Claudius Grigat über frische Luft und Lieblingsbeschäftigungen

Claudius Grigat über frische Luft und Lieblingsbeschäftigungen
Reality-TV
Blick vom Balkon in verregnete Berglandschaft

Das Gewitter kommt, der Regen ist schon da

Claudius Grigat

Wir waren im Urlaub. Auf einem Bauernhof in den Bergen: Ferienwohnung mit Heuduft und Aussicht. Das hat gut getan! Vor allem, weil die ganze Familie so viel Zeit an der tatsächlich frischen Luft verbracht hat. Wandern, schwimmen, kicken, klettern, die Kühe, die Katzen, die Kaninchen – alles draußen. Sogar Lesen und Brettspiele fanden im Freien – entweder auf dem Balkon oder auf der Wiese – statt.

Das "Draußen-sein" bei Kindern ist ja in der Tat kein Wert an sich – aber auch keine reine Ideologie. Vielmehr bringt es wirklich und nachweislich eine Reihe positiver Effekte mit sich: Rosige Wangen, später gebräunte Haut. Viel Bewegung. Daraus wiederum resultiert in der Regel ein früherer Feierabend für die Eltern, weil der Nachwuchs zur Bettgehzeit schneller ermattet. Und überhaupt natürlich die ruhigen Momente, wenn die Kids, frei von Hunger, Durst und anderen Bedürfnissen sich - womöglich außer Rufweite - selbst beschäftigen und die Erziehungsberechtigten weitgehend autonom und unbehelligt ihren Hobbies frönen oder ein Nickerchen pflegen können.

Die unvermeidliche Frage nach dem Fernsehen

Das Beste aber: Wenn es richtig gut läuft (z. B. wenn die Kaninchen aus der Hand fressen oder andere Kinder zum Versteckfangen dazu stoßen), dann entfällt die lästige Diskussion, die sonst zuverlässig spätestens ab 17.30 Uhr den Vorabend belastet. Dann nämlich beginnt normalerweise diese merkwürdige Durchhänger- oder Übergangszeit, wenn die Nachmittagsbeschäftigung dem Ende entgegen geht oder Familienausflug abgeschlossen ist, die Hausaufgaben sind erledigt (oder verdrängt) und alle anderen Beschäftigungen (Lesen, Hörspiel- oder Musikhören, Schaukeln) sind ausgereizt oder kommen nicht in Frage (Hilfe im Haushalt, Zimmer aufräumen). Genau dann kommt regelmäßig die unvermeidliche Frage: "Können wir fernsehen?" Die Antwort ist dann nahezu immer ein "Ja, aber…" (Was denn? Muss das sein? Aber nur eine Folge! Na gut, noch die Kindernachrichten…). Wobei das, was nach dem "aber" kommt, immer mit tödlicher Sicherheit zu Widerspruch, Gemotze oder Gequengel und eben den unvermeidlichen Diskussionen bzw. Verhandlungen und Feilschereien führt.

Das also fiel im Urlaub aus zwei Gründen nahezu komplett weg:

  1. Kein W-LAN – sämtliche Kinderserien aus dem Netz auf dem Tablet waren damit von vornherein schon einmal ausgeschlossen.
  2. Eben die Beschäftigung an der frischen Luft als Konkurrenz und Alternative zur Flimmerkiste.

Bei letzterer allerdings gab es eine tolle Kompromissvariante. Regelmäßig setzten in den Bergen spätestens mit Einbruch der Dunkelheit die obligatorischen Sommer-Wärme-Gewitter ein, teils äußerst heftiger Natur: Sturmböen, Starkregen und Hagel. Da nun unsere Wohnung unter dem Dach des alten Bauernhauses aber über einen hölzernen Balkon über die nahezu gesamte Giebelbreite verfügte, der durch das weit vorgezogene Dach auch komplett gegen Regen geschützt war, konnten wir eine neue Lieblingsbeschäftigung entwickeln: Gewitter-Watching. Warm eingewickelt in Badetücher und Regenjacken und gemütlich aneinander gekuschelt, verbrachten wir manchmal Stunden damit, die oft an mehreren Ecken des Horizonts gleichzeitig heraufziehenden Unwetter zu beobachten.

Es beginnt mit Wetterleuchten

Erst das Wetterleuchten, dann der Wind, die sich biegenden Obstbäume, der rauschende Wald. Danach das dumpfe Grollen. Und schließlich die gleißenden Blitze, die den Himmel zerteilen und die Berge für Sekundenbruchteile  in gespenstisches Licht tauchen, oft zwei oder drei nahezu gleichzeitig. Mit ihnen die ohrenbetäubenden Donnerschläge und ihr Echo an den Felswänden ringsum. Die vorbeiziehenden Wolkenfetzen. Und endlich auch der sturzbachartige Regen. Echtes Reality-TV. Nach dem Motto: Regenjacke - 15,55 Euro. Ferienwohnung - 51,55 Euro. Gewitter - Unbezahlbar!

Einziger Nachteil: Die Kinder ins Bett zu bekommen vor Ende des Durchzugs der Gewitterfront: Schwierig…!

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Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Mareike Fallet und Claudius Grigat

Mareike Fallet
Mit drei Kindern zwischen sieben und eins geht es auch bei Mareike Fallet bunt zu. "Warum" ist ihr meistgehörtes Wort. Neben "nein" und "Süßigkeit". "Warum?", das treibt sie als Journalistin immer auch selbst an. Warum findet die Frankfurter Grundschule nur schwer eine Ersatzlehrkraft für die schwangere Lehrerin des großen Sohnes? Warum lassen manche Eltern ihre Kinder nicht gegen Masern impfen? Und warum liegen an Supermarktkassen so viele Süßigkeiten auf Kinderhöhe?
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Claudius Grigat
Claudius Grigat lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern am Stadtrand – sehr normal. Aber was ist schon normal, wenn es um Kindersachen geht? Wenn man zum Beispiel entdeckt, dass zwei verschiedene Socken cool sind, Barbies nicht stehen können und das Leben kein Ponyhof, der Ponyhof aber das Leben ist… Den Dingen auf den Grund zu gehen ist für ihn als Journalist und als Papa immer wieder eine schöne Herausforderung.

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