Ursula Ott über die Generation X, E-Mails, WhatsApp und Disruption

Ursula Ott über die Generation X, E-Mails, WhatsApp und Disruption
E-Mail ist für Opas. Echt?

Ich habe gerade eine Vokabel gelernt. „Digitale Kompetenz-Illusion“. DKI. Stand im Wissenschaftsteil der Süddeutschen. Unsere männlichen Jugendlichen sind angeblich von diesem Leiden befallen. Sie denken, sie kennen sich super aus in der digitalen Welt, tun sie aber gar nicht immer.

Zum Beispiel die Sache mit den E-Mails. Die Generation der 16,- 17-jährigen nutzt kaum Mails – sie schickt Sprachnachrichten per WhatsApp. Der Befund stimmt – aber sind die Jungs damit wirklich eine Avantgarde? Nutzen wir Erwachsenen auch bald keine Mails mehr? Da viele von uns Älteren auf die digitale Kompetenz unserer Kinder vertrauen, klingt das bisweilen so.

Neulich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ein Interview mit Airbus-Vorstand, ein  „Star der nächsten Manager Generation “, so steht das im Vorspann, und der Star soll uns  sagen, wie es weiter geht mit den nächsten Generationen und deren Medienverhalten.

Große Erkenntnis vom Manager-Star: „E-Mail ist nicht mehr zeitgemäß. Meine Kinder haben zwar einen E-Mail-Account, antworten aber auf keine einzige meiner E-Mails.“

Ich bin kein Star, aber ich habe auch Kinder. Die antworten auch auf keine einzige meiner E-Mails. Wenn ich eine Mail schicke, muss ich ein WhatsApp hinterher schicken: „Guck mal in Dein Mailfach.“ Da sie auch WhatsApp manchmal ignorieren, ist es besser, man ruft sie an oder wartet, bis sie Hunger haben und nach Hause kommen. Soviel zum Thema Digitalkompetenz.

"Er hat immer noch nicht auf meine E-Mail geantwortet!"

Bis der eine Sohn neulich für eine Facharbeit in der Oberstufe Interviews mit Professoren verabreden sollte. Profs kann man nicht auf „WhatsApp“ anfragen, weil man deren Handynummer nicht auf Google rausfindet. Also schrieb er widerwillig eine E-Mail. Und saß mit aufgerissenen Augen vor seinem Smartphone, nur um alle fünf Minuten zu verkünden: „Der Professor hat noch gar nicht auf meine E-Mail geantwortet.“

Tja, das haben sie jetzt gelernt. Mails werden nicht unmittelbar gelesen und, zumal am Sonntag nachmittag, auch nicht direkt beantwortet. Vor allem wenn sie von einem relativ uninteressanten Oberstufenschüler der Klasse 12 im Grundkurs Sozialwissenschaften kommen.

Nun muss man daraus nicht gleich eine große Theorie ableiten. Aber wenn man ein Star ist, macht man daraus ein Generationen-Thema. „Ich habe mit der Generation Y oder Z zu tun“, sagt der Managerstar,  huiuiui, „auf Unternehmen übertragen heißt das: entweder man macht die Augen zu und bleibt auf der Strecke. Oder man disruptiert sich selbst kontinuierlich.“ Disruptiert. Das sagt der wirklich.

Disruption: Eine Branche zerschießen und neu erfinden.

Disruption ist die Vokabel, die man nach einer teuren Reise ins Silicon Valley mindestens als Andenken mit zurück bringen muss. Disruption ist das, was Uber mit dem Taxi gemacht hat oder Netflix mit dem ZDF: Eine Branche zerschießen und neu erfinden. Aber muss man sich gleich disruptieren, also quasi selbst enthaupten, nur weil die Kinder keine E-Mails mehr lesen? Da kann man doch auch mal die Augen schließen und denken: Da hab ich alter Sack den jungen Dingern immerhin beigebracht, wie man eine E-Mail schreibt.

Ach ja, und noch was, Herr Vorstands-Star: Wenn unsere Kinder unsere E-Mails nicht beantworten, kann das auch einen ganz simplen Grund haben. Denselben, warum sie manchmal auch bei Tisch nicht auf die Frage „Wie wars in der Schule?“ antworten. Manchmal will sie halt ihre Ruhe haben, die Generation Z. War übrigens bei der Generation A bis K auch schon so. Kein Grund, sich selber zu enthaupten.

 

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Über diesen Blog

Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin

Ursula Ott
Ursula Ott hatte als Schülerin den Berufswunsch Dolmetscherin. Aber dann wollte sie doch lieber selber reden und schreiben. Heute tröstet sie Print-Reporterinnen, wenn ihre mühsam gehäkelten Sätze als Shareable bei Facebook zerschreddert werden. Und lässt sich von den Onlinern erklären, warum Mails nur noch was für alte Leute sind.

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