Johann Hinrich Claussen über Weihnachtsmärkte

Johann Hinrich Claussen über Weihnachtsmärkte
Es geht auch schön
adventsmarkt.jpg

Foto: privat

Zu den religiösen Widersinnigkeiten der Gegenwart gehört, dass für sehr viele Deutsche der Weihnachtsmarkt zum Kernsymbol des Christentums geworden ist. Wenn sie denn etwas mit dem Herkunftsglauben ihrer Kultur verbinden, sind dies Buden mit Glühwein, Schmalzgebäck und falschen Tannenzweigen. Längst ist vergessen, dass die deutschen Kirchen bis in die 1970er Jahre verbissen gegen diese Jahresendzeit-Jahrmärkte angekämpft haben: Der Advent sei eine Zeit der Stille und ernsten Besinnung, die Festzeit beginne erst mit Heiligabend. Natürlich haben die Kirchen auch diese Schlacht gegen die allmächtige Konsumkultur verloren.

Man könnte sich nun über diesen religiösen Analphabetismus lustig machen. Doch will sich dieses Lachen nicht recht entfalten. Zu groß ist die Angst vor islamistischem Terror oder – wie gerade in Potsdam – gewöhnlicher Kriminalität. Gar nicht witzig sind auch die kulturpolitischen Angriffe von rechtsaußen gegen Schmalzweinmärkte, die irgendwie anders heißen (meist handelt es sich da übrigens um fake news).

Besser ist da – wie stets im Leben – zu schauen, wie es denn besser ginge. Da habe ich es zum Glück nicht weit. Denn der schönste Vorweihnachtsmarkt findet sich auf dem neugestalteten Platz vor meiner Ortsgemeinde: St. Markus in Hamburg-Hoheluft. Geschmackvoll – ja, das geht –, überschaubar und nachbarschaftlich, ohne Gedrängel, deshalb wunderbar für Familien mit kleinen Kindern, an vielen Tagen mit feiner Singer/Songwriter-Livemusik – und alles unter dem schönen Kirchturm. Schmalzgebäck und Glühwein gibt es hier natürlich auch und schmecken gut.

Doch aufgepasst, liebe Freundinnen und Freunde von der AfD, dieser Markt heißt nicht „Weihnachtsmarkt“! Ist das nun wieder so ein skandalträchtiges Einknicken vor der „islamischen Gefahr“? Gemach, gemach – der schönste Hamburger Markt heißt ganz traditionell und deshalb überraschend: „Adventsmarkt“.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

KV: „Advent ist mehr als Märchen und Markt,
Glühwein, Geschenke und Schnäppchenjagd.

„Du - komm`ste mit? Nachher in`n Dom?
Weihnachtsmusik und Geschichte hör`n?“

„Nee, lass ma stecken, kenn` ich schon.
Ich bleib` zur Sportschau lieber hier,
bevor ich mir den Allerwertesten abfrier.“

„Advent muss doch auch besinnlich sein
mit Singen, Stollen, Kerzenschein.“

„Au Mann - adventlich zugedröhnt
mit Budenzauber, Orgeltön`
Das ist nichts für mich –
Dies Glücksgefühle-Weihnachtsmann-Gemisch“

KV: „Advent ist mehr als Märchen und Markt,
Glühwein, Geschenke und Schnäppchenjagd.
Advent ist, wenn die Sehnsucht erwacht,
in dir, im Herzen, groß und heiß,
Advent ist, wenn Du sie anpackst, endlich anpackst
– deine Träume – hell und weit.

Advent ist Ankunft, Ankunft im Leben, im Sein –
so wie du bist, einfach sein
ungeschminkt, unverstellt,
ohne Angst, die dich fest hält,
die an dir zehrt und deine Seele umklammert.

Weck das Kind in dir,
es schlummert nur im Herzenswinkel,
pack die Erinnerungen aus von dir und mir
an leuchtende Augen, Zimtstern, Glöckchenklingeln
Schlittenfahren, Weihnachtsstuben.

Lasst die Bedenkenbuben
zuhaus im Zauderzimmer.
Lasst sie tratschen und munkeln
im Zweifelkellerdunkeln.
Du aber, steh auf, stell dich ins Licht hinein
Lass deine Sehnsucht leuchten
mit all den vielen anderen Leuten
Sag nicht, ich bin zu schwach, zu klein,
der kleinste Tropfen kann der Anfang eines Regens sein.

KV: „Advent ist mehr als Märchen und Markt,
Glühwein, Geschenke und Schnäppchenjagd.

Advent ist Vision groß und schön,
leidenschaftlich, voll Begehren,
berauschend und köstlich wie suesser Wein
Adventstrunken im Lichterschein
sangen die Alten einst vom Frieden, dem großen hehren,

sangen vom Hände reichen Freunden und Feinden,
vom guten Willen für alle Welt
vom Mehrwert ohne Güter und Geld
sangen vom Kind, das diesen Frieden brachte
klein und bedürftig, leise und sachte,

und halten
mit den alten Liedern
die Sehnsucht wach
durch alle Zeit
hinein bis in die Ewigkeit
und wer weiß, vielleicht entfacht

heut` ein Ton, ein Gedanke, ein Augenblick
in uns eine neue Sicht,
dass Freude wirklich möglich ist
und Frieden und Glück
erreichbar sind
für dich und mich
und jedes Kind
und Mann und Frau
und dass ich dazu werd` gebraucht

ja, wirklich, Du kannst Bote werden
Lichtträger sein und Hoffnung spenden

Komm, zünde dein Licht an, lass deine Augen strahlen,
Lass uns zusammen staunen, träumen, Sterne malen

KV: „Advent ist mehr als Märchen und Markt,
Glühwein, Geschenke und Schnäppchenjagd.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
22 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Mareike Fallet und Claudius Grigat
9 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Mareike Fallet und Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
24 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Ursula Ott
8 Beiträge

Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin