Ein Geschenk? Nicht nötig? Du bist ja verrückt!
Elke ist ein toller Mensch. Wir kennen und schätzen sie seit dreißig Jahren. Sie und Gustl, ihr Ehemann, sind für uns wirklich beste Freunde. Und da Elke neulich einen runden Geburtstag feierte, haben wir uns natürlich überlegt, was wir ihr schenken. „Sie spielt immer noch Tennis“, meinte meine Frau, „da könnte uns doch etwas einfallen.“ Und sie liest gerne, am liebsten skandinavische Krimis. Oder ein Rheingauer Riesling? Oder alles zusammen?
Und dann flatterte uns die Einladung zum Geburtstagsfest in den Briefkasten. Edel, auf Bütten – wie man früher zu sagen pflegte. In einem nahe gelegenen Ausflugsgasthof würde man uns gerne am 25. abends begrüßen. Doch dann, ganz am Ende des freundlichen Kärtchens, stand der Satz, der mich von Herzen ärgert: „Von Geschenken bitte ich abzusehen.“ Stattdessen wurden wir aufgefordert, eine Spende mit dem Kennwort „Elke“ auf das Konto der Soundsostiftung zu überweisen. Über deren Wohltätigkeit könne man sich im Internet unter Soundso.de informieren.
Edel, hilfreich, gut! Und total verkrampft. Diese Art der wohlanständigen Selbstlosigkeit greift um sich. Kaum eine Einladung zu einer Familienfeier, die es einem erlaubt, der Jubilarin oder dem Jubilar einfach etwas Gutes und Schönes zu bescheren.
Was ist eigentlich der Sinn eines Geschenkes? In meinen Augen ist es ein Versuch, jemandem eine Freude zu machen, sie oder ihn zu überraschen mit einer Gabe, die eine Brücke baut zwischen den Schenkenden und den Beschenkten. Meine Mutter liebte die Stimme des Tenors Fritz Wunderlich. Sie freute sich über die Maßen, wenn eine Freundin sich das gemerkt hatte und ihr dann auch noch eine neue oder ihr bisher unbekannte Aufnahme von Liedern oder Arien schenkte. Die Botschaft kam an: Ich denke an dich.
Weniger erfreut war sie über die obligatorische Kittelschürze, die sie von ihrer Schwiegermutter zu Weihnachten erhielt. Denn diese Botschaft kam ebenfalls an: Du bist als Hausfrau nicht gut genug. Geschenke sind Aussagen über Beziehungen. Man sollte sich darüber freuen, wenn sie passen, und sich nicht zu sehr ärgern, wenn eben nicht.
Das wäre doch nicht nötig gewesen!
Und natürlich dürfen die Beschenkten bescheiden abwehren, wenn sie von den Gaben überwältigt sind. Auch das konnte Mama perfekt: Nein, das wäre doch nicht nötig gewesen! Du bist verrückt! Was das gekostet hat! Und in den Augenwinkeln schimmerten die Tränchen der Freude.
Wie langweilig ist doch dagegen konfektioniertes Pflichtspenden, das natürlich auf dem Wege des Onlinebanking und somit entpersonalisiert stattfindet, wenn auch ärgerfrei. Wobei Letzteres nicht ganz stimmt. Neulich wurde ich zufällig Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei Frauen mittleren Alters. Eine von ihnen hatte wohl wie Freundin Elke ein Spendenkonto auf einer Einladung genannt. „Und stell’ dir vor: die M.’s! Was glaubst du, haben die überwiesen? 50 Euro! Ich dachte, ich fass es nicht. Mindestens das Doppelte hätte ich von denen erwartet.“
Alles, was unter dem Kennwort eingeht, wird taxiert. Das findet natürlich auch mit Sachgeschenken zu Konfirmationen, Hochzeiten und Geburtstagen statt. Vor allem in schwäbischen Haushalten. Aber mit Überweisungen ist es leichter. Da muss man nicht schätzen, was der Wein, das Buch, die Blumen gekosten haben; man sieht es schwarz auf weiß.
Einen guten Weg, finde ich, hat unser Nachbar Bill gefunden: Auf seiner Einladung stand: Ich freue mich, wenn ihr kommt –und auch über eure Geschenke. Und wer darüber hinaus was Gutes tun will, kann auf das Konto der Soundsostiftung eine Spende überweisen.
Natürlich haben wir Elke beschenkt. – „Das wäre doch nicht nötig gewesen! Habt ihr die Einladungskarte nicht gelesen?“ Doch, haben wir! Wir haben auch etwas überwiesen. Und vielleicht hört demnächst jemand: Der Brummer – immerhin 50 Euro, obwohl der diesen komischen Text über Spendengeschenke geschrieben hat.


Leserkommentare
Ein Geschenk - nicht nötig
Lieber Herr Brummer, haben
was geschenke über Beziehungen aussagen
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