Digital-Deutsch: Ursula Ott über Silicon Valley und die Digitalisierung der Deutschen

Digital-Deutsch: Ursula Ott über Silicon Valley und die Digitalisierung der Deutschen
"Ihr habt den Krieg noch nicht gesehen!"

Vor einiger Zeit war ich im Silicon Valley. Das ist wirklich keine Nachricht, weil sie da jetzt alle waren. Fast alle Chefredakteure, sehr viele Ministerpräsidenten, auch der eine oder andere Bischof. Und auf jeden Fall alle Autobosse, Werkzeugkönige und Maschinenbauer. Und ich halt auch. Die spannende Frage, die sich ja auch jedem Mallorca-Urlauber stellt: Was erzähle ich, wenn ich wieder heimkomme? Wie übersetze ich das digitale Wunderenglisch in motivierendes Arbeitsdeutsch?

In der Branche Maschinenbau und  Automobilindustrie geht es so: Der  Maschinenbau-Boss aus der alten deutschen Industrie fährt in die schöne neue Welt, ins Silicon Valley, kommt zurück nach 78952 Schrauberhausen und sagt seinen Leuten: "Ihr habt die Digitalisierung verschlafen! Wir sind total abgehängt!" Der Wirtschaftsteil der "Süddeutschen" (ich habe den Artikel übrigens auf Papier gelesen, in der Bahn) zitiert zum Beispiel Frank Thelen,  TV-Juror aus der Start-up-Show "Die Höhle der Löwen". Der sagt Sätze wie: "Deutsche Manager haben den Krieg noch nicht gesehen. Aber der Krieg kommt. Und zwar in jeder einzelnen Industrie." Das sei, schreibt der Zeitungskollege zu Recht, nicht so richtig motivierend für die Mitarbeiter in Deutschland.

Nun  habe ich den Krieg ja schon gesehen. Also, Gott sei Dank habe ich mit meinen 53 Jahren noch gar keinen Krieg gesehen. Ich bin dafür sehr dankbar. Aber was der Schwätzer meint, das Silicon Valley, das habe ich fünf Tage gesehen, und ich  habe nach meiner Rückkehr ins alte Deutschland eventuell nicht immer den richtigen Ton gefunden mit meinen deutschen Kollegen. Aber eines habe ich hoffentlich nicht gemacht: die alle für doof erklärt.

Aber ehrlich. Das gibt’s. Nicht nur bei Bosch und Daimler, auch bei uns Journalisten. Auf der letzten Frankfurter Buchmesse blieb ich zufällig bei einer Lesung  des Silicon-Valley-Fans Christopher Keese hängen, der aus einem Buch mit dem etwas bemühten Titel "Silicon Germany" las. Auch er betrieb eine Mischung aus Publikumsbeschimpfung und Selbstkasteiung. "Wir sind eine alternde Gesellschaft" , rief er in die Flure dieser weltgrößten Buchmesse, die ihr Geschäft mit Bücherlesern über 50 macht. "Wir werden abgehängt, wenn wir die Herausforderung nicht annehmen." Es war sehr voll in den Frankfurter Hallen, die Buchhändler schwärmten von Rekordumsätzen, so richtig abgehängt schien die alte Druckwelt gar nicht zu sein. Und auch beim Buchautor Keese blieben wir Älteren ja geduldig stehen und lauschten. Er sagte dann noch, er habe extra seine Kinder mitgebracht, die dann hoffentlich einen Bundesdigitalminister wählen später. Ich hatte meine Kinder nicht mitgebracht. Aber ich weiß aus der Erziehung meiner Kinder, dass es pädagogisch nur so mittel clever ist, sie für blöd zu erklären.

Denn wenn wir den Deutschen jetzt permanent sagen, sie hätten die Digitalisierung verschlafen, können wir genauso gut unseren Kindern sagen: "Das Mathe-Abi kannste knicken, du bist ja schon bei der e-Funktion ausgestiegen."

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Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin

Ursula Ott
Ursula Ott hatte als Schülerin den Berufswunsch Dolmetscherin. Aber dann wollte sie doch lieber selber reden und schreiben. Heute tröstet sie Print-Reporterinnen, wenn ihre mühsam gehäkelten Sätze als Shareable bei Facebook zerschreddert werden. Und lässt sich von den Onlinern erklären, warum Mails nur noch was für alte Leute sind.

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