Kardinal Reinhard Marx über Ökumene

"Uns eint vieles"
Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising

Foto: Alessandra Schellnegger/SZ Photo

Der Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz spricht über seine ökumenischen Hoffnungen und die Geschenke der Reformation

chrismon: Warum betonen katholische und evangelische ­Kirche in Deutschland im Jahr des Reformationsgedenkens ihre Gemeinsamkeiten so deutlich?

Reinhard Marx: Ganz einfach: Weil es so viele Gemeinsamkeiten gibt. Oft sind wir geneigt, deutlicher die Unterschiede zu betonen und uns gegeneinander abzugrenzen. Ich finde es richtig und wertvoll, dass wir uns bewusst machen, was uns schon eint. Und vor allem, dass der Weg der Ökumene und zur Einheit unumkehrbar ist.

Ist es aus katholischer Sicht ein Reformationsgedenken oder -jubiläum? Oder etwas Drittes?

Die katholische und evangelische Kirche in Deutschland ­haben ­verabredet, 2017 zu einigen Gelegenheiten gemeinsam ein ­Christusfest zu feiern. Die Reformatoren wollten ja keine neue Kirche gründen oder die alte spalten. Sie wollten neu auf Jesus Christus hinweisen und seine Botschaft in das Zentrum des christlichen Glaubens rücken. Das ist auch heute unser gemeinsamer Auftrag: Jesus Christus und seine Frohe Botschaft zu verkündigen und aus dem Bewusstsein der gemeinsamen Taufe den Glauben an den dreifaltigen Gott öffentlich zu bekennen. Die Gottesfrage steht ja durchaus wieder zur Debatte. Da müssen wir uns gemeinsam einbringen. Das gilt auch für die sozialethischen Themen, die sich aus dem Evangelium ergeben.

Was verdanken die Katholiken der Reformation?

Im ökumenischen Dialog bereichern wir uns jetzt gegenseitig mit unseren Gaben und Traditionen. Wir beschenken uns gegen­seitig. Doch am Anfang haben die Reformation und die katholische Antwort darauf ein Zeitalter der Konfessionalisierung und Abgrenzung hervorgebracht. Aber zwei Punkte möchte ich herausgreifen. Erstens: Die Reformatoren haben es verstanden, Gottes Wort in die Sprache der Menschen zu übersetzen und der Bibel einen hohen Stellenwert im kirchlichen Leben eingeräumt. Dies führte zu einer Aufwertung der Heiligen Schrift, sowohl in den Gottesdiensten als auch in der privaten oder gemeinschaftlichen Spiritualität. Für diesen Impuls der Reformation bin ich dankbar. Und zweitens: Dankbar bin ich auch für eine reich­haltige Entwicklung in der Kirchenmusik.

Verlieren die Unterschiede zwischen den Kirchen bei den ­Christinnen und Christen an Bedeutung?

Dieser Eindruck kann gerade in unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft entstehen, in der die Menschen nicht mehr zwischen den einzelnen Konfessionen unterscheiden. Gleichzeitig erlebe ich aber auch, dass viele Menschen noch immer unter den Folgen der Trennung leiden. Hier denke ich insbesondere an konfessionsverschiedene Ehepaare, die den Schmerz der Entzweiung deutlich spüren. Ich möchte aber auch betonen: Unsere Vorstellung von Einheit sollte nicht mit Uniformität verwechselt werden. Vielfalt kann auch ein Reichtum sein – wenn sie nicht ausgrenzt.

Welche weiteren Schritte der Annäherung sind für Sie in Deutschland besonders wichtig?

Zunächst einmal bin ich dankbar für die ökumenische Zusammen­arbeit, die auf vielen Ebenen mittlerweile selbstverständlich ist und nicht mehr hinterfragt wird. Daher möchte ich Mut machen, den Dialog auf allen Ebenen und mit allen Partnern engagiert fortzusetzen, sowohl in Fragen der Theologie als auch in der praktischen Zusammenarbeit, wie wir es etwa in Bezug auf die Flüchtlinge sehen, aber auch in vielen anderen Bereichen, zum Beispiel der Caritas, der Bildung, der Wissenschaft. Wir sind auf einem guten Weg. Ich bin zuversichtlich, dass das Christusfest 2017 dazu ­beitragen kann, weitere Schritte auf dem Weg zur vollen sicht­baren Einheit der Christen zu gehen. Ich wünsche es mir ­jedenfalls sehr.

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Lesermeinungen

Ich verstehe die kritischen Stellungnahmen meiner evangelischen Brüder, weil bei mir - bedingt durch Einflüsse in der Jugend - auchKritik an der Reformation hochkommt.
Ich gehe dagegen an mit dem Wort von Franziskus: in seinem Schreiben "Die Freude des Evangeliums" erfüllt ds Herz und ds gesamte Leben derer, die Jesus begegnens." und später: "So zahlreich und kostbar sind die Dinge, die uns verbinden! ... es handelt sich darum, das, as der Geist bei ihnen gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist."
Und ich denke bei meiner Kritik an das Jesuswort: " Was siehst du den Splitter...." ( im Auge des ev. Bruders). Jesus ruft zur Einheit und Pulus warnt vor Spaltungen. Ich frage mich: Woran liegt meine Schuld, die Schuld meiner Kirche an dieser unseligen Trennung - und was können sollen wirwir für die Einheit tun.

Wer nicht bereit ist,das wirklich Trennende zu erwähnen,nämlich das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes und die Unterordnung unter die dominanz  Der Priester,kann nicht die Von den Katholischen Bischöfen mantraähnlich gewünschtew Ökumene wollen.Noch gilt die  Schrift Luthers von 152o – von der Freiheit eines Christenmenschen:sola fide,sola gratia,sola scriptura= nur durch den Glauben,nur durch die Gnade,nur durch die Bibel als unverrückbare Grundlage unseres protestantischen  Glaubens.Wer davon abrückt und modernistischen Modetrends folgt,zerstört  die Grundlage unseres Glaubens.

Dr.w.Miege an der jüch 35 in 51465 bergisch gladbach  (das dies nicht der political correctness der Kirchenführungen entspricht,ist mir klar und wird sicher den abdruck verbieten.Aber das ist mir egal,man soll wissen,wie die überwältigenmde Mehrheit unserer  protestantischen Noch-Anhänger denkt)

Marx formuliert u.a.:

„Die Reformatoren …. wollten neu auf Jesus Christus hinweisen und seine Botschaft in das Zentrum des christlichen Glaubens rücken.“

Hier irrt Herr Marx!

Die Reformatoren – vor allem Luther – wollte gewiss keine neue Kirche gründen. Aber er wollte die katholische Kirche reformieren. Eine katholische Kirche, die sich weit von den Ursprüngen des Jesus von Nazareth entfernt hatte, weil sie

• Reichtum, Macht und Herrschaft in den Mittelpunkt ihres Strebens gestellt hatte

• eine papalistische Kirche errichtet und damit den Willen Jesus von verraten hatte

• mit dem „Großen Abendländischen Schisma“ von 1378 sich in unwürdiger und zugleich diskreditierender Weise in einen nur auf Macht und Herrschaft auslaufenden Machtkampf verstrickt hatte

• sich in Rivalität mit den Mächtigen der Welt (Investiturstreit) in einen die jesuanischen Botschaft pervertierenden Machtkampf verstrickt hatte

• sich nicht um die Ärmsten der Armen kümmerte, sondern um die Vermehrung von Geld und Reichtum (vgl. Ablassbriefe)

• die Botschaft vom Beginn des „Reiches Gottes“ des Jesus von Nazareth den Menschen nicht mehr als „Frohe Botschaft“ vermittelte, sondern als Drohbotschaft

• sich einer grenzenlosen Verweltlichung und der Anbetung des Geldes (vor allem in Rom) hingegen hatte, anstatt die Botschaft Jesu – in der Sprache der Seligpreisungen – den Menschen als Hoffnungs- und Perspektivenvermittler zu verkünden

Luthers Anliegen zur Reform der katholischen Kirche seiner Zeit waren mehr als berechtigt; denn einer solchen wie oben beschriebenen Kirche fehlte jegliche Anbindung an den Ursprung des Christentums in der Person des Jesus von Nazareth!

Paul Haverkamp, Lingen