Du bist hier gut versorgt

Eigentlich wollte Bernd ins Hospiz, wenn es ans Sterben gehen würde. Dann sagte seine Frau Annette: Wir schaffen das zu Hause. Hier erzählt sie, was den beiden geholfen hat: Das eigene Kopfkissen. Ein Hornkonzert von Mozart. Räucheraal und Sekt mit Strohhalm. Ein Arzt und Pflegerinnen, die Schmerzen und Ängste linderten

Foto: Sandra Stein

Bernd (Namen Bernd und Annette von der Redaktion geändert) saß im Jackett am Tisch, vor sich Block und Stift. Er wollte sich Notizen machen. Es war ein warmer Spätsommertag vor über einem Jahr, und ­ Dr. Wyrwol und Schwester Nicole waren das erste Mal bei uns. Wir besprachen Bernds Sterben. Wie erreichen wir Sie?, fragten wir. Wie oft kommen Sie? Wie lange würde es dauern, ein Pflegebett zu bekommen? Der Arzt, ein Palliativ­me­diziner, schien überrascht. In seinen Gedanken wollten wir lesen: „Der ist ja in einem guten Zustand, der ist noch nicht so weit.“

Bernd war 63 Jahre alt, der Lungenkrebs austherapiert. So nennen die Ärzte das. Er war gerade im Krankenhaus aufgepäppelt worden, mit guter Fürsorge und viel Cortison. Das hilft gegen die Ödeme um die Metastasen im Kopf und macht gute Laune. „Ein wenig Opiat“ sollte die Luftnot mildern. Wir hofften, wir hätten trotzdem noch viel Zeit miteinander. Es blieben uns drei Wochen.

Eigentlich wollte Bernd in ein Hospiz, wenn es so weit wäre. Das war das einzige Mal in seiner langen Krankengeschichte, dass ich mit einer Entscheidung von ihm nicht einverstanden war. Ich war froh, dass die Ärzte ihn ermutigten: Ja, er wäre auch zu Hause gut versorgt, ja, Schmerzen könnten auch dort schnell gelindert werden. Und ich versicherte ihm: Ich schaffe das!

In jener Zeit arbeitete ich von zu Hause aus, so konnte ich für Bernd da sein. Ich wusste: Schwer wäre es, abends aus so einem Hospiz nach Hause zu gehen, allein. Schwer wäre es auch, den ganzen Tag händchenhaltend an seinem Bett zu sitzen, wartend.

Bernd wollte nicht hadern

Zu Hause kann man normales Leben simulieren. Am Computer sitzen, auf dem Markt Räucheraal für Bernd kaufen, wenn ihm danach war. Ich war so froh, wenn er aß. Bernd lag meistens auf dem Sofa oder auf dem Bett, aber er konnte mich hören, wenn ich herumlief, telefonierte, die Spülmaschine einräumte. Mir eine SMS schicken, wenn ich im Garten war.

Die letzten Tage im Krankenhaus hatte Bernd geradezu ge­nossen. Nachmittags bekam er Besuch. Fast jeden Tag war er sogar für ein paar Stunden zu Hause gewesen. Unsere Wohnung lag nur ein paar Minuten vom Krankenhaus entfernt. Am Tag seiner Entlassung schrieb er: „Gehe jetzt los, ich kann das bisschen Gepäck wunderbar allein handeln.“ Abends hat er Rosmarinkartoffeln und Kräuterquark für uns gemacht.

Bernd fühlte sich so fit, dass er am nächsten Tag 100 Kilometer nach Kiel fahren wollte. Freunde, alte Kollegen besuchen, grillen, im Garten sitzen. Genau das haben wir gemacht, wunderbar! Aber am Abend ließen Bernds Kräfte plötzlich nach; mühsam bewegte er sich auf seinen Stöcken voran. Als wir wieder zu Hause waren, fiel er erschöpft ins Bett. Es war sein letzter Ausflug.

Der letzte Kurzurlaub, das letzte Mal bei der Familie, das letzte Mal an der Alster. Meistens stellten sich die Dinge erst im Nach­hinein als letztmalig heraus, so schnell ging es jetzt bergab. Bernd wollte nicht viel darüber sprechen. Schon gar nicht hadern. Angebote, mit ihm gemeinsam über sein Schicksal zu klagen, lehnte er ab. „Jeder Tag ohne Tränen ist ein guter Tag“, sagte er. Und stellte ein Hornkonzert von Mozart an, das in dieser Zeit seine Lieblingsmusik war.

„Die Kraft weiß offenbar noch nicht so recht; aber die Stimmung erholt sich schon zusehends“, schrieb er am Tag nach unserem Ausflug in seinen Blog, sein Onlinetagebuch, das Freunde und Verwandte lasen. Das war der Tag, an dem Marcus Wyrwol und Pflegerin Nicole bei uns am Tisch saßen. Sie wollten jetzt ­einmal die Woche vorbeikommen, um nach dem Rechten zu ­sehen, Arzt und Pflegerinnen, und später nach Bedarf. Bernd brachte sie zur Tür, so sympathische Leute, sagte er.

Information

Der Arzt

Marcus Wyrwol, 59 Jahre alt, hat gerade eine Auszeit genommen, eine Weltreise gemacht mit seiner Frau. Kuba, Peru, Neuseeland, Tonga – in der Südsee war’s am schönsten, sagt er. Wyrwol weiß, dass es keinen Sinn hat, große Pläne auf später zu verschieben; es kann immer etwas dazwischenkommen. Als Arzt in der spezia­li­sierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV), er arbeitet beim „Schmerz- und Palliativzentrum Hamburg“, betreut er Sterbenskranke, die besondere Hilfe brau­chen. Wyrwol kann Medikamente verschreiben, die beim Hausarzt das Kassenbudget überschreiten, er spricht mit seinen Patien­ten darüber, wie sie gemeinsam die kommende Zeit gestalten. Früher arbeitete er in der Intensiv- und Notfallmedizin, ist im Rettungshubschrauber mit­geflogen, hat „Leben verlängert in Situationen, wo das völliger Unsinn war“. Sein Gefühl war: immer mehr Technik, immer weniger Zuwendung. Als er vor zwölf Jahren das erste Mal der Idee der Palliativmedizin begegnete, „wusste ich sofort: Das will ich machen.“ Marcus Wyrwol liebt es, seinen Patienten zu begegnen, herauszufinden, „wo sie sich als Menschen geborgen fühlen“. Oft auch ohne Worte, aber mit Zeit. Wenn die Phase des Sterbens anbricht, kann er die Schmerzen, Luftnot und Ängste mit Medikamenten, aber besonders durch Zuwendung lindern. „Und manchmal kann ich dem Patienten helfen, Distanz zum Geschehen im eigenen Körper zu entwickeln.“ Ist das Sterbehilfe? Nein, sagt Wyrwol, es ist eine Erleichterung. Man schirmt den Sterbenden von dem ab, was er durchmacht. Manchmal ist es sehr schwer, das Sterben. Auch für die Angehörigen. „Aber viele sagen später, dass sie es sich schlimmer vorgestellt haben.“ Einmal hat Wyrwol von einem Patienten, der zu Hause im Kreise seiner Familie gepflegt wurde, gehört: „Sterben kann auch schön sein.“

 

Die Pflegerin

Nicole Abraham, 41, wundert sich nicht, wenn Angehörige „danach“ noch einmal mit ihr sprechen wollen. Danach heißt: nach dem Tod des Menschen, um den sie sich – manchmal tage-, manchmal wochenlang – gemeinsam ge­kümmert haben. Manche Angehörige brauchen Hilfe mit dem Papierkram, an­dere eine Ermutigung für die nächsten Schritte in ein anderes Leben. Ein solches Gespräch gehört zum Service des am­bulanten Alten- und Hospiz-Pflegedienstes der Evangelisch-reformierten Kirche in Hamburg. Hier arbeitet Nicole Abraham manchmal in der Seniorenpflege – aber meistens im Palliative ­Care Team. Da pflegt sie unheilbar kranke ­Menschen, die zu Hause leben und sterben möchten. Sie findet, das sei ein großartiger Job. „Früher, als Altenpflegerin und in der Pflegedienstleitung, habe ich noch die sogenannten Abschiedsräume in Kellern kennengelernt, dunkel und abgeschirmt. Jetzt kann ich den Menschen ein besseres Sterben ermög­lichen. Das ist schön. Die Nähe, das Helfen­können.“ Die meisten ihrer Patienten und die ­Angehörigen fassten schnell Vertrauen, sagt sie. Seien dankbar, wenn sie für Erleichterung sorgen kann, mit Hilfsmitteln wie Pflegebett, Rollstuhl, Toilettensitz. Oder für seelische Unterstützung: „Viele Patienten reden mit mir über Ängste, die sie ihren Angehörigen nicht anvertrauen wollen. Manche hadern, dann versuche ich zu trösten.“

 

Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV)

Ein Mensch ist unheilbar krank, seine Lebenserwartung begrenzt, er möchte zu Hause sterben. Dann kann der behandelnde Arzt eine spezia­lisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) verordnen – und die Krankenkasse bezahlt sie. Es gibt einen Anspruch darauf. Haus- und Fachärzte, Pflegende, Sozialarbeiter und oft auch Seelsorger gehören zu den Palliative Care Teams, die es überall in Deutschland gibt. Sie lindern Schmerzen und Angst, unterstützen An­ge­hörige und leiten sie an, stehen ihnen bei, zusätzlich zu Hausarzt und Pflegedienst. Und sie sind jederzeit erreichbar und einsatzbereit.

Lesermeinungen

Auch meine sterbende Frau und ich durften die segensreiche Begleitung des ambulanten Palliativteams erfahren.
Zu wissen, nicht alleine zu sein, gab Kraft diesen schweren Weg zu bewältigen. Dafür bin ich sehr dankbar!
Diese Erfahrung begleitet mich nun auf meinem Lebensweg und in der Hoffnung, beim eigenen Sterben dereinst von diesen lieben Menschen unterstützt zu werden.

Ich habe diesen Artikel wie gebannt gelesen und er hat mich an das Sterben meines Vaters vor mehr als 5 Jahren erinnert. Einen lieben Menschen verfallen und sterben zu sehen, ist eine intensive Erfahrung. Ich kann diese Zeit bis heute nicht vergessen; allerdings überwiegen inzwischen die Erinnerungen an die schönen Momente mit meinem Vater, an sein dankbares Lächeln. Er ist zu Hause gestorben und an diesem Abend hat Marcus Wyrwol meine Mutter und mich begleitet. Seitdem ist er mir ein guter und wichtiger Freund geworden; er hat auf eine tolle und sensible Art Trauerarbeit geleistet und ohne ihn und seine Erfahrung auf dem Gebiet der Palliativmedizin hätte ich die Zeit nicht so gut überstanden. Mein großer Respekt gilt ihm, seiner Kollegin sowie allen Ärzten, Pflegern und Schwestern, die eine ganz wichtige Arbeit auf einem sensiblen Gebiet leisten. Mein Respekt gilt auch all jenen, die ihre todkranken Angehörigen zu Hause pflegen und im Sterbeprozess begleiten. Alle gemeinsam leisten einen wichtigen Beitrag, um in unserer hektischen und so materiell geprägten Gesellschaft ein Stück Menschlichkeit und Liebe zu wahren.

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