Gipfel-Kreuze? Johann Hinrich Claussen über Gipfel-Debatten

Gipfel-Kreuze? Johann Hinrich Claussen über Gipfel-Debatten
Immer dieser Streit um das Kreuz
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Foto: privat

Angeblich interessiert sich ja niemand mehr für den Glauben. Aber über das Kreuz gibt jeder gern einmal eine Meinung von sich – am liebsten eine kontroverse. Das sorgt regelmäßig für einen bunten Debattenbetrieb. Das Meinungskarussell dreht sich fröhlich lärmend im Kreis, bis allen schwindelig und irgendwann Feierabend ist. So jüngst in Berlin zu erleben bei der Frage, ob auf die Kuppel des neu- und wiederrichteten Schlosses das historisch korrekte Kreuz zu setzen sei oder nicht. Das ging heftig hin und her, scheint aber jetzt schon wieder allen egal zu sein. Die abschließende Äußerung dazu verdanke ich einem humorbegabten Kulturpolitiker (allerdings nicht aus Berlin), der mir sagte: „Von mir aus können sie das Kreuz auf die Kuppel setzen, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie das Schloss darunter gleich wieder abreißen."

Das Kreuz - eine "klerikale Umweltverschmutzung"?

Mit Kreuzesdebatten ist es aber wie mit – Entschuldigung – sommerlichen Waldbränden. Sind sie an einem Ort erloschen, flammen sie andernorts wieder auf. So berichtet das verehrungswürdige Streiflicht der „Süddeutschen Zeitung“, das übrigens nach meiner Schätzung zu 80% religiöse Themen und Assoziationen präsentiert (so viel zur Säkularisierung!) über die pünktlich zum Ferienbeginn aufrauschende Frage, ob Gipfelkreuze noch zeitgemäß oder eine klerikale Umweltverschmutzung seien. Das wird nun wohl ein paar Tage und vielleicht Wochen so hin- und her gehen. Dann müssen die Menschen wieder zur Arbeit oder in die Schule und sich echten Problemen zuwenden.

Den einen eine Torheit, anderen aber eine Kraft Gottes

Mir fiel da eine Äußerung von Josef Beuys ein. Das war ein ebenso großer Künstler wie Schwätzer, als strammer Anthroposoph zudem schnell für eine kirchenkritische Meinung zu haben. 1974 regte er in einem Interview an, „dass man alle die Kreuze von Kirchen entfernen und Fragezeichen hinter jeden Altar stellen sollte. Im Gebiet der Kunst sollten nur geheimnisvolle Bilder geschaffen werden.“ Eine solche Radikalität findet man heute kaum mehr, schade eigentlich. Denn als kurzzeitige Kunstaktion könnte man sich das durchaus vorstellen, als dauerhafte Einrichtung aber eher weniger. Auf der Kuppel eines gigantischen Schlosses oder auf dem Gipfel eines erhabenen Berges ein Fragezeichen? Da fragt sich, ob das Frage- als bloßes Satzzeichen nicht doch weit weniger geheimnisvoll ist als das Kreuz – was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass sich am letzteren immer noch und immer wieder öffentliche Debatten entzünden. Dies entspricht übrigens seiner ursprünglichen Sinnbestimmung, erklärte doch schon Paulus, dass das Kreuz und das Wort von ihm ein Skandal sei – den einen eine Torheit, anderen aber eine Kraft Gottes -, über den man unendlich lang streiten kann.

 

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Lesermeinungen

Ich bin kein Freund von religiösen Zeichen ausserhalb von Räumen der jeweiligen Vereinigungen.

Auf Berge im alpenländischen Bereich gehört das Gipfelkreuz als Zeichen, hier ist oben, der Gipfel ist erreicht dazu wie die Butter aufs Brot. Das ist kein religiöses Zeichen,das ist ein traditionelles.
Für das Berliner Schloss schlage ich einen Wetterhahn vor.

Wer nur am Kreuz entdecken kann, dass hier oben ist, sollte aus Sicherheitsgründen von allen Formen von Bergwandern oder Bergsteigen Abstand nehmen. Da hilft auch kein Butterbrot im Rucksack mehr.

Berg Heil!

Fritz Kurz

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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