Halte still und sei mein Gast – raus aus der Küche!

Chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer über die Rollenverteilung von Gastgebern und Besuchern

Foto: Sven Paustian

Neulich waren wir bei Olga zum Kaffeetrinken eingeladen. Ein schöner Sonntagnachmittag. Ein wenig auf der Terrasse sitzen, plaudern und den Kuchen loben. Selbst gebacken! Respekt. Olga ist nicht mehr die Allerjüngste, sieht schlecht, hat Probleme mit Arthrose. Aber was eine erfahrene Gastgeberin ist, lässt sich davon nicht beeindrucken. Also: hoch die Tassen!

Weil wir einander vertraut sind, kennen wir uns in Olgas ­Wohnung ganz gut aus. „Wollt ihr noch einen Kaffee?“ Klar. Ich stehe auf und mache mich auf den Weg zur Küche. Die Kaffeemaschine links auf dem Küchenregal, die Dose mit dem Pulver, die Filter daneben – weiß ich doch!

Gerade will ich den Filter in die... „Halt!“, raunt Olga neben mir und nimmt mir die Packung aus der Hand. „Ihr seid Gäste. Lass das mal mich machen!“ Gäste. Helfen strengstens verboten! So hat sie das gelernt. Schlecht sehen und gehen hin oder her: Gäste haben sich bedienen zu lassen. Und schon gar nicht haben sie die Küche zu betreten! Wir fügen uns, nachdem wir ein paarmal erfolglos beteuert ­haben, dass wir es doch nur gut meinen. „Wenn ich überhaupt nichts mehr tue, bin ich bald tot. Außerdem wisst ihr doch gar nicht, was wo hingehört!“

Gestern kam mich mein alter Kumpel Sven besuchen. Er lebt in London. Und wenn er zu seinen Eltern nach Süddeutschland fährt, haben wir ihn beim letzten Zusammentreffen dringend ermahnt, soll er bei uns Station machen. Nun also war er da.

Ein Tässchen Kaffee auf dem Balkon, dann ein kleines Abendessen und ein paar Gläschen Wein. Ich hatte mir ein leichtes und schnelles Rezept ausgesucht. Dauert nur ein paar Minuten, sagte ich zu meinem Gast. Ich hatte ihm ein paar chrismon-Hefte, ein, zwei Bücher und anderen Lesestoff auf den Balkontisch gelegt. „Danke“, sagte mein Gast und folgte mir in die Küche.

"Ein Stück ist langweilig, wenn die Rollen nicht mehr verteilt sind..."

Ohne mich zu fragen, begann er die Spülmaschine auszu­räumen. Schon beim ersten Teller war klar, dass ich das nicht wollte. Die Teller gehörten in das andere Regal! Und die Wassergläser bitte nicht zwischen die Weingläser! Achselzuckend ließ Sven den Räumdienst sein. Dann nahm er eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank und suchte einen Korkenzieher. Ich deutete an, dass ich einen anderen Tropfen zum Essen ausgewählt hatte. Was ihn nicht besonders interessierte. „Auf den hier bin ich aber neugierig!“ Und dann begann er, Brot aufzuschneiden. Nein! Nicht das Vollkornbrot! Das Baguette! Und nicht so dünne Scheiben! Schrecklich! Hilfsbereite Gäste sind furchtbar!

Wir haben dann doch noch ganz friedlich gespeist. Und ich durfte nach „herrrrrzlicher! Bitte!“ alleine den Tisch ab- und die Spülmaschine einräumen. Sven zuckte nur ratlos mit den Schultern und murmelte: „Wenn du das brauchst...“

My home is my castle – mein Zuhause meine Burg? Wenn ich in mich gehe, glaube ich nicht, dass das mein Problem ist. Es geht nicht um Hausherrschaft. Das Thema ist der Dienst. In dem Wort steckt „dienen“. Indem man seine Gäste bedient, tut man ihnen Gutes, schenkt man ihnen Aufmerksamkeit, ja erweist ihnen Ehre. Und das bedeutet, dass die anderen mich als Gast­geber würdigen und anerkennen, indem sie sich von mir bedienen lassen. Wenn sie das Nichts-tun-Müssen sichtbar genießen und dann vielleicht auch noch richtig deutlich ihren Dank an die Gast-Geber adressieren, ist es den Gebenden das schönste Geschenk.

Es ist eine Frage des Umgangs mit Rollen. Wie im Theater. Gast und Gastgeber spielen ein Stück. Wenn alle das Gleiche tun, die selbe Rolle spielen, verliert das Stück, ob Komödie oder Tragödie, seinen Charakter.

Im Falle von Olga kommt hinzu, dass sie ihre körperlichen ­Beeinträchtigungen wahrscheinlich als ärgerlichen Mangel erlebt, als Schwäche, als Kompetenzverlust. Wenn sie als Gast­geberin bedienen darf, macht sie das glücklich, weil sie es als Ausweis empfindet, doch noch nicht so hilfsbedürftig zu sein, wie sie fürchtet. Als Sven sich – überschwänglich dankend für den Tag bei uns – verabschiedet hatte, rief ich Olga an. Sie lud uns für nächsten Sonntag ein. Ich werde Gast sein und Ruhe halten.

Information

Klicken und sehen: Arnd Brummer besucht die Stätten des Konstanzer Konzils und erzählt von einer turbulenten Veranstaltung und ihren Folgen. chrismon.de/konstanzer-konzil

Lesermeinungen

Wie wahr, wie wahr - ich liebe Küchenparties. Auch ich erinnere mich an Omas Küche - wo alle Frauen halfen - jetzt, wo Sie es sagen. Alle wohnten auswärts - und kamen einmal im Monat. Da war die Küche voll und es gab Gesprächsstoff ohne Ende. Oma- 2 Töchter - 2 Schwiegertöchter, 2 Enkelinnen - auf vielleicht 10 m². Und heute? Ist es für mich ein Zeichen von Freundschaft, wenn Menschen mir in meine Küche folgen oder ich sie gar bitte. Mir ist die Zeit mit ihnen kostbar und ich will sie nicht vergeuden.
Fremde - dürfen das nicht.

Ich finde es ganz im Gegenteil schön, wenn ich Hilfe bekomme. Die Schwägerin kocht schnell den Kaffee für die Gäste, die Cousine räumt die Geschirrspülmaschine ein, die Freundin packt das saubere Geschirr weg, während ich den Kuchen schneide und weitere Getränke herbeischaffe. Dabei werden wichtige Themen beleuchtet, ganz unter uns. ;-) Früher, bei Großmutter in der Küche, haben alle Frauen mit angepackt, die einen rührten, die anderen wuschen oder trockneten schon ab, die dritten schnippelten und dabei wurde sich unterhalten, Geheimnisse der Familien kamen auf den Tisch und als Kind war man gut beraten, sich durchsichtig zu machen, um ja alles mitbekommen zu können. Das sind schöne Erinnerungen. Heute, da ich schon oft Gäste bewirtet habe, die saßen und sprachen, während ich perfektionistisch das Edelrestaurant nachbaute, mag ich es viel lieber, wenn meine Gäste sich wie Freunde benehmen und nicht wie Gäste im Restaurant.

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