Johann Hinrich Claussen über Protest und Gewalt beim G20-Gipfel

Johann Hinrich Claussen über Protest und Gewalt beim G20-Gipfel
Die feine Linie zwischen Protest und Gewalt

 Johann Hinrich Claussen

An diesem sommerlichen Montagmorgen in Hamburg arbeite ich bei offenem Fenster. Das ist normalerweise keine Nachricht, heute aber schon. Denn in der vergangenen Woche war dies nicht möglich: Hubschrauber und Sirenen lärmten ununterbrochen – selbst über Stadtteilen, in denen keine Kampfhandlungen stattfanden.

Jetzt aber kann man wieder das Fenster öffnen. Doch so richtig will es nicht gelingen, zum Alltag zurückzukehren. Zu aufgeregt flattern die Gedanken hin und her. Man hat zu viele erschreckende Bilder – aus den Medien oder eigener Anschauung – im Kopf. Wie soll man sich da konzentrieren?

Wie geht man mit der Erfahrung eines staatlichen Kontrollverlusts um?

Neben dem Aufräumen der Stadtreinigung beginnen nun die journalistischen und politischen Aufarbeitungen. Gesucht werden Antworten auf Fragen wie diese: Ist ein solcher Gipfel heute noch eine sinnvolle diplomatische Veranstaltung? Hat er sich gelohnt und woran lässt sich das messen? Warum haben die Strategien der Polizei nicht funktioniert? Wie geht man jetzt mit der frischen Erfahrung eines teilweisen staatlichen Kontrollverlusts um? Man wünscht all denen, deren Beruf es ist, hier klare Urteile zu fällen, gutes Gelingen.

Mein Beruf ist das zum Glück nicht. Ich schaue aus meinem geöffneten Fenster und frage mich etwas anderes: Wenn auch Protest eine Form menschlicher Kultur ist, was für eine Protestkultur haben wir dann in den vergangenen Tagen erlebt? Sehr viele, durchaus unterschiedliche Kulturen waren es: manche interessant, manche sympathisch, manche überzeugend, andere jedoch abseitig und verstiegen. Überlagert wurden sie aber von der einen Kultur der Gewalt. Auch dies ist eine Form von Kultur, allerdings eine bösartige und zerstörerische. Im Inneren ist sie hohl und leer, geht es hier doch nur darum, dass enthemmte Menschen ihre Gewaltlust ausleben.

Wie anstrengend es sein muss, das eigene Weltbild stabil halten zu müssen

Man wird sie kaum erreichen, so wie es sehr schwierig ist, islamistisch-radikalisierte oder neonationalsozialistische Menschen eines Besseren zu belehren. Die Linie zwischen Protest und Gewalt ist fein. Wer sie einmal überschritten hat, kommt nur mühsam zurück. Deshalb ist es so wichtig, dass die Kultur-Nachbarn diese Linie scharf ziehen. Das haben einige Protestierende viel zu spät, andere viel zu undeutlich getan. Der eine oder andere Protestverantwortliche hat beteuert, dass die Gewaltausbrüche in diesen Tagen und Nächten „politisch falsch“ waren. Als ob es sich hier um fachliche Fehlleistungen gehandelt hat. Aber gerade im Linkssektierertum ist man wohl daran gewöhnt, stets auf der richtigen Seite zu stehen.

Besser haben es – ganz ehrlich – die christlichen Kirchen gemacht: mit einem nachdenklichen, sensiblen, kritischen, aber auch fröhlichen Gottesdienst am Sonnabendmorgen in der Hauptkirche St. Katharinen. Die Lesung hatte man der Bergpredigt entnommen: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ Dies wäre nicht das schlechteste Kriterium einer guten Kultur des Protests: Der Friede und die Gerechtigkeit, die man von den Mächtigen einfordert, fangen immer bei einem selbst an.

Sehr gut haben es natürlich die Hamburg-Aufräumer gemacht. Von allen Seiten kamen sie und haben sich ihre Stadt mit Besen und Kehrblech wieder angeeignet. Nur einige Mitmenschen von der „Roten Flora“ standen missmutig pöbelnd daneben. Wie anstrengend muss es doch sein, unter allen Umständen das eigene Weltbild stabil halten zu müssen.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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