Claudius Grigat über den Unterschied zwischen Handball und Fußball

Claudius Grigat über den Unterschied zwischen Handball und Fußball
Handball-Väter
Handballtor, bei dem das obere Drittel mit Brettern zugenagelt ist

So sehen Handballtore bei den Kleinsten aus

Foto: Claudius Grigat

Da, wo ich wohne – also da, wo es Reihenhäuser, einen Supermarkt und Stellplätze für den Kombi mit dem "Baby on board"-Aufkleber gibt – da gibt es auch einen Fußballverein. Natürlich. Und fast alle Kindergartenfreunde meines Sohnes spielen dort Fußball. Sie wissen, was das für die Eltern bedeutet? Nahezu jedes Wochenende an einem Tag früh aufstehen und zu einem Spiel oder einem Turnier fahren. Danach reihum die Trikots waschen. Ständig neue, teure Fußballschuhe kaufen. Zweimal die Woche die Kids zum Training fahren und an der Außenlinie stehen. Und und und…

Mein Sohn spielt kein Fußball. Warum? Er kickt manchmal im Kindergarten, aber so richtig Spaß macht ihm das nicht. Er hat sich mal das Training angeschaut, aber der Funke ist nicht übergesprungen. Und ich bin ganz froh darüber. Erstens habe ich früher kein Fußball gespielt, sondern Handball. Wie mein Bruder. Und mein Vater. Und mein Großvater. Und zweitens würde ich mich unter den Fußball-Vätern sehr unwohl fühlen. Dieser Ehrgeiz an der Ersatzbank: "Jetzt muss mein Sohn aber eingewechselt werden." "Meiner ist aber besser." Und wie oft hört man übelste Beschimpfungen des Schiedsrichters, der ja immerhin ehrenamtlich in seiner Freizeit F-Jugend-Spiele pfeift. Außerdem das Fachsimpeln, da kann ich auch nicht mithalten. Und schließlich dieses Leistungsdenken! Es geht schon bei den 5-jährigen nur ums Gewinnen, der Spaß am Spiel tritt völlig in den Hintergrund.

Oft wusste niemand, wie das Spiel überhaupt ausgegangen war

Mein Sohn spielt übrigens jetzt auch Handball, im Nachbarort. Da gibt es Reihenhäuser, einen Fußball- UND einen Handballverein. Und vor Kurzem waren wir auf dem ersten Turnier zusammen. Da war alles ganz anders als beim Fußball. Die Handballtore waren im oberen Drittel mit Brettern zugenagelt – damit die Motivation nicht verloren geht. Mädchen und Jungen spielten in gemischten Teams. Am Spielfeldrand quatschten die Mütter miteinander, die ohnehin stark in der Überzahl waren. Wenn eine Partie fertig war, hieß es immer nur: Gut gespielt! Oft wusste tatsächlich niemand, wie es eigentlich ausgegangen war. Zwischen den Spielen picknickten die Eltern entspannt irgendwo im Schatten, während sich die Kids auf einer Hüpfburg vergnügten.

Und ich? Ich trainierte ein paar Jungs in den Pausen. Fangübungen, Wurfübungen, leichte Spielzüge. Schon im ersten Spiel hatte ich gesehen, dass das so nichts werden kann mit dem Turniersieg! Nicht genug Ehrgeiz, zu nachlässig im Detail. Viel zu lasche Abwehr, halbherzige Torwürfe. Da muss man auch mal selbst zum Abschluss kommen, wenn man gut steht - nicht immer nur abgeben! Das wollte ich ihnen beibringen. Weil: Der Trainer tat ja nichts. Saß nur im Schatten und quatschte. Ehrenamt hin oder her. Übrigens auch am Spielfeldrand. Ein paar knappe Anweisungen, sonst nichts. Ich hingegen rief und brüllte mit einem hochroten Kopf, sprang auf und ab, gestikulierte wild, schwitzte, litt… Und irgendwann schämte ich mich ein bisschen.

Wie gut, dass es am Ende bei der Siegerehrung nur Gewinner gab. Es wurden keine Platzierungen verlesen, sondern nur Medaillen und Urkunden für alle verteilt. Eine schöne Erfahrung – und besonders heilsam für mich als Handball-Vater…!

Neue Lesermeinung schreiben

Über diesen Blog

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Mareike Fallet und Claudius Grigat

Mareike Fallet
Mit drei Kindern zwischen sieben und eins geht es auch bei Mareike Fallet bunt zu. "Warum" ist ihr meistgehörtes Wort. Neben "nein" und "Süßigkeit". "Warum?", das treibt sie als Journalistin immer auch selbst an. Warum findet die Frankfurter Grundschule nur schwer eine Ersatzlehrkraft für die schwangere Lehrerin des großen Sohnes? Warum lassen manche Eltern ihre Kinder nicht gegen Masern impfen? Und warum liegen an Supermarktkassen so viele Süßigkeiten auf Kinderhöhe?
,
Claudius Grigat
Claudius Grigat lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern am Stadtrand – sehr normal. Aber was ist schon normal, wenn es um Kindersachen geht? Wenn man zum Beispiel entdeckt, dass zwei verschiedene Socken cool sind, Barbies nicht stehen können und das Leben kein Ponyhof, der Ponyhof aber das Leben ist… Den Dingen auf den Grund zu gehen ist für ihn als Journalist und als Papa immer wieder eine schöne Herausforderung.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
10 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Mareike Fallet und Claudius Grigat
5 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Mareike Fallet und Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
7 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Ursula Ott
4 Beiträge

Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin