Hilfe bei häuslicher Gewalt

Wer schlägt, muss gehen!
Gewalt in der Ehe heißt: Ende der Ehe. Das ist ein harter Weg – wer häusliche Gewalt erleidet, braucht Freunde
Theologin Susanne Breit-Keßler

Foto: Monika Höfler

Die Theologin Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen

Alexandra ruft an. „Kann ich zu dir kommen?“ Beate freut sich über die Aussicht, nach ewigen Zeiten mal einen Abend mit ihrer Freundin zu verbringen. Seit Alexandra verheiratet ist, kommt das kaum noch vor. Thomas, ihr Mann, mag sie so gar nicht ­teilen. Na ja, eigentlich ist er eher eifersüchtig darauf bedacht, dass sie möglichst immer zu Hause ist. Aber wenn Alexandra es toll ­findet, dass ein Mann die Nähe seiner Frau sucht, statt mit den Kumpeln um die Häuser zu ziehen, dann ist das halt so.

Wie groß ist das Problem häuslicher Gewalt in Deutschland? Susanne Breit-Keßler rät, was man als Betroffener wie auch als Außenstehender tun sollte. Sie appelliert an die Zivilcourage.

Es klingelt. Beate öffnet und ist erschrocken. Sie zieht ­Alexandra in die Wohnung. „Wie siehst du denn aus?“ Alex hat ein blaues Auge, über das sie kunstvoll ihre Mähne drapiert hat. Die Ärmel ihres schwarzen Pullovers zieht sie bis über die Fingergelenke. „Alex? Alex? Was ist los?“ Alexandra schweigt. Dann sagt sie mit tonloser Stimme: „Thomas schlägt mich. Ich ertrage es nicht mehr. Ich habe solche Angst um die Kinder. Bis jetzt hat er sie nicht angerührt, aber... Ich hab’ sie heute zu meiner Schwester gebracht.“

Beate atmet tief durch. Und sagt: „Ich bin an deiner Seite. Klar: Eine Ehe schmeißt man nicht einfach weg – aber wenn einer schlägt, ist sie null wert. Ich helfe dir natürlich.“ Alexandra steht auf. „Darf ich mich ein bisschen waschen und zurechtmachen? Ich fühl’ mich so dreckig.“ „Tut mir leid“, sagt Beate. „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt und lassen deine Verletzungen attes­tieren. Wenn du Thomas anzeigst, brauchst du das als Beweis vor ­Gericht.“ Jetzt, endlich, weint Alexandra. „Woher weißt du das alles?“, fragt sie.

"Du bist Opfer und er ist der Täter!"

„Ich habe Kontakt mit Gewaltberatungsstellen. Da habe ich viel gelernt“, sagt Beate. „Und deshalb rufen wir auch die ­Polizei. Damit sie Thomas an die Luft setzen und du wieder in die ­Wohnung kannst. Natürlich nur mit Geleitschutz!“ Alexandra bettelt: „Kann ich bei dir bleiben? Bitte?“ „Klar“, sagt Beate. „Du kannst unser Gästezimmer nutzen, solange du willst. Aber: Wer schlägt, geht... Du bist doch nicht schuld, sondern dein Mann. Wieso soll er bleiben und dich und die Kinder vertreiben?“ 

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Ein ausführliches Fakten-Dossier zum Thema Häusliche Gewalt ​mit vielen Kontaktadressen und Ratschlägen haben wir hier zusammengestellt.

Alexandra beruhigt sich ein bisschen. Sie versteht, dass die Polizei ihren gewalttätigen Mann für mehrere Tage aus der gemeinsamen Wohnung verweisen darf. Sie hätte dann Zeit, mit ihren Freundinnen die Trennung vorzubereiten. „Nur: Was mach’ ich, wenn Thomas mich verfolgt?“ Beate meint: „Wir erkundigen uns, was genau du tun kannst. Ich weiß, dass man eine Auskunftssperre beim Einwohnermeldeamt und bei der Kfz-Zulassungsstelle beantragen kann. Vielleicht besorgst du dir auch eine neue Handy­nummer und ein Postfach.“

„Puh. Ein neues Leben... Fällt mir schwer.“ Beate streicht Alex vorsichtig übers Gesicht. „Schon klar. Aber ins Frauenhaus, so gut und wichtig das ist, musst du nicht – du kannst entweder in deiner Wohnung bleiben oder ziehst erst mal zu einer von uns. Sieh nur zu, dass du eure wichtigsten Unterlagen zur Hand hast.“ Alexandra schüttelt den Kopf. „Ich schäm‘ mich so, dass ich das nicht besser in den Griff gekriegt habe...“ Beate wird ärgerlich. „Spinnst du? Du bist Opfer und Thomas ist der Täter! “

Alexandra hat einen langen Weg vor sich. Für ihre Kinder sucht sie nach therapeutischer Hilfe, die haben doch mehr ge­litten als zunächst gedacht. Sie selber mag noch nicht viel ­reden. Ihr reicht, was sie mit der Polizei und ihrer Anwältin zu be­sprechen hat. Aber sie hat ihre Freundinnen. Und das ist das Beste, was es im Moment für sie gibt. 

Lesermeinungen

Danke für das Aufgreifen dieses Themas. Es ist wirklich unfassbar, was es so alles gibt. Ich habe erfahren müssen, dass es auch eine andere Form der Gewalt gibt. Es ist eine perfide Form, mit Handlungen, Unterstellungen, Manipulationen anderer, eigentlich "psychischer Terror" mit dem Partner umzugehen. Ich musste das jetzt erleben, nach 43 jähriger Ehe, weil nun eine 20 Jahre jüngere neue Partnerin in den Startlöchern stand. Ich muss gestehen, ich habe mir gewünscht, er hätte zugeschlagen, weil das greifbar gewesen wäre. Von einem Tag auf den anderen hast du dein Leben nicht mehr. Bevor ich begriffen habe, was passiert, war ich aus meiner Wohnung raus und die Konten waren nicht mehr zugänglich für mich. Natürlich bin ich zum Anwalt und habe alles eingeleitet, aber da er auf nichts reagiert, hänge ich in einer Schleife und weiss nicht, wie ich mir eine Wohnung leisten soll. Das grösste Geschenk sind meine Freunde, ohne sie hätte ich nicht weiter gewusst. Ich bin nun erstmal bei einer Freundin, aber ich lebe aus dem Koffer. Es ist unglaublich und ich bin immernoch fassungslos, wie das passieren konnte. Zumal auch mein Sohn und Schwiegertochter auf der Seite des Vaters stehen und ich weiss eigentlich nicht warum.

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