Essen und Trinken in der Fastenzeit

"Ich bin so frei", sagt Ulrich Zwingli
Arnd Brummer über Vorschriften beim Fasten und den Züricher Reformator Ulrich Zwingli
Arnd Brummer ist Chefredakteur von chrismon

Arnd Brummer ist Chefredakteur von chrismon

Foto: Sven Paustian

Ich schätze den Züricher Reformator Ulrich Zwingli außer­ordentlich. Vor allem seine berühmte Fastenpredigt mit dem Titel „Die freie Wahl der Speisen“ hat es mir angetan. Zwingli hielt sie in der Fastenzeit 1522 und gab sie nach Ostern seinem Drucker Christoph Froschauer, der sie tausendfach publizierte.

Ein Wurstessen nach Aschermittwoch in des Druckers Haus war der Anlass für große Auseinandersetzungen in der kirchlichen Szene Zürichs gewesen. Zwar hatte der dabei anwesende Pries­ter Zwingli selbst keine Wurst verzehrt, in seiner Predigt aber unterstrich er, dass Froschauer nicht sündig gehandelt ­habe, als er seinen Mitarbeitern und Freunden Fleischmahlzeiten ­anbot.  

Zum einen verwies der Prediger dabei auf die selbst in der katholischen Kirche geltende Ausnahmeregelung, nach der ­körperlich hart arbeitende Leute Fastenvorschriften missachten dürften. Zum anderen aber bezog sich Ulrich Zwingli auf die ­Freiheit des Christen, ähnlich wie Martin Luther in seiner Schrift von 1520. Nur was aus den Worten und Taten des Jesus Christus in der Heiligen Schrift zu lesen sei, könne verbindlich in der Kirche werden. Die Fastenzeit, ein Verbot von Wein und Fleisch, entspreche nicht Jesu Wille, sondern sei lediglich eine Erfindung von Bischöfen. Jeder Christ könne selbst entscheiden, wann, wo und was er esse oder trinke.

Aus einer Gemeinschaft der Unterschiedlichen

Denjenigen, die sich auf die persönliche Entscheidungsfreiheit beriefen, riet der Reformator allerdings auch, keine Überheblichkeit jenen gegenüber an den Tag zu legen, die sich an die Verbote halten würden: „Wer fest daran glaubt, dass er ­alles zu allen Zeiten essen darf, wird als ein im Glauben Starker bezeichnet . . . Zugleich soll er dem Schwachen gegenüber sehr rücksichtsvoll sein und ihm nicht etwa noch absichtlich und böswillig Ärgernis geben.“

Im Himmel sind die Allerletzten

Kleine Geschichten über die großen Themen des Lebens. Mal nachdenklich, meistens heiter, hintergründig und geistreich berichtet chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer von Begegnungen und Beobachtungen, die nur scheinbar alltäglich sind. Wagt man mit Arnd Brummer den Blick hinter die Oberfläche, erschließen sich tiefe Einsichten in die großen Themen des Lebens.

Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

Mit Luthers und Zwinglis Haltung, dass Christen selbst über ihren Glauben und seine Konsequenzen entscheiden sollen, beginnen die „Individualisierung“ und die plurale Gesellschaft. Aber gerade der Züricher Prediger verbindet die Freiheit mit der Pflicht, seinen Nächsten Gutes zu tun. Und dazu zählt ­aktive ­Toleranz, der Verzicht darauf, andere in Gewissensnot zu ­bringen. Ausdrücklich bezieht er sich dabei auf die Schriften des Apostels Paulus. Er beschreibt die unterschiedlichen Kulturen von Juden- und Heiden-Christen innerhalb der frühchristlichen Gemeinden. Was den einen als unverzichtbares Gebot erschien, sei den anderen völlig fremd gewesen. Dennoch wäre aus der ­Gemeinschaft der Unterschiedlichen das Christentum ge­wachsen.

Oft werde ich im Zusammenhang mit der Fastenaktion ­„7 Wochen Ohne“ gefragt, ob man denn unter Evangelischen zwischen Aschermittwoch und Ostern auf gar nichts verzichten, keine Askese halten müsse? Was soll denn dann so eine Aktion bedeuten? Gerade in diesem Jahr mit dem Motto „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“?

Liebe und Rücksichtnahme statt frommer Überheblichkeit...

Ulrich Zwingli hätte gerade an diesem Motiv seine Freude gehabt. Denn der Kern seiner Fastentheologie handelt vom Verzicht auf Kleinlichkeit und Überheblichkeit. Für ihn bedeutet Fasten mit Verweis auf Paulus’ Römerbrief (15,1):  Wir, die im Glauben Stärkeren, sollen den anderen helfen und sie unterweisen. Der Verzicht auf belehrende Besserwisserei gilt gerade für jene, die sich auf dem richtigen Weg wähnen.

Ulrich Zwingli starb 1531 mit 47 Jahren im Zweiten Kappeler Religionskrieg zwischen den katholischen und reformierten ­Kantonen der Schweiz. Der frühe Tod führte dazu, dass sein Werk zwischen Calvin und Luther außerhalb der deutsch­sprachigen Schweiz fast in Vergessenheit geraten ist.

In der Aktion „7 Wochen Ohne“ wird sein Verständnis des germanischen Wortes „fasten“ als „befestigen, schließen, beschließen“ („fasten seat belts“ im Englischen) weitergetragen.  Es geht nicht um das Einhalten von Vorschriften. Wichtig ist vielmehr, sich einmal Zeit zu nehmen und zu überprüfen, was man im Sinne der Nächstenliebe an sich selbst und in der ­Gemeinschaft mit anderen besser machen könnte.

Leseempfehlung

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler erklärt das Motto der ersten Woche: "Mein Herz wird weit".
Susanne Breit-Keßler erklärt, warum Fasching oder Karneval sinnvoll und Fasten gar nicht negativ ist
Das Motto der Fastenaktion 2015 lautet: „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“

Neue Lesermeinung schreiben

Lesermeinungen

Leider war Zwingli, ein sehr engagierter und auch von Bauern geschätzter Prediger, der Ansicht, man müsse das, was man für richtig hält, notfalls auch mit Waffengewalt durchsetzen.

So las ich bei Jörg Lauster "Die Verzauberung der Welt", und war enttäuscht. Ich hatte ihn idealisiert.

Bei Wikipedia erfährt man, daß er den Rat von Zürich zum Krieg gegen die Katholiken drängte, in dem er selbst mitkämpfte, bis er von Katholiken, bei denen er sich verhasst gemacht hatte, grausam getötet wurde. -

Auch die Täufer wollte er nicht tolerieren, und hatte den Rat dazu gedrängt, sie zu vertreiben. Viele wurden gefangen genommen, gefoltert und danach hingerichtet.

Die Verfolgungen der Täufer hielten noch über Generationen an, liest man bei Wiki. Erst 2004 kam es zu einer offiziellen Versöhnung. -

In bezug auf Zwingli müssen wir Protestanten also noch Trauerarbeit leisten.

Chrisja Weynerowsk

Lieber, sehr geehrter Herr Brummer, Ihr Artikel spricht mir aus der Seele! Auch ich denke, dass die Askese mit Herz und Verstand verbunden sein muss. Was brauche ich als Christenmensch wirklich, damit meine Beziehung zu Gott auf dem richtigen Weg ist? Balast abwerfen und das Wesentliche erkennen bedeutet ja nicht Selbstkasteiung "auf Teufel komm raus", sondern die Erkenntnis, was Glauben in der Tat und damit am Wirken für den Nächsten heißt. Wenn ich also auf Dinge verzichte, die andern aber weiterhelfen könnten, dann gebe ich sie ohne Bedauern ab. Wenn ich vielleicht das eingesparte Zigaretten-Geld in die Kollekte gebe, dann habe ich die Fastenzeit gut genutzt... und das Schinkenbrot und die Hühnersuppe dürfen auf dem Speiseplan bleiben. 7 Wochen ohne Enge - aber mit viel Liebe und einem weiten Herzen, Freude und einem geweiteten Horizont. "Du stllst meine Füße auf weiten Raum."