Johann Hinrich Claussen über eine einzigartige Ausstellung zum Reformationsjubiläum

Johann Hinrich Claussen über eine einzigartige Ausstellung zum Reformationsjubiläum
Ein Papst für Süderlügum
Papst in Süderlügüm

Foto: Museumsberg Flensburg

Weithin und laut wird darüber gewehklagt, dass das Reformationsjubiläum in jeder Hinsicht gescheitert sei. Doch wer sich eine gewisse Neugier bewahrt hat und bereit ist, ein wenig herumzufahren, kann in diesem Jahr schöne Überraschungen erleben.

In Flensburg zum Beispiel kann man eine Ausstellung bewundern, für die es keine Vorbilder gibt. Ausgerechnet zum Reformationsjubiläum hat man im dortigen „museumsberg“ eine Heiligen-Schau inszeniert – warum das? Vor gut einhundert Jahre hat man in einer großen Rettungsaktion mittelalterliche Heiligen- und Marienskulpturen eingesammelt, die damals noch vielfach in den Dorfkirchen Nordschleswigs herumstanden, dort aber nicht sachgerecht gepflegt wurden. Sie drohten zu vergammeln, wurden deshalb nach Flensburg gebracht, dort im Museumsmagazin eingelagert – und vergessen.

Keine Angst vor Heiligen

Nun hat man sie wieder hervorgeholt und zeigt sie in einer feinsinnigen Ausstellung – doch nicht nur das. Ein gutes Dutzend dieser Heiligenfiguren hat man wieder „ausgewildert“: Sie wurden restauriert oder in der örtlichen Holzschnitzschule kopiert und dann wieder in ihre alte Heimat, die Dorfkirchen von Hoyer, Osterhever, Kleinjörl oder Apenrade zurückgebracht. So wurde aus einer Museumsausstellung so etwas wie eine soziale Plastik. Museumsleute und Dorfgemeinden arbeiteten intensiv zusammen – die einen mussten kostbare Stücke loslassen, die anderen sich ein vergessenes Erbe neu aneignen. Alle wurden von neuem auf die alte Frage gestoßen, was ihnen heilig ist.

Ein Papst für die Gemeinde

So kam, dass in der gut evangelischen Marienkirche von Süderlügum, kurz vor der dänischen Grenze, jetzt wieder ein Papst sitzt. Es ist die Nachbildung einer Holzskulptur, die kurz vor Ausbruch der Reformation geschaffen und in der Kirche aufgestellt wurde. Da das Original aus konservatorischen Gründen im Museum bleiben muss, hat man eine täuschend echte Nachbildung in die Dorfkirche zurückgebracht. Doch wo sollte man sie dort aufstellen? Auf dem Altar etwa? Das hätte schlecht gepasst. So kam man auf eine schöne reformatorisch-ökumenische Idee: Der namenlose Papst sitzt wie jeder Gottesdienstbesucher auf einer Kirchenbank mitten in der Gemeinde. Da er in einem Buch liest, kann man meinen, er würde ins Gesangbuch schauen und gemeinsam mit den anderen einen Choral singen. So beliebt ist dieser Papst inzwischen, dass er regelmäßig auf eine andere Kirchenbank gerückt werden muss. Denn gerecht muss es zugehen in der Kirche. So hat eine Ausstellung anlässlich des Reformationsjubiläums der Kirche von Süderlügum ein neues Gemeindeglied beschert und allen die reformatorische Idee vom „Priestertum/Papsttum aller Gläubigen“ auf das Schönste vor Augen geführt.

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Lesermeinungen

Wie schön, dass Kirche so überraschende Aktionen hervorbringt. Ein Papst auf der Kirchenbank in der Dorfkirche, davon werde allen, die ich im Norden kenne, erzählen.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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