Sexueller Missbrauch - ein Opfer berichtet von den Folgen

"Zieh dich aus, du Schlampe!"
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Symbolbild

Nach diesem Tag im himmelblauen Haus hat sie den Wunsch, tot zu sein (Symbolbild)

Charlotte V./photocase.de

Das sagten die Täter zum Kind. Jetzt ist Lea erwachsen. Und sie leidet noch immer an den Folgen des jahrelangen sexuellen Missbrauchs. Die Geschichte eines ungesühnten Verbrechens. (TRIGGERWARNUNG für Betroffene!)

Sie hat diese Sätze als Kind gehört: „Wenn du nur ein Wort sagst, Lea! Ich schneide dir die Zunge raus und steck sie dir in deinen kleinen Huren­arsch! Ich fick dich, bis du tot bist. Du willst doch gehorchen, oder? Ja, du bist ein braves Mädchen. Komm her, zieh dich aus. Du Schlampe.“ Heute hört sie diese Sätze noch immer, im Kopf, jeden Tag.

Man kann das kaum zusammendenken mit der jungen Frau, die gerade die Straße herunterkommt zu unserem zweiten Treffen. Eine Frau mit schnellem Schritt und klaren Gesichtszügen. Den Kopf hält sie ein wenig eingezogen.

Lea wurde als Kind missbraucht. Das schrieb sie mir in einer höflichen Mail. Sie sei jetzt 28 und leide immer noch unter den Folgen der sexuellen Gewalt. Sie möchte, dass die Öffentlichkeit auch mal was über die Opfer erfährt, nicht immer nur über die Täter. Sie selbst sei nicht wichtig, sie stelle ihre Geschichte nur als Beispiel zur Verfügung – damit allen Opfern mit ein wenig mehr Verständnis begegnet werde.

Die sexuelle Gewalt gegen Lea begann, als sie fünf war. Sie endete, als sie 13 war. Der erste Täter war der Onkel, dann waren es ganze Gruppen von Männern. Auch kinderporno­grafische Fotos und Filme wurden erstellt. So schildert sie es mir.

Kann es wahr sein, was sie da an Monströsem erzählt? Wir treffen uns für stundenlange Gespräche; in langen Mails beantwortet sie mir jede meiner vielen Fragen; sie übergibt mir Kopien von Arztbriefen und vom Schwer­behindertenausweis. Ich rede mit Ärzten, mit Anwälten und Juris­tinnen, mit Traumatherapeutinnen, mit Fachleuten vom Opferschutzverein Weißer Ring, mit einer Gutachterin für Aussagen... Am Ende habe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass nicht stimmt, was Lea berichtet.

Der Onkel sagt: „Schau mal, das machen Erwachsene“

Deshalb erzähle ich hier davon, von einem ungesühnten Verbrechen und von einer Frau, die zu überleben versucht, obwohl die Täter alles taten, damit sie kein Leben mehr haben kann. Der Name und einige Details sind zu ihrem Schutz verändert.

Es war schön zu Hause, sagt Lea. Es gab einen Garten mit Apfelbaum und Kaninchen; Lea war in einem ­privaten Kindergarten, später auf einer Reformschule. Und es war schlimm zu Hause: Lea war ein ungeplantes Kind, die Mutter haderte damit, dass sie ihr Studium aufgegeben hatte; sie ließ ­ihre Wut an Lea aus, dann war sie wieder nett. Der Vater war viel weg auf Messen und zu Hause häufig bekifft. Die Eltern waren sehr mit sich selbst beschäftigt, sie stritten sich lautstark, Gegenstände flogen. Nach Lea kamen noch zwei Brüder auf die Welt, Zwillinge, sie waren kränklich, brauchten viel Aufmerksamkeit.

Für Lea war nicht viel Zeit – deswegen war sie immer wieder für ­Tage beim Onkel, damals, Anfang der 90er Jahre. Zunächst war Lea gerne dort. Der Onkel las der Fünfjährigen abends Geschichten vor, das machten ihre Eltern nie. Ein studierter Mann, als Mittdreißiger bereits die rechte Hand des Firmenchefs. Aber dann änderten sich die abendlichen Rituale.

Der Onkel fasste sie überall an und gab das als Entdeckungsspiel aus. „Hast du das schon mal gesehen?“ Und: „Schau mal, das machen Erwachsene.“ Er steckte ihr seine Finger in die Scheide. Irgendwann musste sie ihn oral befriedigen.

Es war ihr alles sehr unangenehm, schon wie er sie anfasste. Es war ­irgendwie nicht richtig. Lea verstand das alles nicht. Tagsüber war der ­Onkel nett und nannte sie „meine Prinzessin“, nachts dagegen „du Dreckstück“. Aber vielleicht war es normal, was der Onkel mit ihr machte, und sie musste es durchstehen, um erwachsen zu werden? Sie wollte unbedingt erwachsen werden! Auf keinen Fall wollte sie ins Heim, wie der Onkel androhte, sollte sie etwas erzählen.

Sie ist sechs oder sieben, als sie dieses besondere Nachthemd hat, das so ganz anders ist als ihre sonst eher praktische Kleidung: übersät mit ­rosa Röschen. Der Onkel kommt nachts. Heute werde Lea ihn sehr glücklich machen, flüstert er. Er führt sie in den Waschkeller, schließt die Tür ab, er schaut sie nicht an, er spricht nicht mit ihr, er setzt sie auf die Wasch­maschine und vergewaltigt sie. Sie weint vor Schmerzen. Dann wischt der Onkel das Blut von Waschma­schine und Boden und trägt das Kind, das nicht mehr laufen kann, zurück ins Gästezimmer.

Die Männer lachen jedes Mal

In dieser Zeit beginnt es, dass sie nachts Kinderstimmen hört, ein ­Wimmern, dass ihr das Blut gefriert. Die Eltern führen die „Alpträume“ darauf zurück, dass das Kind die Vorschau zu einem Horrorfilm gesehen hat. Dass Lea ihre Blase nicht mehr halten kann, bekommen die Eltern nicht mit. Es passiert, wenn sie sich erschrickt. Und sie ist sehr schreckhaft. Diese Pein wird sie begleiten, bis sie erwachsen ist.

Ist der Onkel ein „Pädophiler“? Kaum anzunehmen. Die allermeis­ten Täter sind sexuell vorrangig an Erwach­senen interessiert. Der Onkel hat eine Frau. Lea kann sich nicht vorstellen, dass die Tante nicht mitbekommen hat, dass ihr Mann immer dann nachts ­aus dem Schlafzimmer ver­schwand, wenn das kleine Mädchen zu Besuch war. Die Tante zeigte deutlich, dass sie Lea nicht mochte.

Man weiß, dass in jedem Zeitalter seit der Antike Erwachsene Kinder sexuell missbraucht haben. Man weiß auch, dass der Großteil der Täter im familiären Umfeld lebt: Väter, Mütter, Großeltern, Onkel, Nachbarn... Aber man weiß nicht, wie groß das Ausmaß ist. Man kennt das „Hellfeld“, also die Zahl der angezeigten Taten in Deutschland: jährlich etwa 12 000. Das „Dunkelfeld“ kann man nur zu erhellen versuchen: indem man Tausende von Menschen fragt, ob sie in der Kindheit Missbrauch erlebt haben. Genau solch eine Befragung hat jetzt in Baden-Würt­temberg das Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin an der Uniklinik Ulm gemacht. Ergebnis: In jeder 20-köpfigen Schulklasse könnten ein bis zwei Kinder sitzen, die sexuelle Gewalt erfahren haben.  

Lea ist zehn, als der Onkel mit ihr einen Ausflug macht. Er hält vor einem himmelblau gestrichenen Haus. Im Haus drei weitere Männer, ein Schlafzimmer mit großem Ehebett, davor ­eine riesige Filmkamera auf Stativ, der Mann daneben sagt: „Zieh dich aus!“ Sie fühlt sich wie gelähmt. Der Mann packt sie am Kinn und raunt ihr ins Gesicht, dass sie nie mehr aus diesem Zimmer komme, wenn sie sich nicht sofort ausziehe. Sie fängt zu weinen an. „Hör auf zu heulen!“ Die drei Männer vergewaltigen sie.

Der erste sagt in einem fort „du Schlampe“, der zweite will dauernd wissen, ob es ihr gefällt, beim dritten, dem brutalsten, hat sie keine Gefühle mehr. Vielleicht hat sie sich damals das erste Mal innerlich „weggemacht“. So dass da nur noch eine Hülle lag. Sie weiß noch, wie ihr eine Flüssig­keit über den Bauch läuft. Dass die Männer jedes Mal lachen. Das versteht Lea bis heute nicht.

Lea verwandelt sich in etwas „Roboterähnliches“

Nach diesem Tag im himmelblauen Haus hat sie den Wunsch, tot zu sein. Der Wunsch ist bis heute geblieben, manchmal ist er massiv, manchmal schwächer, aber er ist immer da.  

Es folgen weitere „Ausflüge“. Und Lea beginnt, sich zu verändern. Gegen das Chaos setzt das Kind eine Art Umerziehungsprogramm. Sie habe sich in etwas „Roboterähnliches“ verwandelt, sagt sie heute, sie wollte perfekt werden. Sie verbietet sich Gefühle, bestraft sich, wenn sie „zu viel“ isst, wird eine Einser-Schülerin. Ihre Eltern sind befremdet: „Lea, du hast ein Herz aus Stein. Deine Bücher sind dir wichtiger als alles andere. So haben wir uns ­unsere Tochter nicht vorgestellt.“

Lea glaubt fest daran: Sobald sie perfekt ist, wird sie die Kontrolle über ihr Leben haben. Nur dummen Kindern passiert das, was ihr passiert ist. Sie schämt sich, dass sie so dumm gewesen ist. Doch egal, wie „perfekt“ sie ist, der Onkel tut ihr weiterhin Gewalt an.

Hätte sie sich denn nicht jemandem anvertrauen können? Nein, sagt Lea, dazu hatte sie zu viel Angst. Diese endlosen Drohungen – wenn du was sagst, bringen wir dich um, wir finden dich, wir bringen deine Familie um...

 plainpicture/photocake.de

Sie ist elf, als der Onkel mit ihr zu einem Freund fährt. Ein Reihenhaus, im Garten eine Rutsche. Lea bekommt Orangensaft, auf dem Glas sind Elefanten, ihre Lieblingstiere. Der Freund vom Onkel fragt sie, ob sie mal was Spannendes sehen will. Sie misstraut ihm, sagt trotzdem Ja. Einfach immer Ja sagen, dann wird alles gut, redet sie sich ein.

Die Männer führen sie in den ­Keller, schließen die Metalltür ab, Panik erfasst das Mädchen. Lea fleht, sie weint, sie zieht sich nicht aus. Da packt der Onkel sie um den Bauch, dass ihr fast schlecht wird, und reißt ihr die Kleider herunter, der Freund fotografiert. Es war wohl das einzige Mal, sagt Lea, dass sie sich gegen den Onkel gewehrt hat. Sie hat nicht den Hauch einer Chance. Der Onkel setzt sich auf sie drauf und hält ihre Handgelenke fest. Sie wird mit Seilen an die Kellerregale gebunden. Als die Männer sie vergewaltigen, denkt Lea: Eigenartig, kein Schmerz, kein Gefühl – bin ich jetzt tot? Der Kopf dagegen scheint ihr riesig, als bestehe sie nur noch aus Kopf.

Egal, wie sich Lea verhielt – es war falsch

Man kann das alles lesen wie einen Krimi oder einen Horrorroman. Ist doch alles nicht echt! Oder man schenkt Lea Glauben. Dann ist man tief beunruhigt.

Lea war an weiteren Orten mit weiteren Männern. Je älter sie wurde, umso weniger zusammenhängend sind ihre Erinnerungen. Alles liegt wie hinter einer Nebelwand. Aber an eines erinnert sie sich genau: dass ­irgendwann auch andere Kinder dabei waren. Ein etwa gleichaltriges Mädchen, das kein Deutsch sprach, und ein kleiner Junge, vielleicht sechs.

Der Junge habe so furchtbar geschrien, als er vergewaltigt wurde. Sie habe die Augen zugemacht und innerlich gefleht: „Bitte sei still, sonst wird es nur schlimmer!“ Bis heute fühlt sie sich schuldig, dass sie ihm nicht geholfen hat. Wann immer sie an ihn denkt, nimmt sie ihn innerlich in den Arm.
Was war das Schlimmste? Lea muss nur kurz nachdenken: Egal, wie sie sich verhielt – ob sie sich wehrte und schrie oder ob sie alles über sich ergehen ließ –, es war falsch. Alles ging schlecht für sie aus. Immer. Irgendwann verlor sie jede Hoffnung.

Sie hat viel gegrübelt darüber, was das eigentlich war – die Orte mit den fremden Männern, den Kameras, den Scheinwerfern, den anderen Kindern. Es scheint ihr, von heute aus betrachtet, irgendwie „organisiert“. Der Onkel blieb meist sitzen, ging nicht mit in die Räume mit den Kameras. Vielleicht bekam er Geld für sie.

Organisierter sexueller Kindesmissbrauch*? In Deutschland? Nun, es gibt Fotos und Filme von gequälten Kindern, landläufig Kinderporno­grafie genannt; stimmt, sie werden im Internet getauscht und verkauft. Irgendwer muss sie ja hergestellt ­haben, mal laienhaft mit schlechtem Licht, mal „professioneller“.

Aber wenn dann die Rede geht, dass es ganze „Netzwerke“ gebe, grenzübergreifend, bis in „höchste Kreise“, Handel mit unregistrierten Babys aus Osteuropa, dass Opferhelfer bedroht würden – das klingt nach Verschwörungstheorie. Denn wieso steht davon nichts in den Zeitungen?

Als Lea ihre Periode hat, ist der Onkel stinksauer

Manchmal steht was in der Zeitung – und es reagiert keiner. 1999 ­berichtet die „Frankfurter Rundschau“ über den systematischen Missbrauch durch Lehrer an der Odenwaldschule.

Keines der deutschen Leitmedien greift das Thema auf. Erst 2010 beginnt eine öffentliche Diskussion, und immer mehr Betroffene brechen ihr Schweigen. Weil ihnen endlich geglaubt wird?

Und die Polizei entdeckt tatsächlich Netzwerke – man denke an die internationale Polizeiaktion in Sachen Kinderpornografie mit dem Namen „Operation Spade“, in deren Verlauf auch der deutsche Politiker Edathy ins Visier geriet; an die „Operation Daylight“ in Europa im vergangenen August; oder an die „Operation Dark Room“ im November in Norwegen, bei der auch Anwälte und Politiker unter den Verdächtigen waren. Aber diese Zugriffe sind selten. Zuvor müssen viele Beamtinnen und Beamte monate-, manchmal jahrelang ermitteln.

So richtig vorstellen kann ich mir das mit den Netzwerken immer noch nicht. Also frage ich eine Frau, die mir klug und bodenständig erscheint: Julia von Weiler, deutsche Vorstandsfrau der internationalen Kinderschutzorganisation „Innocence in Danger“. Natürlich gibt es Netzwerke, sagt sie – kleine Gruppen, „zynisch gesagt: den Lesezirkel“, und große Gruppen. Manche Netzwerke „verleihen“ Kinder untereinander, auch von Land zu Land. Sie hat es selbst gesehen an der deutsch-tschechischen Grenze: Aus Autos mit osteuropäischen Kennzeichen wurden Kinder in Autos mit deutschen, österreichischen, Schweizer Kennzeichen gesteckt. Fragte man nach, hieß es, das sei der Onkel.

Und ist das wirklich wahr, dass ­Leute bedroht werden, wenn sie Erwachsenen helfen, die noch immer unter der Macht ihrer Misshandler stehen? Das sei ihr selbst auch ­passiert, sagt Julia von Weiler. Sie kam sich blöd vor, als sie davon der Polizei berichtete, es klang so albern nach James Bond, aber die Polizei glaubte ihr: „Wir kennen Sie ja.“

Mit 13 ist Lea mal wieder beim Onkel, sie hat ihre Periode, er will sie vergewaltigen, sieht das Blut und... Lea kann die Reaktion nicht deuten. Als sei er stinksauer, als tauge sie jetzt irgendwie nicht mehr. Sie ist danach nie wieder dort gewesen.

Lea bekommt ­Psychopharmaka, keines hilft

Ende gut, alles gut? Nein, sagt sie, Davonkommen sei ein hässliches Geschenk. Lea ist Teenager, und es wird immer dunkler um sie. Sie ist weiter gut in der Schule, aber sie steht auch oft auf der nahen Eisenbahnbrücke und will sich hinunterstürzen.

Hätte sich jemand ernstlich für sie interessiert, als sie elf oder zwölf war – „ich glaube, ich wäre sofort in mir zusammengebrochen und hätte alles erzählt“. Mit 13, 14 aber hätte sie sich durch solch Fragerei angegriffen gefühlt. Da hat sie schon alles in sich verschlossen. Sie denkt, es gibt eben Menschen, die nicht fürs Leben vorgesehen sind. In der Philosophie-AG beschäftigt sie sich intensiv mit dem Thema Selbsttötung. Intellektuell und provozierend, so ist Lea bekannt.

Damals hört sie bereits mehrere Stimmen im Kopf: Zum Kinderwimmern sind zwei böse männliche Stimmen gekommen. Die eine Stimme, sie klingt wie der Onkel, droht, dass „sie“ Lea kriegen werden; die andere Stimme klingt wie Torsten, der Mann neben den Kameras. Diese Stimme treibt sie auf die Eisenbahnbrücke und beschimpft sie: als ver­logene Hure, als widerwärtigen Dreck.

Mit 19 hat Lea zwei Suizidversuche hinter sich. Nach dem Abitur bricht sie zusammen, kommt in die Psychiatrie. Schwere Depression, so die Diagnose. Sie zieht in eine andere Stadt, beginnt zu studieren. Muss wieder in die Psychiatrie. Sagt auch mal was von einem Missbrauch in der Kindheit, sieht selbst aber keinen Zusammenhang zu ihrem jetzigen Zustand. Und es fragt nie jemand nach. So sagt sie es. In der Tat, in den Arztberichten der diversen Psychiatrien findet sich nichts dazu.

Lea bekommt ­Psychopharmaka, keines hilft. Irgendeine Ärztin schreibt dann wegen Leas gelegentlicher Schockstarre auch noch eine Posttraumatische Belastungsstörung in die Akte. Die späteren Ärzte schreiben das ab, die Ursache wird nicht erforscht. Lea macht alles mit, was man ihr verordnet, auch die Kunsttherapie – und fliegt aus der Gruppe, weil sie so grässliche Bilder malt. Im nächsten Krankenhaus malt sie nur noch „Nettes“.

Sechs Jahre lang geht das seit dem Abitur so: studieren, Zusammenbruch, Psychiatrie, studieren... Sie ist Mitte 20, als zum ersten Mal eine ausführliche Diagnostik gemacht wird. Ein junger, engagierter Arzt wird ihr Therapeut. Er merkt schnell, dass er mit den üblichen Methoden nicht weiterkommt. Er bildet sich in Trauma­therapie fort und kommt zu einer Diagnose, mit der sich endlich alles erklären lässt: Lea hat vor allem eine DIS, eine dissoziative Identitätsstörung.

Das Kind wird in Todesangst versetzt

Das sagt ihr der Arzt nicht. Er sagt ihr zunächst nur, dass er in der letzten Therapiesitzung nicht mit der erwachsenen Lea gesprochen habe, sondern mit einem kleinen Mädchen. Lea ist empört: Sie sei doch keine Hydra mit sieben Köpfen! Aber sie muss zugeben, dass sie oft nicht weiß, was sie die letzten Stunden gemacht hat. Dass sie auch mal im Wald aufwacht und nicht weiß, wie sie dort hingekommen ist.

Dissoziieren? Klingt nach Psycho-Hokuspokus. Eigentlich ist es eine normale Reaktion der Seele auf ein schockierendes Erlebnis, erklärt mir die Trauma-Psychotherapeutin Ingrid Wild-Lüffe. Vergleichsweise schwach ist die Dissoziation bei einem Unfall­opfer, da nimmt man sie als „Gedächtnisverlust“ wahr: Der Verunfallte erinnert sich, dass er gefahren ist, er weiß noch, dass irgendwas war – und dann ist er auf einmal im Krankenhaus. „Aber du hast uns doch noch angerufen“, sagen ihm die Verwandten. „Hab ich das?“ Er hat das Erlebte abgespalten. Eine Strategie der Psyche, um sich zu schützen.

Erlebt ein Mensch wiederholt etwas Grauenvolles, und ist dieser Mensch noch ein Kind, dann spaltet sich die ganze Persönlichkeit. Diese Aufspaltung werde von Tätern regelrecht provoziert, sagt die Traumatherapeutin. Das Kind wird in Todesangst versetzt, es soll erstarren – damit man mit ihm machen kann, was man will, und damit es nichts verraten kann. Je orga­nisierter die Täter, umso kundiger wird diese Spaltung erzeugt. Das erklärt, warum Lea sich einige frühe Gewalttaten durch einzelne Männer noch ganz gut merken konnte, von den späteren durch viele Männer aber nur Erinnerungsfetzen hat.

Jetzt verstehe ich auch, warum sie so nüchtern erzählt, warum sie nicht weint, nicht zittert – sie hat keinen Zugang zu ihren damaligen Gefühlen! Ja, sie sei gefühlstaub, sagt Lea. Gefühllos ist sie aber nur in Bezug auf ihre Vergangenheit. Sonst nicht. Sie amüsiert sich über Karikaturen mit „multiplen Menschen“. Und sie macht sich Sorgen, ob mir das nicht alles zu viel wird.

Die abgekapselten Gefühle und Erfahrungen sind allerdings nicht wirklich weg. Sie drängen sich immer wieder unkontrolliert in Leas erwachsenes Leben und übernehmen die Regie. Dann rennt Lea vom Kaffeetrinken mit einer Freundin weg und weiß hinterher nichts davon. Vielleicht hat sie etwas gehört, etwas gerochen, was sie erinnerte. Es ist ihr ein Rätsel.

Der Teddy hilft ihr, ruhiger zu werden

In der Therapie lernt sie nun die ganze Innentruppe kennen – und deren Bedürfnisse. Überaus lästige Bedürfnisse, findet die erwachsene Lea. Mit den inneren „Kleinen“ zum Beispiel schaut sie abends ein Bilderbuch an, damit die sich beruhigen: Elmar, der karierte Elefant, der so gerne grau ­wäre. „Es ist bizarr“, sagt Lea. Manchmal habe sie in der Therapie sogar ­einen Teddy auf dem Schoß. Es ist ihr peinlich, das zu erzählen. Aber der Teddy helfe, sie werde dann ruhiger.

Man muss hier eins klarstellen: Lea hat nicht wirklich mehrere Personen in sich – vielmehr stellen sich ihr die abgekapselten Zu­stände als verselbstständigte Personen dar. Die gute Nachricht: Das ist heilbar. Zuerst lernt man das Abgetrennte kennen; dann nähert man sich in kontrollierten Schrittchen dem Trauma und rekonstruiert, was passiert ist; um alles in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren; dann zu trauern um die zerstörte Kindheit; und schließlich die Zukunft zu ge­stalten. Hört sich hopplahopp an, dauert aber viele Jahre. Man braucht dafür sehr viel mehr Therapiestunden, als die Krankenkassen bezahlen.

Wie wenn Lea nicht so schon genug Sorgen hätte. Geldsorgen. Die Eltern zahlen ihr nur einen Teil der Miete des WG-Zimmers. Lea hat bislang noch jeden Job verloren, weil sie zu oft krank ist – schmerzgeplagt zu Hause im Bett liegt oder suizidal in der Psychiatrie. Manchmal spielt sie mit ­ihrer Klarinette bei Konzerten mit, dafür bekommt sie eine kleine Aufwandsentschädigung. Maximal 100 Euro hat sie im Monat. 50 davon gehen für Essen drauf: Nudeln mit Ketchup, Cornflakes mit Milch, preiswertes Obst.

Wo immer sie um Unterstützung bat, hieß es: Sie müsse halt aufhören zu studieren, dann bekomme sie Hartz IV. „Aber ich will studieren und dann arbeiten, damit ich dem Staat eben nicht langfristig auf der Tasche liege“, sagt Lea verzweifelt. Und sie habe gute Noten! (Ich vermute: sehr gute Noten.)

„Geht ein Mann die Treppe hoch, klopft an die Tür.“

Lang muss sie sparen, bis sie die jährlich 620 Euro für Semesterbeitrag und Studierendenticket zusammenhat. Jetzt will sie dafür einen Antrag stellen beim Fonds Sexueller Missbrauch, den die Bundesregierung aufgelegt hat. Aber als Lea im Antrag ­den Missbrauch schildern muss, gerät ihre innere Truppe in Aufregung: Wie kann sie es wagen, DAVON öffent­lich zu reden!

Also nimmt Lea die Papiere mit in die Therapie, um sie dort auszufüllen. Da wird ihr plötzlich schummrig, ­sie geht zum Waschbecken des Arztzimmers – dann hört ihr Therapeut nur noch einen lauten Knall: Sie ist rücklings umgefallen. Dissozia­tiver Krampfanfall. Die Folge ist eine schwere Gehirnerschütterung.

Es sind nicht nur die „Kinder“, die in ihr erwachsenes Leben reinfunken, sondern, besonders übel: „Torsten“. So hieß der Mann, der bei den pornografischen Aufnahmen die Anweisungen gab. Lea solle zurückkommen, Männer befriedigen, sie gehöre ihm. Er sagt das sehr laut und in anderen, in obzönen Worten.

Der Torsten in Leas Kopf ist nicht der reale Torsten, er imitiere den ­Täter nur, erklärt mir die Traumathera­peutin Ingrid Wild-Lüffe. Stichwort: Identifikation mit dem Aggressor, eine Überlebensstrategie in größter Not. Ein bedrohtes Kind denkt: Ich werde am ehesten überleben, wenn ich genau so fühle, denke und handle wie der mächtige Mann.

Und dann melden sich die realen Täter. Kurz vor Leas 28. Geburtstag. Ein Brief ohne Absender. Darin nur ein Satz: „Geht ein Mann die Treppe hoch, klopft an die Tür.“ Und Lea erhält Leeranrufe, nachts um drei. Sie ändert ihre Nummer. Die Anrufe gehen weiter. Womöglich hat der Onkel die Nummer bei den Eltern erfragt und weitergegeben. Lea weiß jetzt: „Die haben mich auf dem Schirm. Aber ich will mich nicht einbunkern!“

In einem Wutanfall hatte sie vor zwei Jahren dem Onkel sogar mal ­einen langen Brief geschrieben. Er ­habe ihr Leben kaputt gemacht. Und er solle ihr die Fotos zurückgeben. „Total irre“, sagt sie heute, „ich kann ja nicht erwarten, dass er schreibt: ‚Tut mir leid, dass ich dich acht Jahre lang verkauft habe.‘ Natürlich bekam ich keine Antwort.“

 Lea hat keine Adressen. Es könnte überall passiert sein (Symbolbild)plainpicture/Claudia Schütte

Bald nach dem Brief war Weihnachten, sie fuhr zu ihren Eltern, die Mutter hatte, überraschend für Lea, viele Verwandte eingeladen, darunter den Onkel. Lea konnte es vermeiden, mit ihm zu sprechen. Aber der Onkel habe sie oft angeschaut. Dann plauderte sie munter mit anderen Gästen. Dabei schnürte es ihr vor Angst die Kehle zu. Kurz darauf war sie wieder in der Psychiatrie.

Warum zeigt sie den Onkel denn nicht an? Vielleicht kriegt man über den Onkel auch die anderen Täter. Die haben doch bestimmt nicht aufgehört, Kinder zu quälen. Und die Verjährungsregeln sind bereits mehrmals verlängert worden.

Viele Betroffene glauben nicht, dass ­­sie einen Prozess überstehen würden – sie wären erneut mit dem Täter konfrontiert, müssten Intimstes erzählen, würden vom Anwalt des Täters demontiert. Andere können sich eine Anzeige vorstellen, wollen aber erst stabiler werden. So lange verwahren Freunde die wichtigsten Daten in einem verschlossenen Umschlag; sollte den Betroffenen etwas zustoßen, gingen die Informationen an die Polizei.

Aber Lea hat keine Beweise. Sie hat nicht mal Adressen, außer der des Onkels. Als Kind achtet man nicht auf Hausnummern, sondern ob es da eine Rutsche gibt und ein Glas mit Elefanten drauf. Selbst wenn sie in den abgeschiedenen Tauschbörsen des Internets Fotos oder Videos von sich als Kind fände, zu sehen ist darauf üblicherweise nur das geschundene Kind, vom Täter bloß Geschlechtsteil und Hände. Das ist Absicht.

Sexueller Missbrauch ist eines der sichersten Verbrechen

Die meisten Verfahren werden schon in der Ermittlungsphase eingestellt, weil nicht genügend Beweise für eine Anklage zusammenkommen. Auch wenn ein Prozess eröffnet wird, verlassen die Angeklagten häufig als freie Bürger das Gericht. Weil doch noch Zweifel an der Schuld verbleiben. Dann darf das Gericht sie nicht verurteilen. Es soll schließlich niemand zu Unrecht im Gefängnis sitzen. „95 Prozent der Missbrauchstaten bleiben ungesühnt“,
schätzt Professor Jens Brachmann, ­Mitglied in der neu gegründeten Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindes­missbrauchs in Deutschland.
Sexueller Missbrauch, so könnte man sagen, ist eines der sichersten Verbrechen.

Hat Lea vielleicht Narben, die als Beweis dienen könnten? Ja, ich weiß inzwischen, oft finden sich nach ­Kindesmissbrauch keine Spuren, genitales Gewebe heilt schnell. Was sagt denn ihre Frauenärztin? Sie war noch nie bei einer Frauenärztin. „So eine Untersuchung wäre das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.“ Sie habe seit Ewigkeiten Unterleibsschmerzen, fast unerträgliche Schmerzen auch im Darm, aber noch halte sie die Schmerzen aus, irgendwie.

Und dann geht sie doch zu einem Spezialisten für Enddarmerkrankungen. Sie muss sich überwinden, mir davon zu berichten. Der Arzt habe ausgedehntes Narbengewebe im End­darm festgestellt, außerdem einen vernarbten Dammriss. Und, hat der Arzt sie gefragt, wie das kommt? Nein, sagt Lea, er habe ihr Tipps für den Analverkehr gegeben.

Wären die Narben ein Beweis? Bei einer erwachsenen Frau eher nicht, sagt Julia von Weiler von Innocence in Danger. „Wenn der Täter einen guten Verteidiger hat, sagt der: Na ja, die Frau ist doch total promiskuitiv! Oder einer ihrer Persönlichkeitsanteile ist sexuell freizügig. Vielleicht hat sie als Studentin ja auch angeschafft.“

Ein einziges Mal weint Lea

Mag sein, dass man die Täter nicht zu fassen kriegt – aber das Opfer muss doch Hilfe bekommen! Dafür gibt es schließlich das Opferentschädigungsgesetz: Der Staat zahlt Gewalt­opfern einen „Ausgleich“, weil er sie nicht hat schützen können. Doch viele Opfer von sexuellem Missbrauch gehen leer aus. Mit einer dissoziativen Identitätsstörung besteht man selten ein Glaubhaftigkeitsgutachten. Und um den Hürdenlauf mit ablehnendem Bescheid, Widerspruch, Gerichtsverfahren zu schaffen, bräuchte man kos­tenlose fachanwaltliche Begleitung. Das wird seit langem gefordert.

Was ist das Schlimmste für Lea, heute? Ihre Stimme wird brüchig. „Dass mich der Missbrauch zu einem ganz anderen Menschen gemacht hat, als ich hätte sein können.“ Sie weint. Das einzige Mal während unserer vielstündigen Gespräche. „Tut mir leid“, sagt sie. Taschentuch? „Danke, hab selber.“
Das Schlimmste: dass ihr so vieles verwehrt bleibe, was zu einem nor­malen Lebensweg dazugehöre. Ihre ­Altersgenossinnen haben jetzt feste Partnerschaften, bekommen Kinder. „Kein Mann möchte doch eine gestörte missbrauchte Frau!“ Und die anderen haben Berufe. „Ich will auch was leisten“, ruft Lea aus. Aber es koste sie schon so maßlos viel Kraft und Lebenszeit, die Vergangenheit zu bewältigen.

Ob ich nicht trotzdem eine positive Geschichte schreiben könne? Gern. Was soll ich schreiben? Dann kommt doch einiges zusammen: dass sie ihr Leben manchmal nun doch ein klein bisschen mag; dass sie zwar lange braucht, bis sie jemandem traut, aber dann vertrauen kann; dass sie Männer nicht hasst; dass sie in ihrer WG als begehrte Beraterin bei Beziehungskrisen und Liebeskummer ­gelte – obwohl sie keine Ahnung habe. Und dass sie neugierig ist. So neugierig, dass sie im November 2016 auf eine Reise geht, die ihr große Angst macht. Sie fährt nach Berlin, zum Kongress des Betroffenenrats, um 200 andere Menschen zu treffen, die als Kinder oder Jugendliche Opfer sexueller Gewalt wurden.

Andere Betroffene finden sie mutig und kraftvoll

Gebeugt und verzagt langt sie kurz vor knapp am Veranstaltungsort an. Vielleicht wäre der Tanzworkshop am Nachmittag was für sie? Bloß nicht, sie hasse ihren Körper! Zusammengekrümmt sitzt sie dann neben mir, in ihrem guten schwarzen Konzertoberteil zu grauer Hose.

Aber sie verfolgt gebannt, wie sich der Betroffenenrat auf der Bühne vorstellt: wie diese Menschen ganz selbstverständlich in ihre Rede einflechten, was ihnen angetan wurde, vom Vater, vom Pfarrer, vom Lehrer, im DDR-Heim, im Sportverein, vor wenigen Jahren oder vor Jahrzehnten. Berufen wurden diese Expertinnen und Experten vom Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des ­sexuellen Kindesmissbrauchs.

Als Pressevertreterin werde ich mit einem knallroten Aufkleber markiert, ich darf niemanden ansprechen – werde aber angesprochen. „Es sollten sich jetzt auch mal Promis und Politiker outen als Betroffene“, sagt eine ältere Frau, dann bekäme das Thema Missbrauch endlich Aufmerksamkeit. Ein hippeliger Mann erklärt mir seinen Assistenzhund, er habe ihn selbst trainiert: Wenn er dissoziiere, schlabbere ihm der Hund übers Gesicht und hole ihn so zurück; sei er angespannt, schmiege sich ihm der Hund an die Beine; leider mache er das hier auch mit Leuten, die an­gespannt seien, weil sie Angst vor Hunden haben.

Für Lea ist vor allem eines aufregend, sie sagt es in einer „Blitzlichtrunde“ vor vollem Saal: „Ich bin mit Vorbehalten angereist. Ich befürchtete, dass einen das hier runterziehen könnte.“ Sie macht eine Pause. „Aber, wow, hier sind lauter normale Leute, lebensfähige Leute! Die einen langen Weg hinter sich haben.“ Sie setzt sich. Die Knie werden ihr noch Stunden zittern. Später sagen ihr andere Betroffene, wie mutig sie das ­fanden, wie schön, wie kraftvoll.

Als wir den Saal wieder betreten, stehen rote Leuchtkästen auf den Stufen von der Empore herunter, Namen darauf: Lotta, Elke, Tatjana, Kay,
Rebecca, Floh... Alle tot. Suizid, Mord, Überdosis. Ein Kunstprojekt über reale Menschen. „Die, die es nicht geschafft haben, sind jetzt auch bei uns“, sagt der Moderator vom Betroffenenrat. Lea flüstert mir zu: „Ich will nicht als so eine Namenslampe enden.“

Lea geht es nach dem Kongress ­wochenlang elend. Die hardcore-porno­grafische Dauerschleife im Gehirn quält sie, Torsten beschimpft sie, die Kinder wimmern. Aber dann rappelt sie sich auf und macht einen Termin aus mit der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Um zu erzählen, was ihr angetan wurde.

 

* Es gibt keinen richtigen „Gebrauch“ von Kindern. Besser ist der Begriff „sexuelle/sexualisierte Gewalt“, denn die Gewalt steht im Vordergrund. Aber der Begriff „Missbrauch“ hat sich eingebürgert, daher verwenden auch wir ihn hier.

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Lesermeinungen

Zufällig habe ich die "Chrismon"-Beilage in einer Ausgabe der Süddeutschen Zeitung entdeckt und eigentlich nur beiläufig durchgeblättert. Bei diesem Artikel blieb ich tatsächlich überrascht hängen, da ich nicht damit gerechnet habe, so etwas in einem evangelischen Magazin zu finden.
Ich bin mir nicht sicher, ob das die richtigen Worte sind, um mein Lesegefühl zu beschreiben, aber ich fand den Artikel sehr mitreißend und habe mich über die Länge sehr gefreut. In der Tat hätte ich nichts dagegen gehabt, noch mehr darüber zu erfahren. Dementsprechend teile ich auch die Meinung vieler Mitkommentatoren nicht, dass manche Schilderungen zu detailreich waren. Voll und ganz kann ich natürlich verstehen, wenn das jemandem zuviel wird. Oder diejenigen, die etwas ähnliches durchmachen mussten unangenehm an ihre Vergangenheit erinnert werden.
Für mich persönlich als nicht Betroffene kann ich aber nur sagen: Danke, für diese realitätsnahe Offenheit! Danke, für das Nicht-Beschönigen. Danke, dass sie nicht ausweichen. Gerade bei Themen, die Gewalt oder sexuelle Gewalt im Allgemeinen betreffen, halten sich sehr sehr viele Medien und Journalisten leider viel zu sehr zurück. Mit sind die Schilderungen häufig viel zu oberflächlich. Denn ich will nicht einfach nur wissen, dass da ein 'sexueller Missbrauch' stattgefunden hat - was auch immer das heißt. Ich will die ganzen unschönen Details wissen. Ich will wissen, wie schlimm das für die Opfer war. Ich möchte wissen, welche Grausamkeiten in der Welt geschehen. Das ist man auch den Opfern schuldig, sofern sie es denn erzählen wollen. Sie verdienen eine Plattform, auf der sie ungeschönt erzählen können, veröffentlichen können, was sie wollen.

Vielfach wird hier auch kritisiert, dass die Autorin etwas naiv an das Thema herangeht. Das wird vor allem an dem Satz festgemacht, dass sie sich derartige Netzwerke oder Missbrauchsringe nicht wirklich vorstellen könne. Hier bin ich etwas hin- und hergerissen. Einerseits dachte ich mir das beim Lesen des Artikels auch, frei nach dem Motto "Sollte sich nicht jemand, der sich mit einem Opfer sexuellen Missbrauchs trifft, nicht im Vorfeld mehr Gedanken dazu machen?" Das war die eine Seite. Meine andere war verständnisvoller. Ich glaube, dass die meisten Menschen hier erst einmal mit irgendeiner Art von Widerwillen reagieren. Zu absurd scheint der Gedanke, dass es im Verborgenen Menschen gibt, die sich so sehr über allgemein akzeptierte Gesetze stellen. Dieser Effekt wird umso mehr verstärkt, als dass es sich hier um Verbrechen handelt, die wahrlich von den meisten als absolut widerwärtig empfunden werden. Vielleicht holt die Sichtweise der Autoren hier diejenigen Leser ab, die sich vorher einfach nicht nie mit der Existenz derartiger Netzwerke beschäftigt haben. Ich denke nicht, dass sie hier die Glaubwürdigkeit des Opfers tatsächlich infrage stellen wollte. Sie nähert sich dem Erzählten vielmehr aus einer Richtung, aus der wahrscheinlich auch die meisten Leser kommen. Und häufig schwingt bei Extremen eben eine gewisse Skepsis mit - die kann man auch haben, ohne dass man dem Opfer gleich die Glaubwürdigkeit nimmt.

Anschließen kann ich mich ganz klar denjenigen Meinungen, die gehofft hätten, noch mehr über die Familie der Frau zu erfahren. Das hätte mich auch sehr interessiert, wurde aber vielleicht tatsächlich aus Personenschutzgründen nicht erwähnt oder weil die junge Frau das eben einfach nicht wollte. Von mir aus hätten Sie gerne noch zehn weitere Seiten mit der Geschichte dieser Frau füllen können - wie es in ihrem Studium läuft, Beziehungen, Freunde, Familie, Hobbies, ihre Gedanken, was sie sich wünscht - ich glaube, ich hätte alles verschlungen.

Heilung wird es für sie und die anderen Opfer vermutlich nie geben. Aber vielleicht einen Weg, anders zu leben. Einen Weg, mit diesen Erfahrungen zu leben. Wer weiß, vielleicht findet sie auf diesem ungewöhnlichen, anderen Weg auch irgendwann sehr spezielle, besondere Dinge. Man kann es ihr nur von ganzem Herzen wünschen!

Das ist ein engagierter, sehr betroffen machender, schonungsloser, qualvoller und schockierender Artikel, dieses Thema wird selten in dieser vollen Tragik behandelt. 

Hätte ich das allerdings als Heranwachsender gelesen, denke ich, dass mich die Lektüre in dieser Härte verstört hätte. Mir wäre nicht wohl bei dem Gedanken, dass mein Stiefsohn oder meine Nichten oder Neffen jetzt den Artikel unkommentiert lesen ohne darüber zu reden. Man sollte das Heft nicht im Hause herumliegen lassen und Kindern oder Jugendlichen zugänglich machen, es sei denn, man bietet auch gleich das offene Gespräch dazu an. Das Schlimmste ist das Schweigen.

Johannes Sauer, Berlin

Lieber Herr Sauer,

wir hatten in unserer internen Blattkritik ebenfalls darüber diskutiert: Dürfen Jugendliche solch einen Text lesen? Gar noch unbegleitet? Die Meinungen waren unterschiedlich. Einige Mütter sagten: Ja, unbedingt, anders wird das Schweigen nicht gebrochen; junge Menschen, zumal Betroffene, könne es retten, wenn sie lesen, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Erfahrung. Probieren Sie es doch mal aus mit Ihren Nichten und Neffen und fragen Sie sie, ob sie solch einen Text lesen mögen. Würde mich wirklich sehr interessieren, was die meinen.
Herzliche Grüße
Christine Holch/Redaktion chrismon

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich lese regelmäßig Zeitungen, darunter auch die ZEIT und Ihr Magazin. Ich lese mit großem Interesse die Leserbriefe und denke oft, man müsste auch mal an die Redaktion schreiben. Bisher hielt mich meine Bequemlichkeit (leider) davon ab. Jetzt aber ändere ich mein Verhalten und das liegt hauptsächlich am Titelthema des aktuellen Heftes. Ich bin selbst letztes Jahr zum ersten Mal Mutter einer Tochter geworden und weiß um mein noch dünnes Nervenkostüm. Daher wollte ich eigentlich den Artikel nicht lesen, aus Angst vor den eigenen Gefühlen oder aus Selbstschutz. Ich habe es dann aber doch getan. Das Schreckliche bleibt ja trotzdem schrecklich, auch wenn ich es nicht an mich heranlasse!

Jedenfalls hat mich der Artikel von Christine Holch tief berührt und am Ende der Lektüre liefen mir die Tränen übers Gesicht, wie von mir erwartet. Ich empfand Empörung, Wut, Abscheu, aber auch Hochachtung vor dem Opfer. Ein Hoffnungsschimmer bietet das Artikelende ja doch: die junge Frau überwindet ihre Scham, um anderen Opfer Mut zu machen und geht an die Öffentlichkeit. Ich habe den Artikel letzte Woche Donnerstag gelesen und noch heute ist der Text mir so präsent, als wenn es eben erst gewesen wäre. Meinen allergrößten Respekt für die journalistische Leistung Ihrer Autorin! Das Thema auf diese Weise umzusetzen ist ihr grandios gelungen. Diese Arbeit wird ihr (und mir!) sicher lange in Erinnerung bleiben.

Ich bedanke mich sehr und wünsche Ihnen ein schönes Osterfest,

Patricia Korte
Köln

Danke für Ihre Anerkennung!

Herzliche Grüße
Christine Holch/Redaktion chrismon

 

Guten Abend,

ich möchte Ihnen danken für den Artikel, so schwer er auch zu lesen war.

Meinung Meinung nach müssen wir viel, viel mehr tun, um das Schweigen zu brechen. Es darf in unseren Kirchen und natürlich genauso in unserer Gesellschaft, nicht mehr tabu sein, allgemein und über selbst erlittene sexualisierte Gewalt zu sprechen. Die Hilfstelefon-Nrn. sollten nicht in den hinterletzten Ecken der Auslagen liegen. Die Anklage gegen Gewalt, die Mädchen und Frauen angetan wird, sollte im Kirchenraum präsent sein

- sensibel aber klar - nicht nur einmal im Jahr! Je mehr Orte wir haben, die Raum für Gespräche eröffnen, je mehr Menschen sensibilisiert sind und zuhöhren / Gesprächspartner sind, je weniger tabu es ist, über die schrecklichen Erlebnisse zu sprechen, desto höher ist (hoffentlich!!) die Chance, dass Opfer den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen.

"Kirche" kann sich hier deutlich mehr in die Verantwortung nehmen. Der Artikel ist ein Schritt zum Schweigenbrechen. Mehr davon. Den Opfern muss geholfen werden, damit sie reden können.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Kerstin

Liebe Frau Ott: ehrlich! Ich bin begeistert! Crismon liest sich deutlich flüssiger, die Artikel sind spannend, moderner, in der Regel sind sie kürzer, meint: überschaubarer. Die Theologie kommt nicht zu kurz, ist aber nicht mehr so - verzeihen Sie - aufdringlich.

Was mich zutiefst bewegt hat, ist der Artikel von Christine Holch.

Eine journalistisch grossartige Leistung bei einem ungeheuer schmerzhaften Thema. Ich dachte, das würde ich nicht lesen können, weil ich es nicht aushalten kann. Frau Holch hat journalistisch Grossartiges  geleistet.  Ich wünsche ihr dafür einen grossen Preis - wenn es den gibt.

Weiter so - liebe Frau Ottt

Und herzlichen Dank.

Ihre Brigitte Babbe

Mutig von der Frau ihre Geschichte zu erzählen. Mutig von "chrismon" diese Geschichte zu veröffentlichen.
Was mich lähmt ist diese Aussichtslosigkeit auf "Vergeltung"; dass die Täter unter uns sind... auf Familienfeiern weiterhin den "lieben Onkel" (und wen auch immer) spielen, ohne für ihre Tat bestraft zu werden.
Das ist schrecklich!
Auch der Artikel steckt in gewisser maßen voll von dieser "Ohnmacht". Und "chrismon" in gewisser Weise auch. Oder warum steht unter dem Artikel folgender Hinweis?

"* Es gibt keinen richtigen „Gebrauch“ von Kindern. Besser ist der Begriff „sexuelle/sexualisierte Gewalt“, denn die Gewalt steht im Vordergrund. Aber der Begriff „Missbrauch“ hat sich eingebürgert, daher verwenden auch wir ihn hier."

Wir labern schon lange genug irgendwelche Worte immer wieder nach, nur weil... "es sich eingebürgert" hat.

Es ist an der Zeit Tatsachen zu benennen wie sie sich IN DER TAT darstellen...

Nur dann wird sich wirklich was ändern!

Es sei denn wir wollen nur "Leser und Zuschauer" bleiben.

Ich teile viele der Kommentare, finde auch schön, dass die Autorin mit ihrer Wahrnehmung ehrlich ist und beschreibt, dass sie im ersten Moment nicht weiß, ob diese unglaublichen Dinge wahr sind. Unglaubliche Dinge sind das ja. Und doch gehören sie zu unserer Realität. Jedes zehnte Kind! In der Nachkriegszeit hatte man wohl Kinder befragt, und dann noch wegen sexueller Krankheiten untersucht. Kein Kind hat Missbrauch zugegeben, aber ein zweistelliger Prozentsatz hatte (so schreibt es Sabine Bode in einem ihrer Bücher, wenn ich mich recht erinnere) sexuell übertragbare Krankheiten.

Ich kann diese Dinge nur aushalten, nur den Betroffenen (und ich kenne persönlich welche in meinem Freundeskreis) zuhören und mich einfühlen, wenn ich mich gleichzeitig von Gott getragen weiß in dieser Bodenlosigkeit. Manchmal überlege ich, ob ich Geld geben soll, um Opfer zu unterstützen. Aber auch da braucht es viel Behutsamkeit, denn Geld anzunehmen heißt auch, zur eigenen Bedürftigkeit zu stehen und die erinnert wieder an die Ohnmacht, die schreckliche, jahrelange Ohnmacht. Was ich tue, ist, wenn es eben sich ergibt, zuzuhören und mitzufühlen. Ich habe tatsächlich keine große Angst davor, kann zwar verstehen, wenn andere Angst vor solchen Geschichten haben, aber ich habe die nicht. Mich haut das nicht um. Es geht mir nach und ich sitze dann in meiner Gebetsecke oder einer Kirche vor Gott und flehe ihn an. Und ich schimpfe ihn auch, dass er sowas zulässt. Und dann bitte ich ihn darum, dass er nun diese Menschen behütet. Dass die Täter die Schuld an die Opfer übertragen, ist meinem Verständnis nach ein ziemlich normales Phänomen in der Psychologie. Auch sie schützen ihre Seele. Daher bitte ich auch für sie darum, dass sie Einsicht finden, dass auf ihrem Ausstieg aus dem Ganzen ein Segen liegt (weil es ja nie ohne Segen geht). Auch, wenn das jetzt naiv klingt. Weil es ja auch diesen Effekt gibt, dass sich die Opfer für die Täter verantwortlich fühlen (wurde ihnen ja so eingebläut, wenn Du das nicht tust, dann bist Du schuld, dass ich ...). Und das ist wichtig, dass die Opfer diesen Stein der Verantwortung zurückgeben an die Täter. Auch, wenn dieser Täter der alte Vater ist, der nun gerne noch seine alten Tage in Ruhe verbringen würde. Auch, wenn dieser Täter selbst als Kind Schlimmes erlebt haben sollte. Immer ist es wichtig, dass die Verantwortung beim Richtigen ist, denn dann wird eine Befreiung möglich. Man kann nicht für jemand anderes sühnen. Das kann nur Jesus. Und er kann heilen.

Was nun auch nicht heißt, dass man keine Therapie braucht oder so. Natürlich braucht man die und man braucht auch alles mögliche Andere zum Leben. Es ist gut, dass es jetzt einfacher ist, solche Dinge ans Licht zu bringen, dass es Portale gibt, wo man Hilfe bekommen kann. Es ist noch ein weiter Weg und ein ziemlich beschwerlicher. So viele Menschen, die damit nichts zu tun haben wollen, weil sie sich als Täter oder als Opfer oder einfach als Mitmenschen nicht gerade jetzt damit befassen wollen, weil ihre Seele das gerade jetzt nicht will. Herr, ich bitte Dich, dass Du diesen Weg, den von jedem und jeder Einzelnen und den der Gesellschaft segnest, dass Du tröstest und heilst, denn es ist sehr nötig. Und da, wo wir etwas tun können und sollen, da bitte ich um Deinen Fingerzeig, dass wir es sehen und hören und um Deine Kraft, es zu tun, mit Behutsamkeit und mit Liebe. Und um den Mut, die nötigen Konflikte zu führen.

Der Untertitel u.a.„Die Geschichte eines ungesühnten Verbrechens“ ist so sehr untertrieben, dass mir die Luft wegbleibt.

Hier wurde einem Kind, systematisch und geplant, schlimmste Verletzungen zugefügt. Jedes einzelne dieser Verbrechen gehört mit lebenslänglich bestraft.

Dass diese sadistischen Menschenhändler und Schwerverbrecher in unserer Gesellschaft untertauchen können und straffrei davonkommen können, ist für mich absolut unerträglich!

Ebenso unerträglich finde ich, dass die Überlebenden sexueller Verbrechen nicht genug Schutz und Hilfe erhalten, um diese schwersten Wunden heilen zu lassen.

Mir selbst wurde erst nach über 40 Jahren (nach jahrzehntelanger Suche nach Heilung) bewusst, dass ich selbst Überlebende sexueller Gewalt bin. Die Schäden an der Psyche sind so perfide und durch die beschriebene Dissoziation und Verdrängungen so weit begraben; sie wirken in alle Bereiche des Denkens, des Lebens und der Gesundheit.

Kinder stehen unter dem besonderen Schutz des Staates, wo sind die Maßnahmen, wenn dieser Schutz so grausam versagt und wo ist die Vorbeugung bzw. die Abschreckung??

Wo sind die Menschenrechte für Mädchen und Frauen, werden sie nur beachtet, wenn Frauen stark genug sind, sie lautstark einzuklagen?

Ich fordere eine Reformation der Strafverfolgung, der Strafverfahren und des Strafmaßes (zusätzlich: Einzug von Vermögen der Täter zugunsten von Hilfefonds).

Und: Vielen Dank an das chrismon team! Ich bin begeisterte Leserin, so oft bin ich durch Ihre Artikel über die unterschiedlichsten Blickwinkel des Lebens zu Tränen gerührt.

 

Katharina Blume, Bichl [Pseudonym; vollständiger Name ist der Redaktion bekannt]

Mir ging es sehr schlecht, während ich, den Artikel über Lea's Martirium las. Ich bin an sich gegen Rache - ich glaube auch nicht daran, dass Rache irgend jemandem nützt, aber mich überkam eine solche Wut, auf den Onkel des Mädchens sowie die ganze Familie, dass ich mich bei blutigen Rachegedanken ertappte.

Ansonsten sprach mir Natalie von Zadow mit ihrem "Leserbrief" sehr aus dem Herzen. Ich fand die Autorin stellenweise sehr naiv und in der Wortwahl auch teilweise leicht bzw. deutlich "daneben". Dass es in Leipzig der Nachwendezeit sogar ein Kinderbordell gab, ist selbst mir bekannt. In diesem Bordell verkehrten Männer aus der Oberschicht, u.a. auch Richter. Jedenfalls hat man teilweise den Eindruck, dass Lea nicht geglaubt wird und das schmerzt doppelt. Den "Jargon" der Peiniger kann man wiedergeben, damit man auch nachfühlen kann, worum es sich bei der Sache handelt, im Titel hat dieser Satz für meinen Geschmack aber wirklich nichts zu suchen.

Das Verhältnis zu den Eltern, bzw., ob diese überhaupt eingeweiht sind, hätte mich auch interessiert, aber ich denke, dass sie das nicht sind und dass Lea ihre Eltern so stark verdrängt hat, dass sie eben keine besondere Erwähnung wert waren. Schließlich war sie ja als Baby schon ungewollt - das hat es dem Onkel sicher leicht gemacht. Wie schlimm! Wie traurig! Wie abgründig! Mitten in unserer Gesellschaft!

Liebe Lea, falls du das liest, vielleicht kann dir "Anouk Claes" in Zürich therapeutisch weiterhelfen? Vielleicht kann sie dir helfen, ohne dass du in der Therapie alles Unaussprechliche "nocheinmal durchleben" mußt, um die Traumata zu heilen? Ich sende dir eine Umarmung voller Mitgefühl und meine Tränen für dich!

M.

Liebes Chrismon Team,

gerade habe ich den Schriftzug auf der Ausgabe 3/2017 mit einer Postkarte überklebt, damit ich es schaffe, die restlichen Artikel zu lesen und mich nicht jedes Mal, wenn ich das Magazin in die Hand nehme, rasende Wut und Übelkeit überkommen.Nach der Lektüre von "Zieh Dich aus, Du Schlampe" hätte ich am liebsten eine Frauen Schwadron zusammengestellt, um dieses Verbrechen zu rächen.Gerade die schweren traumatischen Dinge müssen beim Namen genannt werden- dafür bin ich Chrismon immer dankbar, aber dieses Mal war es kaum auszuhalten.

Trotzdem Danke!

viele Grüße

D.Krüger

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein erschütternder Bericht – und es ist sicher wahr, dass ein großer Teil der Täter (wenn auch vielleicht nicht 95 %, wie Professor Brachmann sagt) nicht verurteilt wird. Aber es gibt auch eine andere Seite, über die noch seltener geschrieben wird als über die Opfer: seit vielen Jahren ist es längst eine „Waffe“ geworden, Männer – etwa in Scheidungskonflikten – mit dem Vorwurf sexueller Gewalt gegenüber Kindern tatsächlich so unter Druck zu setzen, dass sie keine Chance haben. Und: ich habe als Gefängnisseelsorger mit einem Fall zu tun gehabt, in dem ein angeblicher Täter mehr als fünf Jahre unschuldig im Knast saß. In weiteren Fällen blieben bei mir Zweifel an der Tat.

Es wäre gut, wenn auch diese Seite betrachtet würde – gerade journalistisch.

Mit freundlichen Grüßen

Pastor Ulrich Tietze, Hannover

Lieber Herr Tietze,

das haben wir mal gemacht, von einem Mann erzählt, der wegen Falschbeschuldigung in Haft war:

http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2010/glaubt-mir-doch-i-1917

Herzliche Grüße
Christine Holch

Danke für die offenen Worte. Es wäre sinnvoll sie vor dem Artikel mit einer Triggerwarnung zu kennzeichnen. Als Betroffene kann ich mich von konkret benannten Handlungen kaum abgrenzen. Die Berichterstattung ist wichtig, Betroffene sollten aber vorher einen Hinweis bekommen, um den Artikel ggf. zu meiden, wenn sie nicht stabil genug sind...

Danke für den Hinweis! Wir haben jetzt eine Triggerwarnung vorangestellt.
Herzliche Grüße
Christine Holch/Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren,

zum Artikel von Christine Holch im aktuellen Magazin zum Thema Kindesmissbrauch (S. 12-20) möchte ich gerne eine Rückmeldung geben.

Ich halte es für richtig, dass solche Artikel erscheinen und ich bin froh um jede Opferstimme, die Gehör findet. Allerdings geht die gute Absicht von Autorinnen und Autoren und Herausgeberinnen und Herausgebern dieser Beiträge manchmal trotzdem in die falsche Richtung. Dafür  liefert der angesprochene Artikel leider einige Beispiele:

1) Den Artikel mit dem Satz "Zieh dich aus, du Schlampe!" in Fettdruck zu überschreiben halte ich für absolut unangemessen; hier wird mit einem furchtbaren Satz aus Tätermund Aufmerksamkeit für einen Artikel aus Opfersicht generiert. Weder die Geschichte, noch das Opfer haben es verdient, dass ein solcher Satz zum Anlass wird, dass jemand diesem Artikel nähere Aufmerksamkeit schenkt.

2) Die immer wieder eingestreute Ich-Perpektive der Autorin soll Nähe und persönliches Involviert-Sein zeigen. Dabei klingt es leider z. T. so, als ob Frau Holch trotz allen Mitgefühls an der Geschichte ihrer Quelle zweifelt, z. B. in der Mitte der zweiten Spalte auf S. 12, wo es heißt: "Am Ende habe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass nicht stimmt, was Lea berichtet." Dieser Satz zeigt, warum so viele Opfer immer noch nicht den Mut finden, über ihre Ereignisse zu sprechen. Sie zweifeln ja selbst immer wieder daran, was ihnen geschehen ist, können wegen der im Artikel beschriebenen psychischen Fluchtmechanismen (die tatsächlich wörtlich Überlebensstrategien sind!) die Ereignisse nicht oder nur unklar wiedergeben. Und wenn sie dann endlich von ihren Erlebnissen reden, dann muss erstmal überprüft werden, ob das überhaupt stimmt? Vielleicht soll dieser Satz die Leser_innen abholen, die sich Missbrauchsvorkommnisse nicht vorstellen können und ihnen vermitteln: ja, auch die Autorin hatte Zweifel, aber sie hat alles überprüft, es war wirklich so? Ich finde dies jedenfalls unerträglich.

3) Die Äußerungen zu organisiertem Kindesmissbrauch erscheint mir ziemlich naiv, z. B. auf S. 15 letzter Absatz "So richtig vorstellen kann ich mir das mit den Netzwerken immer noch nicht." Diese Netzwerke existieren, so wie andere schwerstkriminelle Organisationen existieren und funktionieren. Ja, Menschen tun dies unschuldigen Kindern an und sie tun es nicht weniger, nur weil man sich das "nicht vorstellen" kann. Ein Magazin kann ruhig den Mut haben, dies auch so zu schreiben - genauso wie über Mafiastrukturen, Folter oder schlimmste Zustände in der Nahrungsmittelindustrie ohne Fragezeichen berichtet wird.

4) Und eine wichtige inhaltliche Frage bleibt weitgehend blass: wie ist das Verhältnis zwischen der jungen Frau und ihrer Familie? Im Artikel wird u. a. geschildert, dass sie eine Familienfeier besucht, auf der für sie überraschend auch der Onkel eingeladen ist. Sind die Eltern nicht über die Erlebnisse ihrer Tochter informiert? Immerhin ist sie seit Jahren in Therapie. I. d. R. werden irgendwann die Angehörigen ins Vertrauen gezogen, oder der Kontakt abgebrochen. Hier bleibt der Text (vielleicht mit Absicht?) vage und die Position der Eltern merkwürdig blass. Dies fällt besonders auf, weil in anderen Passagen des Textes sehr detailreich geschildert wird, was vorgefallen ist und wer welche Position dazu hat.

Insgesamt finde ich den Artikel trotzdem gut und wichtig. Besonders positiv hervorheben möchte ich die ausführliche Schilderung und Erklärung der dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Diese finde ich gelungen und informativ.

Mit freundlichem Gruß,

Natalie von Zadow

Sehr geehrte Frau von Zadow,

danke, dass Sie sich so intensiv mit meinem Text auseinandersetzen. Stimmt, man denkt manchmal viel darüber nach, wie ein Text wirken soll - und dann wirkt er ganz anders auf die Menschen. Jedenfalls wohl auf Sie. Ich erkläre mich Ihnen gerne:

ad 1) Die Überschrift "Zieh dich aus, du Schlampe!" haben wir gewählt, um maximimale Aufmerksamkeit zu erzeugen, damit möglichst viele, am besten alle, die in unserer Beilage blättern, den Text lesen. Das Thema war/ist uns sehr wichtig. Sicher hätte man auch eine andere Überschrift finden können, einfach  ist das allerdings nicht. Eine Zeile wie "Sexueller Missbrauch wirkt nach" ist nicht so spannend für Menschen, denen ein nicht bestelltes kirchliches Magazin aus ihrer eh schon dicken Zeitung entgegenrutscht. Das sind so die Überlegungen dahiner.

ad 2a) Sie mutmaßen, dass die immer wieder eingestreute Ich-Perpektive der Autorin Nähe und persönliches Involviert-Sein zeigen soll. Das war nicht die Absicht. Ich halte mich als Autorin lieber raus aus Texten. Allerdings habe ich während der Recherche gemerkt, wie wenig Oopfern geglaubt wird. Also habe ich mich, quasi als Mittelsperson, manchmal ins Spiel gebracht. Das Verhältnis zu Lea war bald sehr viel näher und persönlicher, als der Text durchblicken lässt.

ad 2b) Sie finden es unerträglich, dass ich überprüft habe, ob es stimmen kann, was Lea erzählt. Ich bin Journalistin, ich unterliege der Sorgfaltspflicht. Ich soll und darf nur die Wahrheit schreiben. Ich muss nicht überprüfen wie ein Gericht, dazu hat ein Medium ja auch seltenst die Möglichkeiten, aber ich muss doch mit einigem Aufwand und zwar nachweislich überprüfen. Das ist das eine. Das andere: Ich wollte unbedingt vermeiden, dass Leas Erlebnisse abgetan werden können als "stimmt ja eh nicht". Daher erwähnte ich  (ohne das weiter auszuführen), dass ich einiges zur Klärung unternommen habe. Lea war übrigens jederzeit darüber informiert, wen ich anrief und was die jeweiligen ExpertInnen dann gesagt haben. Ich habe unaufgefordert von Anfang an ihr gegenüber maximale Transparenz walten lassen.

ad 3) Sie finden es naiv, Sätze zu schreiben wie "So richtig vorstellen kann ich mir das mit den Netzwerken immer noch nicht." Sie sagen, diese Netzwerke existieren, und ein Magazin sollte den Mut haben, dies auch so zu schreiben. Ja klar, aber ich habe kein solches Netzwerk kennenlernen können.Eine solche  mindestens einjährige Investigativ-Recherche durch mehrere RedakteurInnen gleichzeitig, die möglichst schon langjährige Erfahrung im Bereich organisierter Kriminalität haben (siehe "Spiegel") - solch eine Möglichkeit hat unsere Mini-Redaktion nicht. Ich bitte um Verständnis.  Übrigens sagte mir die Pressestelle des BKA auf die Frage, ob die Polizei von organisiertem sexuellem Missbrauch Kenntnis hat oder auch nur Mutmaßungen: Nein, kennen wir nicht, wissen wir nichts zu... Wie würden Sie das werten? Als Ahnungslosigkeit, als Maulkorberlass oder oder?

ad 4) Sie monieren, dass die wichtige Frage inhaltlich blass bleibe, wie das der Verhältnis der jungen Frau zu ihrer Familie ist. Tja, das stand alles mal drin, aber ein Papiermagazin hat eben nur sehr begrenzten Raum. Für Sie: Nein, die Eltern wissen nichts. Womöglich würden sie der Tochter nicht glauben, oder der Vater würde den Onkel umbringen. Beide Varianten will Lea nicht erleben. Lea lag auch sehr daran, dass ihre Familie nicht zu erkennen ist und dass natürlich erst recht die Täter nicht erkennen, wer Lea ist. Das habe ich sehr, sehr ernst genommen und bin an diesen Punkten nicht so ins Detail gegangen. Leas Sicherheit stand für mich ganz obenan. Bitte haben Sie auch hierfür Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen
Christine Holch/ Chefreporterin chrismon

Guten Tag,

Ich habe gerade ihren Beitrag über den Kindermissbrauch gelesen und bin emotional tief getroffen und voll Groll und Bitterkeit über die kranken Kreaturen die Kindern so etwas antun und sich dabei groß und mächtig vorkommen.

Wie krank sind Männer die so etwas den Unschuldigsten in einer Gesellschaft antun, wohl wissend (so viel Grips sollte noch vorhanden sein) dass das eine Kinderseele völlig aus dem Gleichgewicht bringt und ,wie die junge Frau schilderte, Jahre an Aufarbeitung bedarf.

"Lea" sei gewiss, nach diesem Artikel hast du so viel Zuspruch und Unterstützung im Geist von vielen Menschen in diesem Land und ich wünsche dir von ganzem Herzen Mut und Stärke, so dass du noch viel Positives in deinem Leben erreichen kannst und wirst. Ich habe große Hochachtung und Respekt vor deiner Ehrlichkeit gegenüber anderen Menschen zu diesem sensiblen und meist verschwiegenen Thema. ABER nur so kann es an die Öffentlichkeit kommen und Beachtung finden.

Claudia
(Mutter von 2 Kindern)

Sehr geehrte Chrismon-Redaktion,

ich muss und möchte meine Gedanken mit Ihnen teilen und hoffe auf Antworten von der Redaktion und anderen Lesern, da ich bei dem Thema mit meinen Gedanken und Gefühlen nicht weiß wohin.

Ich muss gestehen, dass ich die aktuelle Ausgabe vom 1. April 2017 nicht lesen konnte. Sie landete gleich im Papierkorb. Der Titel der aktuellen Ausgabe „Wenn du nur ein Wort sagst“ lies mir schon einen kalten Schauer über den Rücken laufen und ich wusste, dass es sich um Kindesmisshandlung und Missbrauch handeln musste. Der schlimmste Alptraum, den es gibt. Seit ich selbst Mutter einer kleinen Tochter bin, ist es mir unmöglich, mich diesem Thema zuzuwenden. Dann las ich doch den Anfang und das Ende dieses Artikels. Weiter konnte ich nicht lesen, um mich vor diesem „Kopfkino“ zu schützen, welches dann wochenlang in mir arbeitet und mich quält. Es ist die Machtlosigkeit gegenüber solchen Grausamkeiten, die mich innerlich erstarren lässt und lähmt.

Ich möchte mich gleichzeitig dafür entschuldigen, dass ich bis jetzt nur von mir geschrieben habe. Damit ist den Kindern nicht geholfen. Sie werden nicht gefragt. Sie erleben diesen Alptraum, werden ihrem Körper und ihrer Seele entraubt und verlieren so oder so ihr Leben.

Was kann man gegen diese Ohnmacht tun? Was kann ich persönlich tun, dass solche Dinge nicht mehr passieren? Welche Ansprechpartner, welche Helferlandschaft gibt es dazu in Deutschland? Was kann ein Bürger tun, wenn er Verdacht auf Kindeswohlgefährdung hat? Die Gesellschaft ist dazu nicht genug informiert. Man wird mit diesen Nachrichten konfrontiert und am Ende allein gelassen. Am besten noch verdrängen und gar nicht lesen. So wie ich. Das ist die größte Katastrophe.

 Mich würde interessieren, wie den Opfern geholfen wird? Was getan wird, diese Verbrechen aufzudecken? Welche Kinder besonders gefährdet sind? Was geschieht mit den Tätern? Welche Ursachen gibt es für ihr handeln? Welche Strafe erwartet sie nach der Verurteilung? Wird genügend in Kindertagesstätten und Schulen über die Gefahren aufgeklärt und wie werden Kinder stark gemacht? Wohin können sich Kinder/Jugendliche wenden, wenn Sie Angst haben und sich der eigenen Familie nicht anvertrauen können? Warum sehen wir nur funkelnde Werbeplakate einer schönen Scheinwelt auf den Straßen und keine Plakate mit mehr Hilfsangeboten? Es muss Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft geleistet werden, die den Menschen Sicherheit gibt, bei Verdachtsmomenten in der eigenen Umgebung zu handeln, um mehr solcher Verbrechen an Kindern im Keim zu ersticken.

Eine unbekannte Leserin

[Der volle Name ist der Redaktion bekannt; Anmerkung der Redaktion]

 

Sehr geehrte [unbekannte Leserin],

danke für Ihre ehrliche Mail. Ja, so geht es vielen Menschen: Man möchte das gar nicht wissen. Gut, dass Sie sich trotzdem irgendwie damit beschäftigen. Sie haben viele Fragen aufgeworfen. Die kann ich Ihnen nicht alle beantworten. Es gibt Ansätze, dass sich was ändert, aber im politischen Raum hat das Thema Hilfen für Betroffene + Verhinderung weiterer Taten wenig Gewicht, es gibt also auch wenig Geld.

Mit Fragen, Verdachtsgefühlen etc. kann man sich an das nationale Hilfetelefon wenden, die vermitteln weiter. Telefonnummer: 0800-22 55 530 (kostenfrei & anonym) . Womöglich könnten Sie dort auch erfragen, wie Sie „Ihren“ Kindergarten oder die Schule vor Ort zu Prävention bewegen könnten. Vieles Weitere, auch zu Prävention in Kindergärten/Schulen, finden Sie auf der Seite des Unabhängigen Beauftragten.

Herzliche Grüße

Christine Holch

Dieser Artikel ist zu lang. Schliesslich ist das Thema nicht erst seit heute bekannt. Die Fernsehwelt ist voll von Filmen über sexuellen Missbrauch, quer durch Deutschland, quer durch die Welt. Dass selbst die Neunziger noch Tatort für ein solches Verbrechen sein können, hat damit zu tun, dass für Deutschland die Mauer und die s.g.n Deutsche Einheit politisch und gesellschaftlich eine viel größere Rolle gespielt haben als persönliche Schicksale. Das kommt erst heute zum Tragen, nachdem politisch, mehr oder weniger, scheinbar alles nach außen hin Relevante, gesagt wurde.
Die berühmte Dunkelziffer.

"Dissoziieren als Hokuspokus " ?
Nun, die Attraktivität des Themas zeigt, dass es sich hier um ein gesellschaftlich relevantes Thema handelt, kein persönliches Schicksal. In der Form, wie man seine persönlichen Daten der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellt. Nichts anderes als das.
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Außerdem , der Titel: wie überaus ERMUNTERND ! Wie ein Fausthieb in die Magengegend. Danke Kirche.

Hallo G. L.,

Sie haben sich geärgert, so viel verstehe ich. Aber ich verstehe noch nicht recht, worüber. Soll man über einen gesellschaftlichen "Misstand" nur deshalb nicht ausführlich berichten, weil es ihn schon lange und noch immer gibt? Der publizistische Auftrag von Seiten der Kirche an chrismon lautet u.a.: den Schwachen eine Stimme geben. Das tun wir hier. Damit die Opfer von sex. Missbrauch endlich die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Was ist daran falsch?  Ja, das Titelbild bzw. die Titelzeile ist hart. Liegt am Thema. Wir wollten da nichts beschönigen.
Bleiben Sie uns weiterhin kritisch gewogen!
Freundliche Grüße
Christine Holch/ chrismon-Redakteurin
 

Ich habe , was chrismon betrifft, auf Kommunikation gebaut. Zugegeben, eine völlig abstruse, abwegige Idee, weshalb ich permanent das Gefühl hatte, missverstanden zu werden.
Ich hoffe, dass ich damit die möglicherweise entstandenen Ressentiments aus der Welt schaffen kann. Das vorliegende Thema ist hart und ich kann kaum Konstruktives dazu beitragen, außer vielleicht einer Ermahnung an Sie, hier etwas behutsamer in der Ausdrucksweise zu sein. Um das Triggern zu umgehen.
Mit freundlichen Grüßen, G.L. ( ich möchte, unter diesen Umständen, gerne anonym bleiben )

Vielen Dank für Ihren sehr authentischen Bericht über sexuellen MB. Als multiple Persönlichkeit kann ich mich dem o.a. voll anschließen. Jahrelanger Missbrauch macht jahrzehntelange Folgen - das ist mein Fazit. Die Täter leben meistens unbehelligt weiter, leugnen ihre Taten und suchen sich oftmals neue Opfer. So schrieb eine Facebooknutzerin, dass sie Zeugin werden musste, wie ein Täter nach abgesessener Haftstrafe mit "neuem kindlichen Opfer" in der ersten Kirchenbank saß und dessen Taufe mitfeierte. Das ist bei Weitem kein Einzelfall.
Die Opfer verschwinden in "aller Stille", ziehen sich zurück, leben isoliert, besuchen Psychotherapien, leiden unter Schmerzen, haben Probleme in nahezu allen Bereichen des Lebens und wählen nicht selten den Freitod.
Natürlich möchte jeder gerne wissen "was in einem solchen Monster" vor sich geht. Zahlreiche Krimis greifen das Thema auf. "Meine Monster" sind: Chormitglieder, Kegelbrüder, Sponsoren, Familienmitglieder, Kollegen, Vereinsvorsitzende, Nachbarn, Kleingärtner, Kirchgänger (geblieben). Unauffällig, gefällig, nett und überaus angepasst. Kurzum, sie fallen niemandem auf und niemand würde vermuten zu welchen Taten sie fähig sind.
Nicht einmal sie selbst: denn weiterhin streiten sie alle Taten ab, fühlen sich weder schuldig noch verantwortlich. Im Gegenteil bin ich der Stachel in ihrem Fleisch, die böse Tochter, die der Familie den Rücken kehrt und sie wären die ersten, die behaupten würden, dass an Vorwürfen nichts dran ist und sie einzig aus meiner blühenden Phantasie entstammen. Kein Einzelfall! So oder ähnlich reagieren Täter vor Gerichten, bei Vernehmungen, etc.; leugnen, abstreiten, das Opfer beschuldigen.
Ich bin froh, dass Sie das Thema in der Chrismon aufgreifen. Viele Christen haben mit dem Thema ebenfalls ihre liebe Last: lieber über dieses und ähnliche Themen schweigen.
Aber bei allem Traurigen darf und will ich nicht vergessen auch zu erwähnen, wie viele "Engel" GOTT in die Traumatherapien entsandt hat. Den Forscherinnen, den Macherinnen und den Verbündeten der Opfer herzlichsten Dank!

Vielen Dank für diesen Bericht, bei dem einem das Herz stockt und mich gleichzeitig Lea`s Mut tief berührt, mit dem sie ihre Geschichte öffentlich macht. Vielen Dank, dass Sie darüber schreiben!

Ich bin Körpertherapeutin mit dem Schwerpunkt Prä-und Perinatale Psychologie.
Mit diesem Hintergrund begleite ich Frauen in der Schwangerschaft mit der Bindungsanalyse und bereite sie HypnoBirthing-basiert auf eine weitestgehend angstfreie, natürliche und selbstbestimmte Geburt vor.

Viele meiner Klientinnen kommen nach traumatischen ersten Geburtserfahrungen - entweder von sich aus, oder sie werden von ihrer Hebamme bzw. Gynäkologin zu mir geschickt. Sie haben irrsinnige Ängste vor der meist zweiten Geburt und bei genauerer Nachforschung ergibt sich in einem großen Ausmaß eine frühe sexuelle Gewalterfahrung. Die schwangeren Frauen sind damit vollkommen alleine gelassen. Sie schweigen aus großer Scham, und sind sich der Mechanismen, wie die frühere Missbrauchserfahrung zu ihrer traumatischen Geburtserfahrung führte, nicht bewusst, ebenso wenig wie dies vielen Hebammen und GynäkologInnen bewusst ist.

Auf der Bindungsanalyse-Tagung im Juni 2016 in Köln, hielt ich zu meinen positiven Erfahrungen in der Geburtsvorbereitung mit diesem Thema einen Vortrag. Das machte ich deshalb, da mir niemand etwas dazu erzählen konnte, den ich im Vorfeld befragte. Auch bei den Kolleginnen und Kollegen in der Bindungsanalyse schien das kein Thema zu sein. Bei befragten Hebammen, GynäkologInnen usw. war und ist es ebenso ein Tabuthema. TherapeutInnen wagen sich in der Schwangerschaft ebenfalls nicht daran. Auch Fachliteratur lässt sich nur schwer finden. Das Thema existiert scheinbar nicht...
Und ich werde laufend weiter damit konfrontiert, denn es hat sogar Auswirkungen auf die schwangeren Töchter missbrauchter Mütter, die zu mir in die Bindungsanalyse, bzw. Geburtsvorbereitung kommen. Schwangere, die selber keinen Missbrauch erlebten, dies aber von ihrer Mutter wissen, erfuhren traumatische Geburten.
Vielleicht haben Sie schon von „Roses Revolution“ gehört, das ist eine globale Bewegung gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Jedes Jahr am 25. November sind Frauen eingeladen, eine rosa Rose vor die Kreißsaaltür nieder zu legen, hinter der ihr Gewalt angetan wurde. Hier nun ein Zitat aus der aktuellen Auswertung der Roses Revolution Deutschland 2016:
„...41 Briefe vom RosRev-Team an Kliniken, in denen vortraumatisierte Opfer sexueller Gewalt auch unter der Geburt Gewalt erlitten haben.“ Die retraumatisierten Frauen waren selber nicht in der Lage, sich zu dem Ort ihrer Geburtserfahrung zu begeben und die Dunkelziffer traumatisierter Frauen ist sehr wahrscheinlich noch erheblich höher.

Ich will, dass dieses Thema endlich öffentlich angesprochen wird, denn es existiert. Und ich will die schwangeren Frauen unterstützen, damit sie nicht eine erneute traumatisierende Erfahrung machen und die dann an ihr Baby in die nächste Generation weitergeben (Stichwort Weitergabe von transgenerationalen Trauma). Es ist wichtig im Interesse einer guten Geburtserfahrung, das Thema mit aller gebotenen Sensibilität anzugehen.

Aus diesen Gründen beantragte ich die Gründung einer neuen Arbeitsgruppe in der ISPPM Internationale Gesellschaft für Prä- and Perinatale Psychologie und Medizin, die AG "Schwangere Mütter mit frühen Erfahrungen sexueller Gewalt". Vom Vorstand werde ich einhellig zu meiner Initiative unterstützt.

Mein Erfahrungsbericht/Vortrag, „Werdende Mütter mit Missbrauchserfahrungen – Möglichkeiten der Bindungsanalyse“ erschien als Buchbeitrag im Tagungsband. Er ist auch auf meiner Homepage zu lesen.