"Schiri, du schwule Sau!" - harmloser Spruch oder Diskriminierung?

Wir schreiben nichts, sondern veröffentlichen unseren Blog "Schokoladenbein" erstmals als Interview

Es gibt schwule Politiker, in der Nordelbischen Kirche hat ein schwuler Theologe fürs Bischofsamt kandidiert - gibt es trotz dieser Offenheit noch Homophobie in deutschen Stadien?


Christian Rudolph: Leider ein klares Ja. Die Diskriminierung von Schwulen und Lesben im Sport und insbesondere im Fußball ist leider noch sehr weit verbreitet. Sie äußert sich recht unterschiedlich. Wir müssen feststellen, dass es im aktiven Fußball noch immer ein ziemliches Tabuthema ist. Oft wird unser Anliegen abgebügelt - mit dem nur scheinbar nett gemeinten Argument, das sei ja Privatsache und habe niemanden zu interessieren.  Auch diese Tabuisierung ist unseres Erachtens eine Form der Diskriminierung. Dadurch wird suggeriert, dass es anrüchig ist, nicht normal und schlussendlich auch nicht erwünscht. Dass sich schwule Fußballspieler noch immer  verstecken müssen und jederzeit Angst haben müssen, entdeckt zu werden, wird dabei übersehen. Das Grundproblem ist ohnehin, dass viele meinen, es geht hier nur um die sexuelle Orientierung. Der Mensch wird dabei vergessen. Es wird vergessen, dass es um Liebe unter Menschen geht, die  ihr Verliebtsein offen ausdrücken wollen. Aber das ist nur die eine Ausdrucksform der Diskriminierung, die andere ist die offene, durch Sprechchöre, Spruchbänder in den Stadien und das öffentliche Verlautbaren von homophober Denke seitens Vereinsvertretern, Medien wie auch Fans.


Nehmen wir an, ein Fan steht bei drei Grad, Wind und Regen in der Kurve, der Schiri pfeift Mist, und es rutscht ihm ein "Ach, du Schwule Sau!" raus - ist das schon Homophobie?


Die Frage ist, wie geht man damit um und was für ein Bewusstsein schafft man? Man kann annehmen, dass der Fan, der bei Wind und Regen in der Kurve steht und seine Unzufriedenheit über den Schiri zum Ausdruck bringen will, nicht davon ausgeht, dass der Schiri schwul ist. Aber was will er damit zum Ausdruck bringen und wie wirkt es auf den schwulen Fußballfan neben ihm, wenn "schwul" als Schimpfwort benutzt wird? Jeder sollte darüber nachdenken, was er sagt und wie es ankommt.

Was erleben Sie persönlich?

Als Fans von Tennis Borussia Berlin (kurz "TeBe", Anm. d. Red.) mussten und müssen wir uns in vielen anderen Stadien homophobe Sprüche anhören. Vermutlich weil unsere Trikotfarben Lila-Weiß sind. Lila gilt ja als 'weibische' und in der Folge irgendwie 'schwuchtelige' Farbe. Die Sprüche wurden aber im TeBe-Block immer mit Humor genommen und gekontert. 1999 gab es zum Beispiel eine so genannte Fummelfahrt nach Cottbus. Das heißt, dass auf der Fahrt von den TeBe-Fans "Cross Dressing" betrieben wurde, das bedeutet: Männer kleideten sich wie Frauen, und Frauen kleideten sich wie Männer.

Warum die Fans von Tennis Borussia gegen Homophopie eintreten

Die Reaktionen von den Cottbusern darauf waren sehr heftig. Das Ganze  hatte aber auch noch einen anderen Aspekt: Im Nachgang zu dieser Auswärtsfahrt wagte ein TeBe-Fan ein Coming Out. Ausgerechnet der Fußball hat hier also dabei geholfen, dass sich ein Mensch offen zu seiner Homosexualität bekennt. Seit dieser Zeit ist der Kampf gegen Homophobie ein wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses der TeBe-Fanszene. Man muss aber sagen, dass sich seitdem auch vieles getan hat.

Was denn?

Wir sind selbst sehr überrascht, in welchen Stadien das Banner mit der Aufschrift "Fußballfans gegen Homophopie" schon überall Station gemacht hat. Wir wollten eigentlich nur etwas zusammen mit dem Projekt „Soccer Sound“ des Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg zur Aktionswoche von FARE, also dem Netzwerk „Football against Racism in Europe“, machen. Dass wir jetzt schon mehr als 20 Stationen von der 1. Bundesliga bis zur Landesliga haben, zeigt, dass sich etwas bewegt. 

Wie sind die Reaktionen, wenn Sie als Vertreter Ihrer Initiative zu den Fanorganisationen in die Stadien reist? 


Wir koordinieren das ja im Prinzip nur noch. Vor Ort in den Kurven ist das die Aktion der jeweiligen Fangruppe, die das Banner präsentiert. Das geht dann von eigenen Flyern über Podiumsdiskussionen bis zu einer Choreo. Wir waren bis jetzt bei drei Stationen mit vor Ort, mehr haben wir leider selbst nicht geschafft.  Die Reaktionen bis jetzt sehr positiv.

Vorurteile gibt es vor allem in den Internet-Foren - aber am Ende gewinnen die Unterstützer

Was wir aber auch wahrnehmen, sind die Reaktionen in den jeweiligen Internet-Foren, die zum Teil stark diskriminierend sind. Aber es entsteht dadurch ein Dialog, die jeweiligen Fangruppen setzen sich mit dem Thema auseinander und die deutlich sachlicheren Argumente haben letztendlich die Unterstützerinnen und Unterstützer, die das Banner zu sich in die Kurven holen.

Wo ist das Problem Homphopie größer: auf dem Platz oder auf der Tribüne?

Schwer zu sagen. Wir erfahren gerade eine enorme Unterstützung der Initiative durch Fans. Hier tragen Fußballfans das Thema in die Stadien und in die Vereine. Ich denke, dass das größere Problem die Strukturen des Fußballs sind. Der Fußball mit seinem Verbandswesen ist furchtbar konservativ und erlaubt nur wenig Neues. Man denke nur daran, wie lange es gedauert hat, bis Frauen offiziell im DFB Fußball spielen durften. Der Fußball scheint der gesellschaftlichen Entwicklung immer deutlich hinterher zu hinken. Die Strukturen im Fußball sind zudem komplex. Selbst wenn sich ein, sagen wir mal, 21-jähriger Spieler, der noch am Anfang seiner Karriere ist, der Unterstützung seiner Teamkollegen, des Vereinsumfeldes, der Sponsoren sicher sein könnte - was passiert, wenn er den Verein mal wechseln möchte? Es ist noch ein sehr weiter Weg, bis es in den Fußballstadien dieser Welt so normal ist, dass es kein Thema mehr ist. 

 

Information

Christian Rudolph gehört der Aktion Fußballfans gegen Homophobie an. Die Vereinigung wendet sich gegen die Diskrimminierung von Schwulen und Lesben auf Fußballplätzen und in Fußballstadien und geht zurück auf die Abteilung Aktive Fans des Fußballvereins Tennis Borussia Berlin. In Kooperiation Kooperation mit dem Projekt "Soccer Sound" des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg schicken die Fans ein Banner auf die Reise zu Vereinen, in Fankurven und zu Fußballprojekten in ganz Deutschland.

Den zweiten Teil des Interviews mit Christian Rudolph stellen wir am kommenden Montag an gewohnter Stelle online, hier im Schokoladenbein. Dann geht es unter anderem darum, warum Profifußballer alles tun, um ja nicht als schwul zu gelten.

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Lesermeinungen

Edith (nicht überprüft) schrieb am 15. November 2011 um 21:45: "Wie es kommt, dass die Pfarrerhäuser sich eher für Homosexuelle öffen wie die Fussballplätze oder die Fussballspieler?"------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Davon ist mir nichts bekannt, dass sich Pfarrerhäuser geöffnet hätten. War es nicht eher so, dass gegen jahrelangen erbitterten Widerstand endlich die ungeschminkte Schwulenverachtung durch die moderne, subtile ersetzt wurde? Ansonsten dürfte nicht ganz unwesentlich gewesen sein, dass immer wieder vom Pfarrermangel die Rede war und ist. Von einem Mangel an Fans, Spielern, Vermarktern und Schiris hört man allerdings nichts.

"Der Fußball scheint der gesellschaftlichen Entwicklung immer deutlich hinterher zu hinken. Die Strukturen im Fußball sind zudem komplex."
Und ich frage mich gerade beim Lesen des Artikels: Wie es kommt, dass die Pfarrerhäuser sich eher für Homosexuelle öffen wie die Fussballplätze oder die Fussballspieler?
Und sollte Gender Mainstream eher bei liberalen Theologen und in den Pfarrerhäusern angekommen sein wie auf öffentlichen und internationalen Fußballplätzen?