„Was für ein komisches Zeichen: Alle drei Wochen finde ich einen Cent“

Schauspieler Harald Krassnitzer spricht im Interview darüber wie er sich Gott vorstellt und wie er mit Schuldgefühlen umgeht

Foto: Dirk von Nayhauß

Harald Krassnitzer

Harald Krassnitzer, geboren 1960, ist seit 15 Jahren der öster­reichische Tatort-Kommissar Moritz Eisner. Bekannt wurde er in den 90er Jahren als „Bergdoktor“ und später als „Winzerkönig“ in den gleichnamigen Fernsehserien. 2014 erhielt Krassnitzer mit dem Tatort „Angezählt“ den Grimme-Preis; er engagiert sich für das Afrika-Hilfswerk Amref und für Dunkelziffer (der Verein unterstützt sexuell missbrauchte Kinder). Harald...

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Wenn ich arbeite und merke, dass ich berühre, dass die Menschen um einen herum anfangen, anders zu reagieren oder still werden – dann fühle ich mich sehr lebendig. Wenn du das annähernd beherrschst, ist das wie surfen, dann bist du auf einer Welle und es treibt dich. Das ist ein schönes, ein ehrliches Gefühl. Und es ist leider auch ein Moment, in dem man eine Form der Macht verspürt. Wenn man merkt: Jetzt dirigierst du den Atem, jetzt dirigierst du den Herzschlag, jetzt ist der Moment, wo du machen kannst, was du willst, jetzt kannst du sie treffen.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
Ich glaube nein. Ich bin katholisch geprägt. Diese personifizierte Form des einerseits gütigen, aber auf der anderen Seite strafen­den, strengen Patriarchen, der darüber entscheidet, ob du in ewige Höllenqualen kommst oder in den Himmel – dieses Bild war mir nicht zugänglich. Aber die Frage nach Gott gibt uns immer die Möglichkeit, noch einmal eine andere Dimension aufzumachen oder eine andere Antwort zu bekommen. Es gibt viele Phänomene, die wir noch nicht wirklich begreifen. Die Antimaterie, den Schmetterlingseffekt, die Quantenmechanik und was noch alles. Aber ist das göttlich? Göttliches finde ich eher in den Menschen. Wenn einer plötzlich handelt, wie du es nicht erwartest und du denkst: Wow, was leistet der da! Ich habe in Afrika Menschen getroffen, die entschieden haben: Das hier ist mein Platz. Mit welcher Selbstlosigkeit die das machen, mit welchem Mut und unter Aufgabe von Eitelkeiten und Positionssüchten! Das be­wundere ich. Ob es Momente gibt, in denen ich die Nähe Gottes spüre? ­Die Nähe eines bestimmten Geistes – ja. Eine Haltung. Etwas Schönes oder etwas Gutes – ja. In Momenten der Verzagtheit denke ich manchmal: Ach, Gott, warum jetzt wieder dieser Mist?! Und plötzlich kommt aus irgendeiner Ecke etwas rein, das dir eine große Freude bereitet. Das Signifikanteste ist vielleicht, dass ich in großer Regelmäßigkeit – sicher alle drei Wochen – eine 1-Cent-Münze finde. Darüber freue ich mich und denke: Was ist das für ein komisches Zeichen? Das erheitert mich, das befreit mich, und ich merke, wie sich der Seelenkrampf löst und ich mit einer anderen Energie weitergehen kann.

Muss man den Tod fürchten?
Ich sage mal ganz frech und heldenhaft: Nein! Vielleicht ist das ja eine spannende Reise. Mal sehen, was dahinter kommt. Aber natürlich fürchte ich mich, und ich glaube, dass die Angst daher rührt, dass man einiges im Leben noch nicht richtig gemacht hat. Wenn man sehr erfüllt lebt, wenn man ein großes Leben im ­Bewusstsein von Glück und Liebe lebt, dann ist der Tod ungleich leichter. Reue dagegen macht es schwierig, und müsste ich heute sterben, würde ich mit viel Reue sterben. Es gibt einiges, was ich hätte anders machen können.

Welche Liebe macht Sie glücklich?
Die komplett uneigennützige. Die selbstlose. Die unaufdringliche. Die unscheinbare. Ich finde es am schönsten, wenn etwas ganz klein ist: eine kleine Berührung, ein kleiner Blick, eine kleine Tat – das hat für mich ein unglaubliches Gewicht.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?
Wünsche und Sehnsüchte sind starke, innere Energien, die dich antreiben. Träume verlieren aber ihre Kraft, wenn du sie aussprichst. Wir kennen doch alle die Geschichten von Menschen, die erzählen: Ich gehe auf den Kilimandscharo, ganz bestimmt! Und sie erzählen und erzählen. Drei Jahre später triffst du sie wieder, und sie sagen noch immer: Ich mache das. Irgendwann!

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?
Manchmal wie viele andere auch: Ich verdränge sie. Manchmal kann ich mir die Schuld eingestehen. Es gab eine Zeit, in der ich mich schnell an etwas schuldig fühlte. Das ist überwunden. Geschafft habe ich das durch eine Psychoanalyse, mitunter muss man zu Mitteln greifen, die es Gott sei Dank auch auf dieser Kugel gibt. Das war ein dreijähriger Prozess, in dem ich gelernt habe, Liebe und Aufmerksamkeit nicht immer mit der Erwartung zu verbinden, dass ich etwas zurückbekomme. Weil wir dann eine Bilanz aufmachen: Das, was du mir bis jetzt an Liebe gegeben ­hast, ist viel zu wenig, ich habe dir viel mehr gegeben. Wenn dieses Spiel vorbei ist, dann wird es relativ einfach.

Lesermeinungen

Iselinde schrieb am 13. Oktober 2014 um 14:48: "Wenn Du einen Gott brauchst". Dann hat Herr oder Frau "Du" bereits so ziemlich alle Fehler gemacht, die er oder sie auf diesem Gebiet machen kann. ___________________ Zitat: "Wenn Du ihn aber nicht brauchst" Das soll so ausschauen wie das Gegenteil von "Gott brauchen". Das ist es aber nicht, sondern das sind nur zwei Seiten desselben Irrtums. Das Angebot "Gott" ist leider ziemlich hintertückisch vergiftet, so dass sowohl die Annahme wie die Ablehnung nichts von der Gefährlichkeit dieses angeblichen Angebotes aufzeigt.

Wenn Du einen Gott brauchst und er ist auch tatsächlich da - dann ist es vollkommen unerheblich, ob Dein Kopf ihn gemacht hat oder eine "höhere" ewige Instanz. Dann ist es egal, ob er allmächtig ist und barmherzig, ob er einen großen Namen hat oder institutionalisiert ist und Steuern spart. Wenn Du ihn aber nicht brauchst, ist es unerheblich, ob er trotzdem da ist oder da sein könnte. Du bist völlig frei, ihn zu denken oder nicht.

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