Johann Hinrich Claussen über eine Gewissensfrage

Johann Hinrich Claussen über eine Gewissensfrage
Soll man sich weiterhin die Filme von denen anschauen?
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Foto: privat

Der englische Spätnacht-Satiriker John Oliver hat es einmal so gesagt: Mit großen Fußball-Turnieren gehe es ihm wie mit Bratwürsten – er liebe es, sie zu konsumieren, aber er würde nicht so genau wissen wollen, wie sie hergestellt würden. Das ist menschlich, aber manchmal muss man sich dann doch damit befassen. Es kommen Dinge ans Licht, an denen man als Konsument nicht mehr vorbeisehen kann. So ergeht es gerade vielen Filmliebhabern. Einer täglich länger werdenden Reihe von  prominenten Produzenten, Regisseuren und Schauspielern werden gerade massive Grenzüberschreitungen und Gewalttaten vorgeworfen. Auch wenn es sinnvoll ist, eine rechtliche Klärung der Vorwürfe abzuwarten, muss man sich dennoch schon jetzt einige Fragen stellen.

Eine ganz einfache Frage lautet: Soll ich mir weiterhin Filme von solchen Gewalttätern anschauen? Kann ich das überhaupt, wo ich doch jetzt mit erschreckenden Vorwürfen gegen ihre Produzenten und Protagonisten konfrontiert bin? Das ist ebenso eine Geschmacks- wie eine Gewissensfrage. Schon vor langem habe ich aufgehört, „House of Cards“ zu schauen – die eklige Gewalt hat mich auf Dauer abgestoßen. Könnte ich nun wiedereinsteigen und verpasste Staffeln nachschauen, wenn sich bewahrheitet, dass Herr Spacey nicht nur vor der Kamera regelmäßig andere Menschen vergewaltigt? Würde ich das mögen? Sollte ich das tun?

Moral und Politik!

Wer so fragt, fängt sich leicht den Vorwurf vermeintlich hartgesottener Menschen ein, dass er naiv und moralistisch-übersteuert wäre. In der Kunst müsse man strikt zwischen Werk und Person unterscheiden. Das Werk sei nur ästhetisch zu beurteilen. Ob der Künstler ein freundlicher, integrer Mensch sei, spiele dabei keine Rolle. Und dann wird einem eine Fülle von Kunstwerken aufgezählt, hinter denen ziemlich unsympathische Typen stehen.

Doch ich möchte den Vorwurf der Naivität zurückgeben. Denn ist es nicht sehr naiv und verdammt unpolitisch, so zu unterscheiden? Wer sich auch nur ein bisschen mit dem Phänomen „sexuelle Gewalt“ beschäftigt hat, weiß, dass es sich hier nie nur um isolierte Taten Einzelner handelt, die moralisch oder juristisch zu beurteilen wären. Immer geht es auch um Machtsysteme. Wer Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung anderer verletzt, baut sich dafür ein Machtsystem auf, das ihm diese Taten ermöglicht, das ihn schützt, die Betroffenen zum Schweigen verdammt und andere zu Komplizen macht. Besonders wirkungsvoll und langlebig sind Missbrauchssysteme, die mit Glanz und Gloria versehen sind – wie zum Beispiel die Filmwelt. Die Werke, die hier geschaffen werden, können das Fundament und die Fassade eines Missbrauchssystems sein. Wären sie nicht die Produzenten oder Stars erfolgreicher Filme, hätten manche ihre Straftaten nie vollbringen können. Es wäre also politisch naiv, wollte man diese Werke von ihren Herstellungsbedingungen unterscheiden. Wir schauen doch das System immer mit. Mehr noch, unbewusst und ungewollt werden wir als Konsumenten zu Komplizen.

Was für die Filmindustrie gilt, trifft übrigens auch auf den Profi-Fußball zu. Noch werden dort Missbrauchsskandale, wenn sie denn hochkommen (wie vor kurzem in England), schnell wieder beschwiegen. Aber auf lange Sicht dürfte sich das ändern. Und dann werden sich auch Fußball-Fans dieselben Fragen stellen wie heute die Cineasten.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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