Liebesschlösser

Katrin Binner

Als ich sie diesen Sommer auch noch im schönen Venedig entdeckt habe, war ich kurz davor, mir eine Rohrzange zu kaufen. Bitte, hört auf, alle Brücken dieser Welt mit diesen grässlichen Schlössern zu verschandeln! Schlimm genug an der Kölner Hohen­zollernbrücke, über die ich jeden Tag mit dem ICE fahre. Neulich mit einer Horde englischer Touristen, die sich alle gleichzeitig mit der Kamera auf die linke Seite im Zug ans Fenster pressten. „Look at the Love locks.“ Ich hätte am liebsten gerufen: „Look at the Cathedral.“ Der Kölner Dom, nur so zur Erinnerung, ist das alte Haus mit den beiden Türmen hinter den Liebesschlössern.

Jetzt hängen sie in Paris, in Budapest, in Venedig. Schon das Wort! Liebe mit Schloss in Verbindung zu bringen, halte ich in zwei Fällen für legitim. Für An­hänger sadomasochistischer Praktiken – werʼs mag, soll sich an sein privates Bettgestell schließen, schrauben oder dübeln, das ist mir völlig egal. Auch ein Märchenschloss mögen sich die Menschen erträumen, jedem das Seine. Aber warum muss der öffentliche Raum für etwas herhalten, was das Gegenteil von Liebe ist? Den anderen symbolisch festketten, den Schlüssel in den Rhein werfen – gehtʼs noch reaktionärer? Wollen wir gleich den Keuschheitsgürtel einführen oder die Scharia?

Es ist kompliziert mit der Liebe, viel zu kompliziert für diese paar Zeilen. Am schönsten sagt es ein französisches Sprichwort: „Die Liebe ist ein Kind der Freiheit.“ Wir dürfen stolz sein in Mitteleuropa, dass sich Mann und Frau als freie Menschen zusammentun, sich ewige Liebe schwören, „bis dass der Tod uns scheidet“. Aber sogar die Kirche, ja, auch die katholische, ist barm­herzig mit denen, die daran scheitern. Die lebenslange Liebe ist das Ideal. Aber wir ­werfen den Schlüssel nicht in den Rhein – ­ wir können gehen, wenn es sein muss. Und gerade deshalb ist die Liebe so großartig: Weil der andere gar nicht an mich gekettet ist, sondern aus freien Stücken bleibt.

Einziger Trost: Nachdem auch der letzte Maschendrahtzaun in den Metropolen dieser Welt mit den Schlössern verziert ist, werden sie irgendwann ­wieder aus der Mode kommen. Der Dom dagegen – der hält schon fast 800 Jahre durch. Der bleibt.

Information

Mehr über die Liebe in Ursula Otts neuem Buch „Was Liebe aushält. Sieben wahre Geschichten“ chrismonshop.de

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Lesermeinungen

Guten Tag Frau Ott,
heute Morgen las ich im aktuellen "Chrismon" Ihre Kolumne zu den Liebesschlössern und stimme Ihnen vollkommen zu. Ja! Das Symbol des Schlosses ist nicht das, was ich mit Liebe verbinde. Whow, was hab ich für aggressive Antworten zu hören bekommen, wenn ich das den Liebes-Schlösser-Fans erzählte.
Liebe ist fragil. Festketten geht nicht.
Der Kölner Dom bleibt :-)
Herzlich
Regine Böttcher (Hamburgerin, 10 Jahre in Köln gelebt!)