Kulturbeutel: Johann Hinrich Claussen über Flüchtlingskunst

Kulturbeutel: Johann Hinrich Claussen über Flüchtlingskunst
Offenes Nachdenken
Flüchtlingskunst in Kassel: Olu Oguibes Obelisk auf dem Königsplatz. Auf Deutsch, Arabisch, Englisch und Türkisch steht dort geschrieben: „Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt.“

„Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt.“ auf Deutsch, Arabisch, Englisch und Türkisch

Johann Hinrich Claussen

Auf der Documenta muss man dieses Mal weite Wege gehen, von einem Ausstellungsort zum nächsten. Das gibt einem Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über die Frage, ob „Flüchtlingskunst“ immer nur eine ausschließlich gute Idee ist. Denn davon ist in Kassel viel zu sehen.

Natürlich.

Eine Kunst, die sich so gar nicht mit der Welt beschäftigt, die sie umgibt, die keinen eigenen, humanen Blick auf die Wirklichkeit wirft, hat sich selbst verfehlt. Insofern ist es kein Wunder, sondern notwendig, wenn Künstler, von denen ja viele selbst Flüchtlinge, Vertriebene und Weltenwanderer sind, Bilder, Skulpturen und Installationen zu diesem Epochenthema schaffen.

Aber.

Sieht man an einem Ort zu viel Flüchtlingskunst, kann sich auch eine Skepsis einstellen. Ist die Wahl des Themas ästhetisch immer gerechtfertigt? Versucht der eine oder andere Künstler nicht vielleicht doch, sich eine Bedeutung von anderswoher zu verschaffen, die er auf seinem eigenen Gebiet nicht hervorbringen kann? Borgt er sich etwa eine Authentizität, die er selbst nicht hat? Und erschöpft sich sein Werk nicht eben doch darin, beim Betrachter Mitleid zu erregen – ein kostbares, aber kurzlebiges Gefühl, wenn es nicht mit eigenem Nachdenken und praktischem Engagement verbunden ist?

Diese Fragen kann man besonders beim zentralen Stück Kasseler Flüchtlingskunst stellen: Olu Oguibes Obelisk auf dem Königsplatz. Auf Deutsch, Arabisch, Englisch und Türkisch steht dort geschrieben: „Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt.“

Das Wort Jesu auf antiker Raubkunst

Das ist eigentlich ein Wort Jesu. Seine besondere Pointe besteht darin, das Höchste und das Niedrigste miteinander zu verschränken: Gottes Sohn ist im allerverachtetsten Menschen gegenwärtig. Dieser biblische Ursprung wird auf dem Kunstwerk nicht einmal angedeutet. Deshalb ist hier von der paradoxen Christus-Pointe nichts zu spüren. Es wird stattdessen ein eindeutiges, gesinnungsethisches Prinzip ausgestellt: Ihr sollt Flüchtlinge aufnehmen!

Dafür gibt es gute Gründe, aber ist es nicht problematisch, diese Aufforderung auf einem Obelisk anzubringen? Ein Obelisk ist ursprünglich ein in Stein gehauener Strahl des ägyptischen Sonnengottes Ra und darin auch ein Symbol für den Pharao, also ein antikes Stück politischer Macht-Theologie. Als Raubkunst kam der Obelisk nach Rom und viele Jahrhunderte später in das napoleonische Frankreich. Im neuzeitlichen Europa verband sich dies mit einer kulturimperialistisch-orientalistischen Mode, bevor der Obelisk in zwei gigantischen Ausgaben in der Neuen Welt groß rauskam: Auf der Plaza de la Republica in Buenos Aires sowie im Washington Monument dienen Obelisken von 68 beziehungsweise 170 Metern der nationalen Selbstbeweihräucherung.

Monumentaler moralischer Zeigefinger

Nun ist Oguibes Obelisk nur 16 Meter hoch und der Kasseler Königsplatz (Entschuldigung, liebe Kasselerinnen und Kasseler!) ein eher un-auratischer Ort. Aber man fragt sich doch, was dieses Werk sein soll: die Besetzung eines öffentlichen Platzes durch eine wenn auch sinnvolle politische Meinung, eine gesinnungsethische Machtdemonstration, ein monumentaler moralischer Zeigefinger? Wird so nicht eine Meinungsdominanz proklamiert, die kein offenes Nachdenken eröffnet, sondern den Widerwillen gegen sie schon in sich trägt, weil der Betrachter sich von ihr genötigt fühlt?

Immerhin ebnet der Kasseler Alltag das Übersteuerte dieses Kunstwerks ein: Auf seinem Sockel sitzen Menschen, die Flüchtlinge sein könnten, und arbeiten an ihren Handys. Ob sie den Vers in ihrem Rücken gelesen haben? Und wird die Stadt dieses Kunstwerk über die Documenta hinaus auf dem Königsplatz stehen lassen?

Übrigens: Jesus selbst hat keineswegs von Anfang an alle Fremden geliebt. Er fühlte sich zunächst nur für die „Seinen“ zuständig. Er musste einen mühsamen Weg gehen, bis er seine Heilsbotschaft auch für Ausländer öffnete.

Was lehrt einen das?

Künstler sollten „Flucht und Migration“ zum Thema machen, aber nur, wenn

1. dies für sie ein echtes Anliegen ist,

2. sie das Schicksal von Flüchtlingen nicht benutzen,

3. ihnen etwas ästhetisch Eigenes dazu einfällt und

4. sie damit ein humanes Nachdenken nicht abschließen, sondern eröffnen.

(Für die Kirche lässt sich Entsprechendes sagen.)

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Wenn Herr J. H. Clausen seinen Kulturbeutel mit der Aussage bewirbt, dass auch das Überflüssige lebensnotwendig ist…….hat er wohl seinen Job nicht ganz verstanden.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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