenden Kirche,
vielleicht sogar der Gipfel dieser hundert Jahre. Es folgt 1945 in nahezu
zwingender Konsequenz die Stuttgarter Erklärung. Und heute streiten wir
darüber, wie politisch eine Predigt sein darf, fast so, als hätten wir hundert
Jahre nichts gelernt.

Aber - Gott sei gedankt - ist das ja nicht so. Aus ihrer Zuflucht bei ihren
Landesherren ist meine Kirche heute eher zu einer APO geworden, zu einer
außerparlamentarischen Opposition. Damit steht sie dem Evangelium Jesu
Christi sehr viel näher als eine staatstragende Institution, die den Kaiser
anhimmelt und Waffen segnet. Doch, ich glaube, dass wir die hundert Jahre
zum Lernen genutzt haben, mit vielen Schmerzen, schließlich aber doch
im Sinne des Evangeliums.   

--
Dr. Jürgen Schnakenberg
Roetgen

Frau Prof. Dr. Margot Käßmann freut sich darüber, dass "es in unserer Kirche eine gewisse Grundskepsis gegenüber dem Militärischen gibt". Also so eine Art intellektuelles Fremdeln gegenüber dem Militär. Damit kann das Militär prächtig leben. Schließlich behinderte es auch in keiner Weise die Arbeit des Scharfrichters, wenn er in früheren Zeiten nicht überall wohnen durfte und auffällige Kleidung zu tragen hatte.

Deutlich zu unterscheiden von der gelobten Grundskepsis wäre die schnöde Erkenntnis, wem und wozu das Militär taugt. Es dient den Staaten dazu, ihre Staatszwecke gewaltsam gegen die Staatszwecke der anderen Staaten durchzusetzen. Als nächstes wäre Kenntnis von den Gründen zu nehmen, warum normale, moderne, friedensliebende Menschen es für ganz selbstverständlich halten, von ihren Politikern in deren Plänen als Wehrpflichtige, Berufssoldaten oder ganz zivile Bombenopfer eingeplant zu werden.

Hält sich der Nachbar einen Kampfhund, ist die Empörung nicht fern. Halten sich die modernen freiheitlichen Demokratien die größten Militärapparate aller Zeiten, bleibt es bei Friedensappellen. Was ist da eigentlich los?

Thea Schmid

Aber liebe Frau Schmid, 100 Jahre oder 1000 Jahre Friedensappelle sind doch besser als Waffen segnen! Oder etwa nicht?

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Dass Friedensappelle besser als Waffensegnungen seien, klingt zunächst sehr plausibel. Die Gefahr an plausiblen Aussagen ist, dass ihre Plausibilität dazu verführt, sie nicht darauf hin zu überprüfen, ob sie überhaupt zutreffen. Was ist denn ein Friedensappell? Es ist die aus der Position des machtlosen Untertanen an die Obrigkeit gerichtete Bitte, auf die Bombardiererei freundlicherweise zu verzichten. Was soll denn daran gut sein? Es zeigt die gnadenlose Ausgeliefertheit dessen an, der appelliert. Und zwar Ausgeliefertheit an den Adressaten des Appells. Sonst müsste er ja nicht appellieren, sondern könnte bestimmen oder festlegen.

Wo Friedensappelle ertönen, kann der Normalmensch also nicht einmal sicher sein, dass sein nacktes Leben gewährleistet ist. Das soll gut sein? Und was nicht gut sein kann, kann auch nicht besser sein.

Gegenvorschlag, lieber Herr Mair: Waffensegnungen sind mindestens ebenso bescheuert wie Friedensappelle. Was halten Sie von diesem Slogan?

Thea Schmid

Von Ihrem Slogan halte ich gar nichts. Denken Sie doch nur an den großen moralischen Druck, den die Kirchen mit ihren Appellen an die Verantwortlichen in der Politik ausüben! Vom Waffensegen würde hingegen eine ganz falsche Botschaft ausgehen. Ist das nicht klar?

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Der moralische Druck funktioniert anders. Wenn der amerikanische Präsident - nein, nicht der in schlechtem Ruf stehende aktuelle, sondern ein anständiger - einen Krieg gegen den Irak führen möchte, dann verzichtet er nicht darauf, weil sowohl die evangelische Glaubensgemeinschaft, der er angehört, wie auch der Papst höchstpersönlich ihm moralische Vorhaltungen machen. Dazu hält sich kein Staat sein Militär, um dessen Einsatz abhängig zu machen von der Billigung durch die ortsansässige oder weltweite Geistlichkeit. In der Demokratie wird die Regierung doch tatsächlich zum Regieren gewählt, nicht um religöse oder moralische Unterweisung entgegenzunehmen.

Die Friedensappelle berühren nicht die parlamentarischen und administrativen Entscheidungen zu Krieg und Frieden. Sie beschäftigen all die zahlreichen Stellen, die Reklame für die Kriegsentscheidung machen müssen. Die tägliche Aufgabe der demokratisch Herrschenden besteht darin, ihr Tun und Lassen als volksfreundlich, alternativlos und den höchsten Werten verpflichtet darzulegen.

Dann muss dem Papst oder der Frau Bischöfin eben klar gemacht werden, dass ihr moralischer Rat als sehr wertvoll zu erachten ist, aber Regierungsverantwortung mehr ist als das, was beim Predigen zu beachten ist. Das versöhnt die streitenden Parteien schnell wieder und zur Papstbeerdigung kommen sowieso alle, auch die, die sich vorher die Leviten haben lesen lassen müssen.

Kann man Friedensappelle also als "für die Katz" bezeichnen? Das wäre zu kurz gedacht. Es ist leider noch ein erhebliches Stück schlimmer. Wenn die NRA (National Rifle Association - Nationale Gewehr-Vereinigung) dazu aufruft, Waffengewalt anzuwenden, bedeutet das keine Unterstützung einer kriegsbereiten Regierung. Jeder sagt sich, dass von denen nichts anderes zu erwarten war. Wenn sich aber ein Verein ein eindrückliches Arsenal an Friedensattributen zulegt (Friedefürst, Friedensgebet, Friedensgeläut, Friedenserziehung, Friedensappell), dann haben sein Wort und seine Tat eine andere moralische Wucht. Wenn also die Friedenskompetenz besitzenden Kirchen sich an der Kriegsvorbereitung durch die moralische Unterstützung der Truppe durch Militärseelsorge beteiligen, ist das hundert mal mehr wert als Beifall von der NRA. Diese Unterstützerfunktion der Kirche für die gewaltbereiten Staaten schönzureden mit dem Hinweis, die Militärseelsorge sei doch immerhin innerhalb der Kirche umstritten, ist Augenauswischerei.

Fazit: Kirchliche Friedensappelle verhindern keinen Krieg, sondern bekräftigen die Friedenskompetenz der Kirchen. Die solchermaßen in gutem Ruf stehenden Kirchen sind genau die Kooperationspartner, die der moderne Staat bei der Kriegsvorbereitung braucht. Die sprachpolizeiliche Regelung, Kriege als Friedensmissionen zu bezeichnen, ändert daran auch nichts.

Thea Schmid

Ihre Überlegungen zum Verhältnis von Staat und Kirche sollten doch nicht vergessen machen, dass die Kirche laufend besser wird. Das ist die Aussage des vorliegenden Artikels. Sie wollen hoffentlich nicht bestreiten, dass heute von keiner Kanzel das ertönt, was 1914 gepredigt wurde. Also seien Sie bitte nicht so bockig und stimmen Sie freudig zum Jubel der Engel mit ein!

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Dass die Englein über den Artikel jubeln, mag durchaus sein. In diesen Jubel möchte ich nicht einstimmen. Worüber wird denn gejubelt? Darüber, dass von heutigen Kanzeln doch tatsächlich nicht die Unterstützung der damaligen kaiserlichen Kriegspolitik ertönt. Dafür gibt es mächtig Lob für die hehren Werte, auf die sich die heutige Politik beruft. Die deutsche Regierung hat in der Tat keinen Krieg gegen England oder Frankreich vor. Weil die Kirche das auch spitz gekriegt hat, soll ich jetzt in Begeisterung darüber verfallen, dass auch die Kirche nicht zum Feldzug gegen Paris oder London aufruft?

Die aktuellen deutschen Regierungen wollen die deutsche Vormachtstellung in Europa festigen und ausbauen. Das geht nicht per Krieg, sondern per EU. Und prompt lese ich im Artikel: "Und es tut gut zu sehen, dass Kirchen nicht für Nationalismus einstehen, sondern für eine Gemeinschaft über nationale Grenzen hinweg."

Die heutige Kirche unterstützt die heutige Staatsräson. Die Kirche vor 100 Jahren hat die damalige Staatsräson unterstützt. Das ist für mich kein Grund zum Jubel, sondern zum Gegenteil. In Herrschaftsangelegenheiten immer auf der Höhe der Zeit zu sein, geht nicht ohne ständigen Lernprozess. Nicht nur in den letzten hundert Jahren, sondern schon seit zwei Jahrtausenden. Und das auch noch großartig zu finden, ist eine klare Aussage.

Thea Schmid

Liebe Frau Schmid, ich fürchte, der Lernprozess, der Ihnen noch bevorsteht, wird mehr als hundert Jahre benötigen. Sie bemängeln, dass meine Kirche mal wieder mit der aktuellen Herrschaft in wesentlichen Angelegenheiten gut Freund sei. Bei Kaisers soll das ja genau so gewesen sein. Da müssen Sie eben aus den sicher auch Ihnen bekannten Unterschieden zwischen einer Monarchie und einer Demokratie einen Grund machen, nicht beide für ihre jeweiligen Eigenheiten zu kritisieren, sondern die jetzige Herrschaft zu lieben und die verflossene zu verachten. Erst dann werden Sie die Kurve kriegen, das prachtvolle Gespann aus aktueller Kirche und aktueller Herrschaft mit großer Freude zu begrüßen.

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Einverstanden! In 100 Jahren werden wir sehen, welche Herrschaft dann am Ruder ist und wie gut sich die Kirche wieder mit der arrangiert hat. Ach so, in 100 Jahren bin ich tot. Über solche kleinlichen Einwände muss man eben bei Diskussionen im Glaubensumkreis bisweilen großzügig hinweggehen. Vorher sollten wir weiter im Gespräch bleiben, lieber Herr Mair! Bei diesem Thema allerdings ist das Wesentliche wohl zur Sprache gekommen.

Thea Schmid

Geht in Ordnung mit mir, hier abzuschließen. Gerne an anderer Stelle bei Gelegenheit auf ein Neues!

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Es ist in der Tat sehr erfreulich, was Frau Käßmann als kirchliche Lernerfolge anführen kann. Sie lässt allerdings etwas unerwähnt: George W. Bush, der sich als „wiedergeborener“ Christ versteht, hat seinen Angriffskrieg gegen den Irak von 2004 mehrfach öffentlich als Kreuzzug bezeichnet. Als Saddam Hussein festgenommen war, knieten Bush, sein Justizminister Ashcroft – Prediger einer Pfingstgemeinde, Erfinder von Guantanamo - und Reverend Franklin Graham im Weißen Haus nieder; zugeschaltet waren Bushs Eltern und der legendäre Billy Graham. Und Graham jun. betete: „Jesus, diese Mission trägt deine Handschrift, und es ist dein Werk, o Herr, dass das Böse, das Saddam Hussein verkörpert, der Gerechtigkeit zugeführt wird. Im Namen Jesu Christi danken wir dir für dieses großartige Geschenk, das du dem rechtschaffenen Volk der gesegneten vereinigten Staaten von Amerika gemacht hast“; zitiert bei Barbara Victor, „Beten im Oval Office“, 2005. Diese evangelikale Kreuzzugsmentalität war auch in Deutschland bekannt, nicht nur bei Victor nachzulesen, sondern noch in etlichen weiteren Publikationen. Stellungnahmen der EKD dazu waren jedoch nicht zu vernehmen.
In der Wahlnacht des 9.11.2016 war der Wahlanalyse der ARD zu entnehmen, dass zur Wählerschaft Donald Trumps
81% der sich als evangelikal bezeichnenden Amerikaner gehörten, was einer Zahl von ca. 15 Millionen Stimmen entspricht. Franklin Graham äußerte zur Wahl Trumps, Gott habe die Gebete Hunderttausender erhört.

Wie weit es mit der von Frau Käßmann betonten Trennung von Kirche und Staat in der säkularen, nicht laizistischen, Bundesrepublik her ist, zeigt nur das Beispiel , dass die evang. und katholischen Bischöfe in Deutschland ihre Gehälter vom Staat beziehen. Der Volksmund kennt dazu die Weisheit : "Wes Brot ich ess", des Lied ich sing." Die Staatsnähe der Kirchen, vor allem der evangelischen, ist an vielen Stellen spürbar. Eine klare Trennung wurde nie vollzogen, sie war von beiden Seiten auch gar nicht erwünscht.

Frau Käßmann, danke! Ausgezeichnet! Deckt sich voll mit eigenen Erfahrungen:
Mein Großvater war Pfarrer und hatte in seinem Pass stehen "Königlich bayerischer Pfarrer". Er verlor also 1918 gleich doppelt den Halt einer Führungsfigur: den (katholischen!) bayerischen König und den Berliner Kaiser. Mein Vater schrieb als Schüler und dann Student der Theologie dem Kaiser regelmäßig zu dessen Geburtstag nach Huis Doorn. In den 50ern führte er uns Kinder dorthin wie an einen Wallfahrtsort. Ich trug dann brav Manschettenknöpfe mit dem Abbild des Hauses Doorn.
Was noch schlimmer war: Mein Vater verabscheute die Weimarer Republik und lies im Familiengespräch kein gutes Haar an ihr. Dass er selbst ein lebhafter Nazi war, versteht sich beinahe von selbst. Auch als er schließlich selbst Pfarrer war, blieb er ein reichlich patriarchaler Vater und setzte den Führerstil fort. Die Sozialdemokratie galt in der Familie als wirklich'rotes Tuch'. Entsprechend haben wir als Kinder gelernt, die 'Obrigkeit' in jeder Gestalt zu achten und vor allem zu fürchten.
Es war auch für mich ein langer Lernweg, da herauszukommen.
Frau Käßmann, ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2018!

Liebe Frau Käsmann, nach dem Lesen Ihrer Abhandlung über die letzten 100 Jahre unserer Geschichte, stellt sich mir vor allem die Frage, warum es Ihnen gut tut, dass es eine gewisse Grundskepsis gegenüber dem Militärischen gibt. Sie sollten das nicht so allgemein formulieren, sondern konkreter sich äußern, damit man über Fakten reden kann und nicht über Gefühle.Auch sollten Sie die "kritische Diskusion" über die Militärseelsorge präzisieren. Immerhin geht es hier um Menschen, die sich in einem friedenserhaltenden Berufszweig engagieren, ohne den unsere Volksgemeinschaft nicht in Frieden exitieren könnte. Soll solchen Menschen die die Seelsorge verweigert werden? Bitte präzisieren Sie Ihre Meinung. Viele Grüße, Dietrich Steckel

Sehr geehrte Frau Käßmann,
ich muss doch den Ausspruch zitieren "die Gnade der späten Geburt" hat auch Ihren Beitrag geprägt. Meiner Meinung nach hat die evangelische Kirche in den letzten hundert Jahren oft politisch versagt und hat heute wenig Lehren aus diesem relativ kurzen Zeitabschnitt gezogen. Aus der Geschichte lernen ist mit der willkürlichen Festlegung auf hundert Jahre im Hinblick auf die Reformation viel zu kurz gefasst.
In meiner erlebten Geschichte der evangelischen Kirche habe ich ein anderes Bild der „politischen Lerngeschichte“ erfahren. Die Nähe der evangelischen Kirche zum Staat durch die Finanzämter, die im Auftrag die Kirchensteuer heute erheben, ist offensichtlich. Das ist keine Trennung von Staat und Kirche, res mixta!
Als ehemaliges Mitglied der Jungen Gemeinde in Berlin hatte ich den Bischof Otto Dibelius als Opportunisten mit seiner großen Nähe zur Politik erlebt. Nachfolgende Bischöfe der evangelischen Kirche hatten auch durch ihre Mitgliedschaft in den Parteien eine zu große Nähe zur Politik.
Einen politischen Lernprozess kann ich für mich nicht erkennen, Ihr eigenes Schicksal in der evangelischen Kirche ist für mich ein Beispiel hierzu.
Mit herzlichen Grüßen
Peter Ascher

Frau Käßmann begrüßt die Trennung von Kirche und Staat. Aber wie "getrennt" die großen Kirchen in Deutschland vom Staat wirklich sind, zeigt sich symptomatisch daran, dass sie sich vom Staat bequem die Kirchensteuer einziehen lassen. Evangelische Kindergärten nennen sich zwar "evangelisch", werden aber zu 80-100 Prozent aus Steuermitteln finanziert. Der Untertanengeist der evangelischen Kirche mag weg sein, aber die Staatsnähe ist geblieben.