Johann Hinrich Claussen über Daniel Kehlmann

Johann Hinrich Claussen über Daniel Kehlmann
Alle lesen „Tyll“
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Foto: privat

Alle lesen „Tyll“ und dies zu Recht. Es ist ein kluger, verstörender und anrührender Roman. Dass er so gar nicht witzig ist, obwohl er sich doch Till Eulenspiegel als Helden gewählt hat, ist kein Fehler, sondern seiner katastrophalen historischen Situation geschuldet: dem Dreißigjährigen Krieg im Deutschland des 17. Jahrhunderts.

Hat man das Buch aber zu Ende gelesen, wundert man sich über eine andere, viel bedeutsamere Lücke: Obwohl damals Protestanten und Katholiken erbittert gegeneinander kämpften, spielt die Religion eigentlich kaum eine Rolle. Gut, es werden mittelalterliche Volksfrömmigkeit und frühneuzeitliche Magie erwähnt, auch hat die Inquisition der Papstkirche ihren grausamen Auftritt, aber der konfessionelle Gegensatz oder das evangelische Christentum treten kaum in Erscheinung. Wenn man diesem Roman etwas hinterhersinnt, erscheint diese Lücke aber als gut begründet: Dieser totale Krieg hatte, erst einmal entfesselt, kein Ziel, keinen Inhalt, kein Motiv. Es ging nur um Mord und Vernichtung beziehungsweise das bloße Überleben. Und Tyll geht ganz in der Aufgabe auf, davonzukommen und weiter zu leben: „Wenn du schneller läufst als die anderen, kann dir nichts passieren“ – „Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht. Ich sterbe nicht heute Ich sterbe nicht“.

Aber immerhin hat ein von mir verehrter Vertreter des evangelischen Christentums einen kleinen Auftritt. Man könnte ihn leicht überlesen, doch das sollte man nicht. Im letzten Drittel führt Kehlmann einen Magister Fleming ein. Viel zu tun und zu sagen bekommt er nicht, aber er erscheint wie ein zarter Lichtblick in dieser finsteren Epoche. Denn er steht für den Beginn der deutschen Poesie – das einzige, was in diesem Buch zu irgendeiner Hoffnung Anlass gibt.

Till Eulenspiegel und Paul Fleming

Paul Fleming war ein ebenso grandioses wie unglückliches Genie der evangelischen Barocklyrik. Er lebte mitten im Dreißigjährigen Krieg, reiste viel, kam bis nach Moskau und Persien und starb viel zu früh in Hamburg mit nur dreißig Jahren an einer Lungenentzündung. In der Hauptkirche St. Katharinen wurde er bestattet. Im heutigen „Evangelischen Gesangbuch“ hat sich von seinen vielen Versen nur ein großer Vertrauenschoral erhalten: „In allen meinen Taten“:

In allen meinen Taten

lass ich den Höchsten raten,

der alles kann und hat;

er muss zu allen Dingen,

solls anders wohl gelingen,

mir selber geben Rat und Tat.

Eine Strophe jedoch hat man im aktuellen Gesangbuch nicht berücksichtigt. Sie klingt für heutige Protestanten wohl zu verstörend. Aber in „Tyll“ hätte sie gut hineingepasst:

Hat er es denn beschlossen,

so will ich unverdrossen,

an mein Verhängnis gehen;

kein Unfall unter allen

wird mir zu harte fallen,

ich will ihn überstehen.

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