Eiersuche am Palmsonntag

Alles schön der Reihe nach machen, das hat durchaus einen tieferen Sinn – im Leben wie im Kirchenjahr

Monika Höfler

Juhu! Einladung zum Osterbrunch! Eine schöne Gelegenheit, es sich mit Freunden gut gehen zu lassen. Ich will schon zusagen, da sehe ich: Der Brunch findet am Karsamstag statt. Auf meine Nachfrage hin, dass das ja kaum der richtige Termin sein könne, wird mir mitgeteilt, dass die Gastgeber am Ostersonntag lieber ausschlafen wollen. Am Palmsonntag sucht das neunjährige Nachbarskind im Garten Ostereier. Der Papa hilft, die Verstecke ausfindig zu machen. Auf meine Frage, was an Ostern ist, teilt mir die Mutter seufzend mit: „Sie wollte halt heute Eier suchen. Was will man da machen? Ostern fahren wir zum Skifahren.“

Am Karfreitag schmücken einige meiner Bekannten den Oster­strauß, weil es am Karsamstag anderes zu tun gibt und sie Ostersonntag feierklar sein wollen.

Raum schaffen zum Nachdenken und Mitfühlen - Susanne Breit-Keßler plädiert für das Einhalten der Feiertagesruhe - auch und gerade an Karfreitag, ein Tag, der dazu einlädt, an die Schwachen in der Gesellschaft zu denken.

Wer wie ich das alles so nicht mitmacht, stößt auch auf Verwunderung. Aber ich gebe gern erst mal den „Moralapostel“. Die nachfolgenden Gespräche lohnen sich. Was ist wann dran im Leben? Im Kirchenjahr? Es ist eben nicht schnurz, ob es Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag oder Ostern ist und was man an diesen Tagen macht. Es wäre schade drum! Solche Tage haben einen tiefen inneren Sinn, der einem ganzheitlich zugutekommt – dann, wenn man Raum dafür schafft. Das ­Kirchenjahr stellt keine straffe Verordnung dar, sondern ein großartiges Klettergerüst für Kopf und Seele. Palmsonntag ist ein Tag, an dem man überlegen kann, wo Erwartungen im eigenen Leben zu Recht bestehen und wo sie enttäuscht werden müssen.

Alles schön der Reihe nach

Will ich so sein, wie die Leute es von mir wollen, damit sie hosianna rufen? Oder sage ich deutlich: „Ich lache nicht über eure ausländerfeindlichen Witze!“ – auch wenn ich als Spielverderber gelte? Am Gründonnerstag ist es schön, ein traditionelles Kräutersüppchen zu kochen, das der Gesundheit dient und ­daran gemahnt, auch sonst mehr darauf zu achten: Leben ist ein Geschenk, das nicht automatisch erhalten bleibt. Karfreitag, Karsamstag – Gelegenheit, über eigene leidvolle Erfahrungen nachzudenken. Darüber, was man tun kann, damit Menschen aus Kriegsgebieten bei uns Heimat finden und – das wäre richtig Ostern – ihre persönliche Auferstehung in ein neues Leben ­feiern könnten. Schon klar: Das kann man auch an anderen Tagen bedenken.

Kirchenjahreszeiten gehen nicht einfach auf in existenzieller Bedeutung. Aber sie haben keinen Sinn, wenn man sich nicht auf ihre Botschaft einlässt – eine, die mehr ist als das eigene Leben, die aber unmittelbar damit zu tun hat. Warum sonst hätte sich der Mensch gewordene Gott mit Erwartung und Enttäuschung, mit eigener Identität und Konsequenz, mit Freundschaft und Verrat, mit Leben und Tod befassen sollen? Eine ­Karwoche und andere Kirchenjahreszeiten mit Leib und Seele zu durchleben, lässt einen Höhen und Tiefen des eigenen Daseins spüren und sensibler für andere werden. „Die Hard“, vierter Teil, mit Bruce Willis am Karfreitag gehört da weniger dazu, auch nicht, die Nougateier schon am Gründonnerstag wegzuputzen oder in der Nacht zum Karfreitag abzutanzen.

Ich werde also schön der Reihe nach machen. Mich auseinandersetzen mit dem, womit ich nicht im Reinen bin. Heulen über das Elend der Welt, solange mir danach zumute ist. Am Ende werde ich aufstehen, mich stärken – gerne bei einem Brunch am Ostersonntag. Und dann packe ich wieder neu an. Ostern mitten im Leben.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Breit-Kessler,
ich schreibe nie Leserbriefe aber dieser Artikel hat mich - wie schon vorherige  von Ihnen - sehr berührt.
 
Wie sehr Sie mir aus der Seele sprechen. Ich würde mich freuen, wenn sich viele mehr Zeit zum innehalten nehmen würden.
 
Ich finde es schrecklich, was kommerziell aus dem 0sterfest gemacht wird. Ich mag nicht daran denken, was aus den vielen Konfirmationen, die jetzt wieder anstehen, gemacht wird. Riesenfeste, große  Konfi-Partys.
 
Mehrfach im Jahr gibt es bei uns Essenseinladungen, einfach , weil ich sehr gerne koche, gerne Freunde an einem Tisch zusammen bringe,
aber es ist schon sehr schwierig 10 Personen unter den sogenannten " Hut" zu kriegen. Kinder sind an den Wochentagen schon so ausgefüllt mit Sport, Tanz, Klavier und was weiß ich noch alles. Ich frage mich, kommen die Kinder eigentlich noch zum besinnen ?
Überall, auf der Straße, im Zug, im Bus, leider auch in den Restaurants, die Menschen tatschen alle mit ihren Apps usw., nehmen ihr Gegenüber überhaupt nicht wahr.
Ich bediene mich auch der Kommunikation, aber man hat doch die Wahl und den Knopf zum ausschalten.
 
Mich macht das alles sehr traurig und ich frage mich, wo bleiben die Werte ?
 
Ich freue mich auf weitere Artikel von Ihnen.
 
Mit freundlichem Gruß
 
Roswitha Precht

http://www.gartendatenbank.de/wiki/salix-caprea
Sehr geehrte Frau Susanne Breit-Keßler, Sie haben mir mit Ihrem Foto 1ne große Freude gemacht: Sie trugen nicht mehr Ihre rote Lederjacke wie bisher. Das meine ich nicht aus Outfitgründen (da bin ich sehr inkompetent), sondern, weil Sie so nicht mehr 1n Friedhof für 1n Tier sind. Da das kirchenalternative Ostern den Osterhasen kennt, hätte ich sonst vermutet, Ihre Kleidung bestände aus dessen Haut.
Zu Ihrer Polemik gegen die Regelvernachlässigung (anhand der Kirchenwoche vor und zu Ostern) stimme ich Ihnen insofern bei, als es mich persönlich auch sehr empört, wenn ich erzähle, am 24.Dezember Geburtstag zu haben und alle sofort reagieren: ah, Weihnachten. Das ist wirklich Banausentum.
Doch was Sie beklagen sehe ich so: --- Früher war alles viel besser, verhinderte noch 1ne Entwicklung, sondern kategorisierte nur die Ankläger/innen bezüglich Ihrer Bereitschaft der geistigen Mobilität. --- Ihre Klage wird KEINEN EINZIGEN MENSCHEN in seinem - in Ihren Augen unangemessenen Verhalten - ändern. Wollen Sie sich damit zufrieden geben: ich habe es versucht? --- Leben ist Veränderung. Nicht jede gefällt uns, doch wie es "früher" war, ist es noch NIE geblieben. Wollten Sie das denn wirklich: Das immer alles so bleibt, wie es Ihnen vertraut ist? Sie hatten keine 68iger-Berührung? --- Handlungen sind die Folge von Denken (nicht deren Ursache). Die Religion steht als ganzes auf dem Prüfstand bezüglich ihrer Mitnahme in die Zukunft. Da sind Ihre Fehlbräuche etwas weniger als Lächerlichkeiten --- Das Sie bei der Erwähnung der Eiersuche zB nicht auf die Folterbedingen der Geflügelwirtschaft hinwiesen - und Eierverzehr deshalb ächteten, ist für mich schlimmer als diese Palmsonntag zu suchen --- Es geht um unser tragendes Gottesbild, nicht traditionelle Sitten. Zitat Neal Donald Walsch: alle großen Wahrheiten sind zu Anfang Blasphemie. Es ist Zeit, dass ihr eure heiligsten Glaubensvorstellungen in Frage stellt. Wenn ihr das nicht bald tut, werden eure Glaubensvorstellungen euch in Frage stellen.

Der in Deutschland weit verbreitete Liberalismus und die zunehmende Säkularisierung führen mittlerweile dazu, dass man über ein Kreuz im Gerichtssaal diskutiert (vgl. 32, "Das Kreuz im Saal A 101") und dazu, dass viele Menschen die christlichen Bräuche nicht mehr kennen. Als mir im letzten Jahr am Karfreitag die Moderatorin im Radio ständig sagte: "Heute ist Ostern", hätte ich ihr gern über eine Gegensprechanlage mitgeteilt, dass Ostern erst mit der Auferstehung Jesu, also frühestens am Ostersonntagmorgen, beginnt.
Ihre Texte zu diesen Themen machen die Problematik sehr gut deutlich und vor allem schätze ich, dass Sie darin einen klaren Standpunkt vertreten haben.