Ursula Ott über Spielzeugwaffen für die Kreativität

Ursula Ott über Spielzeugwaffen für die Kreativität
Kein Startup ohne Nerf
spielzeugwaffen

"Waffenlager"

privat

Eine Kiste voller Spielzeugpistolen – darauf fällt mein erster Blick im „Media Lab“ am Münchner Ostbahnhof. „Nerf“ heißen die Dinger, meine pubertierenden Jungs haben die zuhause auch. Bei mir heißen sie nur Nerv, weil mich extrem nervt, wenn die Schaumstoff-Geschosse im Frühstücks-Müsli landen. Aber eigentlich steht nerf für  „non expanding recreational foam“, was so viel heißt wie „formfester Spiel-Schaumstoff“.

Wozu bitte brauchen die jungen Leute, die hier Medien-Start-Ups gründen, die bunten Ballermänner?  Zum Abreagieren, wenn sie zu lange design thinking gemacht haben, sagt die Chefin. Und ich grübele: Wann wird auf meinem Schreibtisch der erste Invest-Antrag landen, auf dem steht: „Nerf  Rapid Strike. Nettopreis 73,99“.  Die  Dinger  sind nämlich echt teuer. Würde das  Oberrechnungsamt der EKD, das zurecht unsere Finanzen im Auge behält – würden die verstehen, wenn wir hier bunte Plastikwaffen einkaufen?

Bei Anschaffungen ist es so:  Es kommt ein Formular, das heißt „Investitionsantrag“, und ich entscheide: Rückenfreundlicher Bürostuhl? Vernünftig, wir brauchen unsere Redakteure noch lange und wir brauchen sie gesund. Stehtisch? Her damit, dann werden Meetings kürzer und keiner schläft ein. Teures Kamera-Objektiv? Muss das sein,  strenge Nachfrage, reicht nicht das Handy? Ah, der Kollege macht Fotos, die nicht nur seinen Gemeindebrief und die Website schmücken, sondern es werden Postkarten draus gemacht. Ja, Postkarten, so richtig mit Briefmarke und Schneckenpost. So was machen wir hier auch. Dafür  braucht man sehr gute Fotos. Das Ding wird genehmigt.

Seit unser Haus digitaler wird, werden auch die Investitionsanträge bunter. Windschutz für Mikros. Bunte Sitzkissen für die Onliner. Neuerdings war sogar von einer  Virtual Reality-Brille die Rede. Hä? Brauchen wir das wirklich, noch gibt’s hier nix in 3 D. Und unsere dritte Dimension ist hier der Himmel, oder?

So, und jetzt warte ich gelassen,  bis die Onliner auch so eine Nerf wollen. Dann werden wir hier erst mal diskutieren (diskutieren ist unsere Kernkompetenz): Zum Abreagieren gibt’s hier eine prima Joggingstrecke vor dem Haus, ein Schwimmbad und, wer s mag, einen Andachtsraum. Formfest und in 3D. Amen.

 

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Über diesen Blog

Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin

Ursula Ott
Ursula Ott hatte als Schülerin den Berufswunsch Dolmetscherin. Aber dann wollte sie doch lieber selber reden und schreiben. Heute tröstet sie Print-Reporterinnen, wenn ihre mühsam gehäkelten Sätze als Shareable bei Facebook zerschreddert werden. Und lässt sich von den Onlinern erklären, warum Mails nur noch was für alte Leute sind.

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