Lärm und andere Quellen für Ärger im bürgerlichen Leben

Stille Freude – Ruhe vor der Reparatur
Arnd Brummer, was ich notiert habe

Foto: Sven Paustian

Arnd Brummer ist Chefredakteur von chrismon

So ein Mist! Die Straße aufgerissen. Überall Bagger. Keine Parkplätze mehr. Die Arbeiter sehen unsere Gesichter, drehen sich weg, schwingen Pickel und Schaufeln, rangieren ihren Lastwagen so geschickt, dass überhaupt keine Durchfahrt mehr möglich ist. Hätte man uns Anwohner nicht ein paar Tage vorher verständigen können? „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Erneuerung der Gas- und Wasserleitungen ist dringend geboten, ja überfällig. Wir bitten Sie um Verständnis, dass Ihre Lebens­umstände für mindestens drei Wochen erheblich behindert sein werden.“ Ausgeschlossen! Eine deutsche Behörde macht so etwas doch nicht! Untertan bleibt Untertan.

Negative Überraschungen haben eine sehr positive Seite. Sie sorgen für Gesprächsstoff. Empörtes Kopfschütteln des Gegenübers, verbunden mit dem solidarischen Ausruf „Unglaublich!“, dokumentiert: Du bist nicht allein auf diesem scheußlichen Planeten. Wir sind an deiner Seite.

Und dann erzählt Kollege Siggi, dass es nicht immer von Übel ist, wenn etwas kaputtgeht und repariert werden muss. Siggi und seine Familie wohnen in einem netten kleinen Örtchen. Und zwar mittendrin, direkt neben Kirche, Gasthaus und Kinder­garten. „Wir leiden seit Jahren unter Unruhe und Lärm, rund um die Uhr. Nachts, gerne auch deutlich nach der Polizeistunde, verlassen stark alkoholisierte Mitmenschen den ‚Löwen‘ und wanken krakeelend und singend durch die Straße.“

Der Untergang des Abendlandes

Morgens stehen schreiende Eltern an ihren Autos, die ihre Kids in der Kita abliefern wollen. „Zieh jetzt endlich deine Jacke an! Vorsicht! Schluss jetzt! Aussteigen!“ Aber das ist nicht der erste Lärm, den Siggi und die Seinen in der Frühe ertragen müssen. Die ganze Nacht hindurch läutet eine Kirchenglocke einmal zur halben und der Uhrzeit entsprechend mit mehreren Schlägen zur vollen Stunde. Und um sieben ertönt das fünfminütige Angelusgeläut. Dann ist für Siggi, Frau und Kinder die Nacht endgültig zu Ende.

Im Himmel sind die Allerletzten

Kleine Geschichten über die großen Themen des Lebens. Mal nachdenklich, meistens heiter, hintergründig und geistreich berichtet chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer von Begegnungen und Beobachtungen, die nur scheinbar alltäglich sind. Wagt man mit Arnd Brummer den Blick hinter die Oberfläche, erschließen sich tiefe Einsichten in die großen Themen des Lebens.

Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

Als er beim Kirchenvorstand gegen die „heiligen Krach­macher“ protestierte, wurde ihm erklärt, dass man den Wünschen der Spätaufsteher ja schon entsprochen habe. In früheren Zeiten, als im Dorf noch Handwerker den Tagesablauf dominierten, sei um sechs Uhr gebimmelt worden. Und da hätten die Leute üblicherweise schon beim Frühstück gesessen.

Die ältere Dame, die ihm das mitgeteilt habe, berichtet Siggi, sei eine pensionierte Lehrerin gewesen. „Die hat in meiner An­frage den Untergang des Abendlandes wahrgenommen. Sie habe ihren Schülern noch die englische Spruchweisheit vermittelt: Early to bed and early to rise makes a man healthy, wealthy, and wise – früh ins Bett und früh heraus, macht einen Menschen gesund, wohlhabend und weise! Soll von Benjamin Franklin stammen. Dann raunte sie noch: „Morgenstund hat Gold im Mund“ – und murmelte etwas von der sittenlosen Gesellschaft.

Überraschung! So werden die Leute hellwach

Vor ein paar Tagen haben Siggi und Ehefrau Heidi total verpennt. Sie wollten an diesem Sonntag eigentlich die 150 Kilometer entfernt lebenden Schwiegereltern besuchen. „Wir haben überlegt, ob wir uns den Wecker stellen, haben es dann aber gelassen. Schließlich wussten wir ja, dass die Kirchen­glocken um sieben und um neun Uhr läuten, eine Stunde vor dem Gottesdienst.“ Und dann: „Zum ersten Mal in den zehn ­Jahren, die wir hier wohnen, blieb das Geläut stumm. Wir sind erst kurz nach halb zehn aufgeschreckt.“ Eine schöne Überraschung! ­Hektik, Frühstück, Abfahrt.

„Seit zehn Tagen“, strahlt Siggi, „ist unser Schlafzimmer ­bimmelfrei. Wenn jetzt die Kneipe noch schlösse! ... Die Kita-Leute würden wir ertragen.“ Natürlich hat sich Siggi bei der Kirchengemeinde nach dem Grund der Glockenstille erkundigt. Ein technisches Problem, teilte man ihm mit. Es würde vermutlich noch ein paar Wochen dauern, bis eine Spezialfirma die Anlage repariert haben würde.

Als ich gestern Morgen das Rumoren der Bagger beim Aufwachen hörte, dachte ich: Glocken wären mir lieber als „Morgenstund hat Schlamm im Grund“! Wann die Straßenarbeiter wohl aufgestanden sind?

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